Archiv der Kategorie: Kultur

»Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit«

Ausstellung zur Revolution vor 100 Jahren im mobilen Museum

Pünktlich zum hundertsten Jahrestag der Revolution eröffnete am 9. November das »Mobile Museum Neukölln« im Rathaus die Ausstellung »Revolution! Neukölln 1918/19«, die im Rahmen des Themenjahres »100 Jahre Revolution – Berlin 1918/19« stattfindet.

Übersichten.                                                                                                                                                            Foto: mr

Bezirksbürgermeister Martin Hikel dankte dem Leiter des Museums, Udo Gößwald, für die Hartnäckigkeit, mit der er um den Ausstellungsplatz vor dem Bürgermeisterbüro gestritten habe. »Somit bietet mir diese Ausstellung auch persönlich die Möglichkeit der täglichen Vergewisserung über die Grundlagen unserer politischen Arbeit, die in der Demokratie von Weimar gelegt wurden«, sagte er in seinem Grußwort. »Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit«, sie müsse verteidigt werden gegen die, die sie abschaffen wollen, sagte er weiter und rief dazu auf, sich in politische Prozesse einzumischen, sich zu informieren, sich zu beteiligen.
Kulturstadträtin Karin Korte machte darauf aufmerksam, das es eine bemerkenswerte Anzahl von Frauen gab, die im Kampf für demokratische Rechte eine Rolle spielten. So war die erste Frauenvertreterin der Rixdorfer SPD, Marie Juchacz, die erste Frau, die eine Rede in einem deutschen Parlament hielt. »Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit« weiterlesen

Chapeau, Jurassica Parka

Hauptberuflich Frau

Jurassica Parka.                                                       Foto: M.Olszinksi

Mario Olszinski wurde 1979 in Neukölln geboren und ist dort auch aufgewachsen. Er studierte Kommunikationsdesign und war in Werbeagenturen als »Art Director« erfolgreich. Ab 2003 trat er nebenberuflich so lange als Travestiekünstler auf, bis er merkte, dass ein Bürojob unter der Woche und die Bühnenarbeit am Wochenende nicht befriedigend zu stemmen waren. Deshalb tauschte er 2008 mutig den »ordentlichen Beruf« gegen seine Berufung Travestie ein.
Seitdem ist Mario Olszinski hauptberuflich: Frau. Das ist seine erfüllte, gelebte und inzwischen auch einträgliche Leidenschaft. Seine gegengeschlechtliche Kunstfigur heißt Jurassica Parka, eine Verballhornung aus Jurassic Park und Sarah Jessica Parker, deren beider Fan er ist. Chapeau, Jurassica Parka weiterlesen

Unstable Fakers of Change in Self

Die inspirierende Kraft von 20 Cent

Auf den ersten Blick: Im Maschinenraum M0 auf dem Kindl Gelände sieht es aus, als wenn morgen wieder der Bautrupp kommt. Gerüste stehen im Raum verteilt, dazu stoßen Videos mechanische Klänge aus, in der Endlosschleife steckend. Auf den zweiten Blick zeigen sich in dieser konstruktiven Eckigkeit Feinheiten, eine elegante Akribie ist zu entdecken.

Stabile Unstabilität.Foto: pr

Die Skulpturistin und Videokünstlerin Sofia Hultén hat in der großen Halle M0 neun Installationen aufgestellt, die auf Gerüsten ruhen. Ausgangspunkt ist eine italienische 20-Cent-Münze, auf der Umberto Boccionis 1913 entstandene Bronzeplastik »Unique Forms of Continuity in Space« zu sehen ist. Dieses futuristische Werk wollte die Bewegung eines Körpers und dessen Dynamik im Raum sichtbar machen. Sofia Hultén hat die Anfangsbuchstaben U-F-o-C- i-S genommen und ihrer Installation den Titel »Unstable Fakers of Change in Self« gegeben. Auf den Grundgerüsten finden sich Gegenstände zunächst alltäglicher Art: Baunetz, Rundschlinge, Blecheimer, Holzplatte, Kabelbinder, Plastilinkugel und italienische 20-Cent-Münzen. Die Spuren, die die Künstlerin dabei hinzufügt, lassen sich durch Videosequenzen nachvollziehen. Unstable Fakers of Change in Self weiterlesen

Ötzi auf der Durchreise in Britz

Der Mann aus dem Eis ist da

Ötzi in voller Montur.                                                                                                                                          Foto: mr

Es war eine archäologische Sensation, als 1991 Wanderer in den Ötztaler Alpen die mumifizierte Leiche eines Mannes fanden, der vor rund 5.300 Jahren gelebt hatte. Einen so gut erhaltenen Menschenkörper aus der Jungsteinzeit hatte die Welt noch nicht gesehen.
Unter dem Titel »Ötzi – Der Mann aus dem Eis« präsentiert Schloss Britz bis zum 17. Februar 2019 die Wanderausstellung des Neanderthal Museums und des Magazins GEO, die über die letzten Stunden der legendären Gletscherleiche erzählt, die unter ihrem Spitznamen Ötzi weltberühmt wurde. Wer war Ötzi? Wie lebte er, warum begab er sich auf den gefährlichen Weg in die Berge, und warum musste er inmitten von Schnee und Eis sterben?
Viele Indizien sprechen für einen prähistorischen Kriminalfall. »Ein Pfeilschuss von hinten durchstieß das linke Schulterblatt und drang bis kurz vor die Lunge vor: »Ein Blattschuss«, beschrieb Carina Bammesberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Neanderthal Museums, den Tathergang bei der Ausstellungseröffnung am 19. November. »Mit Ötzi tritt ein Einzelschicksal aus dem Dunkel der Geschichte. Ein Mensch, über dessen Leben und dramatisches Sterben wir immer mehr Details erforschen und erfahren und der uns somit nahe wird«, sagte sie. Ötzi auf der Durchreise in Britz weiterlesen

Schlagzeug und Fagott treffen Bücher

Ein spannendes Konzert fand am Donnerstag, den 29. November in der »Helene-Nathan-Bibliothek« statt. Die Kombination Fagott-Schlagzeug ist äußerst selten.

