Archiv der Kategorie: Kultur

Das »Büchernest« in Britz

Literatur in der Telefonzelle

Seit Mitte September des vergangenen Jahres steht in Britz an der Hannemannstraße das »Bücher­nest«, eine umgestaltete, ausrangierte Telefonzelle, gefüllt mit deutscher wie auch fremdsprachiger Belletristik und Kinderbüchern. Es war ein Anliegen zweier Kiezbewohner, dass dort jeder unkompliziert und kostenlos an Bücher kommt, eigene sinnvoll weitergeben oder auch nur tauschen kann.
Die Initiatoren Robert und Nina, zwei engagierte, literaturliebende Filmschaffende, realisierten ihr Projekt mit Unterstützung von hilfsbereiten Freunden und Bekannten und mit finanzieller Unterstützung des Bezirks­amts Neukölln, genauer gesagt von »FEIN« (Freiwilliges Engagement in der Nachbarschaft). Das »Büchernest« in Britz weiterlesen

Über Busenbürsten und andere Kalamitäten

Kapielskis Kotmörtel

Frowalt Heimwée Irrgang Hiffenmarkt ist ein etwas sonderbarer Mensch. Ein begnügsamer, an sich zufriedener, fantasievoller und gebildeter Mann, Familienvater und von Beruf Vertreter für Sanitärbürsten. Getrieben wie beseelt ist er vom ständigen Drang seiner Einfälle und Erkenntnisse und davon, diese auf Bahnhofsvorplätzen zu referieren oder in einem Geheimrefugium niederzuschreiben und zu archivieren. Als er am Schweinfurter Bahnhof von einer hübschen Frau zwei Geschenkpakete annimmt, um sie in seiner Heimatstadt Grollstadt-Sauger zu überbringen, was scheitert, landet er für Monate im heimischen Knast. Warum genau – das erfahren Leser und Leserin, wenn überhaupt … Aber will wollen nicht »spoilern«. Über Busenbürsten und andere Kalamitäten weiterlesen

»Mitten drin draußen – Ohne Obdach in der Stadt«

Ausstellung im Rathaus Neukölln

»Zelten vorm Vermieter«. Foto: Matthias Coers

Auf einer Neuköllner Hauswand prangt der Spruch: »Zu Hause bleiben kann nur, wer eins hat«. Diese wenigen Worte bringen die besonderen Schwierigkeiten von Obdachlosen in der Pandemie auf den Punkt. Eine Aufnahme des Spruchs und viele andere Fotos sind derzeit in der Ausstellung »Mitten drin draußen – Ohne Obdach in der Stadt« des Filmemachers und Fotografen Matthias Coers im Rathaus Neukölln zu sehen.
Mit Interviews und Fotos nähert sich Coers der Alltäglichkeit von Obdachlosigkeit in Berlin an – mit Blick auf die Obdachlosen und ihre Perspektive, aber auch auf die Perspektive engagierter Menschen in der Obdachlosenhilfe. »Mitten drin draußen – Ohne Obdach in der Stadt« weiterlesen

Janosch zieht die Notbremse im Schloss Britz

Umfangreiche Werkschau eines einzigartigen Begeisterers

»Einmal die Notbremse ziehen«, so beginnt ein abenteuerlicher Roman von Janosch. In einem anderen Buch geraten »Tiger und Bär in Straßenverkehr« auf der Suche nach der »Tigerente«, unterstützt von »Herrn Bibernase«. Wohl alle lesenden Erwachsenen sind als Kinder mit Janosch groß geworden, der die Fantasie auf unnachahmliche Weise anregt, und geben das an ihre Kinder weiter.

Geniale Kritzelei.    Janosch Film & Medien AG

Janoschs Geschichten wurden nicht nur verfilmt, sondern auch von vielen Kindertheatern aufgeführt. Der Autor dieses Artikels nahm selbst an einer Inszenierung teil und erinnert sich, dass dies ein außergewöhnliches Erlebnis war, denn das Publikum ging begeistert mit. Janosch zieht die Notbremse im Schloss Britz weiterlesen

Mittelmeer-Monologe im Heimathafen

Körperlich berührende Darstellung des Ringens um Leben

Von Menschen, die den riskanten Weg übers Mittelmeer auf sich nehmen, in der Hoffnung, in Europa Sicherheit zu finden, handelt nach 700 Aufführungen der »Asyl-Monologe«, »Asyl-Dialoge« und »NSU-Monologe« das neue Theaterstück von Autor und Regisseur Michael Ruf.

