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Spur in die Vergangenheit

Lesung aus dem Krimi »Rattenlinie Bariloche«

Ein verschwundener van Gogh, argentinische Lebemänner, Altnazis, der Mossad und eine Berliner Kommissarin. Das alles verarbeitet der Krimi »Rattenlinie Bariloche«.
Der Roman ist eine Gemeinschaftsproduktion von gleich drei Autorinnen – Doris Bewernitz, Julia Christ und Annett Heibel – Mitglieder der »Mörderischen Schwestern«, einer Vereinigung von Kriminalautorinnen. Am 22. September lasen sie daraus in der Helene-Nathan-Bibliothek.

Mörderische Schwestern
mörderische Schwestern. Foto: mr

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Gut gezogen ist halb getrunken

Der Teeladen »Chasinho« ist umgezogen

teeladen
Die duftende Qual der Wahl. Foto: pr

Herbstzeit ist Teezeit. Es gibt nichts Schöneres, wenn es draußen stürmt und regnet, als einen heißen Tee zu trinken. Garantiert das Richtige findet der Teegenießer im »Chasinho« in der Lenaustraße 25. In dem freundlich eingerichteten Geschäft mit Teestube suchen die Kunden gerne nach dem passenden Tee und genießen die angenehme Atmosphäre. Gut gezogen ist halb getrunken weiterlesen

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

NK_Tagblatt-KopfNr. 237 – Freitag,  09. Oktober 1914
Uebergabe des Reuterbrunnens. Am Dienstag, den 13. Oktober, vormittags 11 Uhr, findet auf dem Reuterplatz die Uebergabe des Reuterbrunnens statt. Eine offizielle Feier findet nicht statt. Es werden der Vorstand des Komitees sowie Mitglieder der Gartenbau= und Hochbaudeputation zugegen sein. Neuköllner Alltägliches weiterlesen

Ausgrabungen auf dem Friedhof

Kirchliches Zwangsarbeiterlager wird freigelegt

Nicht nur die großen Firmen wie die Flugzeugwerke auf dem Tempelhofer Feld setzten während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter ein. Auch die Berliner Evangelischen Kirchengemeinden betrieben von April 1942 bis zum Kriegsende auf dem hinteren Teil des Kirchhofs der Jerusalemsgemeinde in der Neuköllner Hermannstraße 84 ein Zwangsarbeiterlager.

zwangsarbeiterHistorische Steine in Neukölln.                               Foto: mr

Lange war das »Friedhofslager« unter Schutt und Abfall begraben. Anfang August haben Jugendliche eines internationalen Workcamps gemeinsam mit Berliner Jugendlichen unter der Leitung des Archäologenteams vom »Archäologiebüro ABD-Dressler Archäologie/ Baubegleitung/ Denkmalpflege« Reste dieses Lagers ausgegraben. Zum Vorschein kamen Fundamente der Wohnbaracke und ein erstaunlich großer und gut erhaltener Kartoffelkeller, aber auch Relikte, die Hinweise auf das Alltagsleben in der Baracke geben. So wurden Reste von Schuhsohlen gefunden, die aus alten Autoreifen zurechtgeschnitten waren.
Über 100 »Ostarbeiter«, die meisten Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren aus dem Gebiet der heutigen Ukraine, mussten hier ein armseliges Leben fristen. Die Verpflegung war karg, die Arbeit hart. Eingesetzt wurden sie auf Friedhöfen im gesamten Stadtgebiet und mussten dort Gräber ausheben für die vielen Toten der Bombennächte. Nur mit einem Spaten ausgerüs-tet, war das körperliche Schwerstarbeit, besonders im Winter, wenn der Boden gefroren war. Der monatliche Lohn für diese Knochenarbeit betrug nach Abzug der Kosten für Unterkunft und Verpflegung 20 bis 40 Reichsmark. Deutsche Arbeiter bekamen das Drei- bis Vierfache.
Langfristig möchte die Kirche auf diesem Gelände eine Gedenkstätte einrichten. Derzeit gibt es auf dem auf der anderen Straßenseite liegenden Thomasfriedhof einen Informationspavillon. Schautafeln, die auch von außen zu sehen sind, erzählen hier die Geschichten von zehn jungen Männern, die im Neuköllner Friedhofslager gelebt haben. Ihre Berichte geben Einblick in den Alltag der Zwangsarbeiter. Besonders anrührend ist das Tagebuch des achtzehnjährigen Wasyl Kudrenko, in dem er ab Anfang 1944 fast jeden Tag festhielt.
Während der Öffnungszeiten des Pavillons sind Ehrenamtliche der »AG NS-Zwangsarbeit« anwesend, die jedem Besucher sehr freundlich und kompetent Auskunft geben. Auch Schülergruppen sind hier zu Gesprächen und Führungen herzlich willkommen. 

mr
Der Pavillon ist von April bis Oktober jeweils mittwochs und samstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. RempeNK_Tagblatt-Kopf

Nr. 206 – Donnerstag, 03. September 1914
Um bei der durch den Kriegszustand herbeigeführten Verteuerung einer Anzahl von Lebensmitteln der Bevölkerung ein nahrhaftes, wohlschmeckendes, gut bekömmliches und billiges Brot zu verschaffen, hat Herr Polizeipräsident Becherer mit der hiesigen Bäckerinnung vereinbart, daß vorläufig eine Anzahl Bäckermeister Neuköllner Alltägliches weiterlesen

Nein zu Luxussanierung

Mieter fordern Milieuschutz

Immer mehr Häuser werden teuer modernisiert und die Wohnungen einzeln verkauft. Viele Mieter können sich die Wohnung dann oftmals nicht mehr leisten und sind gezwungen umzuziehen.
Das Neuköllner »Bündnis für bezahlbare Mieten« ruft daher das Bezirks-amt zur Einrichtung von Milieuschutzgebieten auf mit dem Ziel einer Mietenbremse. So lassen sich Luxusmodernisierung und das Zusammenlegen von kleinen Wohnungen unterbinden. Um Häuser der Spekulation zu entziehen, hätte der Bezirk ein Vorkaufsrecht. Tritt zusätzlich die Umwandlungsverordnung in Kraft, könnten damit weitere Umwandlungen verhindert werden. Mindestens die nördlichen sechs Quartiersmanage­mentgebiete innerhalb des S-Bahn-Ringes sollten diesen Schutzstatus bekommen, um die soziale Mischung im Kiez zu erhalten.
Um dem Nachdruck zu verleihen, ruft das Bündnis Mieter auf, Einwohneranträge im Rathaus zu stellen. Ein Einwohnerantrag muss von mindestens 1.000 Leuten unterstützt werden. Unterschreiben kann jede Person, die in Neukölln gemeldet und mindestens 16 Jahre alt ist. Unabhängig von der Staatsbürgerschaft! Unterschriftenbögen gibt es unter www.mietenbuendnis.de.
Ein weiteres Problem sieht das Bündnis beim Wohnungsneubau. Nachdem die Gebäude der Frauenklinik am Mariendorfer Weg jahrelang vor sich hin rotteten, sollen demnächst hier und auf dem benachbarten Friedhof rund 1.000 hochpreisige Eigentumswohnungen entstehen.
Das Bündnis fordert eine öffentliche Diskussion um eine soziale Nutzung des Gebäudekomplexes. Denkbar wäre zum Beispiel ein städtebaulicher Vertrag, der einen Anteil Sozialwohnungen garantiert.

Marlis Fuhrmann/mr

Umgeleitete Radler

Verkehrsentwicklungen in der Karl-Marx-Straße

Die ohnehin schon stau­geplagte Karl-Marx-Straße ist zur Einbahnstraße geworden. Die Fahrbahn in Richtung Britz ist zwischen der Werbellin- und der Schierker Straße gesperrt und zwar für die nächsten 80 Wochen. Grund ist die zweite Ausbauphase, bei der die Fahrbahn auf eine Spur pro Richtung zurückgebaut wird. Dafür gibt es dann in Zukunft breitere Gehwege und einen Radweg auf beiden Seiten. Grund für die lange Dauer der Bauarbeiten ist die gleichzeitige Sanierung der Tunneldecke der U7. Die stammt noch aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und bedarf dringend einer Verjüngungskur.
Autofahrer müssen während dieser Zeit über die Sonnenalle oder die Hermannstraße ausweichen.

umleitungWird oft übersehen.        Foto: mr

Aber auch Radfahrer müssen Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. In Richtung Hermannplatz ist in großen Teilen der Baustelle ein Radstreifen auf der Fahrbahn angelegt. Wo kein Radstreifen vorhanden ist, »sollte der Radfahrer einen Mindestabstand zur Bürgersteigkante von einem Meter einhalten, um den Autofahrer nicht zum knappen Überholen einzuladen« empfiehlt der »ADFC«.
In Richtung Süden endet der Radstreifen dagegen abrupt in Höhe des Herrnhuter Wegs. Wer Richtung S-und U-Bahnhof Neukölln will, ist gezwungen, das Rad bis zur Jonasstraße über den Bürgersteig zu schieben. Der »ADFC« schlägt vor, »hier den Radfahrern in Richtung Richardplatz die Einfahrt in die Uthmannstraße zu ermöglichen. Dieses wäre durch die Streichung von zwei Autoparkplätzen links der Baustelle möglich«. Wer sich auskennt, kann natürlich schon frühzeitig auf die Donau- und Richardstraße ausweichen. Eine weitere Umleitungsstrecke ist über Saltykowstraße, Bornsdorfer Straße, Mittelweg und Thomasstraße ausgeschildert.
Die Stadtteilgruppe Neukölln des »ADFC« Berlin begrüßt, »dass bei dieser Baustelle auch an Radfahrer gedacht wurde. Auf die Umleitung wird frühzeitig und korrekt hingewiesen und auch die Umleitung selbst ist korrekt ausgeschildert. Leider führt sie größtenteils über Straßen mit Kopfsteinpflaster«.

mr

Fahrradfahrer mit Schlägern

Bikepolo-Turnier auf dem Tempelhofer Feld

Bei Polo denken viele sicher an Pferde, Geld und High Society. Aber statt auf Pferden wurde auf dem Tempelhofer Feld auf Fahrrädern gespielt – Bikepolo. Vom 1. bis 3. August fand hier ein internationales Turnier statt, bei dem etwa 40 Teams aus der ganzen Welt gegeneinander antraten.
Auf zwei Spielfeldern wurde den Zuschauern rasantes und elegantes Spiel geboten. Es war faszinierend, die Spieler auf den Rädern zu be­obachten, die Perfektion, mit der sie ihr Sportgerät beherrschten und die akrobatischen Tricks, die sie mit den Rädern vollführten.

bikepoloPolo mit Drahteseln.                                         Foto: mr

Jeweils drei Spieler einer Mannschaft versuchen bei diesem Spiel, auf dem Fahrrad sitzend einen kleinen Ball mit Poloschlägern ins gegnerische Tor zu befördern. Ein Spiel geht zehn Minuten oder bis fünf Tore gefallen sind. Wer den Boden mit dem Fuß berührt, ist aus dem Spiel und muss entweder einen Kreis fahren oder einen festgelegten Punkt auf dem Spielfeld mit dem Schläger berühren, bevor er wieder einsteigen darf. Ge­spielt wird auf einem etwa tennisplatzgroßen, von einer Bande begrenzten Spielfeld.
Bikepolo ist keine neue Sportart, sondern entstand bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Irland. 1908 war es sogar olympische Disziplin.
Wieder entdeckt wurde es Anfang der 2000er von Fahrradkurieren in Seattle, die sich so die Zeit in den Pausen vertreiben wollten. Der Sport breitete sich zunächst in den großen Städten der USA aus, wird inzwischen aber auch in Europa zunehmend populärer.
Auch wenn die Zahl der Aktiven rasant wächst, hat sich Bikepolo bislang den Status einer Szene-Sportart erhalten können, bei der der Spaß am Spiel, Geselligkeit und Freundschaft im Vordergrund stehen. Daher kommt diese Sportart bisher auch noch ohne feste Organisationsstruktur aus. Weltmeisterschaften und Turniere werden gemeinsam von den Spielern ausgerichtet. Da sowohl Aktive als auch Zuschauer vom Turnier auf dem Tempelhofer Feld begeistert waren, hoffen die Berliner Organisatoren, es auch im nächsten Jahr wieder am gleichen Ort ausrichten zu können.