Heiko Löchel und Philippe Carnoy.                                                                                 Foto: Kathrin Schrader

Zudem kommen beide Musiker aus ganz unterschiedlichen musikalischen Bereichen, der Fagottist Heiko Löchel aus der zeitgenössischen Musik, der Schlagzeuger Philippe Carnoy vom Jazz. Die Improvisationsmusik bietet ihnen die Möglichkeit, ihre verschiedenen musikalischen Wurzeln miteinander in Einklang zu bringen und zu verschmelzen.
Heiko Löchel erklärte dem Publikum in kurzen Redebeiträgen zwischen den Stücken das Wesen der Improvisationsmusik. Teils bilden musikalische Skizzen die Grundlage, teils werden Geschichten vertont. Manchmal wird aber auch ohne Vorgaben völlig frei gespielt.
Als Gast war der Pianist und Komponist Detlof Drees geladen. Dessen Solostück wurde von Löchel gekonnt interpretiert und im zweiten Teil vom Pianisten und Komponisten Drees am Klavier begleitet.
Die nachfolgende Improvisation von Drees, Löchel und Carnoy bildete einen gelungenen Abschluss eines ungewöhnlichen Konzert­abends.

pschl

Alabaster, Papier und ein Schwarm

Künstlerportrait über Line Claudius

Als Kind besuchte Line Claudius eine Malerin in ihrem Atelier, sie war fasziniert und sagte sich, das mache ich, wenn ich alt bin. Malerin ist sie nicht geworden, Künstlerin aber doch. Sie wuchs in Hamburg auf und lebt seit mehr als dreißig Jahren in Berlin. Anfangs stand sie Modell bei Bildhauer- und Aktzeichenkursen, bis sie selbst ihre Liebe zu den Steinen und zum Zeichnen entdeckte. Sie arbeitet vor allem mit Marmor und Alabaster.

Alabasterkörper.                                                                                                          Foto: pr

Ihre feinsinnigen, schmiegsamen Skulpturen aus Alabaster haben eine lichtdurchscheinende Leichtigkeit. Für Claudius trägt das Material zugleich Stabilität, Weichheit und Dehnbarkeit inne. Sie sucht sich einen Stein aus, hat eine schlummernde Idee, schleicht manchmal wochenlang um ihn herum und fängt dann an, ihn zu bearbeiten, steigt in den Stein ein, und er gibt zurück. Steine zu hauen: »Das Schönste ever, es gibt fast nichts Schöneres«, erzählt sie. Alabaster, Papier und ein Schwarm weiterlesen

Intime Klänge im Dezember

Von Melbourne nach Berlin in der Salonmusik

Die Musikerin Anna Morley wurde im australischen Melbourne geboren und wuchs in Ballarat auf, 120 km entfernt von Melbourne. Bereits in der Grundschule hatte sie großes Interesse an Musik. Zuerst lernte sie Geige, dann Vibraphon und Perkussion. Nach ihrem High School Abschluß begann sie ein Studium der Orchesterperkussion am »Melbourne Conservatorium of Music«. Am »Victorian College of Arts« machte sie dann ihren Bachelorabschluss. Es hielt sie aber nicht in Australien. Sie zog nach Barcelona, wo sie sieben Jahre lang lebte und, inspiriert durch das mediterrane Flair der Stadt, ihre erste EP »Character« und ihr erstes Album »Red Balance« herausbrachte. Die nächste Station war Berlin, wo sie noch heute lebt. Dort veröffentlichte sie mehrere Alben und gab Konzerte in Klubs und auf diversen Bühnen. Bei ihren Auftritten spielt sie zusätzlich zum Vibraphon auch Keyboard, singt und setzt in ihren außergewöhnlichen Kompositionen auch elektronische Beats und Samples ein. Am 2. Dezember war sie mit dem Cellisten Nikolaus Herdieckerhoff zu hören. Dieses Duo mit dem programmatischen Namen »Reise« entführte das Publikum auf eine faszinierende sphärische Schall-Reise.

Nos Envolées.                                                                                                                             Foto: Benjamin Riehm

Ganz anders verlief das Leben des Saarländers Benjamin Riehm. Nachdem er mehrere Jahre als Jugend- und Heimerzieher gearbeitet hatte, wandte er sich 2005 von seinem ursprünglichen Beruf ab, um sich auf seine Leidenschaften Musik und Film zu konzentrieren. Intime Klänge im Dezember weiterlesen

Junge Autoren ringen um Preise und Verlage

Wichtigster Jungautorenpreis wurde im Heimathafen vergeben

Der »open mike« ist unbestritten der wichtigste Preis für junge Literatur.
Zwischen Händeschütteln und Visitenkarten, Lesungen wie Staffelläufen und ein wenig gegenseitigem Schulterklopfen dann vor allem: Ein Wettbewerb. Hier lesen, so der Gedanke, Deutschlands Literaten von morgen. Und vier davon tragen heute schon einen Preis in der Tasche.
Seit 2012 in Neukölln zu Gast, ist die Veranstaltung als Start in den Betrieb gedacht: Eine kleine Zahl an Lektoren wählt 20 Finalisten aus, deren Texte in einer Anthologie erscheinen und gelesen werden – nach den Lesungen ermittelt eine Jury aus drei prominenten Autoren drei Schreibende, die den jeweils auf 7.500 Euro dotierten Preis erhalten und zusätzlich den taz-Publikumspreis gewinnen können. Junge Autoren ringen um Preise und Verlage weiterlesen

Musikalisches Spektrum im ORi

Konzerte gegen den Herbst-Blues

Alexina Hawkins, ihres Zeichens Bratschistin und neuerdings Veranstalterin von Konzerten, präsentiert eine neue Musikreihe in Neukölln. Die gebürtige Australierin, die seit der Saison 2016/17 Mitglied des Deutschen Kammerorchesters Berlin ist und nebenbei freischaffend in diversen Kammerorchestern mitwirkt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Konzerte zu kuratieren, die folkloristische Elemente mit progressiven Ideen im familiären Ambiente des ORi verknüpfen.

