Archiv der Kategorie: Reportagen

Von Bobos und sozialem Wohnungsbau

Zwei Städte, ein Phänomen: Paris, Neukölln und die Gentrifizierung

Belleville ist ein kleines ehemaliges Arbeiterviertel im 20. Pariser Arrondissement. Das Straßenbild wird dominiert von chinesischen Supermärk­ten und Restaurants, überquellenden Mülleimern und Obdachlosen.
Doch dazwischen blitzen immer mehr nette, kleine Cafés mit Bücherregalen und Retromobiliar auf. Klingt vertraut? Ja, die Ähnlichkeit zu Neukölln ist tatsächlich so groß, dass eine Künstlerin bereits ein Fotoprojekt im Austausch der beiden Viertel startete, das letztes Jahr im Berliner »Institut Français« zu sehen war.

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BourgeoisE Bohémiens beim Laissez-faire.Foto: Romy Strassenburg

Auch wenn in Neukölln statt chinesischer vielleicht eher türkische Gastronomie überwiegt, so sind die Probleme von Gentrifizierung und sozialer Verdrängung dieselben. Statt der verschrienen »Hipster« drängen hier die konsumstarken »Bobos» (Bourgeois Bohémiens) in die noch nicht so stark entwickelten Teile der Stadt mit vergleichsweise niedrigen Mietpreisen und eröffnen Vintageläden und Galerien. Von Bobos und sozialem Wohnungsbau weiterlesen

Mit Schwung ins Alter

Dank Sylvia-Fee Wadehn treten Senioren verstärkt für ihre Interessen ein

Aus einem tiefen Schlaf hat sie den Rollberg wachgeküsst. Als Sylvia-Fee Wadehn 2011 in das Seniorenhaus in der Morusstraße 1 einzog, fand sie Bewohner in den 108 Wohneinheiten vor, die sich in einem tiefen Dornröschenschlaf befanden. Vereinzelt lebten sie nebeneinander, ohne Kontakt zueinander zu haben. Dabei haben sie eines gemein: Sie sind über 60 Jahre alt. Denn das ist die Voraus-setzung, in das Seniorenhaus der Wohnungsbaugesellschaft »Stadt und Land« einzuziehen. Zwei Jahre beobachtete und sondierte Wadehn, dann kam die SPD-lerin in Fahrt.

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Nicht immer einig mit dem Regierenden.                                                                                                           Foto: privat

Hier musste etwas geändert werden. Es gelang ihr, die Bewohner zusammenzubringen. Die Altmieter begannen, sich um die Neuan-kömmlinge zu kümmern, der Gemeinschaftsraum wurde wieder für Aktivitäten von der Weihnachtsfeier bis zum Lesekreis genutzt. Eine enge Zusammenarbeit mit dem »SchwuZ« entstand. Da ließen sich auch Prominente blicken.
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»Freunde Neuköllns« bauen Brücken

Städtepartnerschaften sollen wieder belebt werden

Bertil Wewer
Bertil Wewer.                                               Foto:mr

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden von den britischen Besatzern freundschaftliche Begegnungen zwischen engli- schen und deutschen Städten begründet zur Völkerver-ständigung »von unten«. Nach dem Motto, »wenn man sich kennt und miteinander redet, schlägt man sich nicht die Köpfe ein«. Anfang der 1950er Jahre – ein geeintes Europa war noch nicht absehbar – bildeten 50 deutsche und französische Bürgermeister in Genf den »Rat der Gemeinden und Regionen Europas«, der seit 1955 eine Sektion in Deutschland hat. In diesem Jahr begründete Neukölln die Ring- Städtepartnerschaft »Jumelage« mit ehemaligen Kriegsgegnern im niederländischen Zaanstad bei Amsterdam, dem belgischen Anderlecht bei Brüssel, dem französischen Boulogne-Billancourt bei Paris sowie dem britischen Hammersmith & Fulham, einem Stadtteil von London. »Freunde Neuköllns« bauen Brücken weiterlesen

Britz, mal auf die Schnelle

Die Geschichte eines Neuköllner Ortsteils in aller Kürze

Das urkundlich erstmals 1237 erwähnte Britz kam als Ortsteil 1920 zum Bezirk Neukölln. Das typische Britz beginnt so richtig, bezirks-geographisch zwar nicht korrekt, hinter dem Teltowkanal. Britz ist ein lohnendes Ausflugsziel, das auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln schnell zu erreichen ist. Am einfachsten geht das mit der U-Bahn. Die Linie U7 wurde nämlich 1963 bis nach Rudow verlängert.

