Kunst und Bier auf dem Kindlgelände

KINDL160413_002abearbeitetBald Kaffee trinken zwischen den Sudpfannen.                      Foto: pr

Das »KINDL-Zentrum für zeitgenössische Kunst« öffnet seine Pforten

Vor nunmehr drei Jahren erwarb das deutsch-schweizerische Ehepaar Burkhard Vanholt und Salome Grisard den außergewöhnlichen Gebäudekomplex der ehemaligen »Kindl-Brauerei« mit dem ehrgeizigen Ziel, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst in Neukölln zu etablieren. Bereits im Herbst 2012 wurde mit dem aufwendigen Umbau des denkmalgeschützten Gebäudeensembles, das aus Maschinenhaus, Kesselhaus und Sudhaus besteht, begonnen. »Trotz der beträchtlichen Baumaßnahmen soll die spezifische architektonische Qualität der einzelnen Gebäudeteile erhalten bleiben«, erklärt Andreas Fiedler, künstlerischer Leiter und Kurator des »KINDL-Zentrum für zeitgenössische Kunst«. Der Schweizer ist von der rauen Schönheit der Gebäude und den mannigfaltigen Nutzungsmöglichkeiten der Räumlichkeiten sichtlich begeistert.
Als erster Ausstellungsraum wird am 13. September das Kesselhaus mit der Installation »Kitfox Experimental« des renommierten Schweizer Bildhauers und Konzeptkünstlers Roman Signer der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Installation wird bis zum 28. Juni 2015 zu sehen sein. Zukünftig plant Andreas Fiedler pro Jahr eine ortsspezifische künstlerische Auseinandersetzung mit dem spektakulären rund 20 Meter hohen, würfelförmigen Raum. Eine Ausstellung wird dann bei freiem Eintritt neun Monate im Jahr zu bestaunen sein, weitere drei Monate sind für den Umbau vorgesehen. Kunst und Bier auf dem Kindlgelände weiterlesen

Tipp für öffentliche Wasserhähne

Für die Freiheit, für das Leben,Wasserbrunnen auf allen Wegen!

Es kann so einfach sein, gesund zu leben, die Umwelt zu schützen und alle in Berlin lebenden Mitmenschen zu erfrischen. Und das auch noch kostenlos.
Der gemeinnützige Verein »a tip: tap« hat sich Wien als Vorbild genommen und all das auch uns ermöglicht: In Wien ist es die Überzeugung der Stadt, dass öffentliches Trinkwasser gut ist, zum einen für die durstigen Geister, zum anderen zur Vermeidung von PET-Flaschen. Also wurden dort über 900 Trinkwasserbrunnen in der ganzen Stadt verteilt, an denen der Durst Tag und Nacht kostenlos gestillt werden kann. Tipp für öffentliche Wasserhähne weiterlesen

Für mehr Trinkwasserbrunnen!

Die Idee, Berlin mit Trinkwasserbrunnen auszustatten, ist gut und sollte schnell umgesetzt werden. Es ist nicht nur im Interesse der Bürger, auch die Berliner Wasserbetriebe haben ihren Nutzen davon. Bleibt ihnen doch jede Menge Wartungsarbeit an den sonst nicht ausreichend genutzten Rohren erspart.
Ein bisschen komisch ist nur der Weg dahin. Im Angebot sind Laufkilometer, die ambitionierte Berliner anlässlich der massenweise stattfinden Läufe spenden sollen (S.4). Billiger kann Werbung nicht sein, wenn die Spender mit einem Sticker der Wasserbetriebe versehen werden. Die Läufer sind dann als kostenneutrale Werbeträger in der Stadt unterwegs.
Der Blick nach Wien zeigt dagegen, dass es auch ohne geht. Die Entscheider der Stadt sind von der Sinnhaftigkeit der ungefähr 900 dort stehenden Trinkwasserbrunnen überzeugt.
Schön wäre, wenn sich auch der Berliner Senat als Projekt auf die Fahnen schriebe, unsere Stadt zu einer Brunnenstadt zu machen.

Petra Roß

Ausgrabungen auf dem Friedhof

Kirchliches Zwangsarbeiterlager wird freigelegt

Nicht nur die großen Firmen wie die Flugzeugwerke auf dem Tempelhofer Feld setzten während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter ein. Auch die Berliner Evangelischen Kirchengemeinden betrieben von April 1942 bis zum Kriegsende auf dem hinteren Teil des Kirchhofs der Jerusalemsgemeinde in der Neuköllner Hermannstraße 84 ein Zwangsarbeiterlager.

zwangsarbeiterHistorische Steine in Neukölln.                               Foto: mr

Lange war das »Friedhofslager« unter Schutt und Abfall begraben. Anfang August haben Jugendliche eines internationalen Workcamps gemeinsam mit Berliner Jugendlichen unter der Leitung des Archäologenteams vom »Archäologiebüro ABD-Dressler Archäologie/ Baubegleitung/ Denkmalpflege« Reste dieses Lagers ausgegraben. Zum Vorschein kamen Fundamente der Wohnbaracke und ein erstaunlich großer und gut erhaltener Kartoffelkeller, aber auch Relikte, die Hinweise auf das Alltagsleben in der Baracke geben. So wurden Reste von Schuhsohlen gefunden, die aus alten Autoreifen zurechtgeschnitten waren.
Über 100 »Ostarbeiter«, die meisten Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren aus dem Gebiet der heutigen Ukraine, mussten hier ein armseliges Leben fristen. Die Verpflegung war karg, die Arbeit hart. Eingesetzt wurden sie auf Friedhöfen im gesamten Stadtgebiet und mussten dort Gräber ausheben für die vielen Toten der Bombennächte. Nur mit einem Spaten ausgerüs-tet, war das körperliche Schwerstarbeit, besonders im Winter, wenn der Boden gefroren war. Der monatliche Lohn für diese Knochenarbeit betrug nach Abzug der Kosten für Unterkunft und Verpflegung 20 bis 40 Reichsmark. Deutsche Arbeiter bekamen das Drei- bis Vierfache.
Langfristig möchte die Kirche auf diesem Gelände eine Gedenkstätte einrichten. Derzeit gibt es auf dem auf der anderen Straßenseite liegenden Thomasfriedhof einen Informationspavillon. Schautafeln, die auch von außen zu sehen sind, erzählen hier die Geschichten von zehn jungen Männern, die im Neuköllner Friedhofslager gelebt haben. Ihre Berichte geben Einblick in den Alltag der Zwangsarbeiter. Besonders anrührend ist das Tagebuch des achtzehnjährigen Wasyl Kudrenko, in dem er ab Anfang 1944 fast jeden Tag festhielt.
Während der Öffnungszeiten des Pavillons sind Ehrenamtliche der »AG NS-Zwangsarbeit« anwesend, die jedem Besucher sehr freundlich und kompetent Auskunft geben. Auch Schülergruppen sind hier zu Gesprächen und Führungen herzlich willkommen. 