Foto: Heimathafen

Die »Mittelmeer-Monologe« erzählen von Menschen, die einen lebensgefährlichen Weg auf sich nehmen, in der Hoffnung, endlich in Sicherheit leben zu können – und von libyschen Küstenwachen, italienischen Seenotrettungsstellen und deutschen Behörden, die dies verhindern, sowie von Aktivisten, die dem Sterben auf dem Mittelmeer etwas entgegensetzen. Mittelmeer-Monologe im Heimathafen weiterlesen

Letzte Show für Dean Reed

»Neuköllner Oper« startet in die Saison mit »Iron Curtain Man«

Was war da los: Ein singender Cowboy landet in der Hauptstadt der DDR und reitet lassoschwingend durch »Ein Kessel Buntes«? Dean Reed, geboren in Denver, Colorado, wollte die Stimme der Unterdrückten sein. In Lateinamerika ein Star, kam er auf Umwegen über Spanien, Italien und die UdSSR in die DDR, wo er in den 70ern den Sozialismus den Hüftschwung lehrte.


Der »Rote Elvis« erlebte hinter dem Eisernen Vorhang eine beispiellose Karriere, er war DER Amerikaner des Ostblocks. Doch mit Glasnost und Perestroika begann sein Stern zu sinken, und auch in seiner Heimat wurde er bei einem Comeback-Versuch verhöhnt. Im Jahr 1986 schließlich nahm sich der Musiker unter bis heute mysteriösen Umständen das Leben.
Wie vielen Musikern und Stars war Dean Reed die große Bühne die eigentliche Heimat. In der Neuköllner Oper wird Dean nach Hause auf die Bühne geholt. In einer fantastischen Totenreise stellt sich der Sänger den Stationen seines Lebens und trifft Weggefährten und Feinde. Wir verfolgen den Weg des Mannes, der von Colorado aufbrach, um den Ostblock zu rocken.
»Nobody knows me back in my hometown«, sang er kurz vor seinem Tod. Jetzt kriegt er seine eigene Hall of Fame.

pm
Spieltermine: 3./5./6./9.-13./15.-20./23.-26./29./30. September – 20:00
Von Fabian Gerhardt/Lars Werner (Text) und Claas Krause/Christopher Verworner (Musik)

100 Jahre Neukölln!

Lebendige Geschichte im Museum

Als am 1. Oktober 1920 das »Groß-Berlin-Gesetz« in Kraft trat und neben Neukölln weitere sechs bisher selbständige Städte, dazu 27 Gutsbezirke und 59 Landgemeinden nach Berlin eingemeindet wurden, entstand mit 3,8 Millionen Einwohnern nach London und New York eine der größten und bevölkerungsreichsten Städte der Welt.
Das Museum Neukölln zeigt aus diesem Anlass mit seiner neuen Ausstellung »Großstadt Neukölln.1920-2020« anhand von acht markanten Schauplätzen wie der Karstadt-Filiale am Hermannplatz, dem Tempelhofer Feld, der Gropiusstadt, dem Guts­hof und der Hufeisensiedlung, wie sich die Stadt in den letzten 100 Jahren verändert hat.

U8-Passagiere museal.Foto: mr

Große Holzregale enthalten bedruckte Würfel, aus denen sich die Besucher wie in einem Puzzle historische oder aktuelle Bilder dieser Orte zusammenstellen können. Touchscreens bieten detaillierte Informationen zur bewegten Geschichte der Orte und ihrer Bewohner. 100 Jahre Neukölln! weiterlesen

Keramikaze – mehr als Töpfern

Neues Kollektiv für kreatives Arbeiten

Viel los war im Hinterhof der Braunschweiger Straße 82 am 25. und 26. Juli – das neugegründete Kollektiv »Keramikaze« hatte zu einen Keramikfestival geladen. Es war Einladung und Experiment zugleich, das Kollektiv hatte sich ungewöhnliche und lustige Formate rund um das Thema Keramik, Ton und Töpfern ausgedacht.