U-Bahnhof Blaschkoallee
Aussteigen und angucken!                                                                                                                                                       Foto: rr

Der erste Bahnhof dieser Verlängerung ist die Station Blaschkoallee. Die wurde erst vor kurzem runderneuert, hat nun auch einen Fahr- stuhl und ist als 97. Bahnhof seitdem barrierefrei. Britz, mal auf die Schnelle weiterlesen

Alltag im Ausnahmezustand

Jana Treffler berichtet aus Paris

Ein Freitagabend, der beginnt wie jeder andere. Ein Glas Wein, Essen gehen mit der Familie oder Kino mit dem Freund, das Leben in Paris spielt sich draußen ab. Ein Freitag, nach dem alles anders ist.
Der Schrecken des Terrorismus ist wieder einmal nach Paris gekom- men, wieder ist uns die Realität unserer Welt grausam nahe gerückt. Das ganze Wochenende laufen die Sondersendungen im Radio, die Life-Ticker der Nachrichtenportale, das Fernsehen, das die Kriegs-rhetorik der Politiker mit Lichtgeschwindigkeit in die Wohnzimmer der Menschen trägt. Wir alle seien angegriffen, in unserer Lebensart, in unseren Werten, insbesondere die Jugend, also die schon ausge-rufene »Generation Bataclan«. Damit bin dann wohl ich gemeint.

Paris
PAris vor den Anschlägen.                                                                                                                                                       Foto: fh

Ich nehme mir fest vor, mich nicht den Ereignissen zu unterwerfen, nicht ängstlich zu werden, doch dann fallen meine Kurse an der Uni in St. Denis aus, weil sich dort bei einem Polizeieinsatz eine Frau in die Luft gesprengt hat, und ich merke, wie sich mein Leben zwangsläufig ändern wird. Alltag im Ausnahmezustand weiterlesen

Wie einst Maria und Josef

Nicht nur zur Weihnachtszeit suchen Menschen ein Dach über dem Kopf

Über 2.000 Jahre ist es her, dass Kaiser Augustus seine erste Volks-zählung durchführen ließ. Aus diesem Grund sollte sich jede Familie an den Ort des Familienvaters begeben. Für die hochschwangere Maria und ihren Gatten Josef begann damit eine Wanderung von Nazareth nach Betlehem, eine Strecke von 160 Kilometern durch Palästina. Beschwerlich und gefährlich war der Weg.
Angekommen in Bethlehem wollten sie sich registrieren lassen, aber es gab keine Unterkunft für sie. Die Herberge, die sie aufsuchten, war bereits überfüllt. Maria und Josef konnten von Glück im Unglück reden, als sie einen Stall fanden, in dem sie etwas Schutz vor der Kälte fanden. Wenige Tage nach der Geburt ihres Kindes wurden sie von den Heiligen drei Königen beschenkt.

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Moderner Stall am Columbiadamm.                                                                                                                               Foto: mr

Und heute? Menschen begeben sich viele tausend Kilometer auf den Weg, weil sie ihrer Heimat beraubt wurden, weil sie in ihrem Land nicht mehr sicher sind. Jung und Alt fliehen mit Sack und Pack und nehmen eine Reise auf sich, bei der sie nicht wissen, ob sie an ihrem Ziel ankommen. Wie einst Maria und Josef weiterlesen

Neuköllner Seenplatte?

Versteckte Kleinode im südlichen Neukölln

Auf dem Gebiet des heutigen Neukölln gab es einmal 200 Seen und Teiche! Heute existieren davon leider nur noch 33. Alle übrigen ver­schwanden. Im Zuge der Erweiterung des Berliner Stadtgebietes und des intensiven Wohnungsbaus wurde ihr Platz vielfach geopfert, aber auch in Folge der Intensivierung der Landwirtschaft und der fortschreitenden Industrialisierung.

Blick vom Britzer Damm auf Schloß
Blick vom Britzer Damm auf das Britzer Schloß.                                                                                      Foto: rr

Dabei ist Wasser ein wichtiges Element, auch für die innerstädtische Naherholung. Es ist schade, dass sich heutzutage, bis auf den künstlich angelegten Rixdorfer Teich in der Hasenheide, die übrigen Stillgewässer nur noch südlich des Teltowkanals, also in Britz, Buckow und Rudow befinden. Die sind aber mehrheitlich gut und schnell, auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu erreichen. Neuköllner Seenplatte? weiterlesen

Kunst oder Vandalismus?