mr
Der Pavillon ist von April bis Oktober jeweils mittwochs und samstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. RempeNK_Tagblatt-Kopf

Nr. 206 – Donnerstag, 03. September 1914
Um bei der durch den Kriegszustand herbeigeführten Verteuerung einer Anzahl von Lebensmitteln der Bevölkerung ein nahrhaftes, wohlschmeckendes, gut bekömmliches und billiges Brot zu verschaffen, hat Herr Polizeipräsident Becherer mit der hiesigen Bäckerinnung vereinbart, daß vorläufig eine Anzahl Bäckermeister Neuköllner Alltägliches weiterlesen

Nein zu Luxussanierung

Mieter fordern Milieuschutz

Immer mehr Häuser werden teuer modernisiert und die Wohnungen einzeln verkauft. Viele Mieter können sich die Wohnung dann oftmals nicht mehr leisten und sind gezwungen umzuziehen.
Das Neuköllner »Bündnis für bezahlbare Mieten« ruft daher das Bezirks-amt zur Einrichtung von Milieuschutzgebieten auf mit dem Ziel einer Mietenbremse. So lassen sich Luxusmodernisierung und das Zusammenlegen von kleinen Wohnungen unterbinden. Um Häuser der Spekulation zu entziehen, hätte der Bezirk ein Vorkaufsrecht. Tritt zusätzlich die Umwandlungsverordnung in Kraft, könnten damit weitere Umwandlungen verhindert werden. Mindestens die nördlichen sechs Quartiersmanage­mentgebiete innerhalb des S-Bahn-Ringes sollten diesen Schutzstatus bekommen, um die soziale Mischung im Kiez zu erhalten.
Um dem Nachdruck zu verleihen, ruft das Bündnis Mieter auf, Einwohneranträge im Rathaus zu stellen. Ein Einwohnerantrag muss von mindestens 1.000 Leuten unterstützt werden. Unterschreiben kann jede Person, die in Neukölln gemeldet und mindestens 16 Jahre alt ist. Unabhängig von der Staatsbürgerschaft! Unterschriftenbögen gibt es unter www.mietenbuendnis.de.
Ein weiteres Problem sieht das Bündnis beim Wohnungsneubau. Nachdem die Gebäude der Frauenklinik am Mariendorfer Weg jahrelang vor sich hin rotteten, sollen demnächst hier und auf dem benachbarten Friedhof rund 1.000 hochpreisige Eigentumswohnungen entstehen.
Das Bündnis fordert eine öffentliche Diskussion um eine soziale Nutzung des Gebäudekomplexes. Denkbar wäre zum Beispiel ein städtebaulicher Vertrag, der einen Anteil Sozialwohnungen garantiert.

Marlis Fuhrmann/mr

Umgeleitete Radler

Verkehrsentwicklungen in der Karl-Marx-Straße

Die ohnehin schon stau­geplagte Karl-Marx-Straße ist zur Einbahnstraße geworden. Die Fahrbahn in Richtung Britz ist zwischen der Werbellin- und der Schierker Straße gesperrt und zwar für die nächsten 80 Wochen. Grund ist die zweite Ausbauphase, bei der die Fahrbahn auf eine Spur pro Richtung zurückgebaut wird. Dafür gibt es dann in Zukunft breitere Gehwege und einen Radweg auf beiden Seiten. Grund für die lange Dauer der Bauarbeiten ist die gleichzeitige Sanierung der Tunneldecke der U7. Die stammt noch aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und bedarf dringend einer Verjüngungskur.
Autofahrer müssen während dieser Zeit über die Sonnenalle oder die Hermannstraße ausweichen.

umleitungWird oft übersehen.        Foto: mr

Aber auch Radfahrer müssen Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. In Richtung Hermannplatz ist in großen Teilen der Baustelle ein Radstreifen auf der Fahrbahn angelegt. Wo kein Radstreifen vorhanden ist, »sollte der Radfahrer einen Mindestabstand zur Bürgersteigkante von einem Meter einhalten, um den Autofahrer nicht zum knappen Überholen einzuladen« empfiehlt der »ADFC«.
In Richtung Süden endet der Radstreifen dagegen abrupt in Höhe des Herrnhuter Wegs. Wer Richtung S-und U-Bahnhof Neukölln will, ist gezwungen, das Rad bis zur Jonasstraße über den Bürgersteig zu schieben. Der »ADFC« schlägt vor, »hier den Radfahrern in Richtung Richardplatz die Einfahrt in die Uthmannstraße zu ermöglichen. Dieses wäre durch die Streichung von zwei Autoparkplätzen links der Baustelle möglich«. Wer sich auskennt, kann natürlich schon frühzeitig auf die Donau- und Richardstraße ausweichen. Eine weitere Umleitungsstrecke ist über Saltykowstraße, Bornsdorfer Straße, Mittelweg und Thomasstraße ausgeschildert.
Die Stadtteilgruppe Neukölln des »ADFC« Berlin begrüßt, »dass bei dieser Baustelle auch an Radfahrer gedacht wurde. Auf die Umleitung wird frühzeitig und korrekt hingewiesen und auch die Umleitung selbst ist korrekt ausgeschildert. Leider führt sie größtenteils über Straßen mit Kopfsteinpflaster«.

mr

Fahrradfahrer mit Schlägern

Bikepolo-Turnier auf dem Tempelhofer Feld

Bei Polo denken viele sicher an Pferde, Geld und High Society. Aber statt auf Pferden wurde auf dem Tempelhofer Feld auf Fahrrädern gespielt – Bikepolo. Vom 1. bis 3. August fand hier ein internationales Turnier statt, bei dem etwa 40 Teams aus der ganzen Welt gegeneinander antraten.
Auf zwei Spielfeldern wurde den Zuschauern rasantes und elegantes Spiel geboten. Es war faszinierend, die Spieler auf den Rädern zu be­obachten, die Perfektion, mit der sie ihr Sportgerät beherrschten und die akrobatischen Tricks, die sie mit den Rädern vollführten.