Einladung zum Tanz.                                                                                                                                            Foto:pr

Den Anfang machte am 25. Oktober Marwan Alkarjousli mit einer Darbietung seiner eigens komponierten Songs auf der Oud. Die Oud, die als Vorgängermodell der europäischen Laute gilt, ist eines der traditionsreichsten Instrumente aus Persien, und Alkarjousli ließ die Zuhörer wissen, warum. Durch arabische Harmonien und fast schon als Hofmusik zu bezeichnende Klänge wurde die Dynamik des Instruments auf exzellente Weise vorgetragen, und auch Alexina Hawkins ließ es sich nicht nehmen, einige der Songs auf ihrer Viola zu begleiten. Musikalisches Spektrum im ORi weiterlesen

Keine Spur von Traurigkeit

Salonmusik im November

Wer im West-Berlin der 1980er Jahre Country Musik hören wollte, brauchte nicht weit zu fahren. In unzähligen Musiklokalen spielten amerikanische, aber auch deutsche Musiker diesen Musikstil. In einer der Bands, der »Earthwood Family«, die Kult-Status hatte, spielte Gibbi Franzen die Lead-Gitarre.

Proud Fools.                                                                                                                             Foto: Christine Franzen

Bei einem der vielen Gigs der Band lernte er Hotte Lietz kennen. Kurz darauf gründeten sie die Band »Fire on the Mountains«. Mit ihrer Mischung aus Country, Rock bis hin zu Punk- Elementen waren sie ihrer Zeit weit voraus.
In den aufregenden 1990er Nachwende-Jahren verloren sich die beiden jedoch aus den Augen. Erst im November 2016 trafen sie sich zufällig wieder und beschlossen, als »Proud Fools« erneut miteinander aufzutreten. Mit ihrem Programm, das zur Hälfte aus eigenen Songs aus der Feder von Gibbi besteht und zur anderen Hälfte aus handverlesenen Cover-Songs von Country bis zu Cowpunk, begeisterten sie schon viele Fans in Berlin und Brandenburg. Die werden sicher auch am 4. November einen Abstecher ins Zitronencafé machen, wenn Gibbi und Hotte aufspielen. Keine Spur von Traurigkeit weiterlesen

»So ist das bei uns – Bilder vernachlässigter Europäer«

Ausstellung in der »Galerie im Körnerpark«

Die bettelnde Frau oder musizierende Männer in der U-Bahn: Oftmals werden die Bilder von Roma auf diese Klischees reduziert. »Die anderen Roma sehen wir eigentlich nicht, weil die versuchen, unsichtbar zu bleiben«, sagt der Fotograf Nihad Nino Pušija. Wie ihr Leben jenseits von Vorurteilen aussieht, zeigt er in der Ausstellung »So ist das bei uns – Bilder vernachlässigter Europäer«, die noch bis zum 9. Januar in der Galerie im Körnerpark zu sehen ist.

Nihad Nino Pušija.                                                                                                                                               Foto: mr

Pušija hat mit etwa 20 Roma-Familien in ganz Europa Kontakt. Er trifft sich immer wieder mit ihnen und dokumentiert ihr Leben. Viele von ihnen sind wie er selbst vor den Bürgerkriegen auf dem Balkan geflüchtet und versuchen, unter schwierigsten Bedingungen ihr Überleben zu sichern. Ungeschminkt zeigt er den deprimierenden Alltag, aber auch die Familienzusammengehörigkeit und ihre Feste. Mit seinen Fotos schafft er einen Gegensatz zu den folkloristischen, exotischen Stereotypen von Handleserinnen, Tänzerinnen oder Dieben, die in einer digitalen Collage von Bildern alter Meister in einem abgetrennten Raum zu sehen sind. »So ist das bei uns – Bilder vernachlässigter Europäer« weiterlesen

»Down There Where the Spirit Meets the Bone«

Bildband von Nihad Nino Pušija

Es liegt ein beeindruckend wuchtiger und schöner Bildband des Fotokünstlers und Fotojournalisten Nihad Nino Pušija vor: »Down There Where The Spirit Meets the Bone«. Der bei »Peperoni Books« erschienene Foliant ist eine lyrische Liebeserklärung an die Menschen und ihre Schicksale, denen Pušija auf seiner Migrationsreise aus Ex-Jugoslawien durch den Balkan bis Berlin begegnet ist.

Sprung von der Mostarbrücke.                                                                                       Foto: Nihad Nino Pušija­

Angst und Leid gehen einher mit einem verlangendem Ja zum Leben. Ob aller sichtbarer Armut, in kargen Wohnungen und zwischen Ruinen, Frauen wie Männer gewinnen an Stolz in schmucken Kleidern. Es wird viel gefeiert. »Down There Where the Spirit Meets the Bone« weiterlesen

»Pirate Jenny« im Saalbau

Erinnerung an die Arbeiterkultur der Weimarer Republik

Vor Hundert Jahren stürzte eine Massenbewegung den Deutschen Kaiser und beendete den Ersten Weltkrieg. Den Jahrestag dieser deutschen Novemberrevolution nimmt Ina Wudtke zum Anlass, sich mit den künstlerischen Methoden der Arbeiterkultur in der Weimarer Republik auseinanderzusetzen.

November.                                                                                                                                                                Foto: mr

Im Mittelpunkt der Ausstellung „Pirate Jenny“, die noch bis zum 25. November in der Galerie im Saalbau zu sehen ist, steht das gemeinsame Wirken von Bertolt Brecht und Margarete Steffin. Der aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Dichter und die Arbeiterin lernten sich in der Theaterklasse der „Marxistischen Arbeiterschule“ in Neukölln kennen. Sie arbeiteten seit Anfang der 1930er Jahre bis zu Steffins Tod 1941 im Moskauer Exil eng zusammen. »Pirate Jenny« im Saalbau weiterlesen

Halbfigur füllt Raum

Neue Installation im Kesselhaus auf dem Kindl-Gelände

Nach Roman Signer mit seinem kopfüber hängenden Flugzeug »Kitfox Experimental«, David Claerbout mit der auf 1000 Jahre angelegten Echtzeitprojektion »Olympia« und Haegue Yang mit ihrer mitten im Raum aufgehängten Installation »Silo of Silence – Clicked Core« ist Thomas Scheibitz nun der erste Künstler, der auf die räumliche Ausgangslage mit einem auf dem Boden stehenden Werk antwortet.