mr
www.berlin-bikepolo.de

Ein Haus wird verhökert

Immobilienhandel im Jahre 2014

Früher redeten die Bewohner der Emser Straße über Messerstechereien, Schießereien, Überfälle und über die arbeitende Bevölkerung im horizontalen Gewerbe. Das gibt es zwar alles noch, aber nicht mehr so viel wie früher. Das neue, heute beherrschende Thema vor den Cafés und Tabakläden ist: was tun, wenn das Haus, in dem Sie eine Wohnung gemietet haben, verkauft wird? Da werden dann Tipps gegeben, der Betroffene erntet einen mitleidigen Blick, der sagen will: »Schon wieder ein Haus, den hat’s also auch erwischt.«
So auch das Haus in der Emser Straße 46. Die Familie Aust wohnt hier seit 19 Jahren. Zuerst hatte Jochen Aust eine Wohnung. Als die Familie wuchs und das Einkommen es zuließ, mietete er die freigewordene benachbarte Wohnung mit Außenklo hinzu, machte einen Durchbruch und hatte nach vielen Renovierungsarbeiten eine repräsentative Behausung. Das alles war mit dem Hauseigentümer Günter Klausch abgesprochen, der zwar schon in die Jahre gekommen war, aber wusste, was er tat. »Wenn Sie nicht selbst kündigen, werden Sie so lange in der Wohnung wohnen, bis Sie mit den Füßen zuerst herausgetragen werden«, versprach der Vermieter.
Es kam, wie es kommen musste. Der Vermieter starb, seine Tochter erbte das Haus. Da ihr Interesse an dem Haus nicht besonders ausgeprägt war, übergab sie alles der Hausverwaltung Köbe. Roland Köbe ist nicht nur Hausverwalter, sondern auch Steuerberater und Immobilienmakler. Seither wurden keine leer stehenden Wohnungen neu vermietet.

klauschGünter Klausch rotiert.                           Foto: fh

Vier Jahre später gelang es dem kühl kalkulierenden Geschäftsmann, die Hauseigentümerin vom Hausverkauf zu überzeugen. Käufer ist eine Firma namens »SHG«. Genaues weiß keiner über die Firma, die »Berliner Mietergemeinschaft« vermutet aber, dass sich dahinter das Unternehmen »Stonehedge« verbirgt, das durch sein aggressives Verhalten beim Verkauf von Immobilien auffällt.
Nachdem Architekten die Austsche Wohnung vermessen wollten, konnte Tatjana Aust auf dem Grundriss den Vermerk »Abgeschlossenheitsbescheinigung« erkennen. Das wunderte die Familie, denn die sei bei Wohnungen mit Außenklo nicht möglich. Ohne diese Bescheinigung wiederum ist der Verkauf einer Wohnung nicht möglich. Das gibt ihnen Anlass zur Hoffnung, aber die Angst vor Schikanen bleibt.
Etwas Neues muss sich in diesem Haus der Fliesenleger einfallen lassen, der seine Fliesen im Schuppen im Hof lagert, denn der wird bald abgerissen.
Familie Aust besucht nun regelmäßig den »St. Jacobi II Friedhof«, auf dem Günter Klausch seine letzte Ruhe fand. Dort schüttet sie ihr Herz aus. Wenn er die Entwicklung in seinem Haus mitbekäme, er würde sich im Grab umdrehen. 

ro

Gold und Nüsse für die Gropiusstadt

Ein glänzender Einfall für einen grauen Platz

Der Lipschitzplatz in der Gropiusstadt wird vergoldet. Nicht der ganze, nur ein kleiner Teil im Eingangsbereich. Es ist natürlich auch kein Blattgold, was hier verarbeitet wird, sondern golden glänzende hauchdünne Metallblättchen aus einer Kupfer-Zink-Legierung, die in mühseliger Handarbeit auf den Boden aufgebracht wurden. Die Idee dazu hatten Studierende der TU-Fachgebiete Städtebau und Urbanisierung sowie Bildende Kunst, die sich mit der Gestaltung der Freiflächen der Gropiusstadt auseinandergesetzt haben.
In der Gropiusstadt gibt es viele Freiflächen zwischen den Hochhäusern, die aber von den Bewohnern selten als Aufenthaltsorte wahrgenommen, sondern eher als Durchgangszonen genutzt werden. Und daran möchten die Studenten etwas ändern. Unterstützung erhalten sie dabei vom interkulturellen Treffpunkt und vom »Gemeinschaftshaus Gropiusstadt«.

goldverlegenGoldene Zeiten am Lipschitzplatz.                                                    Foto: mr

Die Studenten erhoffen sich von dieser Aktion, einen zuvor kaum wahrgenommenen Platz zu beleben, im besten Fall zu bewohnen. Der Platz soll nicht umgangen, sondern benutzt werden als Ort der Begegnung. Er soll Gebrauchsspuren aufweisen und sich verändern. Die Kunstaktion soll aber keineswegs nur eine Performance der Studenten sein. Vielmehr waren alle Anwohner eingeladen, sich an der Aktion zu beteiligen, und »ihr eigenes Stück Gold zu verlegen«. Ein paar Nachbarn kamen dann auch tatsächlich und halfen mit. Andere Passanten gingen eher kopfschüttelnd vorbei. Einige Male seien sie sogar als Steuergeldverschwender beschimpft worden, berichtete einer der Teilnehmer. Ein ungerechtfertigter Vorwurf, denn das Material und die Absperrungen werden von Firmen gesponsert, die Arbeitszeit leisten die Studenten unentgeltlich.
Auch die daneben liegende Grünfläche wird umgestaltet. Am 8. September werden dort ein Walnuss-, ein Haselnuss- und ein Mandelbaum gepflanzt. Unter den drei Bäumen werden Sitzgelegenheiten aufgestellt, die in ihrer Form den jeweiligen Nüssen entsprechen. mr

Keine Zäune für Bodenbrüter

BVV beratschlagt über Coffeeshops und Bespaßungsflächen

Einen mobilen Coffeeshop wird es in Neukölln nicht geben. Das erklärte Gesundheitsstadtrat Falko Liecke in der letzten Bezirksverordnetenversammlung (BVV) vor der Sommerpause am 9. Juli auf eine große Anfrage der SPD. Hintergrund der Frage war eine ziemlich absurde PR-Aktion des Hanfaktivisten Oliver Becker, der angekündigt hatte, im Görlitzer Park einen mobilen Coffeeshop eröffnen zu wollen.
Da es sich bei Cannabis um eine illegale Droge handele, sei schon deshalb der Betrieb von Coffeeshops, egal in welcher Form, abzulehnen. »Mit der Erlaubnis von Coffeeshops wird suchtpolitisch und suchtpräventiv Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein falsches Zeichen gesetzt«, sagte Liecke. Keine Zäune für Bodenbrüter weiterlesen

Islamische Gemeinden unter Beobachtung

Podiumsdiskussion in der »Şehitlik Moschee«

Ramadan, die Zeit des Fastens und nächtlichen Feierns, ist für viele Muslime der wichtigste Monat im Jahr. Das Kulturfest »Die Nächte des Ramadan« bietet dazu in Berlin den passenden kulturellen Rahmen.
In der »Şehitlik Moschee« wurde aus diesem Anlass am 16. Juli der Film »Ummah – Unter Freunden« gezeigt. Darin geht es um die Geschichte eines verdeckten Ermittlers des Verfassungsschutzes, der nach einem missglückten Einsatz gegen Rechtsterroristen ausgerechnet in Neukölln untertaucht. Dort trifft er auf Abbas und dessen Kumpel Jamal, und nach ein paar kleineren Missverständnissen und größeren Vorurteilen entwickelt sich bald eine wunderbare Freundschaft. Doch der Verfassungsschutz hat andere Pläne.
Der Film zeigt ziemlich holzschnittartig, wer hier zu den Guten und wer zu den Bösen gehört, Zwischentöne gibt es wenig. Nichtmuslime gibt es nur als Angehörige von Polizei und Verfassungsschutz, die entsprechend unsympathisch skizziert werden.

MoscheeMoscheegespräche im Ramadan.                                 Foto: mr

Im Anschluss an den Film gab es ein Podiumsgespräch zum Thema »Islamische Gemeinden – Zwischen Zusammenarbeit und Verdächtigung«.
Werner Schiffauer, Professor für Kulturanthropologie an der »Europa-Universität Viadrina« in Frankfurt (Oder), kritisierte, dass der Verfassungsschutz nicht die Entwicklungen in den muslimischen Gemeinden zur Kenntnis nehme. Es gebe kaum Gruppen, die tatsächlich die Demokratie abschaffen wollen. Bewegungen, wie die »Millî Görüş« zu beobachten, sei kontraproduktiv für die Präventionsarbeit, weil hier potenzielle Kooperationspartner unter Generalverdacht gestellt würden. »Ich halte den Verfassungsschutz für eine überflüssige Behörde«, erklärte er.
Demgegenüber bekannte sich Guido Steinberg von der »Stiftung Wissenschaft und Politik« als Fan starker Nachrichtendienste, gerade weil das gewalttätige Spektrum größer werde. So gebe es neben den etwa 10.000 Nazis und einer gewaltbereiten linksradikalen Szene inzwischen rund 1.000 Dschihadis. Besonders die, die aus dem Syrienkrieg zurückkehren, dürften nicht aus den Augen gelassen werden. Das Versagen des Verfassungsschutzes in Sachen »NSU« sollte nicht zu einer Einschränkung der Dienste führen, sondern dazu, sie effektiver zu machen. »Der Verfassungsschutz sollte bei den Briten in die Lehre gehen«, schlug er vor. Im Übrigen müsse ein größeres Augenmerk auf die Präventionsarbeit gelegt werden, um zu verhindern, dass Jugendliche überhaupt erst radikalisiert werden.
Dazu erklärte Ender Cetin, Vorsitzender des Moscheevereins »DITIB-Şehitlik«, dass die Moscheevereine schon seit vielen Jahren Präventionsarbeit betrieben, aber nie so richtig ernst genommen wurden. Staatlicherseits gebe es so gut wie keine Unterstützung für ihre Projekte. Dabei lege gerade der Verein der »Şehitlik Moschee« großen Wert darauf, sich nach außen zu öffnen, um gegenseitiges Verständnis zwischen Mehrheitsgesellschaft und den islamischen Gemeinden zu erreichen. »Auch wenn uns nicht alles gefällt, wir leben hier und es ist unser Land«, erklärte er. Dass es einige Moscheen gibt, in denen Hass auf die westliche Gesellschaft gepredigt wird, sieht auch Cetin als Problem. Imam sei aber kein geschützter Begriff, jeder könne sich hinstellen und predigen. Häufig kommen die Prediger allerdings aus der Türkei, sprechen kaum Deutsch und bringen keinerlei Verständnis für die hiesigen Verhältnisse mit. Er fordert deshalb, dass mehr Theologen in Deutschland ausgebildet werden. 

mr

 

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

NK_Tagblatt-KopfNr. 182 – Donnerstag, 06. August 1914
Feldpostbriefe. Bei sämtlichen Postanstalten und den amtlichen Verkaufstellen für Postwertzeichen werden Formulare zu Feldpostkarten und Briefumschläge zu Feldpostbriefen die für den Gebrauch zu Mitteilungen an die mobilen Truppen bestimmt und zu dem Zwecke auf der Vorderseite mit entsprechendem Vordrucke versehen sind, zum Verkauf an das Publikum bereitgehalten. Die Briefumschläge können sowohl zu gewöhnlichen, als auch zu Geldbriefen benutzt werden. Der Verkaufspreis für die Neuköllner Alltägliches weiterlesen

Endlose Weiten fürs Kiten

Kiteschule bietet Sommerkurse an

Über die Rollbahn preschen während der Wind den Drachen knattern lässt, das Tempelhofer Feld mit seiner riesigen Fläche ist längst zu einem Eldorado für Kiter geworden.
Aber auch Anfänger können hier jetzt unter fachkundiger Anleitung lernen, wie das Fliegen und die spektakulären Sprünge gelingen. Seit Anfang Juli hat sich Alex Nuskovski mit seiner Kiteschule hier niedergelassen. Sein gelber Bauwagen, der gleichzeitig Büro und Lager für die Ausrüstung ist, steht am Eingang Herrfurthstraße. Alex ist lizensierter Kitesurf-Instructor des VDWS (Verband Deutscher Windsurfing und Wassersportschulen). Bisher hat er seine Kurse immer an der Ostsee oder im Winter in Tschechien durchgeführt. Aber das Feld fasziniert ihn, und nachdem der Volksentscheid für klare Verhältnisse gesorgt hat, möchte er zukünftig zumindest einen Teil seiner Kurse dort abhalten.