bikepoloPolo mit Drahteseln.                                         Foto: mr

Jeweils drei Spieler einer Mannschaft versuchen bei diesem Spiel, auf dem Fahrrad sitzend einen kleinen Ball mit Poloschlägern ins gegnerische Tor zu befördern. Ein Spiel geht zehn Minuten oder bis fünf Tore gefallen sind. Wer den Boden mit dem Fuß berührt, ist aus dem Spiel und muss entweder einen Kreis fahren oder einen festgelegten Punkt auf dem Spielfeld mit dem Schläger berühren, bevor er wieder einsteigen darf. Ge­spielt wird auf einem etwa tennisplatzgroßen, von einer Bande begrenzten Spielfeld.
Bikepolo ist keine neue Sportart, sondern entstand bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Irland. 1908 war es sogar olympische Disziplin.
Wieder entdeckt wurde es Anfang der 2000er von Fahrradkurieren in Seattle, die sich so die Zeit in den Pausen vertreiben wollten. Der Sport breitete sich zunächst in den großen Städten der USA aus, wird inzwischen aber auch in Europa zunehmend populärer.
Auch wenn die Zahl der Aktiven rasant wächst, hat sich Bikepolo bislang den Status einer Szene-Sportart erhalten können, bei der der Spaß am Spiel, Geselligkeit und Freundschaft im Vordergrund stehen. Daher kommt diese Sportart bisher auch noch ohne feste Organisationsstruktur aus. Weltmeisterschaften und Turniere werden gemeinsam von den Spielern ausgerichtet. Da sowohl Aktive als auch Zuschauer vom Turnier auf dem Tempelhofer Feld begeistert waren, hoffen die Berliner Organisatoren, es auch im nächsten Jahr wieder am gleichen Ort ausrichten zu können.

mr
www.berlin-bikepolo.de

Ein Haus wird verhökert

Immobilienhandel im Jahre 2014

Früher redeten die Bewohner der Emser Straße über Messerstechereien, Schießereien, Überfälle und über die arbeitende Bevölkerung im horizontalen Gewerbe. Das gibt es zwar alles noch, aber nicht mehr so viel wie früher. Das neue, heute beherrschende Thema vor den Cafés und Tabakläden ist: was tun, wenn das Haus, in dem Sie eine Wohnung gemietet haben, verkauft wird? Da werden dann Tipps gegeben, der Betroffene erntet einen mitleidigen Blick, der sagen will: »Schon wieder ein Haus, den hat’s also auch erwischt.«
So auch das Haus in der Emser Straße 46. Die Familie Aust wohnt hier seit 19 Jahren. Zuerst hatte Jochen Aust eine Wohnung. Als die Familie wuchs und das Einkommen es zuließ, mietete er die freigewordene benachbarte Wohnung mit Außenklo hinzu, machte einen Durchbruch und hatte nach vielen Renovierungsarbeiten eine repräsentative Behausung. Das alles war mit dem Hauseigentümer Günter Klausch abgesprochen, der zwar schon in die Jahre gekommen war, aber wusste, was er tat. »Wenn Sie nicht selbst kündigen, werden Sie so lange in der Wohnung wohnen, bis Sie mit den Füßen zuerst herausgetragen werden«, versprach der Vermieter.
Es kam, wie es kommen musste. Der Vermieter starb, seine Tochter erbte das Haus. Da ihr Interesse an dem Haus nicht besonders ausgeprägt war, übergab sie alles der Hausverwaltung Köbe. Roland Köbe ist nicht nur Hausverwalter, sondern auch Steuerberater und Immobilienmakler. Seither wurden keine leer stehenden Wohnungen neu vermietet.

klauschGünter Klausch rotiert.                           Foto: fh

Vier Jahre später gelang es dem kühl kalkulierenden Geschäftsmann, die Hauseigentümerin vom Hausverkauf zu überzeugen. Käufer ist eine Firma namens »SHG«. Genaues weiß keiner über die Firma, die »Berliner Mietergemeinschaft« vermutet aber, dass sich dahinter das Unternehmen »Stonehedge« verbirgt, das durch sein aggressives Verhalten beim Verkauf von Immobilien auffällt.
Nachdem Architekten die Austsche Wohnung vermessen wollten, konnte Tatjana Aust auf dem Grundriss den Vermerk »Abgeschlossenheitsbescheinigung« erkennen. Das wunderte die Familie, denn die sei bei Wohnungen mit Außenklo nicht möglich. Ohne diese Bescheinigung wiederum ist der Verkauf einer Wohnung nicht möglich. Das gibt ihnen Anlass zur Hoffnung, aber die Angst vor Schikanen bleibt.
Etwas Neues muss sich in diesem Haus der Fliesenleger einfallen lassen, der seine Fliesen im Schuppen im Hof lagert, denn der wird bald abgerissen.
Familie Aust besucht nun regelmäßig den »St. Jacobi II Friedhof«, auf dem Günter Klausch seine letzte Ruhe fand. Dort schüttet sie ihr Herz aus. Wenn er die Entwicklung in seinem Haus mitbekäme, er würde sich im Grab umdrehen. 

ro

Hipper Knipser

Photograph mit analoger Technik

Ich treffe Chris in einem Café in Neukölln. Auf dem Tisch liegt eine Kamera, keine Digitalkamera, sondern eine alte Messsucherkamera, mit der viele Kinder und Jugendliche wahrscheinlich nichts anfangen könnten. Ein waschechter Fotograf geht eben nie ohne sein »Werkzeug« aus dem Haus. Chris Noltekuhlmann hingegen arbeitet damit, wenn er seine Fotostrecken macht.
»Ich hab schon immer gerne fotografiert«, erzählt er. Schon jung hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. Er beschreibt sich als »Kamera-Nerd« und lacht. Wahrscheinlich könne er mittlerweile sämtliche Fragen rund um das Thema Fotografie beantworten.

 Mamiya 7 80mm 4,0Alexa Feser.       Foto: Chris Noltekuhlmann

»Wenn ich erzähle, dass ich fotografiere, ist das für viele gar nicht so interessant. Aber sie bekommen große Ohren, wenn ich sage, dass ich in dem Bereich nie eine Ausbildung oder ein Studium absolviert habe.« Und er bekommt Anerkennung und Lob. Stolz kann er auf jeden Fall sein, denn der 24-jährige hat bisher schon viel erreicht.
Zu Beginn hat sich Chris in der lokalen Musikszene herumgetrieben und viele Bands fotografiert. »Um an Fotos von bekannten Bands zu kommen, habe ich mich eine zeitlang am Schreiben von Blogbeiträgen versucht, denn ein Interviewtermin war die einzige Chance auf ein anschließendes Bandfoto«, erzählt er und lacht. Das Fotografieren läge ihm jedoch besser, gesteht er.
Mittlerweile ist Chris sehr gefragt und macht zum Beispiel auch Porträts von bekannten Schauspielern aus Film und Fernsehen. Bands und Musiker allgemein sind immer noch eines seiner Lieblingsmotive. Seit einiger Zeit führt Chris neben seiner Fotoarbeit auch Regie für Musikvideos und Werbespots.
Berlin ist zu seiner Heimat geworden, doch es zieht ihn übers Meer nach Amerika. »Ich war dort viele Male und habe mich wohlgefühlt, dort könnte ich auch viel erreichen, außerdem gibt es da die Motive, die in Berlin immer weniger werden«, sagt er. Ob und wie lange er noch in Berlin bleibt, ist noch nicht entschieden. Dennoch ist er auf der Suche nach einem kleinem Fotostudio mit Büro, denn im Moment arbeitet er noch aus seinem WG-Zimmer.

cr
www.cnphotography.de

Ein Franzose becirct Neukölln

Kurioses für Nachtschwärmer im »Le Velours Noir«

Ein Franzose kommt aus einem Dorf in der Nähe von Lyon nach Neukölln. Er entscheidet sich hierzubleiben und sich gastronomisch breitzumachen. Innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich seine Bar bei den Nachbarn zum Lieblingstreffpunkt.
Es klingt ein bisschen wie der Plot eines französischen Heimatfilms aus den Achtzigern, und wer weiß, vielleicht würde Ben die Vorstellung gefallen, dass seine Geschichte verfilmt wird.