Straßenkünstler erheitern den Kiez

Graffiti verändert, manchmal auch sehr dauerhaft, Flächen. Graffiti ohne Auftrag ist Sachbeschädigung. Graffiti-Betroffene sprechen gern einmal von Vandalismus. Strafrechtlich drohen den eigenmächtig agierenden »Künstlern« Geld- oder Haftstrafen, und deshalb versuchen sie, möglichst anonym zu bleiben. Streetart ist eine Spielart des Graffiti, für sie gelten die gleichen Regeln.

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Ein Männlein steht auf dem Schilde.                                                                                                           Foto: rm

So verwundert, dass Josef Foos immer noch unbehelligt seine Korkfiguren eigenmächtig platzieren darf. Seine aus Weinkorken und Schaschlikspießen gefertigten Gestalten turnen schon seit Jahren, hoch oben auf ausgesuchten Straßenschilderrahmen Berlins. Da der Künstler in Neukölln Yoga lehrt, ist »turnen« wohl nicht der richtige Ausdruck, denn seine beliebten Street -Yogis zeigen mehrheitlich Yogastellungen. Kunst oder Vandalismus? weiterlesen

Neuköllner Friedhöfe im Wandel der Zeit

Der Jerusalemer Friedhof

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Früher evangelisch, heute bulgarisch-orthodox.                                                                                                  Foto: mr

Der fünfte Kirchhof der Jerusalems- und Neuen Kirchen-Gemeinden zu Berlin wurde in den Jahren 1870 bis 1872 auf einem fast sechs Hektar großen Gelände in der Hermannstraße 84-90 mit einer zentralen Lindenallee, mehreren Rondellen und sieben Querwegen angelegt.
Während der letzten zwei oder drei Jahre des Zweiten Weltkriegs stand am Westende im hinteren Teil des Kirchhofes, nahe dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, eine Baracke für Zwangsarbeiter, die den Friedhof bewirtschaften mussten. Dort wurde eine Gedenktafel errichtet. Neuköllner Friedhöfe im Wandel der Zeit weiterlesen

Wildtiere im Großstadtdschungel

Die Stadt als Rückzugsraum für seltene Tiere

Füchse in Britz? Nicht nur deren angestammte Lebensräume werden kontinuierlich eingeschränkt oder zerstört. Stadtgebiete werden so zum letzten Rückzugsraum für Wildtiere. Alles Folgen einer stetig wachsenden Bevölkerung, der Industrialisierung und einer massiv maschinell betriebenen Landwirtschaft.

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Rhinokäfer                                                                                                                                                               Foto: rm

Auf engstem Raum bieten moderne Städte viele unterschiedliche Biotope. Wildtiere erobern diese immer mehr. Berlin besitzt ausgedehnte Parkanlagen, große, zusammenhängende Grünflächen und sogar Waldgebiete. Dazu gibt es reichlich Wasser, viele alte Friedhöfe, verwilderte Brachen und stillgelegte Bahnhofs- und Gleisanlagen. Das sind reichlich potenzielle neue und dazu noch pestizidfreie Lebensräume. Wildtiere im Großstadtdschungel weiterlesen

Pfiffe für die Besucher

Jana Treffler und Petra Roß besuchen die Jugendstrafanstalt Plötzensee (Teil 2)

Obwohl ich meine Kollegin am Tag zuvor darauf aufmerksam gemacht hatte, dass sie sich in Sack und Asche hüllen soll – sie ist einfach sehr jung und sehr schön –, wird uns beim Gang über den Hof auf dem Weg zu den Untersuchungshäftlingen aus den Zellen nachgepfiffen.
Dort angekommen erwartet uns ein Geräuschpegel, der unser Nervenkostüm beansprucht. In den alten Gemäuern echot der Tischfußball, der Hall der jungen Männerstimmen dröhnt im Kopf. Ein Justizvollzugsbeamter bestätigt, dass er am Abend immer mit Kopfschmerzen das Haus verlässt.