»Plateau mit Halbfigur«.                                                                                                                                       Foto: jr

Die Aufgabe, die der Kurator Andreas Fiedler dem Künstler stellte, war, ein ortsspezifisches Kunstwerk auf einem Sockel zu schaffen. Entstanden ist das »Plateau mit Halbfigur«.
Eineinhalb Jahre verwendete Scheibitz für die Umsetzung der Installation, die seit dem 9. September im Kesselhaus auf dem Kindl-Gelände zu besichtigen ist. Ein mehrköpfiges Team inklusive einem Statiker füllten den etwa 20 Meter hohen Raum mit einem Werk von sieben Elementen oder, wie Scheibitz sie selbst bezeichnet, sieben Prototypen: Gebäude, Buchstabe, Gesicht, Tropfen, Tor, Brücke und Stiefel. Die Prototypen bilden ein Ensemble, das zu einer allansichtigen Skulptur zusammenwächst. Somit ist es für den Betrachter möglich, um das Werk herumzulaufen und immer wieder neue Perspektiven, Durchblicke und Situationen zu entdecken. Das Objekt fügt sich erstaunlich gut in diesen hohen Raum, die Proportionen sind perfekt auf das Kesselhaus abgestimmt. Halbfigur füllt Raum weiterlesen

Mit wehenden Fahnen in den Untergang

Viktor Ullmanns »Die Weise von Liebe und Tod«

Hrund Ósk Árnadóttir und Dennis Herrmann.                                                            Foto: Matthias Heyde

Rainer Maria Rilkes Jugenddichtung »Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke« mag heute fast vergessen sein, doch war sie zu Zeiten der Weltkriege eine der beliebtesten Lektüren bei deutschen Soldaten an der Front. Sie thematisiert das Schicksal eines Vorfahren Rilkes, Cornet Christoph Rilke, welcher im 17. Jahrhundert während der Türkenkriege den Heldentod stirbt, als er unbewaffnet, doch mit erhobenem Banner durch 16 Säbelhiebe niedergestreckt wird. Der Mythos des Heldentods, die Verherrlichung des Krieges, aber auch die Sinnlosigkeit, junge Leben im Krieg zu verschwenden, haben das Werk zum Klassiker gemacht.
Die Neuköllner Oper zeigt die Vertonung durch Viktor Ullmann, der im Jahre 1944 in Auschwitz umgebracht wurde. Warum sich Ull­mann kurz vor seinem Tod durch die Nazis gerade mit dem Werk eines bekennenden Faschisten auseinandersetzte und es vertonte, bleibt wohl ein Rätsel. Auch die Inszenierung an der Neuköllner Oper liefert hierzu keine Antwort, was aber Absicht zu sein scheint. Mit wehenden Fahnen in den Untergang weiterlesen

Immer Salonmusik, immer sonntags, immer 18 Uhr

Rasanter Gipsy Swing, groovige Italienerin, sphärische Trialogues

Zur Eröffnung der herbstlichen »Salonmusik« am 14. Oktober spielt die vierköpfige Band »Temmingberg« ein abwechslungsreiches Programm aus Latin, Swing und Klassik. Gegründet wurde die Gruppe 2016 vom jungen Geiger und Sänger Lucas Temming. Mit dem Gitarristen Thomas Dekas fand er den idealen Partner für seine Musik. Beide vereint die Leidenschaft für mitreißenden Swing. Da fehlte nur noch eine treibende Rhythmusgruppe. Mit dem Perkussionisten Jesus Véga und dem Kontrabassisten und Sänger Jesse Bravermann war nun die Band komplett. Das vielseitige Programm der Band reicht von Swing, Jazz und Latin-Stücken bis zu Klassik von J.S. Bach. Virtuose Soli à la Django Reinhardt und Stephane Grapelli treffen auf sanfte Balladen und melancholische Melodien.
Zur jüngeren Musikergeneration zählt auch Bianca Ciocca, die am 21. Oktober gemeinsam mit dem Trompeter Roberto Vicchio auftreten wird.

Eigener Stil, auch auf dem Kopf: Bianca Ciocca.                                                              Foto: Leonid Cheisr

Geboren wurde sie in Italien als Tochter einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters. Immer Salonmusik, immer sonntags, immer 18 Uhr weiterlesen

»Mission Verantwortung«

Misserfolg ist kein Untergang

Autor Kiesewetter.                                  Foto: pr

Mit jeder Entscheidung, die wir treffen, tragen wir auch Verantwortung. Entscheidungen zu treffen ist eine Sache, zu den daraus resultierenden Folgen zu stehen, eine andere. Beides in Einklang zu bringen und damit zufrieden, glücklich und erfolgreich zu sein, kann als Lebenskunst bezeichnet werden.
Wir treffen jeden Tag ungefähr zweihundert mehr oder weniger bedeutsame Entscheidungen. Solche hinsichtlich Nahrungsaufnahme oder Wahl des Verkehrsmittels werden als nicht so wichtig empfunden wie solche zu Finanzen, Partnerwahl oder Arbeitsplatz; Der Unterschied liegt in der Tragweite möglicher Folgen. »Mission Verantwortung« weiterlesen

Multitalent Bossen

Silicon Valley für Kunst in Britz

Eindrucksvoll und bewundernswert, dass Thomas Bossen es seit 2010 immer wieder schafft, in einer Garage in Britz und dazu noch in einer eher als beschaulich zu nennenden Wohngegend zwischen dem Koppelweg und der Mohriner Allee engagiert und ambitioniert Kunst und Kultur zu präsentieren.