Ton gut in Form.      Foto: Elisabeth Hammann

Es gab Workshops wie Töpfern aus dem Begriffslostopf, Speeddatingportraits und mehr. Das Wochenende war der Auftakt und Start für Julia, Ulrike, Anna, Anissa, Lisa, Martha und Elisabeth.
Der Name kommt nicht von ungefähr, die sieben lernten sich über die Keramik kennen, leiteten Töpferkurse für Kinder und haben sich in den letzten Monaten beruflich neu orientiert und das gemeinsame Projekt gestartet. Sie haben Kunst, Produktdesign, Goldschmieden, Malerei und Bildhauerei studiert. Ihre ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und eine ganz ähnliche Vision brachte die Idee hervor, sich zu einem Kollektiv zusammenzuschließen. Keramikaze – mehr als Töpfern weiterlesen

Zwischen Bestimmung und neuen Visionen

Künstlerinnengespräch mit Maria Kossak im »Hungerkünstler«

Der »Hungerkünstler im Salon Renate« von Käse- und Jazzkneipengröße Georg Weishäupl und Sinnesfreuden-Entdecker Wolfgang Baumeister ist nicht nur heurigenartiges Weinbistro mit Jausenbrettern, Käsespätzle oder Überraschungsküche, sondern auch Kunstvermittlungsort und Galerie. Zu »48*h Neukölln« eröffnete hier die Berliner Künstlerin Maria Kossak ihre Ausstellung »FATE *N VISION 2020« beziehungsweise »Bestimmung–Vision«.

© KOSSAK work- n’ progress studio BERLIN

Sie versponn in Gestalt der Maria Magdalena ihre Haare in der Spindel eines zufällig von der Künstlerin entdeckten und sofort als Inspirationsobjekt geliebten Spinnrads und schlug damit Brücken über die Surrealität, die uns zwischen Kulturgeschichte, Mythologie, realer Zeitenwende, Krise und Zukunft begegnet. Zwischen Bestimmung und neuen Visionen weiterlesen

Historische Grüße aus Neukölln

Eine Zeitreise per Ansichtskarte im Schloss Britz

Vor 100 Jahren entstand aus der Stadt Neukölln und den Gemeinden Britz, Buckow und Rudow ein neuer Bezirk, der zu einem Teil Berlins wurde. Die Sonderausstellung »Neukölln – historische Ansichten« im Schloss Britz vermittelt bis zum 20. September anhand großformatig aufgezogener historischer Postkarten einen Eindruck davon, wie es zu dieser Zeit im Bezirk aussah.

Die Richardstraße vor 100 Jahren.     Foto: mr

Die Karten, die überwiegend vor der Eingemeindung aufgenommen wurden, zeigen eine aufstrebende Großstadt mit Industrie, gründerzeitlichen Straßenzügen und idyllischen Ecken wie dem Körnerpark und dem Reuterplatz. Historische Grüße aus Neukölln weiterlesen

Fragile Zeiten im Körnerpark

Das zerbrechliche Verhältnis von Mensch und Natur

Die neue Ausstellung »Fragile Times« in der Galerie im Körnerpark beschäftigt sich mit dem zerbrechlichen, äußerst instabilen Verhältnis zwischen Mensch und Natur und fragt danach, wie Kunst einen Raum schaffen kann, in dem diese Beziehung auf neue Weise definiert wird. Dabei betrachten die beteiligten Künstler das Verhältnis zwischen Mensch und Natur mit ungewöhnlichen Mitteln.

Kokuspamenskulpturr.   Foto:mr

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht »Totem habitat«, eine lebende Skulptur aus Kokospalmen. Kokospalmen sind der Inbegriff tropischer Gewächse. Sie können aber auch große Mengen an Radioaktivität aus dem Boden aufnehmen und werden dadurch ungenießbar. So macht diese Arbeit darauf aufmerksam, wie Urangewinnung und Atomtests zur Zerstörung indigener Reservate und Kulturen beiträgt. Fragile Zeiten im Körnerpark weiterlesen

Zweite Jazzwoche in Berliner Klubs

»Peppi Guggenheim« vertritt Neukölln

Die heutige Berliner Jazzszene ist vielfältig und bunt. Von Dixieland bis Avantgarde sind alle Stilrichtungen vertreten. Allerdings fehlt manchmal das Publikum. Die großen Festivals wie das »Jazzfest Berlin« sind meistens ausverkauft, doch die vielen Klubs, ohne deren Engagement sich die Szene gar nicht ihren illustren Ruf erworben hätte, sind selten wirklich voll.