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Voll vergittert.                                                                                                                                                                                   Foto: jt

Bei der Besichtigung einer leer stehenden Zelle springt uns die Trostlosigkeit an. Eine Pritsche, ein Minitisch mit Stuhl und ein Minisanitärbereich müssen dem Untersuchungshäftling genügen. Das Freitzeitangebot beschränkt sich aufs Warten. Es gibt kein weiterführendes Programm, keine Arbeit, nicht mal Sozialarbeit. Warum auch, wenn keiner weiß, ob der Untersuchungshäftling schuldig ist. Pfiffe für die Besucher weiterlesen

Hinter Schloss und Riegel

Jana Treffler und Petra Roß besuchten die Jugendstrafanstalt Plötzensee (Teil 1)

Seit 20 Jahren bereits befindet sich Janina Deininger in der Jugendstrafanstalt Plötzensee. Hier hat sie Karriere gemacht, nicht als Häftling, sondern als Mitarbeiterin. Seit 2001 macht sie hier die Öffentlichkeitsarbeit und ist inzwischen deren Leiterin. Damit ist sie die Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen. Sie führte Redakteure der Kiez und Kneipe, die sehen wollten, wie es einigen Neuköllnern in ihrem Exil ergeht, durch die Räumlichkeiten der Strafanstalt.

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Mulmige Gefühle.                                                                                                                                                                          Foto: pr

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Hoch hinaus

Treppenläufer beim Tower-Run

HausHoch hinaus geht es beim Tower- Run. Nach einer Einführungsrunde von 400 Metern geht es 465 Stufen bis zur 30. Etage aufwärts in das höchste Berliner Wohnhaus an der Fritz-Erler-Allee!
Der diesjährige Lauf am 11. Januar war bereits der fünfzehnte seiner Art, der von der »TuS Neukölln«, der SPD Neukölln und der Bauge- nossenschaft »IDEAL« organisiert wird.
Der Tower-Run bildet den Auftakt zu einer Treppenlaufserie in Deutschland, bei der am Ende auch ein offizieller Gesamtsieger ermittelt wird. Mitmachen kann jeder, gelaufen wird in unterschiedlichen Altersklassen. Hoch hinaus weiterlesen

Zehnjähriges Jubiläum in der Schilleria

Das Café für Mädchen und junge Frauen feiert sich selbst

Alles hat einen Anfang. Aus einem Hirngespinst wird eine umsetzbare Idee. Ein Projekt entsteht, das Räumlichkeiten braucht. Und wenn die erst einmal gefunden sind, steht dem Ganzen nichts mehr im Wege. In ungefähr solch einer Situation befanden sich wohl auch die zwei Gründerinnen der Schilleria, ehe sie vor zehn Jahren in der Weisestraße fündig  wurden.

Das neue Graffiti für die Schilleria.Foto: cr
Das neue Graffiti für die Schilleria.                 Foto: cr

»Wow, hier hat sich echt viel verändert!«, sagt eine junge Frau, als sie die Schilleria am 30. November zum großen Jubiläum betritt. Das erste Mal war sie vor sieben Jahren hier. »Ich erinnere mich noch, wie ich das erste Mal durch diese Tür gekommen bin.« Nicht nur die Augen der jüngeren Mädchen leuchten, auch in den Augen der allerersten Schilleriabesucherinnen, die mittlerweile selbst Kinder haben, ist die Freude zu sehen. Die Mädchen von der Schilleria haben sich auch redlich Mühe gegeben: Es ist bunt geschmückt, es gibt Kuchen und Limonade. Bis in die Nacht hinein wurde gearbeitet, damit die neue Front, die ein befreundeter Sprayer verziert hat, am großen Ehrentag fertig ist.

Ein buntes Programm gab es natürlich auch für die zahlreichen Gäste: Musik, eine Fotoausstellung, ein Theaterstück über die letzten zehn Jahre und noch viel mehr.

Das Geburtstagsgeschenk.Foto: cr
Das Geburtstagsgeschenk.                                  Foto: cr

Eine rundum gelungene Veranstaltung, so finden viele am Ende. Und ganz zum Schluss passiert etwas, das nur noch äußerst selten gesehen wird: Die Mädchen schnappen sich Besen und Schüsseln, um sauber zu machen – natürlich nicht ohne Hintergedanken. Das Konfetti, das zwischenzeitlich verteilt wurde, könnte doch noch nützlich sein. Vielleicht für den nächsten Geburtstag?