 

kite1Abheben auf dem Tempelhofer Feld.   Foto: pr

Zum Einstieg bekommt der Schüler eine theoretische Einführung. Anhand eines kleinen Modells erklärt Alex, wie der Wind auf den Drachen (engl. Kite) einwirkt. Dnach erklärt er, wie der Kite aufgebaut und startklar gemacht wird. Dazu gibt es Sicherheitshinweise und Verhaltensregeln, damit sich Kiter und andere Nutzer des Feldes wie Surfer, Fahrradfahrer und Fußgänger nicht in die Quere kommen.
Anschließend wird geübt, wie der Drachen kontrolliert und gesteuert wird. Erst dann darf der Schüler aufs Board und lernt zu starten, die ersten kleinen Sprünge zu vollführen und die sichere Landung.
Kiter sind auf dem Feld üblicherweise mit rund 20 Kilometern pro Stunde unterwegs. Geübte Fahrer können aber durchaus auch schneller werden. Ein erboster Radfahrer habe mal seine Geschwindigkeit mit der Laserpistole gemessen, erzählt einer. Es waren 72 Kilometer pro Stunde.
Alex Nuskovski bietet unterschiedliche Kurse vom eintägigen Schnupperkurs bis zum dreitägigen Intensivkurs an. Erst einmal bleibt er bis Ende August auf dem Feld. Wenn es gut läuft überlegt er, im Winter wiederzukommen und dann Kurse im Snowkiten anzubieten. Vorausgesetzt es liegt genügend Schnee. 

mr
www.KiteFlow.de

Buschkowsky darf die Wähler beleidigen

BVV sieht Schimpftirade als freie Meinungsäußerung

Auch ein Bezirksbürgermeister hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Und er darf das Wahlvolk beschimpfen. Das erklärte die Bezirksverordnetenversammlung in ihrer Sitzung am 4. Juni.
Die Fraktionen von Grünen, Linken und Piraten forderten von Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky eine öffentliche Entschuldigung, weil er in seiner Bildzeitungskolumne als Reaktion auf den Volksentscheid zum Tempelhofer Feld geschrieben hatte: »Die menschliche Dummheit ist unendlich.« Den Befürwortern des THF-Gesetzes warf er »dreiste Volksverdummung« vor.
Mit den Stimmen von SPD und CDU wurde die Forderung zurückgewiesen.
Von den Piraten kam ein neuerlicher Vorstoß, die Transparenz der politischen Debatten in der BVV zu verbessern. Sie beantragten, die Tonaufzeichnungen der BVV-Sitzungen, die bereits seit Jahren erstellt werden, in Zukunft auch über die Homepage der BVV der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bisher muss sich jeder interessierte Bürger an das BVV-Büro wenden und kann sich die Dateien dann per E-Mail zuschicken lassen.
Üblicherweise werden derartige Anträge zuerst im nicht öffentlich tagenden Geschäftsordnungsausschuss behandelt, bevor sie der BVV vorgelegt werden. Steffen Burger (Piraten) erklärte in der Begründung seines Antrages, er halte es für falsch, ausgerechnet über Transparenz hinter verschlossenen Türen zu diskutieren. Deshalb habe er den direkten Weg in die BVV gewählt.
Das sah die SPD aber anders. Ihr Fraktionsvorsitzender Lars Oeverdiek erklärte, diese Debatte gehöre in den Geschäftsordnungsausschuss. Das sei der übliche Ablauf. Daher wurde der Antrag von SPD und CDU gegen die Stimmen der Piraten, Grünen und Linken abgelehnt.
Erfreuliches hatte der Stadtrat für Jugend und Gesundheit Falko Liecke zum Problem der Jugendkriminalität in Neukölln zu berichten. Auf eine Große Anfrage der CDU erklärte er, dass sich die Zahl der Rohheitsdelikte seit 2008 von 913 auf 495 fast halbiert habe. Das bedeute aber nicht, dass es keinen Handlungsbedarf mehr gäbe. »Kinder und Jugendliche, die Straftaten begehen, brauchen sofort Aufmerksamkeit und vor allem Konsequenzen«, erklärte er. Um frühzeitig kriminellen Karrieren vorzubeugen, müssten Maßnahmen von Polizei, Justiz, Sozialarbeit und anderen beteiligten Stellen eng aufeinander abgestimmt werden.
Er wolle sich dafür einsetzen, dass die in der Polizeidirektion 5 als Modellprojekt eingeführte »Täterorientierte Intervention« (TOI) in den Regelbetrieb aufgenommen werde. Dabei werden Gefährdungslagen von Kindern und Jugendlichen umfassend analysiert. Dann werden im Beisein der Eltern oder Bezugspersonen »normverdeutlichende« Ansprachen mit den Kindern und Jugendlichen geführt. Die TOI – Berichte werden an das Jugendamt und die Jugendgerichtshilfe weitergegeben, um Anhaltspunkte für die Beratungen und Hilfen zu geben. 

mr

Die Zukunft der Vergangenheit

Die NS-Geschichte des Flughafens soll ins Bewusstsein gerückt werden

Der Flughafen Tempelhof und das Tempelhofer Feld sind untrennbar mit der Luftbrücke und seiner späteren Funktion als Tor zur Freiheit verbunden. Vergessen wird dabei häufig, dass die Geschichte dieses Ortes maßgeblich von seiner nationalsozialistischen Vergangenheit bestimmt wird.
Um daran zu erinnern, enthüllte der Förderverein «THF 33-45» am 22. Juni an der Eingangshalle des Flughafens eine Gedenktafel, die an KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter während der Zeit des Nationalsozialismus erinnern soll.
Der Flughafen ist zusammen mit dem Flugfeld ein Ort von Opfern und Tätern des NS-Regimes. Tempelhof war zur Zeit des Nationalsozialismus ein Zentrum der Rüstungsindustrie. Hier baute die »Weserflug GmbH« Stukas in Serie.
Auf dem Flugfeld befand sich eines der größten Barackenlager im Deutschen Reich. Hinter Stacheldraht lebten hier Tausende von Zwangsarbeitern, vorwiegend aus Osteuropa, die in den Flugzeugwerken die Flugzeuge zusammenbauen oder reparieren mussten, die dann ihre Heimatländer bombadierten.
Vor dem neuen Flughafen befand sich bis 1934 das SS-Gefängnis Columbiahaus und bis 1936 das KZ Columbia.

gedenktafel
Um diese Geschichte wieder stärker in den Vordergrund zu rücken, fordert der Förderverein «THF 33-45» die Errichtung einer Forschungs-, Bildungs,- Begegnungs- und Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens, die sich am Nationalsozialismus orientiert, nicht an der Luftbrücke oder den Alliierten. Auch den Begriff »Tempelhofer Freiheit«, den die »Tempelhof Projekt GmbH« erfunden hat, um das Gelände zu vermarkten, lehnt der Verein ab. Dieser Name verharmlose die Verbrechen, die an diesem Ort geschehen sind, sagte die Historikerin Beate Winzer. Das Tempelhofer Feld sei während der Herrschaft der Nationalsozialisten für Zehntausende von Menschen ein Ort der Unfreiheit gewesen.
Der Volksentscheid habe alle Planungen für die Zukunft des Tempelhofer Feldes wieder auf Anfang gestellt, erklärte sie weiter. Daher müsse jetzt noch einmal ganz neu nachgedacht werden, wie ein würdiges Gedenken an die Menschen aussehen könnte, die hier gelitten haben. Die Gedenktafel sei nur ein Anfang, ein Provisorium.

mr

Ein Netz, das Internetschnüfflern das Leben schwer macht

Freifunk-Netz als Alternative zum kommerziellen Internet

Ein dezentrales Internet, kostenlos und anonym, als Alternative zu den Internetangeboten großer Provider wie der Telekom, das ist die Idee, die hinter der Freifunk Initiative steht.
Seit mehreren Jahren bringen WLAN-Router drahtlose Internetverbindungen in die Wohnungen. »Da kam dann ganz schnell die Idee«, erzählt Sven-Ola Tücke, einer der Initiatoren der Berliner Freifunk-Initiative, »da können wir doch fünf Nachbarn hintereinander schalten, und dann kann man über mehrere Verbindungen Daten austauschen und übertragen. Der technische Begriff dafür heißt Meshnetzwerk, wie Maschendrahtzaun.« Jeder Nutzer im Freifunk-Netz stellt dafür seinen WLAN-Router, der dafür mit einer speziellen Freifunk Firmware ausgerüstet wird, für den Datentransfer der anderen Teilnehmer zur Verfügung. Jeder Freifunk-Router ist damit (mittelbar oder unmittelbar) mit allen anderen Freifunk-Routern verbunden.
Damit die Verbindung zwischen den Knotenpunkten nicht abbricht, brauchen sie Sichtkontakt. Je höher der Standort, umso besser, weil dann weniger Häuser oder Bäume die Signale blockieren können. So ist es möglich, innerhalb der Stadt auch über größere Entfernungen drahtlos untereinander zu kommunizieren. Seit dem Frühjahr ist der Turm des Neuköllner Rathauses ein Knotenpunkt im stadtweiten Meshnetzwerk, zu dem auch das Rathaus Kreuzberg sowie mehrere Kirchen gehören. Der Standortgeber stellt den Strom für die Freifunk-Hardware zur Verfügung. Die Kosten für Baumaßnahmen und Router konnten aus Mitteln einer Förderung der Medienanstalt Berlin Brandenburg (mabb) gedeckt werden. Installation und Wartung der Technik übernehmen ehrenamtlich die Mitglieder der Berliner Freifunk-Initiative.
Das eigentliche stadtweite Netz sollen dann Privatpersonen oder auch Kneipenbesitzer aufbauen, die ihre WLAN-Router zur Verfügung stellen. Je engmaschiger das Netz wird, desto besser wird der Empfang im Stadtgebiet.

freifunk

Freifunk. Richtfunkstrecken verbinden Router, über die dann frei Internetzugriff möglich ist.    Foto: pr

Viele Freifunker stellen auch ihren Internetzugang zur Verfügung. Wer dann ein solches Signal findet, braucht kein Kennwort für den Zugang zum Internet. »Unser Netz ist für alle, man kann da jederzeit zugreifen und die Dinge nutzen, die dort angeboten werden. Deshalb heißt das ganze Freifunk«, erklärt Tücke.
Allerdings gilt in Deutschland das Prinzip der Störerhaftung. Wer sein WLAN jedem öffnet, ist für alle Aktivitäten verantwortlich, die darüber ablaufen. Aber auch für dieses Problem haben die Freifunker eine Lösung gefunden. Die Störerhaftung wird über ein Virtual Private Network (VPN) umgangen. Der Verein betreibt einen VPN-Server, der seine IP-Adresse an den Datenverkehr anklebt. Der Nutzer kann so nicht mehr identifiziert werden.
Im Prinzip könnte man auch das Freifunknetz abhören, die Funkverbindung zwischen dem Laptop/Smartphone und dem ersten Freifunk Router ist ungeschützt, unverschlüsselt und damit dann auch abhörgefährdet. Ab dem ersten Freifunk-Router ist aber diese Verbindung per VPN gegen Abhören abgesichert. Allerdings sind die Freifunknetze klein und lokal. Jeder Schnüffler müsste sich also vor Ort begeben und ein Gerät aufstellen, ein ziemlich aufwändiges Unterfangen. Und anders als große Provider wie die Telekom sammeln die Router des Freifunks auch keine Kundendaten.

mr

Wer sich an der Verwirklichung eines stadtweiten freien Netzes beteiligen möchte, findet weitere Informationen auf der Website http://freifunk.berlin/participate/overview/.

Kommissar Breschnows erster Fall

Neukölln als Tatort für einen Krimi

Eigentlich wollte siCover_Tode nur ein Buch für sich und ihre Freunde schreiben. Aber dann traute sie sich doch und suchte einen Verlag. Am 18 Juni stellte Connie Roters nun ihr erstes Buch »Tod in der Hasenheide« in der Buchhandlung »Die gute Seite« am Richardplatz vor.
Die Journalistin Cosma Anderson stolpert beim Joggen in der Hasenheide über eine Leiche. Als die Polizei in ihrer Küche dann auch noch die Tatwaffe entdeckt, wird aus der Zeugin schnell eine Verdächtige.
Kommissar Breschnows erster Fall weiterlesen

Das Volk hat sich entschieden

suedblockJubel für das Tempelhofer Feld.                                                            Foto: fh

Das Tempelhofer Feld bleibt frei von Bebauung

Die Spannung war mit Händen zu greifen. Eine große Menschenmenge hatte sich am Abend des 25. Mai auf dem Tempelhofer Feld eingefunden, um gemeinsam auf das Ergebnis des Volksentscheids über die Zukunft des Tempelhofer Feldes zu warten.
Zwei Gesetzesvorschläge standen zur Wahl. Die Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld« forderte, dass der Senat den jetzigen Zustand des Geländes erhalten muss und die Fläche weder verkaufen noch bebauen darf.
Der zweite Vorschlag von den Regierungsparteien SPD und CDU sah vor, die Ränder mit Wohnungen, Schulen und Gewerbe zu bebauen. Viele erwarteten eine knappe Entscheidung zwischen den beiden Gesetzen, zumal sich mit dem »Aktionsbündnis Tempelhof für alle« ein breites Bündnis aus Wohnungsbaugesellschaften, Sport- und Sozialverbänden, Kammern, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften mit großem personellen und finanziellen Aufwand für die Bebauung des Feldes engagierte.
Umso größer war der Jubel, als Felix Herzog gegen 21 Uhr die ersten belastbaren Zahlen verkündete. Das Votum der Bürger war eindeutig. Das Feld bleibt unbebaut.
Es wurde gefeiert bis tief in die Nacht. Selbst die Sicherheitskräfte, die nach Einbruch der Dunkelheit die Tore zum Feld geschlossen hatten, zeigten ein Einsehen. Sie ließen die Feiernden weitgehend in Ruhe. Als sich im Laufe des Abends immer mehr Menschen vor dem Tor an der Herrfurthstraße versammelten und aufs Feld wollten, öffneten sie das Tor sogar noch einmal.
Gefeiert wurde auch im »Südblock« in Kreuzberg. Die Bürgerinitiative und befreundete Parteien fielen sich in die Arme, es blieb kein Auge trocken.