Le velours noirle Velours Noir.                 Foto: pr

Ben hat in in der Altenbraker Straße sein »Le Velours Noir« eröffnet. In der Gastronomie arbeitet er das erste Mal, in seiner Heimat war er am Theater angestellt. »In Deutschland konnte ich das nicht«, sagt er. Die Sprachbarriere sei aufgrund der Fachbegriffe zu groß. »Ich muss einfach mehr Deutsch sprechen«, sagt er. Denn wer viel spricht, lernt bekanntlich gut.
Trotzdem ist er zuversichtlich. Mit seinem französischen Charme und seinem Akzent becirct er die Gäste, über Sprachbarrieren lächelt er hinweg. Wenn nichts mehr geht, wechselt er die Sprache. Ihm fällt es leicht, zwischen Französisch und Englisch zu springen. Nur Deutsch ist noch eine kleine Baustelle, die aber mehr und mehr fertiggestellt wird.
In Neukölln fühlt er sich wohl. Die Vielfalt gefällt ihm, und er ist froh, dass sich seine Bar so großer Beliebtheit bei den Anwohnern erfreut. Statt eines weiteren Franzosentreffs ist »Le Velours Noir« ein beliebter Feierabendanlaufpunkt für alle geworden.
Einen Teil seiner alten Arbeit hat Ben mit in seine Bar genommen. An der Wand hängt unter anderem eine Installation aus Schallplatten und Zahnrädern, die mit schwarzen Stangen verbunden sind. Auch sonst ist die Bar voller Kuriositäten, wie etwa einem echten Glasauge, das mit einer Vergrößerungslinse begutachtet werden kann.
Ben ist mit seiner Bar genau richtig im Kiez. Hätte er die Möglichkeit, noch einmal zu wählen, würde er sich wieder für Neukölln entscheiden.

cr
Le Velours Noir, Altenbraker Str. 343
Di-Sa 18:00-06:00

Lecker Liquor und ein Neuköllner Kräuterkind

»The Liquor Company« importiert und braut feine Schnäpse für Kenner

Tequila aus Mexiko, Gin aus Frankreich und Rum aus der Karibik – da schnalzen Zunge und Leber des leidenschaftlichen Genusstrinkers. Und wenn es diese Schnäpse auch noch in schmeckbar hoher Qualität zu guten Preisen gibt, lacht das Herz mit.
Den Mittdreißigern Lars Stottmeister und Florian Stärk liegen Spirituosen mit Charakter ebenfalls am Herzen, weshalb sie vor knapp drei Jahren ihre eigene Alkoholimportfirma »The Liquor Company« mit Sitz in der Weserstraße gründeten. Von ihrem einer typischen Neukölln-Bar ähnelnden Ladengeschäft aus importieren die beiden Ex-Jura-Studenten feine Tropfen ohne Zwischenhändler direkt von Destillerien vor Ort, und das zu fairen Einkaufspreisen. Zu den Schnäpsen, die sie unter eigenem Etikett verkaufen, zählen langsam aus Zuckerrohr gebrannte und in verschiedenen Holzfässern ausgebaute »Cuate«-Rums aus Barbados in drei Altersstufen, der milde »Gin XIX«, destilliert aus 19 Kräutern, und »Baranda«-Tequilas in Gold und Silber.

KR_23Neuköllner Liquor – Prost!           Foto: PR

Klar, dass die Inhaber überzeugt sind, die Qualität der hiesigen Spirituosenmarken, die im Wesentlichen von nur drei Großkonzernen importiert werden, locker toppen zu können. Der langwierige Geschäfts- und Vertrauensaufbau zu den Destillerien, insbesondere denen in Übersee, und das Einarbeiten in all die Zoll- und Steuergesetze hat sich gelohnt: Mehr als 150 Bars, Clubs, Restaurants und Feinkostläden allein in Berlin verkaufen schon die »Liquor Company«-Marken, dazu kommen Onlineshops und Händler in anderen deutschen Städten sowie in Österreich und der Schweiz.
Stolz sind Lars und Florian auf ihr erstes komplett selbst hergestelltes Stöffchen: »KR/23«, ein harmonisch-aromatischer Kräuterlikör aus 23 echten, naturbelas-senen Kräutern und Gewürzen, die frisch oder getrocknet mit sehr reinem Getreidewodka angesetzt werden. Für die leicht herbe Süße sorgt Kandiszucker. Über Wochen reift das so genannte Mazerat dann in 25-Liter-Glasballonen, bevor es nach doppelter Filtration in Flaschen abgefüllt wird. Ein echtes Neuköllner Kind aus Herzblut und Handarbeit, das dem Gaumen schmeichelt: Von Zimt, Kardamom, Kurkuma, Anis, Kümmel, Muskat, Basilikum, Oregano, Thymian und Rosmarin  über Kamillenblüte, Fenchel, Lorbeer, Salbei, Minze, Zitronenmelisse und Orangenschale bis hin zur leichten Schärfe von Ingwer und Pfeffer steckt der »KR/23« voller Geschmacksentdeckungen. Wer mag da noch schnöden Jägermeister trinken?

hlb
The Liquor Company, Weserstr. 53,
www.the-liquor-company.de, Facebook: theliquorcompany.de44

Steh zum Kaffee

Coffee to drink und dann erst go

Kaffee bestellen, trinken, weiterziehen. Was in anderen Ländern funktioniert, könnte den Berlinern sicher auch gefallen. Das Konzept einer Kaffeebar hat es zum Beispiel in Italien, Frankreich und England schon zu großer Beliebtheit gebracht.
Niels Göttsch dachte genauso und hat schließlich die dafür notwendigen Schritte unternommen. Kaffee hat er schon immer gerne getrunken. So hat er angefangen auszuprobieren, wie vernünftiger Kaffee geht. Eine Weiterbildung oder ähnliches hat er nie so richtig gemacht, »learning by doing« hat ihn zu dem gebracht, was er jetzt macht.
Die »leuchtstoff Kaffeebar« in der Siegfriedstraße ist sein ganzer Stolz. Aus einer ehemaligen Glaserei hat er zusammen mit seinem achtköpfigen Team einen Treffpunkt geschaffen, der zum kurzen Verweilen einlädt. Was anderes wollte Niels auch nicht. »Das ist ja das Prinzip einer solchen Bar«, erklärt Niels. Kaffee trinken und dann weiterziehen.
Da viele aber doch gerne ein wenig sitzenbleiben, hat Niels irgendwann einen zweiten Raum eingerichtet. Auf einer zweiten Ebene befinden sich zwei Sofas, doch ewig wird das nicht so bleiben.
»Mein Traum wäre eine eigene Rösterei im hinteren Raum«, schwärmt Niels. Außerdem möchte er gerne die Theke wieder umstellen. Dann wäre wie zuvor nur der vordere Raum für die Gäste bestimmt und hinten könnte er sich austoben.
Die Umsetzung wird aber noch dauern. Bis dahin werden die Räume nach Feierabend unter anderem für Volxküchen genutzt – und natürlich zum Kaffee und Tee trinken und dazu selbstgemachten Kuchen essen.

