HORST BOSETZKY

Erinnerung an eine lange Freundschaft

Er sei ein Neuköllner Hinterhofkind gewesen, hat mir Horst Bosetzky nicht nur einmal erzählt, Rütlischüler und vom Leben nicht begünstigt. Er wurde zwar in Köpenick geboren, aber schon in seinem ersten Lebensjahr zogen seine Eltern mit ihm in die Ossastraße. Als dort die Bomben einschlugen, blieb seine Familie als einzige im Umkreis verschont und wurde in die Prignitz evakuiert, wo der kleine Horst allerdings die Erfahrung machen musste, wie es ist, auf der Straße von Tieffliegern angegriffen zu werden. »Mit dem Tod hab ich schon früh Bekanntschaft gemacht«, sagte er einmal.
Seinen Namen Horst hat er von Anfang an gehasst, auch als er noch nicht wusste, dass er nach dem Naziführer Horst Wessel benannt worden war – eine Schutzmaßnahme seiner Mutter, die Angst hatte, als Halbjüdin aufzufliegen.
Nach dem Krieg wohnte er dann wieder in Neukölln, in der Treptower Straße. Als er nach dem Abitur bei Siemens eine Lehre als Industriekaufmann begann, musste er an jedem Arbeitstag um vier Uhr aufstehen, um rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz in Siemensstadt zu sein. Dies war allerdings nicht der einzige Grund dafür, den Siemensjob an den Nagel zu hängen. Zu sehr sei er dort geschurigelt worden, erzählte er. Deshalb habe er beschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen. Er begann Soziologie zu studieren, und weil er sich das Geld dafür selbst verdienen musste, begann er Groschenromane zu schreiben. »Ich hätte alles geschrieben«, erzählte er, »auch Liebes- oder Arztromane, aber der Bastei-Verlag suchte Krimiautoren«, und so schrieb er eben unter den Pseudonymen John Drake und John Tailer einen Heftchenkrimi nach dem anderen.
Später, als er längst ein hoch angesehener Professor an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege war – eine seiner Studentinnen hieß Franziska Giffey und ist heute Bundesministerin –, avancierte er zum Autor im berühmten Rowohlt-Verlag. Sein erster Kriminalroman »Einer von uns beiden« schlug sofort ein, erzielte eine heute nicht mehr vorstellbare Auflage und wurde verfilmt. Es war die Geschichte eines Akademikers, dessen Doktorarbeit als Plagiat aufgedeckt wurde. 20 Jahre bevor der deutsche Minister von Gutenberg mit dem gleichen Delikt auffiel.
Unter seinem Familiennamen Bosetzky wollte und sollte er nicht schreiben. Dem Verlag klang der Name zu polnisch, und mein Freund Horst wollte auch nicht, dass man an seiner Hochschule wusste, was er so nebenher trieb. So kam es zu dem Pseudonym -ky. Lange wurde gerätselt, wer wohl dahintersteckte. Sogar der österreichische Kanzler Kreisky geriet unter Verdacht, dieser berühmte Krimischriftsteller zu sein. Anfang der 80er Jahre outete sich dann Horst Bosetzky und begann nun auch bald schon, andere Romane unter seinem bürgerlichen Namen zu schreiben. Am bekanntesten wurde der erste Band seiner stark autobiografisch gefärbten Familiengeschichte »Brennholz für Kartoffelschalen«.
Da waren wir schon längst Freunde geworden. Gemeinsam gründeten wir das »Syndikat«, die Vereinigung deutscher Kriminalschriftsteller. Mit sieben Leuten begannen wir. Nach der Wiedervereinigung waren wir dann schon 70 und Horst Bosetzky war unser Sprecher. Inzwischen gehören dem Verband über 600 Spannungsautoren an. Bosetzky wurde auch Vorsitzender des »Berliner VS«, also des Verbandes deutscher Schriftsteller, was ihm eine gewisse Genugtuung verschaffte; denn immer schon kämpfte er gegen die Geringschätzung von uns Kriminalautoren durch die Vertreter der hohen, ernsten Literatur.
Jetzt ist er von uns gegangen, und selten entspricht die Floskel »er wird uns fehlen« so genau, wie in seinem Fall. 25 Jahre waren wir nicht nur gut befreundete Kollegen, wir waren auch Wandergesellen. Unter Horst Bosetzkys Führung traf sich jeden ersten Samstag im Monat eine Gruppe, die sich in all den Jahren große Teile Brandenburgs erwanderte. Ich war glücklich, dass ich dazu gehören durfte. Wir werden in seinem Sinne weiter wandern, und in unseren Gedanken wird er immer dabei sein.

Felix Huby