Das Gesetz wurde angenommen

Misstrauensvotum gegen die Senatspolitik

Die Entscheidung der Berliner Wähler war eine eindeutige Absage an die Bebauungspläne des Senats. Mit 46,1 Prozent lag die Wahlbeteiligung deutlich höher als beim Volksentscheid über die Rekommunalisierung der Berliner Energieversorgung, der nur 29,1 Prozent der Wahlberechtigten mobilisieren konnte.

thf_für alleTempelhof für alle.                                                                    Foto: mr

Knapp 30 Prozent aller wahlberechtigten Berliner stimmten für den Erhalt des Tempelhofer Feldes und erreichten damit locker das nötige Quorum. Ein Volksgesetz tritt in Kraft, wenn 25 Prozent der Wahlberechtigten dafür stimmen. 64,3 Prozent der abgegebenen Stimmen – das entspricht in absoluten Zahlen 738.124 Wählern – entfielen auf das Gesetz der Bürger-initiative. Der Vorschlag des Abgeordnetenhauses konnte nur etwa 468.431 Stimmen gewinnen; das entspricht 40,8 Prozent.
In Friedrichshain-Kreuz­berg war mit 77 Prozent die Zustimmung zum Gesetz der Initiative am größten, gefolgt von Neukölln. Dort wollen 74,4 Prozent der Wähler ein freies Tempelhofer Feld.

thf2Für viele ein Ort zur Erholung.                                        Foto: mr

In den Diskussionen in den sozialen Netzwerken ebenso wie im Straßenwahlkampf wurde deutlich, dass viele Wähler, die eine Bebauung nicht grundsätzlich ablehnen, trotzdem den Entwurf der Bürgerinitiative unterstützten, weil sie die Planungen des Senats dilettantisch und unausgegoren fanden, die Bürgerbeteiligung für eine Farce hielten und sie den Versprechungen, günstigen Wohnraum zu errichten, keinen Glauben schenkten.
Dieses Misstrauen wurde noch verstärkt durch den eilig zusammengezimmerten Gesetzesentwurf, der keine klaren Aussagen traf und eigentlich nichts weiter war als ein Blankoscheck fürs Bauen nach Belieben.

mr

Die Europäer haben ihr Parlament gewählt

Rechtspopulisten und Euroskeptiker geben zukünftig den Ton an

Europa hat sein Parlament gewählt, und das wird deutlich konservativer und europaskeptischer, aber auch bunter.
Stärkste Kraft wurde die konservative Europäische Volkspartei (EVP) mit Spitzenkandidat Jean-Claude Juncker, gefolgt von den Sozialdemokraten. Aber überall in Europa legten rechts-orientierte und populis­tische Parteien zu, wie der französische Front National oder die britische Unabhängigkeitspartei UKIP, die jeweils stärkste Kraft wurden. In Deutschland gewann die eurokritische AfD aus dem Stand sieben Prozent. Die Abschaffung der Dreiprozenthürde führte dazu, dass auch die Freien Wähler, die Piraten, die NPD, die ÖDP, die Familienpartei, die Tierschutzpartei und die PARTEI erstmals im Europaparlament vertreten sein werden.
Die Wahlbeteiligung steigerte sich in Deutschland im Vergleich zu 2009 von 43,3 auf 47,9 Prozent, europaweit lag sie nur bei 43,09 Prozent.
In Berlin wurde die SPD überraschend mit 25 Prozent stärkste Kraft, gefolgt von der CDU mit 20 Prozent. Im Bund fiel das Ergebnis genau andersherum aus. Die Berliner Grünen landeten bei 19,1 und Die Linke bei 16,2 Prozent. Die AfD konnte auch hier 7,9 Prozent der Wähler von ihrem Programm überzeugen.
Berlin wird damit elf der 96 Abgeordneten stellen, die Deutschland in das Europäische Parlament entsendet. Michael Cramer von den Grünen gehört dazu, ebenso wie Sylvia-Yvonne Kaufmann von der SPD und Joachim Zeller von der CDU.
Auch in Neukölln konnte die SPD Gewinne verzeichnen und wurde mit 23,4 Prozent stärkste Partei. Hier lagen aber die Grünen mit 20,9 Prozent an zweiter Stelle, knapp vor der CDU, die auf 20,8 Prozent kam. Für Die Linke votierten 13,8 Prozent der Wähler.
Die Wahlbeteiligung in Berlin lag bei 46,7 Prozent. 2009 hatten sich nur 37,9 Prozent auf den Weg zur Wahlurne gemacht. 

mr

Neues aus der BVV

Zweckentfremdungsverbotsverordnung

Wie soll das Gesetz über das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum umgesetzt werden? Das war das Thema einer großen Anfrage der SPD in der Bezirksverordnetenversammlung am 7. Mai.
Lediglich 17 Sachbearbeiter stelle der Senat den Bezirken stadtweit für die Überwachung und Durchführung des Verbots bereit, berichtete Baustadtrat Thomas Blesing. Das werde aber mit einiger Sicherheit nicht ausreichend sein. Um diese wenigen Fachkräfte möglichst effizient einzusetzen, schlagen mehrere Bezirke eine so genannte Regionalisierung vor, bei der das Zweckentfremdungsverbot von einer Stelle aus überwacht und koordiniert werden soll. Der Bezirk Mitte hat sich dafür angeboten. Eine Entscheidung darüber sei noch nicht abschließend getroffen, erklärte Blesing. Neukölln habe sich aber im Rat der Bürgermeister dagegen ausgesprochen.
Nach derzeitigen Planungen kann Neukölln vier Mitarbeiter einsetzen, wobei zwei aus dem Wohnungsamt kommen und zwei weitere neu eingestellt werden sollen. Wann sie ihren Dienst antreten können, ist laut Blesing noch unklar. Sicher sei nur, dass die Verträge bis 2015 befris-tet seien. Das wiederum fand Jochen Biedermann (Grüne) reichlich unsinnig. Denn wenn die Leute sich gerade eingearbeitet und ihr Netzwerk im Bezirk aufgebaut haben, sei ihr Dienst bereits wieder abgelaufen.
Im Bezirksamt seien bereits Meldungen zur zweckfremden Nutzung von Wohnraum eingegangen, berichtete Blesing. Eine konkrete Sachbearbeitung erfolge bis auf Weiteres aber nicht. 

mr

Das Stadtbad Neukölln wird 100

Poolparty mit »Ulli und die Grauen Zellen«

Es ist jetzt hundert Jahre her, als eines der Kleinodien Neuköllns seine Pforten öffnete. Am 10. Mai 1914 nahm das Stadtbad Neukölln in der Ganghoferstraße seinen Betrieb auf. »Gut ist das imposante Werk geworden, und mit Recht kann Neukölln auf dasselbe stolz sein«, schrieb damals das »Neuköllner Tageblatt«.
Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky drückte es ähnlich aus, als er das Bad bei der Feier, die die Berliner Bäder Betriebe aus diesem Anlass ausrichteten, als eine der schönsten Stellen Neuköllns bezeichnete. Hier habe er schwimmen gelernt.
Entworfen wurde das Hallenbad von Stadtbaumeister Reinhold Kiehl, der auch verantwortlich war für den Ausbau des Rathauses und den Bau des Neuköllner Krankenhauses.
Antike Thermenanlagen waren die Vorbilder beim Bau des Stadtbads. Es gibt zwei Schwimmbecken, dazu Säulen, Wandelgänge, Glasmosaike, Wandgemälde und Galerien, die von schmiedeeisernen Geländern eingefasst sind. Entstanden ist ein eindrucksvolles Bauwerk ganz nach der Devise: »Das Auge badet mit.«
Dabei hatte das Bad einen ganz profanen Ursprung, wie Buschkowsky in seiner Rede weiter ausführte. Es ging um die Volksgesundheit in einer Zeit, in der es in den Arbeiterwohnungen noch keine Bäder gab. Eine Dusche mit Benutzung eines Handtuchs kostete zehn Pfennig. Die Duschen und Wannenbäder wurden noch bis in die Siebziger-Jahre des letzten Jahrhunderts benutzt.

stadtbadParty zum 100sten des Stadtbades.                                         Foto: mr

An die Bildung wurde ebenfalls gedacht und eine Bibliothek in dem Gebäude untergebracht. Die Technik war hypermodern. Das Wasser wurde erwärmt über eine Fernwärmeleitung, die vom Elektrizitätswerk am Weigandufer herüber führte. Der Wärmeverlust war dabei nicht größer als bei heutigen Leitungen.
Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete eine Poolparty, bei der »Ulli und die Grauen Zellen« mit ihrer fetzigen Musik den Besuchern am und im Becken gehörig einheizten. 

mr

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. RempeNK_Tagblatt-Kopf

Nr. 130 – Sonnabend, 6. Juni 1914
Die Telegraphen= und Fernsprechleitungen sind im vergangenen Jahre mutwilligen Beschädigungen noch zahlreicher ausgesetzt gewesen als früher. In der Regel sind es Schulkinder und junge Leute, auch Fortbildungsschüler, die ohne richtige Erkenntnis der Tragweite ihrer Handlung die Porzellanglocken zur Zielscheibe ihrer Neuköllner Alltägliches weiterlesen

Museum für ein Berliner Kultgetränk

»Mampe Halb und Halb« ist zurück in Neukölln

Neukölln ist um ein zauberhaftes kleines Museum reicher: Das Mampemuseum, das sich bisher mit einer kleinen Ecke einer Kreuzberger Wohnung begnügen musste, hat in einem Raum in der der »Ahoj! Souvenirmanufaktur« eine neue Heimat gefunden. Eröffnet wurde es am 28. Mai.
Mampe, das war der legendäre Berliner Spirituosenhersteller, der bis in die Siebziger-Jahre des letzten Jahrhunderts die Stadt mit Hochprozentigem versorgte. Mampe wurde auf Zeppelin-Flügen serviert und später auch bei der Lufhansa. In einer von »Mampe‘s gute Stuben« am Kudamm schrieb Joseph Roth an seinem »Radetzky-Marsch«. Mehr als 70 verschiedene Sorten gehörten zum Sortiment. Besonders bekannt war der »Mampe Halb und Halb«, ein Bitterlikör.
Diesen Likör trank eines Tages die Pädagogin Karin Erb und war sofort begeistert. Sie fing an, über die Firma zu recherchieren und Devotionalien zu sammeln. Flaschen, Gläser, Kneipenaufsteller in Form von Elefanten, dem Logo der Firma, Plakate, eine Anleitung zum Mixen und Getränkekarten trug sie so zusammen. Das alles ist sorgfältig in Regalen und Vitrinen arrangiert. Ein besonderes Prunkstück der Ausstellung ist ein »Rückbuffet« mit dem Relief eines Elefanten, eines der letzten noch existierenden Requisiten einer Mampe-Stube. Es wurde gerettet, als der Wirt vom »Schmalen Handtuch« am Platz der Luftbrücke seine Kneipe dichtmachte.

 

MampeDas Mampe-Buffet.                                                            Foto: mr

Unterstützung erhält Karin Erb von Tom Inden-Lohmar, Chef einer Werbeagentur, die sich auf Spirituosen spezialisiert hat. Er will »Mampe Halb und Halb« wieder in Berliner Eckkneipen, aber auch in den mondänen Hotelbars und der Kreuzberger und Neuköllner Szenegastronomie heimisch machen.

mr

Mampemuseum, Hertzbergstraße 1. Öffnungszeiten wie die Ahoj! Souvenirmanufaktur nebenan: Do. bis Sa. 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung (dann auch mit Führung). E-Mails an info@mampemuseum.de

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

Nr 107 – Freitag
8. Mai 1914
Durch einen Schlafstellendieb erheblich geschädigt wurde der Arbeiter Franz Riepert, Warthestraße 14. Die Wirtin des R. hatte noch einen zweiten Schlafgänger aufgenommen, einen etwa 25 Jahre alten Mann, der am nächsten Morgen in aller Frühe aufstand. Er ließ sich auch nicht wieder sehen, denn er hatte, wie man später entdeckte, seinem Zimmergenossen R. einen neuen Jackettanzug und 1 Paar Schnürschuhe entwendet. Bisher konnte man des Schlafstellendiebes nicht habhaft werden.