cr

leuchtstoff Kaffeebar
Siegfriedstr. 18
Mo-Fr 08:00 – 18:00
Sa-So 10:00 – 18:00
Soli-Küfa für alle
jeden 1. und 3. Fr 20:00

Kranich wird gefilmt

»Du musst Dein Ändern leben«

Den meisten Menschen fehlt von dem, was wenige zu viel haben. Diesem Motto folgen junge Neuköllner Künstler, denen das Geld fehlt, um ihre Projekte umzusetzen. Damit die mit Nichts die mit Etwas oder mehr finden, gibt es Crowdfunding. Hier stellen Künstler ihre Projekte vor und hoffen auf Geldgeber, die ihre Ideen finanzieren.
Benjamin Riehm ist Filmemacher. Er und eine Gruppe von Neuköllnern sind auf der Suche nach Brachgeländen in Neukölln. Daraus ist beispielsweise der »Klunkerkranich«, das Café über den »Neuköllner Arkaden« entstanden.
Nun wird ein Film gedreht, in dem die Geschichte des »Klunkerkranich« beschrieben wird. Es geht darum, wie Menschen für eine Idee brennen, Freiräume suchen und dabei neue Formen des gemeinsamen Lebens und Arbeitens finden.
»Du musst Dein Ändern leben« soll im Spätsommer seine Premiere im »Klunkerkranich« feiern. Sponsoren werden noch immer gesucht. Sie haben die Möglichkeit, die Umsetzung zu unterstützen, wenn sie über www.startnext.de/dein-aendern-leben mit einem finanziellen Beitrag helfen.

oj

Benvenuto, Piccolo Cinema Grande!

Das »KINO« verbindet italienische Genüsse mit Filmkunst

Nordneukölln hat einen schicken neuen Treffpunkt für Film- und Kulturinteressierte – aber auch für Freunde italienischer Lebensart. Nach Monaten aufwendiger Umbauten und Dämmmaßnahmen haben Carla Molino und ihr Team im Juni das »KINO« eröffnet, einen stilvollen Mix aus Kino, Bar und Bistro. In den Räumen einer alten Bä-ckerei, direkt neben dem Restaurant »Nansen« am Maybachufer, lassen sich nun nicht nur italienische Weine und Speisen, sondern auch entdeckenswerte, unabhängige Filme erleben. Wie sein gleichnamiges Partnerprojekt und Vorbild in Rom hat das »KINO« einen kleinen, aber professionell ausgestatteten Kinosaal mit etwa 50 Plätzen, in dem ab sofort fast täglich ein anspruchsvolles internationales Programm aus Originalfassungen, Dokus, Kurz-, Kinder- und lokal produzierten Filmen gezeigt wird.

KINO Bar außen_bearbeitetErst was trinken, dann mal gucken.              Foto: hlb

Vor, nach und während der cineastischen Preziosen lädt die schmucke Bistro-Bar mit ihrem langen Tresen, gro­ßen Fenstern zur Straße, einem Himmel aus Dutzenden Lämpchen und geschmackvoller Popmusik zu anregenden Gesprächen bei Kaffee (ein Espresso kostet 1 Euro), Bier, diversen Weinen oder italienischen Cocktails ein. Bei einem Negroni aus Martini, Campari und Gin fachsimpelt es sich doch gleich viel besser.
Bis 22 Uhr serviert Chef Silvestro dazu kulinarisches Dolce Vita: Aufschnitt-, Käse- und Antipastiteller, Paninis, Quiches, Cous Cous, Haselnuss Crumbles und reichhaltige, gesunde Salate mit besten Zutaten aus Italien wie etwa Kirschtomaten aus dem sizilianischen Pachino oder Büffelmozzarella aus Kampanien. Sonntags lässt sich ab 12 Uhr im »KINO« frühstücken, bevor um 18:30 Uhr die »Aperitivo«-Zeit eingeläutet wird, in der sich der Gast für 7,50 Euro neben seinem Drink an einem italienischen Büffet laben kann.
Ein Raucherraum verbindet Bar und Kino, so dass kein Paffer draußen frieren muss und sogar noch Leinwand und Tresen gleichermaßen im Blick hat. Einladend und abwechslungsreich – mit dem »KINO« heißt der Kiez einen tollen neuen Kulturspot con molte ambizioni willkommen.hlb
KINO Cinema/Bar/Bistro, Nansenstr. 22, Di – Sa 18 – 3, So 12 – 3Uhr; www.ilkino.de,
Facebook: ilkinoberlin

Heiße Grooves zum krönenden Abschluss

Mitreißende Sommerkonzerte im Körnerpark

Fast so pünktlich wie die Musik beginnt manchmal der Regen bei den Konzerten im Körnerpark. Doch die zahlreichen Besucher, die am 3. August zu »Mesut Ali’s Oriental Connection« kamen, ließen sich davon nicht beirren.
Die international besetzte Band von Mesut Ali beschränkte sich nicht auf türkische Musik, sondern streckte die Fühler auch in Richtung Afrika aus. Souleyman Touré von der Elfenbeinküste zauberte faszinierende Melodien und Rhythmen aus seiner Talking Drum. Virtuos solierten auch die Bläser, Altsaxophonist Jan von Klewitz, Tenorsaxophonist Fuasi Abdul Kahliq und Trompeter Paul Schwingenschlögl. Ihr Zusammenspiel funktionierte reibungslos und sie unterstützten die Soli der Kollegen durch treibende Background Riffs. Gitarrist Mustafa Kos und Bassist Mustafa Sarisin sorgten gemeinsam mit Bandleader Mesut Ali an der Perkussion für das rhythmische Fundament und setzten die teils komplizierten Rhythmen überzeugend um.

mesut_aliMesut Ali mit Paul Schwingenschlögl.                            Foto: mr