Galerie Bossen.                                                                                                                                                        Foto: rr

Thomas Bossen kam als junger Mensch nach Berlin und machte 1979 am Albert-Einstein-Gymnasium in Britz sein Abitur. Bei H. Pasch in Wannsee erlernte er das Tischlerhandwerk und machte sich unmittelbar nach der Gesellenprüfung 1983 in Schöneberg, in der Gersdorfstraße, selbstständig. Im gleichen Jahr noch, voller Tatendrang und einer Laune folgend, eröffnete er in seiner Werkstatt auch eine Galerie, studierte Kunstgeschichte an der FU Berlin und absolvierte nebenher eine Gesangsausbildung. Da sein Leben jedoch stark vom Möbelrestaurieren, von Bilderrahmungen und von der Galerie bestimmt wurde, gab er schließlich das Studium auf, nicht aber die Galerie und nicht das Singen. Multitalent Bossen weiterlesen

Kinder! Seid Ihr die Helden von Morgen?

Theater selber machen, Geschichten spielend selbst erfinden und mit Freunden ausprobieren – da ist Musik drin! Und wir suchen Euch – Kinder und Jugendliche von 8 – 16 Jahren…
Seit über zehn Jahren gibt es den Neuköllner Oper Kinder Klub (NOKK), und in dieser Zeit sind nicht nur eine Menge Theaterstücke entstanden und aufgeführt, sondern manche Freundschaft gestiftet und Theaterleidenschaft entfacht worden.


In dieser Spielzeit möchten wir in zwei Gruppen der Frage nachgehen, was eine Heldin oder einen Helden ausmacht. Könnte sein, dass die Jüngeren (Gruppe 8-13 Jahre) und die Älteren (Gruppe 13-16 Jahre) zur Aufführung am 15. April 2019 ein Dreamteam präsentieren, dessen unschlagbarer Attraktivität sich auch wir Zuschauer uns nicht entziehen können!

Und hier ist der verbindliche Probenplan (die Proben finden in der Neuköllner Oper statt):
1. Treffen: Sa, 10. November, 11-14 Uhr – Alle gemeinsam
2.Treffen: Sa/So, 01./02. Dezember, 11-16 Uhr – Sa »die Alten« (13-16 Jahre) / So »die Jungen« (8-13 Jahre)
3. Treffen: Sa/So, 19./20. Januar, 11-16 Uhr – Sa »die Alten« / So »die Jungen«
4./5. Treffen: Sa/So, 23./24. Februar, 11-16 Uhr – gemeinsam
6. Treffen: Sa/So, 23./24. März, 11-16 Uhr Sa »die Alten« / So »die Jungen«
Endproben gemeinsam:
7. Treffen Freitag, 12.April, 15 bis 19 Uhr
8./9.Treffen: Samstag/Sonntag/ 12./13./14. April, 11 bis 16 Uhr
10. Treffen: Montag, 15. April, 14 bis 19 Uhr Generalprobe/Aufführung
Das passt? Dann schnell anmelden bis zum 11. Oktober unter stein@neukoellneroper.de

Imaginäre Landschaften

Zwischen Kunst, Natur und Stadt

Was bedeutet »Imaginäre Landschaften«? Sind es reale oder symbolische Orte oder exis­tieren sie nur im Kopf und sind nicht auf Anhieb zu sehen? Welchen Stellenwert hat der Mensch, die Natur oder das Urbane darin? In der Ausstellung im Kunstverein Neukölln stellen sich Louis D’Arienzo, Paul Langmead, Deborah S. Phillips, Friederike Linssen, Akiko Wakayama und Wolfgang in der Wie­sche, jeder aus seiner individuellen Perspektive, diesen Fragen. Die Arbeiten reichen dabei von abstrakt bis real.

Imaginär.                                                                                                                                                                   Foto: mr

Friederike Linssens Arbeiten beispielsweise sind abstrakte Zeichen oder Zeichnungen von Elementen aus der Natur, die auf monochrome und einfache Formen reduziert werden. Sie gleichen Zellstrukturen. Imaginäre Landschaften weiterlesen

Battle um einen Flügel

Der schönste Krieg im »Froschkönig«

Der alte Flügel im »Froschkönig« war immer eine ohrliche Her­ausforderung. Statt 89 hatte er nur 88 Tasten, und die befanden sich in einem erbärmlichen Zustand. Der Klavierstimmer konnte das irgendwann nicht mehr ertragen und organisierte einen neuen Flügel. Der Pianisten Wohl ist jedoch des Froschkönigs Problem. Wie soll diese Ohrenweide bezahlt werden?

Aus Alt wurde Neu.                                                                                                                           Foto: Froschkönig

Da taten sich die Stammpianisten Jona­than Klein und Ole Boston, die seit vielen Jahren bereits die privaten Stummfilmkonzerte begleiten, zusammen und entwickelten Ideen.
Für nur 20 Euro wird der Name des edlen Spenders auf den Flügel eingraviert. Für 100 Euro gibt es die Erwähnung des Namens auf einer Taste. Nur einfach so, das war den Pianisten klar, erhielten sie keine Spenden.
Das war die Geburtsstunde des Pianobattle. Jeden dritten Donnerstag im Monat, das nächste Mal am 20. September, stellen sich drei Pianisten einem Wettstreit nach Regeln, die nicht unbedingt eingehalten werden müssen. Battle um einen Flügel weiterlesen

Die gefaltete Stadt

Ausstellung im Saalbau

Die moderne Stadt wächst – in die Höhe und in die Breite. Mit der sozialen Sprengkraft, aber auch den Absurditäten, die aus diesen Prozessen resultieren, setzt sich Claudia von Funcke mit ihrer Ausstellung »Die gefaltete Stadt« auseinander, die bis zum 7. Oktober in der Galerie im Saalbau zu sehen ist. Die Ausstellung ist eine von drei Ausstellungen, die über eine Jury an Neuköllner Künstler vergeben werden.