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Das Ende einer kurzen Verbindung

kiehlstegDas war mal der Kiehlsteg.                                                           Foto:fh

Senat ignoriert Bürgerprotest gegen Kiehlstegabriss

Proteste, Demonstrationen und Unterschriftensammlungen haben nichts genützt, der Kiehlsteg ist Geschichte. In der letzten Märzwoche wurde die kleine Brücke über den Neuköllner Schifffahrtskanal, die den Weichselplatz mit dem Kiehlufer verband, abgerissen.
Die Brücke wurde 1962 gebaut, weil die Lohmühlenbrücke mit dem Bau der Mauer  unpassierbar geworden war. Sie sollte den nördlich des Ufers gelegenen Teil Westberlins anbinden und zumindest den Fußgängern den Umweg über die Wildenbruchbrücke ersparen. Der Steg hatte damit eine eng mit der Teilung Berlins verbundene historische Bedeutung.
Besonders für Kinder auf dem Weg zum Spielplatz bot er außerdem eine sichere Alternative zur vielbefahrenen Lohmühlenbrücke.
Inzwischen war der Kiehl­steg aber sanierungsbedürftig, die Kosten einer Instandsetzung sollten sich auf 260.000 Euro belaufen. Das war der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt zu teuer, daher entschied sie sich für den Abriss.
Doch damit waren die Anwohner nicht einverstanden. Was sie besonders erbost, ist die Tatsache, dass sie nicht informiert wurden. Erst als die beauftragte Firma mit Vermessungsarbeiten begann, wurden die Abrisspläne publik.
Umgehend gründete sich eine Bürgerinitiative, die zu Demonstrationen aufrief, Unterschriften sammelte und ein alternatives Sanierungskonzept vorlegte. Ein Gutachten wurde in Auftrag gegeben, weil die BI die Kostenkalkulation des Senats anzweifelt. Das kommt zu dem Ergebnis, dass 25.000 bis 30.000 Euro ausreichend seien, denn die Konstruktion sei längst nicht so marode wie vom Senat behauptet. Der Abriss soll 42.000 Euro kosten.
Doch bei der Senatsverwaltung stießen die Anwohner mit ihren Vorschlägen auf taube Ohren. Auf die Frage der »Berliner Zeitung«, ob versucht worden sei, mit den Anwohnern ins Gespräch zu kommen, lautete die Antwort der Senatssprecherin Petra Rohland: »Wir können den Kollegen nicht zumuten, sich mit den Bürgern auseinanderzusetzen«. 

mr

Parteien positionieren sich zum Tempelhofer. Feld Kiez und Kneipe Neukölln hat hier den Parteien die Möglichkeit eingeräumt, ihre Positionen zu dem bevorstehenden Volksentscheid darzustellen. Es handelt sich hier nicht um die Meinung der Redaktion.

Die Linke

JA zum Tempelhofer Feld für alle. NEIN zur Privatisierung

Am 25. Mai findet der Volksentscheid zum Tempelhofer Feld parallel zu den Europawahlen statt. In den Wahlbüros können alle Wahlberechtigten über zwei Gesetzentwürfe entscheiden. Einen hat die  Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld« verfasst, den anderen der Berliner Senat. Bei beiden kann jeweils mit Ja und mit Nein abgestimmt werden. Damit ein Gesetz gewinnt, braucht es mehr als 625.000 JA-Stimmen und mehr JA als NEIN-Stimmen.
Die Bürgerinitiative will das Tempelhofer Feld als öffentliches Naherholungsgebiet erhalten. Das Feld ist als kostenloses Freizeitgebiet wichtig für die vielen Tausend Anwohner, die wenig Geld haben. Es soll weiter als grüne Lunge für das Stadtklima dienen, und es wird ein Gedenkort nationalsozialistischer Verbrechen entstehen. Entgegen der Behauptung des Senats soll im äußeren Wiesenbereich Raum sein für weitere Bäume, Bänke, Toiletten, Gartenprojekte und Sport- und Spielflächen.
Das Gesetz des Senats erlaubt es, mindestens ein Drittel des Feldes zu verkaufen und bebauen zu lassen. Geplant sind Gewerbe, eine überaus teure Zentralbibliothek und Luxuswohnungen. Dabei gibt es ausreichend erschlossene Bauflächen, die zusammen zehnmal so groß sind wie das Feld. Behutsame Bebauung wird versprochen, obwohl Zehngeschosser im Gespräch sind.
Der Senat verspricht auch preiswerte Wohnungen, aber macht den Investoren gesetzlich keinerlei Vorgaben, sie haben freie Hand für noch mehr Stadtvillen, Lofts und Luxuswohnungen. Nur ein Fünftel der Wohnungen sollen für 6 bis 8 Euro pro Quadratmeter kalt vermietet werden. Das sind keine Sozialwohnungen.
Von der Bebauung profitieren vor allem Immobilienspekulanten. Dem nicht genug: Die hohen Erschließungskosten sollen alle Berlinerinnen und Berliner zahlen. Nach Medienberichten belaufen sich diese Kosten und die vorgesehene Bebauung auf mehr als 600 Millionen Euro. Allein die mit 270 Millionen Euro geplante Landesbibliothek soll um 100 Millionen teurer werden.
Die Senatspläne werden die Mieten weiter hochtreiben statt senken. Die Mieter in Berlin brauchen eine gesetzliche Mietenbremse und bezahlbaren Wohnraum statt weitere Privatisierung öffentlicher Flächen und Wohnungen. DIE LINKE ruft auf, mit JA für die Bürgerinitiative zu stimmen und das Gesetz des Senats mit NEIN abzulehnen.

Lucia Schnell, Sprecherin DIE LINKE.Neukölln

thf

SPD

Wer bezahlbare Mieten will, kann nicht gegen Wohnungsbau sein

KuK ist bisher ausschließlich Sprachrohr der 100%-Tempelhof-Kampagne gewesen. Schön, dass die aktuelle Ausgabe nun auch eine Möglichkeit bietet, Argumente für die Randbebauung des Tempelhofer Feldes zur Diskussion zu stellen.
Das wichtigste: Es geht um Wohnungsbau. Bezahlbare Mieten wird es in Neukölln ohne Wohnungsbau auf Dauer nicht geben. Wir erwarten – konservativ geschätzt – 250.000 mehr Menschen in Berlin bis 2030, davon 20.000 in Neukölln. Mir ist wichtig, dass die Zuziehenden und alle, die schon da sind, menschenwürdig unterkommen und dass die Mieten dabei nicht durch die Decke gehen. Das geht nur mit Wohnungsbau. Mietbremse und Milieuschutz bekämpfen Symptome knappen Wohnraums. Wohnungsbau setzt an der Wurzel an.
In Neukölln brauchen wir bis 2030 ca. 8.000 Wohnungen durch Neubau. Für knapp ein Viertel davon ist der Platz am Rand des Tempelhofer Feldes vorgesehen. Die Hälfte der Wohnungen dort soll von öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften zu Quadratmeterpreisen zwischen 6 und 8,50 Euro vermietet werden. Das schafft ein zusätzliches Angebot auch für Haushalte mit niedrigem Einkommen.
Wer auch in Zukunft in Nord-Neukölln bezahlbaren Wohnraum finden will, darf diesen Wohnungsbau nicht verhindern. Die viel beschworenen Alternativen (Dachgeschoss-Ausbau, Nutzung anderer Freiflächen) reichen bei weitem nicht aus. Außerdem dürfen wir uns nichts vormachen: Wenn das Nimby-Prinzip (»Nicht vor meiner Haustür!«) sich auf dem Tempelhofer Feld durchsetzt, wird es auch andernorts siegen. Wohnungsbau ist eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, die nicht am Egoismus der Kieze scheitern darf.
Die Tempelhof-Initiative argumentiert inzwischen (ziemlich defensiv), auch ihr Gesetz könne später noch vom Abgeordnetenhaus geändert werden. Das stimmt aber nur formal. Ein durch Volksentscheid beschlossenes Gesetz wird die Politik jahrelang nicht anfassen. 100 % Tempelhofer Feld bedeutet deshalb für Berlin 100 % Stillstand. Dazu sollten wir es nicht kommen lassen.

Fritz Felgentreu MdB
fritz.felgentreu@bundestag.de

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Die Grünen

Abstimmen für »100% Tempelhof« gegen die Arroganz des Senats

Sozialer Wohnungsbau sollte im Masterplan nicht verbindlich festgeschrieben werden, eine Quote für erschwingliche Wohnungen sollte es nicht geben, Bürgerbeteiligung nur so weit, dass am Masterplan nichts zu ändern wäre – also nur ein bisschen für die Gestaltung des Parkes. So sahen die Vorgaben der Koalition aus, mit denen sie in die Gespräche über den von den Grünen vorgeschlagenen »Dritten Weg« ging. Wir wollten eine Festlegung auf zwei Drittel Wohnungen für Transferleistungsbeziehende und Geringverdienende, wir wollten außerdem eine Beteiligung, die an den Plänen wirklich etwas ändern könnte, sowie mindestens 250 Hektar öffentliche Freifläche und eine teilweise Unterschutzstellung des Feldes nach dem Naturschutzgesetz. Nach fünf Sitzungen war dann leider klar, dass sich die Koalition aus SPD und CDU in keinem Punkt auch nur minimal bewegen würde.
Und so sieht jetzt der Gesetzestext der Koalition aus, der am 25. Mai gegen das Gesetz der Bürgerinitiative steht: »Das Volksbegehren 100% Tempelhofer Feld geht den falschen Weg« heißt es dort. Und: »Die konkrete Ausgestaltung der geplanten Quartiere an den Außenrändern des Feldes bleibt den gesetzlichen Planungsverfahren vorbehalten«. Damit wird eine echte Bürgerbeteiligung, abgelehnt, in der auch über Alternativen diskutiert würde. Auf die vorgelegten Pläne kann damit kein Einfluss genommen werden. Für das Flughafengebäude gibt es kein Nachnutzungskonzept. Ob und wie viel sozialer Wohnungsbau tatsächlich kommt, ist offen.
Wer sich damit nicht zufrieden geben möchte, sollte das Volksbegehren unterstützen. Die überdimensionierte Wowereit-Gedenk-Bibliothek und die sieben Geschosse hohen Wohnburgen am Tempelhofer Damm können nur mit einem Ja zu »100% Tempelhof« verhindert werden. Die Koalition hat keine Idee, wie sie den Verkehrsinfarkt am Tempelhofer Damm abwenden kann, wenn dort so viele Menschen wohnen werden. Und für uns hier von zentraler Bedeutung: Die drei Reihen Häuser an der Oderstraße müssen verhindert werden.
Der dritte Weg für eine sozialverträgliche und ökologische Entwicklungsperspektive mit offener Bürgerbeteiligung ist an der Koalition gescheitert. Jetzt müssen wir verhindern, dass dieser Senat das nächste Großprojekt startet, bei dem die Kostenexplosion schon abzusehen ist und das den Schillerkiez durch drei Reihen Blocks vom Tempelhofer Feld abriegeln wird.

Susanna Kahlefeld, MdA

»Der Bezirk ist nicht zuständig!«

Aktive Demokraten irritieren die BVV

Immer mal wieder kommt es zu Turbulenzen in der Bezirksverordnetenversammlung, wenn sich das Volk auf den Rängen zu Wort meldet. So auch am 26. März. Ein Besucher wurde mit den Worten: »Wenn Sie ein Mitspracherecht haben wollen, dann gehen Sie doch zurück nach Kreuzberg« vom Vorsitzenden der BVV des Saales verwiesen, die Sitzung wurde unterbrochen.
Vorausgegangen war eine hoch emotionale Debatte um eine große Anfrage der Piraten, die wissen wollten, wie die Anwohner über den Abriss des Kiehlstegs informiert wurden.
Der Bezirk sei nicht zuständig, das sei Sache der Senatsverwaltung, erklärte Baustadtrat Blesing. Im übrigen habe er bei einer Veranstaltung in der Rütlischule im letzten August auf den Abriss hingewiesen. Auch dem Ausschuss für Grünflächen seien die Pläne bekannt gewesen. Dessen Mitglieder hätten die Anwohner ja informieren können, aber »wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«, erklärte er süffisant.
Ein weiteres Thema war die Zukunft des Tempelhofer Feldes. Um das Konzept für den sozialen Wohnungsbau ging es in einer großen Anfrage der Grünen. Im Antrag »Gleiche Bedingungen beim Volksentscheid THF« fordern die Fraktionen der Linken und der Grünen, dass die Bürgerinitative »100% Tempelhofer Feld« ebenso wie der Senat auf dem Feld mit Ständen und temporären Bauten für ihren Volksentscheid werben kann.
Auch hierfür, sagte Blesing, sei der Bezirk nicht zuständig. Der Linken warf er vor, mit der Anfrage lediglich Stimmungsmache gegen die Bebauung betreiben zu wollen. In die Werbekampagne der »Tempelhof Projekt GmbH« auf dem Feld solle sich der Bezirk nicht einmischen, erklärte Michael Morsbach (SPD). Der Eigentümer könne mit der Fläche verfahren, wie er es für richtig halte. Der Antrag wurde mit den Stimmen von CDU und SPD abgelehnt.