Das gesamte Spektrum der brasilianischen Musik war eine Woche später zu hören: vom Nordwesten Brasiliens bis zu den Straßen von Sao Paulo und den Stränden von Rio. Die Musik der Band »Vatapa de Fruta Pao« war teils sanft und jazzy, dann wieder energetisch, funky und afrikanisch. Der hervorragende Sänger und Gitarrist Arnaldo Prete wurde kräftig unterstützt vom Schlagzeuger Zito Ferreira, dem Perkussionisten Peter Kuhnsch und dem Bassisten Peter Beford. Über diesem Sound schwebte das luftige Sopransaxophon von Joseph Carpentier. Die gesamte Terrasse war voll mit Menschen, die das brasilianische Flair genossen.
Ein sehr feines Jazztrio namens »Slowboy« stand am Sonntag, den 17. August, auf dem Programm. Die drei Musiker scheuten keine Mühe, die schwere Hammond B3 Orgel samt Leslie-Verstärker auf die Bühne zu bringen. Der Aufwand lohnte sich. Der Klang dieser Kultorgel begeisterte die Zuhörer. Organist Wolfgang Roggenkamp zeigte meisterhaft, was aus diesem Instrument hervorzuholen ist. Präzise, aber auch federleicht und mit viel Fantasie bei den Soli zeigte sich Kay Lübke am Schlagzeug. Gekrönt wurde das vom teils lyrischen, aber auch ausdrucksstarken und virtuosen Saxophonspiel von Jan von Klewitz.
Einige der bekanntesten Soulhits gab es eine Woche später von der »Soulband Berlin« zu hören. Die Band gibt es seit über 25 Jahren und durch ihre überbordende Spielfreude haben sie eine große Anhängerschaft erworben. Sänger Craig Burton bestach durch seine fantastische Soulstimme und animierte das Publikum zum Tanzen. Sein Kollege Lennart Mason überzeugte durch gefühlvolle Interpretationen von Hits wie »Dock of the Bay« und »What’s Going On«. Die bestens eingespielte Rhythmusgruppe mit Jürgen Papke am Bass, Holger Brekow am Schlagzeug und Clemens Gassner lieferte die Basis für die beiden Sänger. Feine Orgelsounds kamen von Stefan Mantel, Stefan Szabo am Saxophon spielte Melodien, Riffs und einige schöne Soli.
Den krönenden Abschluss der Konzertreihe setzte das »Orquesta Burundanga« am Sonntag, den 31. August. Die hauptsächlich aus Frauen bestehende Salsa-Band begeisterte mit ihrer heißen Mischung aus Salsa, Merengue und Rumba. Damit ging eine großartige Saison mit vielen spannenden Konzerten zu Ende. pschl

Musik jenseits gewöhnlicher Pfade

Ein Besuch in den Jazzclubs Neuköllns

Jede Woche eröffnen neue Bars und Kneipen in Neukölln. Einige veranstalten auch Live-Konzerte. Und manchmal gibt es auch Jazz. Aber nicht den herkömmlichen Jazz, der in den Klubs von Mitte und Prenzlauer Berg gespielt wird, sondern experimentelle und improvisierte Musik, die mit Jazz nur am Rande etwas zu tun hat. Aber nicht nur die Musik ist ungewöhnlich, sondern auch die Orte, an denen sie stattfindet.
Einer dieser Orte ist die »MaThilda Bar« an der Ecke Wildenbruch/Harzer Straße in Nordneukölln. Anfang September macht der international bekannte New Yorker Trompeter Amir ElSaffar nach Festivalauftritten in ganz Europa, unter anderem beim renommierten Jazzfest Saalfelden, Station in Berlin. Am 2. und 4. September beehrt er die »MaThilda Bar« gemeinsam mit Robin Hayward (Tuba), Hilary Jeffery (Posaune) und Trompeterkollege Paul Schwingenschlögl. Mit diesen drei Musikern trat er im April beim Ultima Festival in New York auf. Weitere illustre Mitstreiter wie der australische Schlagzeuger Tony Buck und der Oudspieler Omar Dewachi werden an den zwei Tagen mit ihm auf der Bühne stehen.
Ungewöhnlich ist auch die Musik der Gruppe »TAKABANDA«, die sich nach langer Zeit zu einer Art Reunion am 13. September im »MaThilda« trifft. Eigene Kompositionen mit viel Improvisation und mitreißenden Rhythmen erwarten den Zuhörer.
Einige Straßen weiter in der Schönstedtraße 7 nahe der Sonnenallee gibt es den Veranstaltungsort »Altes Finanzamt«. In den früheren Büroräumen gibt es vor allem experimentelle und elektronische Musik zu hören.
Fast schon ein Traditionslokal ist das »Sowieso« in der Weisestr. 24.
Regelmäßig finden dort Konzerte improvisierter Musik mit den besten Musikern aus der internationalen Improvisationsszene wie Alexander von Schlippenbach, Dag Magnus Narvesen und Johannes Bauer statt. 

pschl

Gold und Nüsse für die Gropiusstadt

Ein glänzender Einfall für einen grauen Platz

Der Lipschitzplatz in der Gropiusstadt wird vergoldet. Nicht der ganze, nur ein kleiner Teil im Eingangsbereich. Es ist natürlich auch kein Blattgold, was hier verarbeitet wird, sondern golden glänzende hauchdünne Metallblättchen aus einer Kupfer-Zink-Legierung, die in mühseliger Handarbeit auf den Boden aufgebracht wurden. Die Idee dazu hatten Studierende der TU-Fachgebiete Städtebau und Urbanisierung sowie Bildende Kunst, die sich mit der Gestaltung der Freiflächen der Gropiusstadt auseinandergesetzt haben.
In der Gropiusstadt gibt es viele Freiflächen zwischen den Hochhäusern, die aber von den Bewohnern selten als Aufenthaltsorte wahrgenommen, sondern eher als Durchgangszonen genutzt werden. Und daran möchten die Studenten etwas ändern. Unterstützung erhalten sie dabei vom interkulturellen Treffpunkt und vom »Gemeinschaftshaus Gropiusstadt«.

goldverlegenGoldene Zeiten am Lipschitzplatz.                                                    Foto: mr

Die Studenten erhoffen sich von dieser Aktion, einen zuvor kaum wahrgenommenen Platz zu beleben, im besten Fall zu bewohnen. Der Platz soll nicht umgangen, sondern benutzt werden als Ort der Begegnung. Er soll Gebrauchsspuren aufweisen und sich verändern. Die Kunstaktion soll aber keineswegs nur eine Performance der Studenten sein. Vielmehr waren alle Anwohner eingeladen, sich an der Aktion zu beteiligen, und »ihr eigenes Stück Gold zu verlegen«. Ein paar Nachbarn kamen dann auch tatsächlich und halfen mit. Andere Passanten gingen eher kopfschüttelnd vorbei. Einige Male seien sie sogar als Steuergeldverschwender beschimpft worden, berichtete einer der Teilnehmer. Ein ungerechtfertigter Vorwurf, denn das Material und die Absperrungen werden von Firmen gesponsert, die Arbeitszeit leisten die Studenten unentgeltlich.
Auch die daneben liegende Grünfläche wird umgestaltet. Am 8. September werden dort ein Walnuss-, ein Haselnuss- und ein Mandelbaum gepflanzt. Unter den drei Bäumen werden Sitzgelegenheiten aufgestellt, die in ihrer Form den jeweiligen Nüssen entsprechen. mr