Trialogues.       Foto: Christian Ender

Um auf Jazz in den Klubs aufmerksam zu machen, hatte die »IG Jazz« letztes Jahr die Idee, einmal jährlich die »Jazzwoche Berlin« zu veranstalten. Damit soll auch die hauptstädtische Presse angesprochen werden, die das Geschehen in den Klubs so gut wie ignoriert. In diesem Jahr findet die zweite Auflage der Jazzwoche statt. Corona-bedingt beteiligen sich weniger Klubs an dem Event, da nicht überall die Abstandsregeln eingehalten können. Zweite Jazzwoche in Berliner Klubs weiterlesen

Riesenrad im Netz

Gespräch mit dem Theaterkollektiv »Grandroue«

Wenn Viktor anfängt, über das Theaterprojekt »Grandroue« (französisch für Riesenrad) zu sprechen, wird seine Erzählung von echter Leidenschaft getragen. Mitten im Gespräch schlüpft er dann in Rollen aus einem der letzten Stücke, beispielsweise in die der Arbeiterin, die zu Corona-Zeiten alle systemrelevanten Berufe auf einmal ausführt, während ihr Ehemann zuhause verschwörerischen Theorien verfällt.

Viktor in Aktion.Foto: pr

»Grandroue« gibt es seit ungefähr zwei Jahren. Innerhalb Neuköllns arbeitet die Gruppe von verschiedenen Standorten aus an ihren Projekten, zuletzt vor allen Dingen aufgrund der Pandemie: »Als es mit den Kontaktbeschränkungen losging, haben wir uns spontan in Produktions-WGs eingeschlossen, immer nur zu zweit oder zu dritt, und haben von dort aus kurze Stücke geschrieben und aufgeführt.« Diese wurden dann live im Internet gezeigt.
»Bei Grandroue haben wir viele der Stücke schon vor Corona über Livestreams auf unserer Webseite grandroue.de gezeigt. Es geht dabei um den globalen Aspekt, denn online können Menschen aus der ganzen Welt zuschauen. In Zukunft wollen wir das erweitern, das heißt mit Kollektiven aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten und Aufführungen aufeinander abzustimmen. Riesenrad im Netz weiterlesen

48 Stunden digital

Kunstfestival am Rechner und auf der Straße

Robert Tschöke, Astrophsik      IFoto: Ralf Deves

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Ideen, das Kunstfestival 48 STUNDEN NEUKÖLLN schließt sich dem an. Unter dem Titel »BOOM #systemrelevant« findet das Festival in diesem Jahr vorrangig am Rechner und auf der Straße statt. Die Kunstpräsentation von etwa 220 Projekten ist in diesen Zeiten eine Herausforderung, aber auch eine große Chance, die ganz neue Möglichkeiten eröffnet. So werden Ausstellungsbesuche und Künstlergespräche ins Digitale übertragen, Plakatwände und Schaufenster werden zu Ausstellungsflächen. Es wird digitale Führungen durch Studios und Ausstellungsräume, sowie Videokonferenzen und Konzert-Livestreams geben. Die Website des Festivals dient hierbei als Programmheft, das direkt zu virtuellen Entdeckungen einlädt und verlinkt. Der Bespielung des öffentlichen Raumes wird in diesem Jahr eine große Rolle zuteil. Mit Unterstützung der »Wall AG« können 75 Werbeflächen als Kunstflächen genutzt werden, viele Schaufenster werden zu Ausstellungsflächen. Also auf zur Reise durch die Neuköllner Kunstwelt – digital oder analog!

jr
Das Festival findet statt vom 19. bis 21. Juni.
www.48-stunden-neukoelln.de

Konzerte verschoben

»Sommer im Park« verspätet sich

Über 30 Jahre gibt es die Konzertreihe »Sommer im Park« im Körnerpark bereits. Dass die Konzerte nicht pünktlich Mitte Juni starten, gab es noch nie. Doch dieses Jahr ist alles anders. Den Grund kennen alle: Die Regelungen zur Corona-Pandemie, mit denen die Ausbreitung des Virus gebremst werden soll.