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Demo vor dem Rathaus.               Foto: ro

Sachlich und ernst ging es bei der Beantwortung einer großen Anfrage der CDU zu, die Auskunft über die Kosten der Demonstration gegen Nazis vor dem Rathaus am 26. Februar verlangte. Die CDU bezweifelte die Sinnhaftigkeit einer solchen Demonstration, da auf diese Weise erst recht die Aufmerksamkeit auf die Rechtsextremen gerichtet würde. Diese Einschätzung fand beim Rest der BVV allerdings keine Resonanz. »Ab wie viel Nazis darf man denn demonstrieren gehen?«, fragte Steffen Burger (Piraten) und antwortete gleich selbst: »Schon wenn ein Nazi da steht, ist es Grund genug hinzugehen.« Wegschauen sei keine Lösung, darin waren sich die meisten Redner einig. Und eine Aufrechnung der finanziellen Aufwendungen gegen die Grundrechte in einer Demokratie  sei ohnehin hoch problematisch.
Es sind 8.000 Euro, die für den Einsatz von Sicherheitskräften und einige zertrampelte Blumen aufgebracht werden müssen.

mr

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

Nr. 80 – Sonnabend
04. April 1914
das ende der langen Hutnadeln. Die großen Hüte, die mit der »Lustigen Witwe« ins Land kamen, haben bekanntlich die langen Hutnadeln in Mode gebracht, und obgleich die Hüte seither immer kleiner wurden, haben sich die langen Nadeln doch als recht langlebig erwiesen. Indessen scheint heute doch auch für sie die Todesstunde geschlagen zu haben, denn es gilt bei der eleganten Gesellschaft bereits als ganz unmodern, die kleinen Hüte noch mit solch langen Spießen zu befestigen. In dem langen Krieg, der gegen die Hutnadeln geführt wurde, ist diese zu einer ganzen Geschichte gekommen. Sie war die Ursache einer Reihe polizeilicher Verfügungen, die bemüht waren, ihnen den Garaus zu machen. Zu ihren erbitterten Feinden gehörten auch die Aerzte, die nicht müde wurden, den Verlust des Augenlichtes und entstellende Verletzungen, die auf das Konto der Hutnadeln zu setzen waren, als schreckliche Teufel an die Wand zu malen. Daß diese Beschuldigungen nicht so ganz aus der Luft gegriffen waren, beweist unter anderem die Sammlung langer Hutnadeln, die der frühere Pariser Polizeipräsident Lepine zusammengetragen hat und von denen sich an eine jede eine Schauergeschichte von Mord und Selbstmord und Gewalttaten, die das tückische Objekt verschuldet, knüpft.

Nr. 84 – Donnerstag
09. April 1914
Einen Menschenschädel fand ein Schüler aus der Lichtenraderstraße auf dem Tempelhofer Felde und übergab ihn der Polizei. Bekanntlich läßt die Stadt Neukölln z. Zt. am Rande des Tempelhofer Feldes einen Gehölzstreifen anlegen, aus welchem Grunde der Boden durch einen Dampfpflug in einer Tiefe von 60 Zentimeter umragolt worden ist. Bei dieser Arbeit ist der Schädel anscheinend an die Oberfläche befördert wordend. Woher der Schädel stammt, dürfte kaum aufzuklären sein.

Nr. 93 – Mittwoch
22. April 1914
Waschvorrichtungen auf Bahnhöfen. Es ist mehrfach Klage darüber erhoben worden, daß auf den Bahnhöfen nicht ausreichend für Waschgelegenheit gesorgt ist. Der Eisenbahnminister hat daher die königlichen Eisenbahndirektionen  veranlaßt, zu prüfen, ob die Bahnhöfe mit großem Verkehr, namentlich Übergangsbahnhöfe und solche, bei denen sich ein besonderes Bedürfnis herausgestellt hat, entsprechend mit Waschvorrichtungen ausgerüstet sind; erforderlichenfalls ist für weitere Befriedigung dieses Bedürfnisses im Rahmen der verfügbaren Mittel Sorge zu tragen. Die Ausrüstung kleinerer Bahnhöfe mit besonderen Waschgelegenheiten wird im allgemeinen nicht nötig sein. Sollte hier vereinzelt ein Bedürfnis zum Händewaschen vorliegen, so wird es nach Ansicht der Zentralverwaltung genügen, diesem Bedürfnis durch Vorhaltung von Waschwasser, Handtuch und Seife seitens der Bahnhofswirte oder in anderer geeigneter Weise zu entsprechen. Dabei soll vor allem darauf hingewirkt werden, daß die Gebühren für Händewaschen möglichst niedrig bemessen werden.

Die Transkription des Zeitungstextes wurde mit Fehlern in der Rechtschreibung aus dem Original von 1913 übernommen.
Die Originale befinden sich in der Helene-Nathan-Bibliothek.

Gefährliches Modeac­ces­soire

Ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten für Hutnadeln

Um die Jahrhundertwende wurden die  Frauenkleider schmaler und enger, die Drapierungen fielen weg. Zum optischen Ausgleich kamen die wagenradgroßen Prachthüte auf, die meist reich mit Straußen- oder Reiherfedern, Blumen und Schleifen geschmückt wurden.  Sie wurden in den wohldurchdachten Frisuren durch bis zu 30 Zentimeter lange Hutnadeln einigermaßen sicher verankert.
Die Nadeln wurden aus Stahl, Leder, Email und geschnitztem Elfenbein gefertigt und die Nadelköpfe aus Gold, Perlen oder großen, farbigen Edelsteinen wie Amethyst oder Topas.

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Ende einer Hutnadel.      Foto: Wikipedia

Hutnadeln fanden gelegentlich aber auch eine andere Verwendung. Bertha Benz benutzte auf der ersten Fernfahrt 1888 nach Pforzheim eine Hutnadel, um eine verstopfte Benzinleitung durchgängig zu machen.
Auch bei der Selbstverteidigung leisteten die Nadeln vorzügliche Dienste. Als 1912 im Generalstreik in Brisbane im australischen Queensland während einer Demonstration eine Gruppe von Frauen und Mädchen von der Polizei bedroht wurde, die mit Bajonetten bewaffnet war, nahm Emma Miller, eine engagierte 73-jährige Gewerkschafterin und Suffragette, ihre Hutnadel und stach damit auf ein Polizeipferd ein. Dieses ging durch und dessen Reiter, ausgerechnet der ranghöchste Offizier, wurde abgeworfen.
In den öffentlichen Verkehrsmitteln stellten ungeschützte Hutnadeln eine ernste Gefahr für die Mitfahrenden dar. In einer Verordnung der preußischen Eisenbahnbehörden heißt es daher: »Das Tragen ungeschützter Hutnadeln innerhalb des Bahngebietes, auf den Stationen und in den Zügen ist verboten und wird bestraft. Nichtachtung dieser Anordnung kann mit Geldstrafe bis zu 100 Mark belegt werden. Auch können derartige Personen von der Mitfahrt ausgeschlossen werden.

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Sensationeller Fund!

Naslinge  – eine bereits verschollen geglaubten Tierart aus der Gruppe der Rhinogradentia

Francoise Didier, eine junge Biologin, die sich auf Kleintierpopulationen städtischer Freiflächen und Brachen spezialisiert hat, macht zur Zeit vergleichende Untersuchungen in Berlin, Madrid, Paris und Rom. Die teilweise erstaunlichen Ergebnisse führen ab und zu nicht nur zum Auffinden bereits als verschollen geltender Arten sondern lassen auch Schlüsse auf die fortschreitenden Veränderungen im Rahmen der Klimaerwärmung zu.

Die von ihr hier aufgefundene, als verschollene geglaubte Art Nasobema lyricum (Naslinge), ursprünglich heimisch auf einem tropischem Archipel, wird nach ihren Aussagen nur noch der Vollständigkeit halber in den zoologischen Grundwerken als taxonomische Gruppe beschrieben.

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Diese wohl nachtaktiven, sehr verborgenen Naslinge weisen eine Größe wie Spitzmäuse auf, ernähren sich von kleinen Insekten und sind nur unter schwierigsten Umständen zu beobachten. Auch Francoise Didier ist es nicht gelungen, ein brauchbares Foto zu schießen. Naslinge treten genauso schnell  in Erscheinung, wie sie wieder weg sind. Francoise Didier geht zur Zeit von drei Exemplaren direkt im Übergang zur S-Bahn aus, die sich durch Größe unterscheiden ließen. Es könnte sein, dass sich entlang der hier gut etablierten Biotopverbindungen eventuell doch eine überlebensfähige Population ansiedeln konnte. Dies wäre eine sensationelle heimischwerdende Art im Rahmen der Klimaerwärmung in Mitteleuropa. Mittels einer Wärmebildkamera gilt es den endgültigen Nachweis zu führen. Francoise Didier bittet um Mithilfe und Unterstützung, welche den sensationellen Fund belegen.

Rolf Siewing (Hrsg.): Lehrbuch der Zoologie. Systematik, Kapitel: Rhinogradentia. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Band 2, G. Fischer, Stuttgart 1985, ISBN 3-437-20299-5
 

Das Nasobēm

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobēm,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobēm.

(Christian Morgenstern)

 

 

 

Statt Rücktrittsforderung Anti-Nazi-Protest

BVV solidarisiert sich mit Anne Helm

Nazidemo_Björn_Smerskand!Protest.                     Foto: Björn Smerskand

Lautstark ging es auf dem Rathausvorplatz zu, als zur Bezirksverordnetenversammlung am 27. Februar einige hundert Demonstranten auf ein Häuflein NPD-Anhänger trafen. Die wollten gegen die Bezirksverordnete Anne Helm von den Piraten demonstrieren, die sich an Protesten gegen den Aufmarsch der Nazis in Dresden anlässlich des Gedenkens an die Bombardierung der Stadt beteiligt hatte. Im Femenstil hatte sie »Thanks Bomber Harris« auf ihren nackten Oberkörper geschrieben. Gemeint war Arthur Harris, der als Oberbefehlshaber der britischen Bomberstaffeln mitverantwortlich war für die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Massive Angriffe seitens einiger Presseorgane folgten, sie erhielt Morddrohungen.
Die Nazis, die durch ein großes Polizeiaufgebot geschützt wurden, kamen mit ihren Tiraden nicht gegen den lautstarken Protest der Gegendemonstranten an und verließen den Platz nach einer guten halben Stunde wieder.
Anne Helm, der wegen ihrer Aktion die Verhöhnung der Bombenopfer vorgeworfen wurde, verlas zu Beginn der BVV eine Erklärung. »Ich bedauere meine Aktion und wünsche, ich könnte sie ungeschehen machen. Es war nie meine Intention, die Gefühle von Menschen zu verletzen, schon gar nicht die von Kriegsopfern«, sagte sie. Sie werde ihr politisches Engagement aber trotz der Anfeindungen fortsetzen.
Anschließend wurde Bürgermeister Heinz Buschkowsky sehr deutlich. »Es kann nicht sein, dass ein Mitglied der BVV an einer Demonstration teilnimmt und anschließend mit dem Tod bedroht wird«, sagte er. »Allen, die hier sitzen, gehört der Schutz des Hauses«.Und an die Adresse der Demonstranten auf dem Rathausplatz: »Das letzte Mal haben die Nazis in dem Maß dieses Haus bedroht als Bürgermeister Scholz aus dem Amt gejagt wurde«.

Zwischen Demo und Volksbegehren

Grüne Kritik an den Äußerungen des Baustadtrats Blesing

Die CDU hatte im Vorfeld noch den Rücktritt Anne Helms als Bezirksverordnete gefordert. In der BVV brachten CDU und SPD dann aber eine deutlich entschärfte Entschließung ein, in der Anne Helms Aktion ausdrücklich missbilligt, die gegen sie gerichteten Drohungen aber ebenfalls ausdrücklich verurteilt wurden. Der Antrag wurde ohne weitere Diskussion angenommen, lediglich die Grünen enthielten sich der Stimme. Sie waren der Ansicht, da Anne Helm als Privatperson an dieser Demonstration teilgenommen habe, habe diese Diskussion in der BVV überhaupt nichts zu suchen.