Gezi-Park hautnah

Fulminante Premiere in der »Neuköllner Oper«

Mit einem politisch brisanten Stück gelang der »Neuköllner Oper« eine beeindruckende Inszenierung.
Die Besetzung des Gezi-Parks in Istanbul im Juni 2013, bei dem die Aktivisten verhindern wollten, dass in dem Park ein Einkaufszentrum gebaut wird, entwickelte sich zu einer Manifestation von gigantischem Ausmaß. Zehntausende Menschen jeder Herkunft und aller Generationen feierten auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park friedlich ein Fest, wie es die Türkei noch nie gesehen hatte. Wenige Tage später wurde diese überwältigende Demonstration von der Polizei mit Gasgranaten und Wasserwerfern brutal zerstört.
Die Inszenierung, die diese Ereignisse mit den Mitteln des Musiktheaters umsetzte, riss die Zuschauer bei der Premiere am 21. Augustnicht nur emotional, sondern auch physisch mit. Die Rauchschwaden, die um die Bühne waberten, ließen sie in die Atmosphäre nach dem Tränengaseinsatz der Polizei im Gezi-Park eintauchen. Verstärkt wurde diese beklemmende Stimmung durch kurze schockierende Live-Sequenzen auf der Breitbildleinwand.

nk-operFreie Medien am Taksim-Platz.                    Foto: mr

Die junge Regisseurin Nicole Oder ging ein großes Wagnis ein, in dem sie fast vollständig auf türkische Folklore verzichtete, gleichzeitig aber die türkische Sprache zu großen Teilen beibehielt und die Protagonisten als moderne, weltoffene Jugendliche zeigte, die einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen den Staat führen.
Hauptdarstellerin Pinar Erincin, die selbst in der Gezi-Park-Bewegung aktiv war, beeindruckt in ihrer Rolle als Leyla, einer Aktivistin der Protestbewegung, sowohl mit ihrem gesanglichen als auch schauspielerischen Talent. Teils fragil, dann wieder als harte Kämpferin, nimmt sie das Publikum mit auf eine bange Reise zwischen Hoffnung auf eine neue Generation in der Türkei und Frust wegen des brutalen Vorgehens der Polizei.
Murat Dikenci gibt sich als Präsentator eines unabhängigen Piratensenders als Biene, die den Frieden will, tanzt wie ein Derwisch, zeigt aber auch exemplarisch die Rolle der unabhängigen Medien in diesem Konflikt.
Etwas farblos geriet die Rolle des deutschen Protagonisten Ben, der mittels neuer Technik in seinen sogenannten Soundscapes die Stimmen aus aller Welt einfängt. Er verliebt sich in Leyla, doch als die Tränengasangriffe der Polizei kommen, will er fliehen. Leyla, die starke Frau, trotzt dem Angriff und flieht dann, als alles aussichtslos scheint, in die Berge.
Ein Stück, das vieles offen lässt, aber vor allem durch eine geschickte Kombination von Schauspielkunst, stimmungsvoller Musik, gekonnten Videoeinspielungen und klug gestaltetem Bühnenbild emotional aufwühlt.

psch

Frauenversteher in Britz

Sommeroper mit »Don Giovanni«

Wenn ein Wurm gro­ßen Hunger verspürt und nichts weiter zu essen da ist als eine Partitur, dann ist wieder Sommeroper-Zeit in Britz. Die Ouvertüre von »Don Giovanni« hat der Wurm gefressen, also fängt der Maestro mit dem zweiten Stück an.
»Don Giovanni«, ein Weiberheld der Extraklasse, der sich hinter einer verspiegelten Sonnenbrille versteckt und in brenzligen Situationen gerne mal seinen Diener Pasquariello vorschickt, lässt nichts anbrennen.
Dummerweise macht der selbsternannte Frauenversteher nicht davor Halt, jeder Angebeteten einen Heiratsantrag zu machen. Während Pasquariello mal wieder alles ausbügeln muss, vergnügt sich Don Giovanni schon mit der nächsten. Donna Elvira, seiner Verlobten, gefällt das eher weniger. Von Pasquariello bekommt sie eine genaue Liste der Damen, die ihr Mann schon beglückt hat. Da Papier anscheinend schon damals teuer war, sind die Namen auf des Dieners Körpers geschrieben, und Donna Elvira bekommt einen Gratisstrip der individuellen Sorte.
Der Rest ist schnell erzählt: Der hochmütige Gigolo schleicht sich mit Pasquariello auf den Friedhof und lädt die Statue des Komturs ein, den er zuvor hinterhältig getötet hat, in seinem Haus mit ihm zu dinieren. Entgegen seinen Erwartungen stimmt die Steinskulptur zu und taucht tatsächlich auf. Don Giovanni gibt sich gelassen, auch als ihn die Statue im Gegenzug zum Essen einlädt. Doch plötzlich bleibt ihm das Lachen buchstäblich im Hals stecken.
Die Sommeroper war wieder ein Gaumenschmauß mit hervorragenden Sängern und Musikern. Das Bühnenbild war einfach gehalten und erfüllte genau seinen Zweck: die Sänger standen im Vordergrund und der Zuschauer konnte sich voll und ganz auf das Geschehen konzentrieren, ohne von Kleinigkeiten abgelenkt zu werden.

cr

Blaumachen am Mittwoch

Musik und Filme umsonst und draußen

kölln, auch das südliche Neukölln hat kulturell einiges zu bieten. Seit mehreren Jahren schon läuft in der Gropiusstadt die Konzertreihe »Blauer Mittwoch«, bei der das Publikum in den Genuss von Konzerten umsonst und draußen kommt.

blauer mittwochTratschen und Ratschen im Takt.                                   Foto: mr