Claudia v. Funcke.                                                                                                                                                  Foto:mr

»Das Thema der Ausstellung ist hoch aktuell«, sagte Kulturstadträtin Karin Korte bei der Eröffnung am 10. August. Anhaltendes Bevölkerungswachstum, Wohnungsknappheit und Gentrifizierung seien Probleme, mit denen Berlin und Neukölln tagtäglich zu kämpfen hätten. Die Schere zwischen Arm und Reich werde dabei immer größer. Die gefaltete Stadt weiterlesen

Hinter der Oberfläche

Während das Gesprächs in einem Neuköllner Hinterhof steht Elke Graalfs immer wieder auf – mit dem Pinsel in der Hand steigt sie aufs Gerüst, um neue Farben und Striche zu setzen, der 7,5- Tonner soll bald auf die Reise gehen. Der schwarze LKW ist mittlerweile schon rundum mit Linien versehen, sie ist dabei, ihn mit Farben zu bestricken. Für Elke aber eher eine Landschaft, die sich in der Unendlichkeit der Bewegung später auflösen wird.

Wandcollage »wo wer nun«                                                                                                          Foto: Elke Graalfs

In ihrem Atelier stehen einige großformatige Leinwände mit eben diesem Strickmuster. Auf die Frage, weshalb Strickmuster, erzählt sie, dass ihre Professorin sie dazu bringen wollte, mehr Stofflichkeit zu gestalten, also malte sie einen Wollpullover, eher nur die Maschen und die Struktur – »Bild nr 1«. Schwarzer Hintergrund – der Schatten, grau in grau – die Materie, 120 mal 240 Zentimeter groß. Es folgen eine Vielzahl großformatiger Strickbilder, sie sind lebenspersönlich, es gibt immer eine Geschichte dahinter. Für Elke Graalfs umspielt die Oberfläche diese Geschichten, die Oberfläche zeigt das Dahinter. Hinter der Oberfläche weiterlesen

Darfs ein Achtel mehr sein?

Rhythmen aus aller Welt bei den Augustkonzerten im Körnerpark

Während die traditionelle europäische Musikkultur rhythmisch relativ einfach angelegt ist, greifen außereuropäische Musikkulturen – besonders die indische und bisweilen auch die afrikanische – auf sehr ungewöhnliche Rhythmen wie elf Achtel, 15 Achtel oder 17 Achtel zurück.

Indigo Masala.                                                                                                                        Foto: Ioanna Srinivasan

Meister dieser Art von Musik sind »Indigo Masala«, die am 19. August bei Sommer im Park auftreten werden. Mit Sitar, Tablas, Akkordeon, Perkussion und Gesang entführen sie die Zuhörer in das musikalische Universum Indiens. Ihre pulsierende und mit überschäumender Spielfreude dargebrachte Musik spricht sowohl den Geist wie den Körper an. Die drei Musiker – Ravi Srinivasan (Tabla, Perkussion, Gesang, Whistling), Arun Leander (Bajan, Gesang) und Yogendra (Sitar, Gesang) – sind nicht nur Virtuosen auf ihren Instrumenten, sondern haben auch Sinn für Humor und erfreuen das Publikum mit aberwitzigen Geschichten aus aller Welt. Darfs ein Achtel mehr sein? weiterlesen

Bruch mit den Regeln des Kunstmarkts

Anonyme Zeichner in der Galerie im Körnerpark

Stammt das Bild von einem bekannten Künstler oder einem talentierten Laien? Oder ist es die Zeichnung eines Kindes? Dieses Geheimnis wird bei der Aktion »Anonyme Zeichner« erst beim Kauf des Bildes gelüftet. Erst dann erfährt der neue Besitzer den Namen des Urhebers und den Titel des Werkes. Und vielleicht ist dann ja auch die eine oder andere Überraschung mit dabei.

Alles für nur 200 Euro.                                                                                                                                       Foto: mr

Die in Berlin lebende Künstlerin Anke Becker hat das Ausstellungsprojekt, das ganz bewusst mit den Regeln des Kunstmarktes brechen will, erstmals 2006 in Prenzlauer Berg umgesetzt. Seitdem war es in mehreren europäischen und deutschen Städten sowie in einigen Berliner Bezirken zu sehen. Bis zum 19. September ist die Ausstellung zu Gast in der Galerie im Körnerpark.
Aus über 2.000 Einsendungen aus allen Teilen der Welt wählte Anke Becker rund 600 Zeichnungen für die Ausstellung aus. Biografie, Alter oder Geschlecht der Einsender spielten dabei keine Rolle. Es gab nur eine einzige formale Regel: Ausgestellt werden ausschließlich Arbeiten bis zu einem Format von A 3.
Bei der Hängung ließ sie sich von inhaltlichen oder formalen Analogien leiten, jede Wand bildet einen Zusammenklang, in dem es keine Hierarchien geben soll. Bruch mit den Regeln des Kunstmarkts weiterlesen

Power mit Mähne

Adina Asbeck und ihre Kunstprojekte

Ihr Papa schenkt ihr zum Abitur eine Spiegelreflexkamera. Die nimmt sie mit nach Malta, wo sie ein freiwilliges Soziales Jahr absolviert, Kunst unterrichtet und Theaterworkshops veranstaltet. Am Ende sind es zwei Jahre, in denen sie nach Ghana und durch Europa reist und arbeitet.

Aus der Ausstellung »Children of Begoro«                                                                                          Foto: Adina

Adina Asbeck wächst zweisprachig in Waldkirch nahe Freiburg auf und verbringt die Sommermonate oft in Kroatien. Sie erinnert sich nicht mehr, wann und wie sie zur Kunst kam, nur, dass es sehr früh war. Sie spielt zehn Jahre Theater, arbeitet als Maskenbildnerin und macht Musik. Sie studiert in Marburg und Berlin Kunstgeschichte. Power mit Mähne weiterlesen

Filme auf dem Tempelhofer Feld

Bühne für Berliner Regisseure

Das große, weite Tempelhofer Feld bietet Platz für unterschiedliche Aktivitäten. Seit einem Monat gibt es dort auch Filmvorführungen unter freiem Himmel. Einmal in der Woche zeigt »FeldKino Berlin« in Kooperation mit den Vereinen »film­Arche« und »reSource« Filme vorwiegend Berliner Regisseure.
Die Kinoreihe enstand aus einer Nachbarschaftsidee, die schnell viele Unterstützer fand. »Mittlerweile hat sich auf technischer und organisatorischer Ebene viel getan«, sagt Özgür Ulucan, einer der Mitgründer des Kinos.
Wie andere Open-Air-Kinos ist auch das Feldkino vom Wetter abhängig. Falls das mitspielt, finden die Filmvorstellungen rechts am Haupteingang Oder- und Herrfurthstraße beim Haus 104 statt.