Das ist zu wünschen, denn mittlerweile ist die Schilleria für viele Mädchen und junge Frauen ein wichtiger Bezugspunkt in ihrem Leben geworden. Und durch die Einrichtung lebt der Kiez auf, daran können selbst die Dauerbaustellen nichts ändern. Und gegen ein Kinderlächeln hat nun wirklich kaum jemand etwas. Nicht nur die Mädchen sind froh, ab und zu aus ihrem Alltag ausbrechen zu können, auch viele Eltern können sich ein Leben ohne die Schilleria nicht mehr vorstellen. In diesem Sinne: Auf die nächsten zehn Jahre!       cr

Leben, wo andere Urlaub machen

Ylva Roß sammelt ihre Erfahrungen in engen Bergtälern

Mit ein paar Freunden fuhr ich über meinen Geburtstag zwei Wochen nach Österreich. In Leogang ist der europagrößte Bikepark, und da mein Freund mich nun mal mit dieser Leidenschaft angesteckt hatte, war ich gern dazu bereit, einen Mountainbike-Urlaub zu verbringen: Mit dem Lift hochfahren und dann so schnell wie möglich mit dem Bike wieder runter. Natürlich, wenn möglich, ohne größere Verletzungen. Eines Tages musste mal wieder einer von uns ins Krankenhaus, und so bewarb ich mich spontan um eine Lehrstelle, die in einem Geschäft direkt am Lift ausgeschrieben war. Noch im selben Monat, Ende August, zogen wir von Neukölln nach Österreich.

Es fing alles sehr schön an: Jeden Tag Sonnenschein, nette Kunden, mit denen ich über das Fahrradfahren philosophieren konnte, der Geburtstag meines mitgezogenen Freundes. Leider hielt sich dies alles nicht: Das Wetter wurde schlechter, die Mountainbiker weniger, der Geburtstag war vorbei und ich war jeden Tag bei der Lehrstelle nur am Putzen, Schrubben und Wischen. Irgendwann stellte sich heraus, dass der Laden keine Berechtigung hat, Lehrlinge auszubilden, und somit wurden der andere Lehrling und ich von heute auf morgen vor die Tür gesetzt. Ich blieb optimistisch. Hier hat ein Großteil der Leute nichts als einen Hauptschulabschluss, kann erstaunlich schlecht lesen und, den Zeitungen entsprechend, haben sie auch eher bescheidene Allgemeinbildung. Ich ging weiter zur »Schui« (Berufsschule) und bewarb mich überall in meinem neuen Wohnort. Bei jedem Bewerbungsgespräch taten die Chefs ihre Begeisterung kund über meinen Lebenslauf, mein (in Österreich) sehr gutes Abitur und meine Sprachkenntnisse. Mit einem sehr guten Gefühl verließ ich das Geschäft, sicher in den nächsten Tagen, wie abgemacht, eine Zusage zu bekommen.

Alpenpanorama.Foto: fh
Alpenpanorama.                                                  Foto: fh

Heute lese ich meine E-Mails und sehe nur eine Absage nach der anderen: »Mit großem Bedauern«, »wir sind begeistert von Ihren Erfahrungen«, »Sie sind ein wunderbarer Mensch« und »beeindruckt von Ihrem Lebenslauf«  sind Aussagen, die mir leider gar nicht weiterhelfen. Nur wenige trauen sich, die Wahrheit zu sagen: »Wissens, Frau Roß, Sie koman nät aus dem Pinzgaurischn. Do vasteht man Sie sso schlächt. Das mögn die Kundn nät.« Stattdessen werden Hauptschüler bevorzugt, die selten Englisch sprechen (in einer Touristenregion sehr unpraktisch), faul sind, keine Lust auf die Arbeit haben und sehr unselbstständig sind.

Bisher habe ich ungewollt einige Vorurteile gegenüber manchen Ausländern in Neukölln gehabt. Dies wird mir hier erst bewusst und ich schäme mich dafür. »Wenn man sich genug anstrengt, findet man immer was.« Diesen Satz kennen wir wohl alle, doch wenn immer wieder eine Hoffnung entsteht, man dann ohne verständliche Gründe abgelehnt wird und jemand sehr viel Schlechter Qualifiziertes die Stelle bekommt, kann das schon an den Nerven zehren. Ich dachte bisher, dass ich nur einen Umzug gemacht habe. Nach zwei Monaten wird mir klar, dass ich ausgewandert bin und selbst als Ausländerin angesehen werde.