Umso mehr Diskussionsbedarf gab es bei der großen Anfrage der Grünen zum Vorwurf der Unterschriftenfälschung beim Volksbegehren für das Tempelhofer Feld, den Baustadtrat Thomas Blesing kurz vor Schluss des Volksbegehrens erhoben hatte. Jochen Biedermann von den Grünen erklärte die Vorwürfe zu einer Geisterdebatte ohne konkrete Anhaltspunkte oder Belege, die auf  Fälschungen hindeuten würden und forderte von Blesing eine Entschuldigung. Er habe, erklärte Blesing dazu, aus der Senatskanzlei Informationen erhalten, die ihn veranlassten, sofort an die Öffentlichkeit zu gehen.
Besonders kritisierte er die Landeswahlleiterin: »Dass man seitens der Senatsverwaltung auf vorgesehene Eingaben verzichtet, halte ich für unzulässig«, sagte er. »Ich wünsche, dass wir nicht irgendwann ein Volksbegehren haben, das dem Ergebnis des letzten Begehrens in der Schweiz entspricht«, erklärte er in seinem Schlusswort.

mr

 

Mitbestimmen, was vor der eigenen Haustür passiert

Felix Herzog will Bürger und Politiker aufrütteln

Felix_HerzogHerzog bei der politischen Arbeit.    Foto: mr

Als Querulant und Wutbürger wurde er mittlerweile betitelt. Felix Herzog, ein Neu-Neuköllner, der sich den Rummel um seine Person vor einigen Wochen sicherlich selbst noch nicht erträumt hat. Seit er das Volksbegehren zur Abwahl des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit vorbereitet, geht er durch die Presse und eckt auch bei vielen an, die ihn nur für einen Menschen halten, der einfach mal gegen alles ist.
Den Gründer des Internetportals »PlusWG – Vermittlungsbüro von Wohngemeinschaften für Leute ab 50 Jahren» zog es vor drei Jahren aus Weilheim in Oberbayern nach Berlin. Neukölln hatte er sich dabei nicht ausgesucht, weil es hier gerade so »hip« ist, sondern eher zufällig, weil viele seiner Freunde bereits hier lebten und er hier eine passende Wohngemeinschaft fand. »Mit einem gewissen Stolz«, sagt er, sei er Neuköllner.
Politik ist für ihn eine Ausdrucksform, so wie für andere die Kunst. Er möchte etwas bewirken, politische Missstände aufdecken und zu Veränderungen beitragen.
In Berlin habe er mit vielen resignierten Menschen gesprochen, die sich nicht trauen sich einzumischen und den Glauben daran verloren haben, dass sich jeder an der Politik beteiligen könne. »Ich möchte den Leuten durch relativ einfache Wege zeigen, dass man doch etwas bewegen kann«, sagt Herzog.
Sich einmischen, Gesicht zeigen, für politische Veränderungen kämpfen, das macht Herzog bereits seit seiner Schulzeit. Er möchte beweisen, dass es keines politischen Mandats bedarf, um Veränderungen herbeizuführen.
Parteipolitisch ist er nicht gebunden. »Bei dem, was ich machen will, würde mich eine Partei nur einschränken«, ist seine Begründung. Seine Initiative nennt er »Außerparlamentarische Ergänzung« (APE). Damit will er ausdrücken, dass er sich nicht in Fundamentalopposition zur Regierung und zum Parlament befindet. Deren Arbeit akzeptiert und respektiert er durchaus, aber daneben möchte er »ein drittes Standbein« aufbauen, um den Bürgern mehr direkte Einflussmöglichkeit auf Entscheidungen der Politik zu geben. »Die Leute sollen mitbestimmen können, was vor der eigenen Haustür passiert.«
Die Politiker andererseits sollen dazu veranlasst werden, sich mehr mit den Problemen der Bürger zu beschäftigen. »Wir wollen mit den Abgeordneten ins Gespräch kommen.« Die halten sich bisher allerdings noch eher zurück.
Mehr Bürgerbeteiligung bedeutet für Felix Herzog dann aber auch, dass sich der Kreis derer erweitert, die mitentscheiden können. Daher setzt er sich dafür ein, dass hier lebende Ausländer das Wahlrecht bekommen. Er ist davon überzeugt, dass die Möglichkeit, an politischen Entscheidungen mitzuwirken, zu einer größeren Integrationsbereitschaft der hier lebenden Ausländer führen würde. Andererseits erwartet er dadurch auch ein größeres Interesse der Politik an den Problemen der Ausländer, wenn sie zu Wählern werden.
Bei der Unterschriftensammlung für das Volksbegehren Tempelhofer Feld war er beeindruckt über das Erstaunen vieler ausländischer Mitbürger, die nicht unterschreiben durften. »Ich hörte Sätze wie: ‘Ja, aber ich lebe doch schon seit zwei Jahren hier, dies ist meine Heimat, wieso darf ich nicht mitentscheiden?‘ Das war schon krass.« Berlin könnte ein interessantes Versuchsfeld für neue politische Ideen werden, davon ist er überzeugt, und daran möchte er mitwirken.
Er höre viele Stimmen, die sagen, dass zu viel falsch laufe in dieser Stadt und mit dieser Regierung. Denen will er mit seinem Volksbegehren zur Abwahl des Regierenden Bürgermeis­ters Gehör verschaffen. 

km/mr

Kein Wasserbecken auf dem Tempelhofer Feld

Verwaltungsgericht gibt Eilantrag des BUND gegen Parkplanung statt

WasserbeckenNoch kein Badetümpel für Ente & Co. Foto: mr

Das Berliner Verwaltungsgericht hat die aufschiebende Wirkung der Klage des Berliner Landesverbandes des »Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland« (BUND) gegen die umstrittene Baugenehmigung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt für den Bau des Wasserbeckens, der geplanten Aufschüttung einer »Landform« zwischen den beiden Landebahnen und den Bau eines Rundweges auf dem Tempelhofer Feld angeordnet. Der »BUND Berlin« hatte im November Klage gegen die Bauvorhaben eingereicht, da die im Umwelt- und Planungsrecht vorgesehene Öffentlichkeitsbeteiligung und Prüfung von Alternativen missachtet worden sei und insbesondere Landform und Rundweg zu gravierenden Eingriffen in wertvolle und gesetzlich geschützte Biotope führen würden.
Tilmann Heuser, Landesgeschäftsführer des »BUND Berlin e.V.«: »Mit dem heutigen Beschluss bestätigt das Gericht unsere grundlegende Kritik an der Parkplanung für das Tempelhofer Feld. Die für Umwelt und Naturschutz zuständige Oberste Landesbehörde missachtete mit ihrer Baugenehmigung die Vorgaben aus dem Umwelt-, Planungs- und Naturschutzrecht, um den umstrittenen landschaftsarchitektonischen Entwurf für die Parkplanung zu realisieren.«
Der »BUND« fordert den Berliner Senat dazu auf, die Baugenehmigung für Wasserbecken, Landform und Rundweg zurückzuziehen und endlich ein offenes und transparentes Verfahren für die Weiterentwicklung der einzigartigen Freifläche zu starten. Tilmann Heuser: »Bürgerbeteiligung im 21. Jahrhundert bedeutet nicht nur, dass Bürgerinnen und Bürger in zahlreichen Veranstaltungen Planungen kommentieren dürfen. Es müssen auch ernsthafte Alternativen hinsichtlich des Ob und Wie offen und transparent diskutiert, gesetzliche Regelungen zum Erhalt des wertvollen Natur- und Erholungsraumes konsequent beachtet werden.«
Insofern erwartet der »BUND Berlin« auch, dass in einem alternativen Gesetzentwurf des Berliner Abgeordnetenhauses zum Volksentscheid am 25. Mai nicht nur ein Teil der einzigartigen Freifläche geschützt, sondern auch für die geplanten Baufelder ein ergebnisoffenes Beteiligungsverfahren festgesetzt werde. Dabei müsse auch das »Ob« einer Bebauung insbesondere auf der Neuköllner Seite und entlang der Autobahn hinterfragt werden. 

pr

Ein dritter Weg für die Randbebauung gesucht

Viele Gruppen präsentieren ihre Ideen zum Feld

Bauen wollen sie alle auf dem Tempelhofer Feld, die einen mehr, die anderen weniger, aber mit dem Masterplan von Bausenator Müller ist trotzdem keiner so recht zufrieden.
Die Grünen hatten am 27. Februar zu einer Expertenrunde ins Abgeordnetenhaus geladen, um über die Möglichkeit eines dritten Weges zwischen den Forderungen der Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld« und den Vorstellungen des Senats zu diskutieren. Ihr Plan ist es, beim Volksentscheid am 25. Mai einen parteiübergreifenden Gegenentwurf zur Wahl zu stellen.

thf_weiteWeite – noch ist sie unverbaut.                                        Foto: fh

»Gut läuft es für »Tempelhof 100«, schlecht für den Masterplan«, erklärte Aljoscha Hofman von »Think Berlin«. Es sei bisher vollkommen versäumt worden, über die Vernetzung der neu geplanten Stadtteile mit den an sie anschließenden Kiezen nachzudenken. Außerdem fehle ein Konzept für das alte Flughafengebäude.
Mario Hilgenfeld vom »Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen eV« (BBU) erklärte in schöner Offenheit, eine aufgelockerte Bebauung werde es nicht geben, das sei überhaupt nicht finanzierbar.
Staatssekretär Ephraim Gothe versicherte, dass im Gesetzentwurf, den die Koalition vorbereitet, der große Innenbereich als Freifläche festgeschrieben werde, an den Rändern aber gebaut werden solle. Er verstieg sich zu der Metapher des Feldes als Baum und der Randbebauung als lebensspendende Borke.
Christine Edmaier, die Präsidentin der Architektenkammer Berlin, ging noch einen Schritt weiter. Sie forderte, das Tempelhofer Feld zu einem Experimentierfeld für innovative Entwicklung zu machen. Dabei solle aber der Grünanteil nicht festgeschrieben werden, denn »dann kann man ja nichts mehr machen«. Jochen Brückmann von der IHK wiederholte die Behauptungen des Senats, ein Sieg der Bürgerinitiative bedeute 100 Prozent Stillstand, weil dann nichts mehr auf dem Feld verändert werden dürfe.
Lediglich Tilman Heuser vom »BUND« plädierte dafür, das Feld auch in Zukunft als Freifläche zu erhalten. Es sei ein einmaliges Gelände, um das Berlin von vielen Metropolen der Welt beneidet würde. Der Gesetzentwurf von »100% Tempelhofer Feld« bedeute im übrigen keineswegs Stillstand. Außerhalb der geschützten Wiesenflächen sei Platz für vielerlei Aktivitäten, ebenso für Sportplätze, Sanitäranlagen und dergleichen. Lediglich auf die Bebauung solle verzichtet werden.
Einig waren sich allerdings alle in der Einschätzung, dass es dem Einsatz der Bürgerinitiative zu verdanken sei, dass jetzt stadtweit über das Feld diskutiert werde. Viel wäre schon gewonnen, wenn noch einmal völlig neu geplant würde, dann aber auch mit echter Bürgerbeteiligung. 

mr

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

Nr. 59 – Mittwoch
11. März 1914
Frühjahrsmüdigkeit nennt man im Volke jenen schlaffen, körperlichen Zustand, der sich gewöhnlich noch vor dem kalendermäßigen Frühlingsbeginn einstellt und oft wochenlang anhält. Selbst kräftige Menschen, die sonst selten über Müdigkeit klagen, empfinden zu dieser Zeit, daß ihnen »Blei in den Gliedern liegt«, wenn sich dazu nicht gar rheumatische Schmerzen und Kopfschmerzen bemerkbar machen. Die Ursachen dieses körperlichen Mißbehagens, das auch noch in großem Schlafbedürfnis bei den einen, in Schlaflosigkeit bei den anderen seinen Ausdruck findet, liegen in der Veränderung der körperlichen Gewebe und Organe, welche sich auf die sommerliche Zeit vorbereiten. Sie dehnen sich zunächst aus. Die gleichzeitige Ausdehnung von tausend und abertausend kleinsten Einzelteilchen des Körpers ruft jedoch eine förmliche Revolution im Körper hervor, die die fühlbare Erschlaffung sehr begreiflich macht. Auch ist die Möglichkeit vorhanden, daß das Blut eine entsprechende Veränderung in der Zusammensetzung wie im Umlauf erfährt. Schwächliche Menschen sollten sich jetzt vor allem Ueberhasten besonders hüten und ab und zu ein paar Minuten zwischen der Arbeit ausruhen.

Nr. 72 – Donnerstag
26. März 1914
Neue Rohrpostverbindungen in Groß-
berlin. Den Klagen über ungenügende Rohrpostverbindungen zwischen Berlin und den Vororten will die Reichspostverwaltung jetzt Rechnung tragen. Nachdem vor einigen Monaten Steglitz an das Rohrpostnetz Berlins Anschluß erhalten hat, sollen jetzt auch Grunewald, Lichtenberg und Weißensee angeschlossen werden. Pankow wird voraussichtlich im nächsten Jahre Rohrpostverkehr mit Berlin erhalten.

Nr. 74 – Sonnabend
28. März 1914
Das Besteigen einer höheren Wagenklasse bei Platzmangel auf der Stadtbahn betrifft eine Verfügung der Eisenbahndirektion, die sich gegen den vielverbreiteten Irrtum richtet, man dürfe bei Platzmangel auf eine Fahrkarte dritter Klasse in zweiter Klasse fahren. Man hört in solchen Fällen oft die Entschuldigung, ein Stationsbeamter habe jene Fahrgäste wegen Platzmangels in die zweite Klasse verwiesen, wie dies im Fernverkehr ausnahmsweise zugelassen ist. Im Berliner Stadt= und Vorortverkehr ist dies völlig ausgeschlossen, denn hier ist es den Beamten direkt verboten, Reisenden bei Platzmangel die Fahrt in höherer Klasse mit Fahrkarten niedrigerer Klassen ohne vorherige Lösung der entsprechenden Zusatzkarten zu gestatten.

Die Transkription des Zeitungstextes wurde mit Fehlern in der Rechtschreibung aus dem Original von 1913 übernommen.
Die Originale befinden sich in der Helene-Nathan-Bibliothek.

Die Post im Untergrund

Die Berliner Rohrpost

Die erste Berliner Rohrpoststrecke zwischen dem Haupttelegrafenamt in der Französischen Straße und dem Börsengebäude in der Burgstraße wurde am 17. November 1865 eröffnet. Etwa 60 Zentimeter unter der Straßenoberfläche verliefen die Rohrleitungen, durch die mittels Luftdrucks Briefe, Telegramme, Postkarten oder kleine Pakete von einer Sendestation zu einer Empfangsstation befördert wurden.
1881 wurden Charlottenburg, Schöneberg und Kreuzberg angeschlossen, Neukölln folgte 1908. Bis 1935 war das Netz auf 400 Kilometer angewachsen und verband Postämter, Ministerien, Zeitungsredaktionen, Banken und wichtige Büros.