Bald wieder.    Foto: mr

Derzeit sind noch immer alle Konzertveranstaltungen untersagt – zum großen Bedauern aller, die sich schon auf die sonntägliche Open-Air-Musik im wunderschönen Körnerpark gefreut hatten.
Doch jetzt gibt es einen Hoffnungsschimmer für das Publikum und die auftretenden Künstler. Der Fachbereich Kultur des Bezirksamtes Neukölln hat beschlossen, die komplette Konzert­reihe zu verschieben und mit Verspätung ab Anfang August starten zu lassen. Derzeit arbeiten die Organisatoren mit Hochdruck daran, die Auftritte sämtlicher Bands, die für Juni und Juli geplant waren, auf Sonntagstermine im September und Oktober zu verlegen. Und die Chancen, dass das Manöver gelingt, stehen gut.
Ab sofort darf sich also vorgefreut werden: Der August bietet ein vielfältiges und packendes Programm mit kubanischem Salsa, deutscher Rockmusik, westafrikanischem Jazz und Funk, ungewöhnlichen Akkordeonklängen und amerikanischem Soul.

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Das Rattenimperium

Horst Ever’s »Der König von Berlin«, neu gelesen

Wer einmal auf »Radio Eins« die lustigen Episoden von Horst Evers gehört oder ihn bei einem seiner Live-Auftritte erlebt hat, wird süchtig nach seinem trockenen Humor und seinen skurrilen Geschichten. Doch auch als Krimiautor weiß Evers zu überzeugen.
In seinem 2012 erschienenen Roman »Der König von Berlin« beschäftigt er sich mit einem fiktiven Rattenimperium in der Hauptstadt.
Wie Evers selbst kommt der junge und ehrgeizige Kommissar Lanner aus Niedersachsen. Seine Versetzung aus Cloppenburg nach Berlin sieht der Kommissar als die große Chance. Doch seine Erwartungen werden sämtlich und umgehend enttäuscht. Lanner wird von den Kollegen schikaniert und trifft auf eine Bevölkerung ohne den geringsten Respekt. Trotzdem lässt er sich nicht beirren und arbeitet hartnäckig an seinem ersten Fall, dem angeblichen Selbstmord Erwin Machalliks, des Chefs der größten Schädlingsbekämpfungsfirma von Berlin. Kurz nach dessen Ableben wird die Stadt von einer gewaltigen Rattenplage heimgesucht. Das Rattenimperium weiterlesen

Heilung der verwundeten Blume

Mexikanisch–deutsche Malerei – figurativ, phantastisch und expressiv

Das Bild zeigt einen liebevoll und ermutigend lächelnden älteren Mann, der seiner staunend zu ihm aufschauenden Enkelin einen Kunstmalerpinsel überreicht. Sie zögert mit der Annahme, da vielleicht eine gewisse von ihr zuvor noch nicht erfahrene Magie in diesem Pinsel liegt, wie im gesamten farbenprächtigen Atelier, und hält es für eine große Aufgabe, einen Pinsel in der Hand zu halten.

Das Geschenk.  Foto: Willi Büsing

Das Atelier wirkt wie ein Wintergarten. Draußen wachsen in hellem Sonnenschein schlanke grüne Pflanzen, die sich auf der in Arbeit befindlichen Leinwand widerspiegeln. Die Enkelin trägt ein bunt besprenkeltes Gewand auf hellem Grund, ihr Großvater ist in Blautönen gekleidet und sitzt auf einem Sessel, der ein Gesicht hat, eine lebendige Skulptur, die von Tradition spricht. Heilung der verwundeten Blume weiterlesen

Brasilien, Neukölln und Frauen

Vilson Sousa malt und kocht

Das größte ausgestellte Gemälde ist ein Prospekt über Vilson Sousas Geburtsland Brasilien. Das ganze Land wird symbolisch gespiegelt. Ein Indigener aus Amazonien eröffnet die bildliche Reise. Ein Bürohochhaus mit Fahrstuhl zeigt den Einbruch der Moderne an. Ein hohes Gebäude stellt die Hauptstadt Brasilia dar, die einem Flugzeug nach entworfen wurde. Danach kommen dampfende Schlote, die für die große Industriestadt Sao Paulo stehen. Auf dem virtuellen Weg nach Süden folgen Bäume, die von deutschen Siedlern gepflanzt wurden. Abschließend finden sich Rinder, getrieben von einem reitenden Gaucho.