Vom Achterwasser bis zur Ostsee

Naturschauplätze von Krummin bis Zinnowitz

Auto- und Fahrradfahrer sollten vorsichtig durch Krummin fahren, denn sie könnten zu spät entdecken, dass der Weg  direkt im Achterwasser enden kann. Gleich neben der Kirche St. Michael führt der Weg ins Nass. 1302 wurde dort das Zisterzienserinnenkloster gegründet, das von bildungshungrigen Bürgertöchtern bewohnt wurde. Heute steht nur noch die Kirche, aber eine Ausstellung im Kirchgarten gibt Auskunft über die aufregende Geschichte des Baus.

Am Achterwasser, das in großen Teilen von Schilf umfasst ist, siedeln etliche Vogelarten, von denen die Neuköllner Stadtmenschen nicht alle kennen können. Kraniche haben in der Nähe des Wassers ihre Sammelplätze, von denen aus sie in den Süden starten. Manche sind auch nur vom Norden auf der Durchreise. Bis Ende Oktober sind hier die Schauspiele der Kraniche zu sehen.

Hafen Krummin.Foto: fh
Hafen Krummin.                                                    Foto: fh

Den kurzen Weg nach Zinnowitz, der nur acht Kilometer lang ist, kann der Inselbesucher durchaus laufen, denn es gibt jede Menge unterschiedlicher Natur zu sehen. Flora und Fauna, aber auch Wolken und Wetter zwingen zum Abstand vom manchmal quälenden Alltagstrott.

Das Ostseebad Zinnowitz ist die Perle Usedoms. Die Landschaft hat sich im Vergleich zum Achterwasser komplett verändert. Möwen kreischen über einem endlosen weißen Sandstrand am Meer, der von Peenemünde bis zum polnischen Swinemünde reicht. Dahinter der Gürtel aus Dünen, an den sich Kiefernwälder anschließen, bietet schon einen etwas ungewöhnlichen Anblick. Gerade dann, wenn der Urlauber auf der Seebrücke steht, die ganz weit in die Ostsee reicht, kann sich das Auge nicht satt sehen. Die faszinierende Landschaft wird durch die bezaubernde Bäderarchitektur geschmackvoll unterbrochen. Da haben Menschen mal schöne Ideen umgesetzt.
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Hohe Braukunst am Rollberg

Paul Schwingenschlögl besuchte die Brauerei auf dem Kindlgelände

Die Kindl-Brauerei setzte auf Masse, gab ihren Standort Werbellin­straße auf und zog nach Weissensee, um zu expandieren und mit dem Erzfeind Schultheiss zu fusionieren. Die Privatbrauerei »Am Rollberg«, gegründet von Wilko Bereit und  Nils Heins, vertritt das umgekehrte Konzept. Für Bereit und Heins zählt in erster Linie die Qualität. Für ihr Bier verwenden sie fast ausschließlich Biorohstoffe, die sie von der Weihermann Mälzerei in Bamberg beziehen. Diese Mälzerei ist einzigartig weltweit, da sie 80 verschiedene Sorten anbietet.
Braumeister Wilko Bereit ist ein echter Neuköllner, der seine Lehre bei Bürgerbräu machte und 2002 seinen Meisterbrief erhielt. Gemeinsam mit Nils Heins, der sich um das Geschäftliche und den Vertrieb kümmert, entwickelten sie das Konzept für die Bauerei. Mit der Bank wurden sie sich bald einig, doch die Verwaltung kam nicht aus dem Knick. Am 23. Oktober 2009 wurde dann endlich der erste Sud gefahren. In einem Teil der alten Kindl-Brauerei ließen sie eine komplett neue moderne Brauanlage installieren, von der alten Kindl-Brauerei benutzen sie nur die Abwasserdruckleitung. Ihr Bier liefern sie in den Varianten hell, rot und Weizen ausschließlich als Fassbier an ca. 30 Kneipen, Restaurants und Hotels in Berlin und ein Hotel im Spreewald.

Wilko Bereit und Nils Heins vor ihren Braukesseln.Foto: kb

Am Freitag und Samstag Abend schenken sie ihr Bier direkt vor Ort aus, wobei die Gäste auch einen Blick in die Brauerei werfen können. Wie hervorragend dieses Bier mundet, zeigte sich beim Besuch der Kiez und Kneipe in der Brauerei. Sogar  zwei begeisterte Weintrinkerinnen waren von der Kostprobe Rollberg rot derartig begeistert, dass sie versprachen, bald wiederzukommen.