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Die wechselnden Vorführungszeiten und das Programm sind auf folgender Website zu finden:
http://asurl.de/13yd.

»Ich wünsche mir faire Chancen auch für Schwarze«

Eine Ausstellung im Café Blume thematisiert institutionellen Rassismus in Neukölln

»Dealende Afrikaner« – schnell sind sie so betitelt, und wer durch die Hasenheide geht, würdigt sie meistens keines zweiten Blickes. Doch nicht jeder Mann afrikanischer Abstammung, der sich in der Hasenheide aufhält, verkauft Drogen, und die wenigsten, die es tun, tun es gerne. Hier stehen Menschen, die ihre eigene Geschichte haben. Und oft schlechte Erfahrungen mit deutschen Institutionen gemacht haben. Diese sichtbar zu machen, hat sich eine Fotoausstellung im »Café Blume« zur Aufgabe gemacht.

Wo ein Wille ist, ist der Weg oft schwer.                                                                                         Foto: Anonym

Die Ausstellung wurde von drei Studierenden der »Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin« organisiert. Dabei haben sie mit der Methode der »Photovoices« gearbeitet. Die Studierenden haben westafrikanische Männer in der Hasenheide kontaktiert, sie gebeten, Fotos von Orten zu machen, mit denen sie gute und schlechte Erfahrungen verbinden und dazu Interviews geführt, um Hintergrundinformationen zur Biografie der Fotografen zu erhalten. Diese werden zusammen mit den Bildern gezeigt, und ermöglichen so den Betroffenen eine direkte Darstellung ihrer eigenen Perspektive. »Ich wünsche mir faire Chancen auch für Schwarze« weiterlesen

Von Tokio nach Neukölln

Eine japanische Chorleiterin im Kiez

Im Juni sangen sie die Messe brève in C-Dur von Charles Gounod, passend zum 200jährigen Geburtstag des Komponisten. Zur Zeit beginnen sie mit den Proben für das nächste große Konzert – das Magnificat von Antonio Vivaldi für Chor, Solisten und Streicher.

Arisa Ishibashi orgelt.                                                                                                                 Foto: Christof Ellger

Einmal pro Woche treffen sich Sängerinnen und Sänger zur Chorprobe in einer gemischten Gruppe jeden Alters und Berufs. Es geht herzlich zu. Einmal alle vier Wochen gibt es das traditionelle Monats­essen, alle bringen etwas mit, sitzen nach der Probe zusammen, essen und trinken in gemütlicher Runde. Die Kantorei gestaltet unter anderem Gottesdienste und Konzerte in der Genezareth- und Philipp-Melanch­thon-Kirche. Von Tokio nach Neukölln weiterlesen

Musiker bringen das Feld zum Klingen

Open-air-Konzerte am »Haus 104«

Musiker aller Genres treffen sich seit langem zur »Feldmusik« an verschiedenen Orten auf dem Tempelhofer Feld, um gemeinsam zu musizieren. Seit kurzem gibt es einen neuen Treffpunkt: Das Gebäude 104. Vom Eingang des Feldes an der Oder- Ecke Herrfurtstrasse ist es leicht zu finden: Es ist das erste Gebäude rechts.

Jam Session auf Gras.                                                                                                                                          Foto: bs

Jeden ersten Sonntag im Monat bieten Bands zwischen 15 und 18 Uhr ihr Können dar. Ab 18 Uhr gibt es eine fröhliche Jamsession, zu der jeder herzlich eingeladen und aufgefordert ist, mitzumachen.
Das Motto der »Feldmusik 104« lautet: offen, inklusiv und multinational. Die Musiker möchten die bunte Vielfalt der Stadt erlebbar machen. Und das nicht ausschließlich mit Musik, sondern auch durch stadtpolitische Initiativen und die gesamte Kunstszene. Eine Ausstellung und »Ideen-Treffen« zum »Haus 104« sind in Planung. Musiker bringen das Feld zum Klingen weiterlesen

David Lichtenauers Epilog

Science Fiction bei »48 Stunden Neukölln«

Nach knapp 3000 Jahren im Kälteschlaf erwacht man in einer Raumkapsel im Nirgendwo. Die Gerätschaften des Landers »L.A.R.S.« surren monoton vor sich hin, als plötzlich der Bordcomputer spricht: »Guten Morgen Subjekt 361. Ich habe eine gute Nachricht: Du lebst! Außer uns beiden ist hier aber leider niemand, und das Schiff hat schwere Schäden davongetragen, also mach dich an die Arbeit!« Verwirrt durch die Umgebung, bewegt man sich vorsichtig auf der nur vier Quadratmeter großen Fläche zu einer der Luken und erkennt, man ist auf einem fremden, toten Planeten. Ein Gefühl völliger Isolation in einem Meer aus Eis.

David und L.A.R.S.                                                                                                                                               Foto: me

»Epilog« heißt die Simulation von David Lichtenauer, die er vom 22. bis 24. Juni im Rahmen von »48 Stunden Neukölln« zusammen mit den Virtual Reality-Künstlern Tom Frackowiak und Anastasia Semenoff ausstellte. Davids Metall­skulptur der Landekapsel »L.A.R.S.« stand im Hof des Kindl Brauereigeländes und die dazugehörige VR-Erfahrung gab es im Kesselhaus zu sehen. Dort wurden Besucher Zeugen eines Weltuntergangs, begleitet durch die Schauspielerin Paulina als zynischem Bordcomputer PAL. David Lichtenauers Epilog weiterlesen

Einmal um die Welt mit dem »Sommer im Park«

Geballte Bläser-Power, russischer Rock, jazzige Tenorsaxofone und karibische Grooves

Dass Berlin mit harten Technobeats, nimmermüden DJs und Massen von Singer-Songwritern aufwartet, hat sich herumgesprochen. Weniger bekannt ist, dass es auch so manche spannende Brassband zu entdecken gibt, die sich nicht selten auch moderner Musikstile wie Techno, Pop und Rock bedient. Seit über 20 Jahren existiert die Berliner Brassband »Schnaftl Ufftschik«.