Vilson im Weinladen. Foto: th

Der Prospekt zeigt Brasiliens Vielfalt. Schon dieses Bild strahlt farbliche Kraft aus, die den symbolischen Botschaften imposanten Ausdruck verleihen. Sousa bezeichnet sich treffend als »symbolischen Surrealisten«. Dabei benutzt er ausschließlich sechs Farben, aus denen er Mischtöne kreiert: Schwarz, Blau, Gelb, Rot, Karmin und Weiß. Brasilien, Neukölln und Frauen weiterlesen

Besonderes Zentrum für Zeitgenössische Kunst

Andreas Fiedler hat die Direktion des KINDL übergeben

Mit einem scheinbar von der Decke des Kesselhauses stürzenden gelben Flugzeug eröffnete 2014 eine Reihe anspruchsvoller Ausstellungen im »KINDLZentrum für Zeitgenössische Kunst«. Roman Signer installierte »Kitfox Experimental«. Die Kitfox ist ein einmotoriges, zweisitziges Sportflugzeug. Der erste künstlerische Direktor des KINDL, Andreas Fiedler, machte mit dem ihm bekannten schweizerischen Künstler einen spektakulären Auftakt zu insgesamt 18 außergewöhnlichen Ausstellungen.

Signer und Fiedler. Foto: fh

Zunächst wollte Andreas Fiedler absagen, als er gebeten wurde, nach Berlin zu kommen. Die neuen Eigentümer des KINDL-Gebäudes, Salome Grisard und Burkhard Varnhold, Schweizer Kunstsammler, wünschten, dass er die künstlerische Direktion eines geplanten Kunstzentrums übernehme. Sie kannten den Berner, der sich als Kurator bereits einen Namen gemacht hatte: für spezielle Ausstellungen und eine verständliche Art, Kunst zu vermitteln. Doch als Fiedler den expressionistischen Backsteinbau sah, erkannte er das Potienzial und sagte zu. Besonderes Zentrum für Zeitgenössische Kunst weiterlesen

Relativ schön

Kosmetiksalon »Babette« zu Gast im KINDL

Mit der von Maik Schierloh kuratierten Gruppenausstellung »How beautiful you are!« ist der »Kosmetiksalon Babette« für zwei Wochen zu Gast im Maschinenhaus M0 des »KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst«. In unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen untersucht die Ausstellung den Begriff der Schönheit. »How beautiful you are!« verhandelt Schönheit nicht als wertende Kategorie, sondern nimmt den Begriff als Ausgangspunkt für Experimente und kommentiert ihn von verschiedenen Seiten. Klassische Sichtweisen werden gespiegelt und durchbrochen. In der Interaktion von mehr als zehn Künstlern und Künstlerinnen entsteht ein anderes ästhetisches Bewusstsein. Schönheit ist mehr als relativ, ihre Wahrnehmung hängt von der situativen Rezeption ab. Der »Kosmetiksalon Babette« setzt seine Gruppenausstellungen, die immer mit Performances verbunden sind, bis 7. März fort. Die Auftritte beteiligter Künstler und Künstlerinnen unterstreichen die gemeinsame Botschaft an das Publikum. Abschließend findet eine außergewöhnliche Modenschau des Männerduos BIEST statt. Es geht nicht um Mode im klassischen Sinn, die zum Konsumatikel wird, sondern um individuelle Kreationen.

th

OTTTO

Vergänglichkeit im Körnerpark

»Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst«, heißt es in der Aschermittwochsliturgie. Die Asche soll den Menschen an seine eigene Vergänglichkeit erinnern und symbolisiert, dass Altes vergehen muss, damit Neues entstehen kann.
Ein Häufchen Staub unter einer Glashaube ist auch Teil der neuen Ausstellung in der Galerie im Körnerpark, in der es um die Auflösung vermeintlich fester Strukturen geht und um Dinge, die sich im Laufe der Zeit verändern, verschwimmen, unsichtbar werden und verschwinden. Dazu gehören auch die eigenen Erfahrungen mit dem Verblassen von Erinnerungen. OTTTO weiterlesen

Volles Programm bei der Salonmusik

Virtuose Saxophone und spanische Gitarren

Anfang des 19. Jahrhunderts bekam die Kammermusik in den Palais und Residenzen des Adels ein bürgerliches Pendant: In den Salons der großbürgerlichen Gesellschaft fand neben der Literatur zunehmend auch die Musik Beachtung. Anfangs konzertierten dort Amateure, bald auch Virtuosen wie Jacques Offenbach als Cellist oder Franz Liszt am Klavier.