Vorwiegend Leute aus der unmittelbaren Umgebung besuchen diese Konzerte auf dem Lipschitzplatz, machen es sich auf den Liegestühlen mit dem speziellen »Blauer Mittwoch«-Design gemütlich oder sitzen entspannt an den Biertischen. Sehr beliebt ist Country & Western und Rock `n‘ Roll. Dementsprechend voll war es beim Eröffnungskonzert am 6. August, als die Band »4CASH« Johnny Cash würdigte und mitreißenden Rock `n‘ Roll zum Besten gab. Genauso enthusiastisch reagierten die Zuhörer eine Woche später, als »Simone und die Flotten Drei« Schlager aus der guten alten Zeit präsentierten.
»Juanita Olaya und Guarapo« nahmen die Zuhörer am 20. August mit auf eine musikalische Reise durch Lateinamerika. In eine ganz andere Richtung ging die Reise eine Woche später. Da wartete das »Trio SCHO« mit mitreißenden russischen Songs und fetzigen Rhythmen auf. Den krönenden Abschluss am 3. September machen dann wieder mal die »Flintstones« mit Big-Band-Sound vom Feinsten.
Neben den Konzerten bietet das Gemeinschaftshaus Gropiusstadt in Kooperation mit dem Kinder- und Jugendclub »Abenteuerspielplatz Wildhüterweg« Filme bei freiem Eintritt unter freiem Himmel an. Gezeigt werden sie entweder im Hof des Gemeinschaftshauses oder auf dem Gelände des Jugendzentrums. Ein Renner war der Streifen »Fack Ju Göhte« am 22. August, der so gut besucht war, dass die Liegestühle und Bänke fast nicht mehr ausreichten. Die politisch herrlich inkorrekte Komödie über Lehrer und Schüler fand großen Anklang.
Weitere Filme werden dann im September auf dem Abenteuerspielplatz am Wildhüterweg gezeigt: am 5. September »Rhythm is it« und am 12. September passend zum Abschluss »Das Beste kommt zum Schluss«. 

pschl

Unheiliges Kraut: die Schafgarbe

Von der Kirche gefeiert, obwohl es die Abtreibung ermöglicht

Mariä Himmelfahrt ist der größte weibliche Feiertag der katholischen Kirche. Zu dieser Zeit wachsen Johanniskraut, Schafgarbe, Thymian Rainfarn am Straßenrand und blühen in allen Farben. Die katholische Kirche erinnert immer am 15. August an diese und viele weitere Wild­kräuter seit Jahrhunderten mit der Kräuterweihe zu Mariä Himmelfahrt. Es ist eines der ältesten Marienfeste und hat seinen Ursprung im fünften Jahrhundert. Bei dieser Kräuterweihe werden die Pflanzen zu einem Strauß gebunden oder mit in einen Korb gesteckten Heilkräutern, geweiht. Anschließend werden sie getrocknet und in Haus und Hof aufbewahrt. Dies soll vor Krankheiten bewahren und Segen bringen.

scharfgabegefiederte Blätter sind ihr Kennzeichen.Foto: mr

Die Schafgarbe (Achillea milleffolium) ist ein typisch mitteleuropäisches Kraut, das bis in fast 2000 Meter Höhe wächst. Der Gattungsname geht auf Achilles, den sagenhaften Helden des trojanischen Krieges zurück, der, wie bei Homer beschrieben, die Pflanze als Heilmittel entdeckt und zur Wundheilung verwendet haben soll. Im Altertum soll die Schafgarbe ebenfalls zur Stillung von Blutungen verwendet worden sein.
Das Kraut hat weit über 50 verschiedene Namen (Augenbraue der Venus, Blutstillkraut), je nach Gegend.
Die Schafgarbe ist ein absolutes Frauenkraut. Dass Frauen es während der Schwangerschaft nicht zu sich nehmen dürfen, zeugt von seiner Abtreibungswirkung. Das Kraut wird meist bei Menstruationsproblemen und bei Wechseljahrsbeschwerden eingesetzt.
Bei Männern zeigt das Kraut übrigens keine Wirkung, außer vielleicht den Segen, falls es geweiht wurde.
Im Frühjahr können die jungen Blätter der Schafgarbe einem Wildkräutersalat oder einer Wildkräuterbutter beigemischt werden. Die Pflanze blüht von Juni bis zum Frost.
Bei uns wächst sie fast überall, am Wegesrand, im Park oder, oder, oder… Wir sammeln die Blütenköpfe und lassen sie mindestens eine Woche trocknen, am besten nicht direkt in der Sonne.
Wenn wir uns einen Tee kochen wollen, nehmen wir zwei Teelöffel Kraut auf einen Becher und gießen es mit kochendem Wasser auf und lassen ihn acht bis zehn Minuten ziehen. Der Tee kann mit Honig gesüßt werden, da er leicht bitter schmeckt. Die Schafgarbe kann zur Verstärkung der Wirkung mit Beifuß gemischt werden. Dieses Kraut stellt Kiez und Kneipe im nächsten Monat vor.

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Liebe auf Zeitreise

Ein neuer Neukölln-Roman mit viel Lokalkolorit

Claudia Atts hat lebhafte Träume. Zumeist träumt sie jeden Traum nur einmal, diese Szene in der U-Bahn jedoch, die Begegnung einer Frau mit einem gutaussehenden Mann, verfolgte sie unerbittlich. Schließlich beschloss sie, die geträumten Dialoge aufzuschreiben, um den Traum endlich loszuwerden. »Und schon waren die ersten sechs Kapitel geschrieben«, verrät Claudia Atts.
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Petras Tagebuch

Wie es der Zufall will

Zufällig war ich neulich um 20 Uhr am Heinrichplatz und zufällig waren dort ganz viele Fahrradfahrer, die dann plötzlich losfuhren. Ich fuhr dann mal mit, ich hatte nichts Besseres zu tun.
Schätzungsweise 2.000 Radler bildeten die »Critical Mass«, die sich immer am letzten Freitag im Monat zusammenfindet, um die Stadt zu erobern. Offensichtlich war allen bekannt, dass ein Verbund von mehr als 15 Radlern eine Verkehrseinheit bildet.
Ich war erstaunt, wie gesittet sich die Einheit im Straßenverkehr verhielt. Die Spitze hielt an jeder roten Ampel und fuhr bei Grün, der Rest durfte dann durchfahren, auch wenn die Ampel auf Rot sprang. Für fast alle Teilnehmer war der Ausflug ein entspann­tes Rollern im verkehrsbefreiten Berlin.
Wo es hingehen sollte, wusste keiner, da hatte wieder der Zufall seine Finger im Spiel.
Kommentare jeglicher Art gab es von Unbeteiligten: »Hier hält man bei Rot, Ihr Wichser – anhalten!«, brüllte ein Fußgänger. Die halbstarken BMW-Fahrer konnten ausgiebig den Klang ihrer Hupen testen und ihre Stimmbänder trainieren: »Ich fick Deine Mutter, hast Du Macke, bist Du schwul?« Die Radler fanden das amüsant.
Interessant war das Spektrum an Fahrrädern und Radlern. Ein Fahrradfahrer, der bestimmt jenseits der 70 war, fuhr auf extrem dicken Reifen in flottem Tempo mit. Ich fragte ihn, ob es nicht sehr anstrengend sei, auf solchen Reifen zu fahren. Darauf er: »Kommt immer darauf an, wo man herkommt. Bis vor Kurzem bin ich mit meinem alten Klapprad gefahren und hatte immer eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 km/h, da ist dieses Modell leichter zu fahren.« Ich versank in Ehrfurcht.
Vier Stunden insgesamt radelte diese witzige Truppe durch Berlin. Ich liebe Zufälle.