Schnaftl Ufftschik.                                                                                                                  Foto: Sven A. Hagolani

Daher war es längst an der Zeit, dass sie nach zahlreichen Auftritten in vielen europäischen Ländern auch mal bei »Sommer im Park« gastiert. Am 8. Juli ist es soweit. Eine pralle Brass-Gruppe aus Trompete, Posaune und Sousaphon, dazu noch eine Klarinette, ein Knopfakkordeon und ein wirbelnder Perkussionist werden den Zuhörern im Körnerpark mächtig einheizen mit ihrem musikalischen Cocktail aus Pop, Folk, Jazz und Klezmer. Einmal um die Welt mit dem »Sommer im Park« weiterlesen

Kunst auf die Ohren

Stadtklangbild von Robert Stokowy in der »Galerie im Saalbau«

Es quietscht, knarrt, brummt und säuselt aus vielen Lautsprechern in der Galerie im Saalbau. Die derzeitige Ausstellung »structures [berlin]« ist eher für die Ohren als für die Augen. Der Klangkünstler Robert Stokowy hat die Stadt anhand ihrer Töne vermessen und daraus einen eigenen Sound komponiert.

ORTSSPEZIFISCHE Klänge.                                                                                                                             Foto: mr

Die einzelnen Lautsprecher sind so angeordnet und mit dünnen Kabeln miteinander verbunden, dass sie acht gedachte Linien bilden, die über die Galerie hinaus in alle Himmelsrichtungen weisen. Entlang dieser Linien, die durch die ganze Stadt führen, hat Stokowy Klänge und Geräusche aufgenommen, wie das Kreischen der Straßenbahn, hupende Autos aber auch das Gezwitscher von Vögeln. Aus den Klängen einer Linie entstand dann jeweils eine eigene Komposition, bei der die Geräusche aber wiederum so verfremdet und neu miteinander verknüpft wurden, dass sie nicht ohne weiteres zugeordnet werden können. So müssen sich die Besucher ihre eigene Vorstellung vom Ursprung des Klangs machen.
Diese Klanginstallation wurde eigens für die Galerie komponiert. »Radikal ortsspezifisch« nennt Stokowy diese Arbeitsweise.

mr
Geöffnet ist die Ausstellung bis 5. August jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr.

Peter Watkins: Wahrsager im Film

Werkschau des Regisseurs im »Wolf Kino«

Nach Retrospektiven in Lissabon, Barcelona und Oslo hatte Kurator Kristofer Woods die Idee, das außergewöhnliche Werk des britischen Filmemachers, Kritikers, Visionärs und »Enfant Terrible« Peter Watkins auch in Berlin zu präsentieren. Das »Wolf Kino« ist der ideale Ort dafür, bietet es doch die Möglichkeit, die Filme in ein Programm mit Workshops, Vorträgen und Diskussionen einzubetten.

Hart an der Realität.                                                                                                                                             Foto: pr

Peter Watkins hat seit den 1960er Jahren immer wieder den Status quo herausgefordert und mit dokumentarisch anmutenden Filmen wie »The War Game« (1965), »Privilege« (1966), »Punishment Park« (1971) und »The Trap« (1977) sein Publikum erschüttert. Peter Watkins: Wahrsager im Film weiterlesen

GODsDOGs

Ein Neuköllner Paar rockt die Kunstwelt

GODsDOGs – überall sind Ausstellungsstücke verteilt, fertiggestellte und noch zu bearbeitende, die Farben von Hell- bis zu Tiefblau oder ganz bunt: Der Ort hat einen ganz eigenen Zauber. Hinter GODs­DOGs stehen das Künstlerehepaar Britta und Ron Helbig, seit 2009 haben sie die Räume in der Jonasstraße. In ihrer Arbeit vereinen sie unterschiedliche Genres und Materialien, von Malerei über Skulptur bis zu Objekten, Fotografie, Installation und Performance. Sie entscheiden von Werk zu Werk, welche Form ihnen die nächste und aussagekräftigste ist.

Kultur ist von Anfang an Muss.                                                                                                                        Foto: pr

Immerwährend suchen sie nach Verbindungen und Spannungen – nach dem Blick dazwischen und hinter den Vorhang. Der Name GODsDOGs trägt das Göttliche, also das Oben, und den Underdog, das am Boden liegende, in sich. Britta und Ron bewegen sich zwischen diesen Polen und an den Grenzen des Dazwischen. GODsDOGs weiterlesen

Schüler sind auch Menschen

Das Museum Neukölln zeigt 50 Jahre Schulpraxis

Die späten sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, der auch vor den Schulen nicht halt machte. Am 1. April 1968 eröffnete in Neukölln die erste öffentliche integrierte Gesamtschule der Bundesrepublik.
Der Grundgedanke dieser Schulform war die Auflösung der traditionellen Gliederung in Grund-, Haupt-, Realschule und Gymnasium. Damit sollte Chancengleichheit und Unabhängigkeit von Herkunft und familiärem Umfeld erreicht werden.

Lehranstalten in der Erinnerung.                                                                                                                   Foto: mr

Auch der Umgang zwischen Schülern und Lehrern sollte sich verändern. »Schüler sind auch Menschen und haben manchmal recht. Man lässt sie mitunter auch zu Wort kommen«. So heißt es in den »Grundsätzen für den Lehrer der Gesamtschule«.
Dieses Handbuch ist Teil der neuen Ausstellung »Neukölln macht Schule« im Museum Neukölln, die sich mit fünfzig Jahren Schulpraxis in Neukölln beschäftigt und gleichzeitig zur Diskussion darüber anregen möchte, wie die Zukunft des Lernens aussehen könnte. Schüler sind auch Menschen weiterlesen