Jerzy Chwastyk.Foto: Uwe Arens

Im Neukölln des 21. Jahrhunderts wird diese Tradition der Salonmusik neu interpretiert, als kulturen- und genreübergreifend. Die Klassik hat nach wie vor ihren festen Platz, und auch Chanson sowie Jazz werden präsentiert, ebenso eine breitgefächerte Vielfalt von Musik mit arabischen, asiatischen, lateinamerikanischen oder afrikanischen Wurzeln, in welcher sich die ethnische Vielfalt des Bezirks widerspiegelt. Im Märzprogramm dürfen sich die Fans exquisiter kammermusikalischer Jazzmusik gleich auf zwei Konzerte freuen. Volles Programm bei der Salonmusik weiterlesen

»Griessmühle« funkt S.O.S.

Demo zum Erhalt der »Griessmühle«.      Foto: Christian Hoffmann

Clubstandort in Neukölln gefährdet

Für den am südlichen Ende der Sonnenallee angesiedelten Elektroclub »Griessmuehle« endet ein turbulenter Monat. Denn erst Mitte Januar wurde von Seiten des Clubs bestätigt, was in den Wochen zuvor bereits gerüchteweise durch die sozialen Netzwerke und Onlineblogs geisterte: Das bekannte Party- und Kulturzentrum steht an seinem bisherigen Standort vor dem Aus. Da der aktuelle Eigentümer des Grundstücks, die »SIAG Property II GmbH«, den befristeten Mietvertrag aufgrund eines eigenen Verkaufsinteresses nicht weiter verlängerte, muss die »Griessmühle« ihre Pforten in Neukölln Ende Januar schließen. »Griessmühle« funkt S.O.S. weiterlesen

Auf den Tag genau

Zeitungsmeldungen von vor 100 Jahren zum Hören

Was passierte auf den Tag genau vor hundert Jahren in Berlin? Drei Neuköllner haben sich diese Frage gestellt, und entstanden ist ein wunderbarer Podcast. Ein Podcast bezeichnet eine Serie von abonnierbaren Mediendateien, die auf dem Smartphone oder Computer angehört werden können.

DAs Audio-Trio auf Spurensuche.    Foto: jr

Wir sitzen in einer Neuköllner Küche, und die drei erzählen mehr über ihre Idee: Zu allererst geht es ihnen nicht um den Hype der 20er- Jahre, die Zeit ist eher Zufall. Zu Hören sind Zeitungsmeldungen aus dem letzten Jahrhundert, eben auf den Tag genau.
Die Geschichte beginnt im Oktober 2019. Jan Fusek, Fabian Goppelsröder und Robert Sollich begegnen sich über Querverschränkungen, teilen ihre Liebe für das Medium Radio und tauchen ein in die Zeit vor hundert Jahren. Auf den Tag genau weiterlesen

Neuköllner Kunstpreis 2020

Prämierungen für Steine, Bügel und Bänder

170 haben sich beworben, acht wurden nominiert, drei haben ihn bekommen: den Neuköllner Kunstpreis, der am 24. Januar vom Fachbereich Kultur und dem »Kulturnetzwerk Neukölln e. V.« in einer feierlichen Zeremonie im »Heimathafen« verliehen wurde.

Wertgeschätzte Künstlerinnen.   Foto: mr

»Preise zu vergeben, gehört zu den schönsten Aufgaben einer Stadträtin«, sagte Kulturstadträtin Karin Korte, als sie die Namen der Gewinnerinnen verkündete. Der Preis, der in diesem Jahr zum vierten Mal vergeben wurde, sei ein Zeichen der Wertschätzung für die Künstler, die in Neukölln leben oder arbeiten in einer Zeit, in der es für sie immer schwerer werde, Platz für Ateliers zu finden. »Wir zeigen, dass uns die Kunst nicht egal ist«, sagte sie weiter. Neuköllner Kunstpreis 2020 weiterlesen

Die Kinder des Krieges

Videoinstallation im Museum Neukölln

Die Videokünstlerin Ina Rommee hat gemeinsam mit dem Fotografen Stefan Krauss acht Neuköllner, die zwischen 1929 und 1938 geboren wurden, nach ihren Erinnerungen an die Kriegsjahre und die Jahre danach gefragt. Die daraus entstandene Videoinstallation ist bis zum 5. April im Museum Neukölln auf dem Gutshof Britz zu sehen und zu hören.