EmpfangsstationRohrpost Empfangsstation.
Foto: Berliner Unterwelten

Die Rohrpostbüchsen wurden meist zu Zügen zusammengestellt und verkehrten nach einem genau festgelegten Fahrplan. Ein Rohrpostbrief kostete 30 Reichspfennige, ein normaler Brief nur fünf. Trotz der höheren Tarife erfreute sich die Stadtrohrpost höchster Beliebtheit, denn sie war unschlagbar schnell und sie war,  im Gegensatz zu Telegrafie und Telefonie, abhörsicher. Ungehindert vom oberirdischen Verkehrschaos sausten die  Sendungen mit bis zu 30 Stundenkilometern ihrem Bestimmungsort entgegen. Ein Rohrpostbeamter verlud, leitete und entlud die »Bömbchen« und sorgte für das pünktliche Eintreffen der Sendungen.  Vom Postamt zum Empfänger übernahm dann der Eilbote. Innerhalb von nur einer Stunde konnten so Informationen sicher ihren Besitzer wechseln.
Zu Beginn der dreißiger Jahre wurde die Anlage komplett modernisiert. Dank elektrischer Weichensteuerung konnten die Büchsen jetzt ohne Zwischenstopp ihr Ziel selbständig ansteuern. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit wurde verdoppelt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Niedergang der Rohrpost. Die Entwicklung des Fernschreibers und die Ausbreitung des Telefons ließen den Betrieb immer unwirtschaftlicher  erscheinen.  Die Teilung der Stadt tat ein Übriges. 1961 ließen die DDR-Behörden alle Rohre in den Westteil kappen. 

mr

Das Volksbegehren ist erfolgreich

Senat zeigt sich als schlechter Verlierer.

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Sie haben es geschafft! Bis zum letzten Moment standen die Unterschriftensammler für das Volksbegehren zum Erhalt des Tempelhofer Feldes auf den Straßen oder waren in U- und S-Bahnen unterwegs. Am Ende konnten sie mehr als 233.000 Unterschriften bei der Landeswahlleitung abgeben.  Gültig waren davon 185.328. Damit ist das Quorum für ein Referendum geschafft, der Weg für den Volksentscheid ist frei.
Zu verdanken ist dieser Erfolg nicht nur den Aktiven der Bürgerinitiative »100 % Tempelhofer Feld«. Viele Berliner Bürger haben sich mit Unterschriftenlisten eingedeckt und sammelten im Freundes- oder Kollegenkreis. Die höchste Unterstützung mit 18,6 Prozent der Stimmberechtigten gab es in Friedrichshain-Kreuzberg, dicht gefolgt von Tempelhof-Schöneberg mit 15,9 und Neukölln mit 15,8 Prozent. Mit 1,5 Prozent war das Interesse in Marzahn am geringsten.
Bausenator Michael Müller hatte noch in der Woche vor dem Abgabetermin das Scheitern des Volksbegehrens verkündet, aber wie bei den vorangegangenen Volksbegehren vom Wassertisch oder vom Energietisch hatten viele Sammler bis zum Schluss gewartet, um ihre Listen im Kampagnenbüro abzuliefern.
Das reichte offensichtlich aus, die Politik das Fürchten zu lehren. Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) verstieg sich sogar dazu, der Initiative kriminelle Machenschaften vorzuwerfen. In einem Interview mit dem RBB unterstellte er den Sammlern, sie hätten massenhaft Unterschriften gefälscht. Der Hinweis darauf sei bereits am Montag nach Abgabetermin aus der Senatskanzlei gekommen. Beweisen konnte er das aber nicht. Die Landeswahlleiterin wies diese Vorwürfe auch umgehend zurück. Unterschriften seien nicht allein deshalb ungültig, weil das Geburtsdatum fehle. Wenn die Daten zweifelsfrei zugeordnet werden können, sei die Unterschrift zu werten, dazu gebe es ein entsprechendes Gerichtsurteil. Im übrigen sei bei keinem der bisherigen Volksbegehren diese Praxis beanstandet worden. Außerdem sei es nur ein ganz kleiner Prozentsatz, bei dem das Geburtsdatum fehle.

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Unterschriftensammler.  Foto: mr

Trotzdem gab es viele ungültige Stimmen. Viele Feldliebhaber haben unterschrieben, die entweder keinen ersten Wohnsitz in Berlin haben oder nicht im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft sind. Damit bleibt ihre Stimme ungehört. In der nächs­ten Stufe können jetzt die Berliner Bürger an der Wahlurne über die Zukunft des Tempelhofer Feldes entscheiden. Die Bürgerinitiative setzt sich mit ihrem Gesetz dafür ein, das Feld komplett als Ort für Erholung und Freizeitgestaltung und als Lebensraum für Tiere und Pflanzen zu erhalten. Das heißt aber keineswegs, dass hier keine Entwicklung mehr möglich ist, wie Senator  Müller nicht müde wird zu behaupten. Lediglich der Verkauf von Flächen und die großräumige Bebauung wird abgelehnt.
Der Senat dagegen will das Feld mit einer »behutsamen Randbebauung« entwickeln. Dazu soll entlang der S-Bahn und des Tempelhofer Damms auf etwa 70 Prozent der geplanten Baufläche ein breiter Riegel von Gewerbeimmobilien entstehen. Die restlichen 30 Prozent sollen landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften für den Wohnungsbau zur Verfügung gestellt werden, gerade die Hälfte für eine Kaltmiete von 6,50 bis 8,50 Euro. Der Rest wird deutlich teurer werden. Auch auf Neuköllner Seite sollen rund 1.700 Wohnungen entstehen. Welche Bauherren zum Zuge kommen sollen, darüber ist bisher noch nichts bekannt. Daneben soll auf der Tempelhofer Seite für geplante 270 Millionen Euro die neue Zentral- und Landesbibliothek entstehen. Die inneren Wiesenbereiche von etwa 230 Hektar sollen laut Senator Müller »noch lange unbebaut bleiben«.Wie lange, sagt er nicht.

mr

 

EU-Sozialkommissar besucht Neukölln

Große Anstrengungen bei der Förderung von Zuwandererkindern

Einen Massenauflauf von Journalisten verursachte der Besuch des EU-Sozialkommissars László Andor in der Hans-Fallada-Grundschule in der Harzer Straße. Er wollte sich über die Situation der Zuwanderer aus Südosteuropa in Neukölln informieren.
Begleitet wurde er von der Neuköllner Bildungsstadträtin Franziska Giffey,  der Staatssekretärin für Arbeit, Integration und Frauen in Berlin Barbara Loth und dem parlamentarischen Staatssekretär im Umweltministerium Florian Pronold.
In dieser Schule lernen überdurchschnittlich viele Kinder nichtdeutscher Herkunft. Von 420 Schulkindern haben 280 einen Migrationshintergrund. Dabei, so betonte Giffey im Gespräch, seien an dieser Stelle nur die Kinder, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, gemeint. In der Gesamtsumme der Schüler gäbe es jedoch etliche Kinder, die zwar im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft, aber der deutschen Sprache nicht mächtig seien.
Der Schulleiter Carsten Paeprer beschrieb die Entwicklung der letzten Jahre. So sei es ihm gelungen, mehrere rumänisch-muttersprachliche Sozialarbeiterinnen und Lehrerinnen einzustellen. Es gibt Kinder, die ohne Deutschkenntnisse im Bezirk ankommen und in ihrem Heimatland keine Schule besucht haben. Diese Schüler werden speziell gefördert, sprechen inzwischen gut deutsch und fühlen sich heute sehr wohl. Problematisch sind jedoch die Kinder, die gar keine Schule besuchen. Keiner weiß, wie hoch diese Zahl ist.gruppenbild_mit _dame

Prominenz in Neukölln. Foto: ro

László Andor, der sich für das EU-Recht auf Freizügigkeit ausspricht, wies auf den demografischen Wandel in Deutschland hin, erkennt aber auch die Probleme, die Zuwanderung mit sich bringen kann. »So können Zuwanderer beispielsweise eine große Belastung in den Bereichen Bildung, Wohnraum und Infrastruktur auslösen.« Pronold sicherte zur Freude Giffeys zusätzliche Mittel für Projekte mit Zuwanderern aus dem EU-Ausland zu.

romahausgemälde»Arnold-Fortuin-Haus« – Gemälde an der Rückseite.Foto: fh

Gelungene Integration kann nicht nur in der Schule stattfinden. Die Neuköllner Bildungsstadträtin wies auf die Wohnverhältnisse hin. Nur in guten Wohnverhältnissen können Kinder lernen. Im Anschluss an die Veranstaltung in der Hans-Fallada-Grundschule besichtigte die Gruppe das benachbarte »Arnold-Fortuin-Haus«. Hier leben vorzugsweise Roma. Bis 2011 war der Wohnblock eine Schrottimmobilie, in der Menschen auf Matratzen nahezu stapelweise wohnten. Die »Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft« setzte den Gebäudekomplex wieder instand, tauschte Müll gegen Blumen und richtete einen Treffpunkt für die Roma-Familien ein.
Benjamin Marx von der Wohnungsbaugesellschaft zeigte den Gästen die Kunst der Roma. Ein Raum wird ausgefüllt mit einem überdimensionalen Herz. Roma von hinten nach vorne gelesen heißt Amor und steht für die Zuwendung, die jeder Mensch braucht. Bemerkenswert sind die Hausmalereien, die von den Roma angefertigt wurden. Aus der einstigen ­Schrottimmobile ist so ein schicker Wohnkomplex mit 137 Wohnungen für etwa 600 Menschen entstanden, mit dem die Bewohner sorgfältig umgehen.

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Mieten- und Wohnungspolitik in Neukölln

Mittel und Wege, um gegen Mietsteigerungen und Wohnraumverknappung vorzugehen

Die Mieten im Bezirk steigen, Wohnraum wird immer knapper. Das ist ein Thema, das vielen Menschen unter den Nägeln brennt.
Der DGB-Kreisverband Neukölln hatte daher am 21. Januar ins »Haus der Familie« in der Glasower Straße geladen, um über die Mieten- und Wohnungspolitik Neukölln zu diskutieren.
Die Situation auf dem Neuköllner Wohnungsmarkt sei äußerst angespannt, erläuterte Hermann Werle von der »Berliner Mietergemeinschaft«. Inzwischen seien nur noch 1,4 Prozent der Wohnungen nicht vermietet, das gleiche bereits einem Notstand. Ein Grund dafür sei der fehlende Wohnungsbau. Peter Kreibel von der »IG-BAU« meinte dazu, noch vor zweieinhalb Jahren habe der Senat verboten, über Neubau überhaupt nachzudenken. Stattdessen wurden tausende Häuser abgerissen.
Verschärft wird die Entwicklung aber auch durch den Verkauf landeseigener Wohnungsbaugesellschaften sowie durch die verstärkte Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen.mieten

Das Podium informiert die Zuhörer .              Foto: mr

Neubau könne nur ein Teil eines umfassenden Handlungskonzepts sein, erklärte Willi Laumann vom »Bündnis Bezahlbare Mieten Neukölln/Berliner Mieterverein«. Auch die Steuerungsinstrumente, die das Bundesbaugesetz enthalte, könnten, richtig angewendet, hilfreich sein. Renditeorientierten Fonds könnte der Bezirk beispielsweise durch den Einsatz der Milieuschutzverordnung das Leben wenigstens etwas ungemütlicher machen.
Allerdings schützt die Milieuschutzverordnung zwar vor Luxusmodernisierung und Umwandlung in Eigentum. Gegen die normalen Mieterhöhungen, die viele Mieter bereits in Schwierigkeiten bringen, hilft sie nicht. »Besonders Geringverdiener müssen bereits bis zu 50 Prozent des verfügbaren Einkommens für die Kosten der Wohnung aufwenden«, sagte Werle, »und die können sich ihren Kiez dann nicht mehr leisten.« Außerdem ignoriere die Durchmischung, die von der Politik gerne gefordert werde, die bestehenden Strukturen eines Kiezes und verdränge vorhandene Netzwerke.
Jochen  Biedermann, Vorsitzender im Ausschuss für Stadtentwicklung und Bezirksverordneter der Grünen, kritisierte das vom Senat geplante Programm zur Förderung von 1.000 Wohnungen pro Jahr als Tropfen auf den heißen Stein. Das seien gerade einmal 83 Wohnungen pro Bezirk.
Grundsätzlich müsse bei Neubauvorhaben aber gründlich darüber nachgedacht werden, ob tatsächlich jede freie Fläche ausgenutzt werden müsse, oder ob nicht auch  Grünanlagen oder Kleingärten wichtige Voraussetzungen seien für die Qualität des Wohnumfelds.
Aber – und da waren sich alle Diskutanten einig – die Bürgerbeteiligung müsse dringend verbessert werden. Mit einer Anzeige in der Presse, dass der Bebauungsplan irgendwo ausliege, sei es nicht getan.

mr