Acht Zeugnisse des Krieges.   Foto: mr

Die Besucher nehmen auf weißen Stühlen vor acht Monitoren Platz, die so nebeneinander angeordnet sind, dass der Eindruck entsteht, die drei Frauen und fünf Männer säßen an einem Konferenztisch dem Betrachter gegenüber. Reihum erzählen sie aus ihrem Leben. Durch den Schnitt und die Montage erscheinen die Erzählungen dabei wie ein wechselseitiges Gespräch.
Es geht um den Alltag in der Schule, beim »Bund deutscher Mädel« oder der »Hitlerjugend«; darum, wie sich Menschen veränderten, sobald sie eine Uniform anzogen. Es geht um die Angst und die Ungewissheit über den Verbleib des Vaters im polnischen Exil wie bei Karol Kubitzki oder wie bei Georg Weise, der lange nicht wusste, dass sein Vater zu 15 Jahren Haft wegen Widerstands-Aktivitäten gegen die Nazis verurteilt worden war. Die Kinder des Krieges weiterlesen

Salonmusik

Jazz im »Zitronencafé«

Der Auftakt der diesjährigen Salonmusik am 2. Februar verlief turbulent. Zwei der Musikerinnen des Lotus Trio, das die Konzert­reihe eröffnen sollte, hatten sich bei ihrem Aufenthalt in Vietnam
anlässlich des Neujahrsfests mit dem Corona-Virus angesteckt und konnten nicht zurück nach Berlin reisen.

Karparov & Brunn. Foto: Sevi Tsoni

Deshalb musste die Gruppe zwei Tage vor dem geplanten Konzert absagen. Kurzfristig konnte aber mit dem »Ravi Srinivasan Duo« eine hervorragende Ersatzband engagiert werden, die mit ihrem indisch-indonesischen Programm »Klänge aus dem Dschungel« die Zuhörer begeisterte.
Am 9. Februar erwartet das Publikum Musik des Balkans, gewürzt mit einer Prise Modern Jazz. Der virtuose Saxophonist Vladimir Karparov entwickelt mit seinem Duopartner, dem Gitarristen Andreas Brunn, urbanen World-Jazz, der souverän die musikalischen Welten des Okzidents und Orients verbindet. Salonmusik weiterlesen

Die Faszination der Biografien

Wie Worte das Leben noch einmal formen

»Die Biografische Bibliothek« in der Richard­straße 104 bietet als einziges Antiquariat in Deutschland eine enorm große Zahl an inhaltlich wertvollen und aufschlussreichen Biografien, Tagebüchern, Memoiren und Briefeditionen, die anderweitig nur noch schwer erhältlich sind.

Bibliothek erlebter Geschichten.        Foto: pr

Die Bücher sind liebevoll und sorgfältig anhand ihrer inhaltlichen und literarischen Qualität ausgewählt. Schwerpunkte des Sortiments bilden Biografien von und über Frauen sowie antifaschistische Lebensgeschichten und Künstlerbiografien.
In loser Reihenfolge finden seit 2005 »Biografische Lesungen« statt. In der 89. Lesung i m Dezember 2019 stellte beispielsweise Ingeborg Boxhammer ihre Biografie über Margarete Herz vor. Diese radikaldemokratische jüdische Kämpferin für das Frauenwahlrecht und Mitgründerin einer Reformbewegung für eine gesunde Lebensweise schuf ein starkes Netzwerk selbstständiger Frauen. Der antisemitische Naziterror trieb sie ins Exil. Die Faszination der Biografien weiterlesen

Lachen, das im Hals stecken bleibt

Guatemaltekische Künster und Kolibris im Körnerpark

Inspiriert durch den guatemaltekischen Ort San Pedro La Laguna trägt die laufende Ausstellung in der Galerie im Körnerpark den Namen »This might be a place for hummingbirds« (Dies könnte ein Ort sein, an dem die Kolibris summen).

Bilder einer Ausstellung.    Foto: aa

Der Titel verspricht schöne farbenfrohe Bilder, die gleichzeitig im ästhetischen Kontrast zu den eigentlichen Themen der Künstler stehen. Geprägt durch den Genozid an der indigenen Bevölkerung Guatemalas während der Militärdiktatur in den 1980er Jahren stehen dabei Gewalt, Trauma, Frauenrechte, Migration, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz, Gender und Identität als sichtbare Folgen der Kolonialgeschichte im Vordergrund und lassen so einen Begegnungsraum für die Probleme der heutigen Zeit entstehen. So prallen eigene Bilder, Unwissenheit und Klischees auf konkrete Ereignisse unserer Geschichte. Lachen, das im Hals stecken bleibt weiterlesen