Archiv der Kategorie: Tagebuch

Petras Tagebuch

Freiheitsglocke

Eigentlich bin ich ein sehr pünktlicher Mensch. Es bereitet mir keine Probleme, Verabredungen einzuhalten oder rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen.
Es gibt jedoch eine Ausnahme, und das ist der Sonntag. An diesem Tag treffe ich häufig für 12 Uhr Verabredungen. Leider kann ich da nicht pünktlich sein, denn ich muss die Freiheitsglocke hören. Sie erklingt vor den 12-Uhr-Nachrichten im Deutschlandradio Kultur.
Die Glocke war 1950 ein Geschenk der US-Amerikaner an die Berliner. Initiator der Idee war der Militärgouverneur der USA in Deutschland, Lucius D. Clay, auch bekannt als Vater der Luftbrücke. Er und die Regierung der USA organisierten eine Spendenaktion, an der sich 16 Millionen US-Bürger beteiligten. Zu diesem Zweck wurde die 10.206 Kilogramm schwere Glocke auf die Reise durch die USA geschickt. Jeder, der sie sehen wollte, durfte sie bewundern.
Die Freiheitsglocke ist die Anerkennung für das Durchhaltevermögen der Bürger der Stadt während der Blockade und ein Versprechen an die Völker im Ostblock, dass auch sie eines Tages frei sein würden. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Der Tulpenmörder vom Kranoldplatz

Der Kranoldplatz könnte ein Neuköllner Juwel sein. So dachte ich schon häufiger. Er ist schön zwischen den Häusern gelegen, einige Bäume spenden gerade, wenn es heiß ist, wohltuenden Schatten, und eine etwas fragwürdige Skulptur bietet den Anwohnern immerhin den Platz, sitzend zu verweilen.
Das Rundherum stimmt eigentlich, aber die Baumscheiben bieten einen elenden Anblick: Hundekot, leere Schnapsflaschen, verlorene Unterhosen und schwer zu identifizierender Müll und manchmal auch ein kaputter Kinderwagen inklusive entsorgter Windel sind ein nicht so schöner Anblick.
Im Herbst des vergangenen Jahres machte ich mich an die Arbeit. Ausgestattet mit Gummihandschuhen entsorgte ich zunächst den Müll von den Baumscheiben. Dann bewaffnete ich mich mit einer Schippe und einer Harke und buddelte Tulpenzwiebeln ein. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Miniabo von nichts

Ab und zu wirbt mich der »Tagesspiegel« für ein Miniabo. Es ist sehr praktisch, weil ich keine regelmäßige Tageszeitungsleserin bin. Lieber lese ich mal diese, mal jene Zeitung.
Es passierte im Februar, als mich der »Tagesspiegel« für einen Monat warb. Bereits am ersten Tag, an dem das Abo startete, erhielt ich keine Zeitung. So blieb es den Rest der Woche.
Am Sonntag jedoch erhielt ich ihn. Pünktlich um 8 Uhr klingelte es an meiner Tür, weil der Zeitungsausträger ins Haus musste und offensichtlich keinen Hausschlüssel hatte. Nun, es war ein bisschen früh für mich, insbesondere am Sonntag, aber immerhin erhielt ich den »Tagesspiegel«. Das war aber auch der einzige Tag mit geglückter und pünktlicher Zustellung. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Wer ist ein Berliner?

In dieser Wahnsinnskälte, die in den letzten Tagen herrschte, als Ostwind die Marktstände auf dem Kranoldplatz zerzauste, beob­achtete ich eine Dame, die um Unterschriften warb. Es ging um das Volksbegehren »Berliner Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus«.
Ein mühsames Unterfangen auf einem Markt, der nur zum Teil von Alt-Neuköllnern besucht wird. Die meisten Kunden auf dem Markt sind jedoch neu Hinzugezogene. Petras Tagebuch weiterlesen

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Die Frage nach dem erlaubten Wappen

Als Herausgeberin der Kiez und Kneipe erlebe ich manchmal schon, wie sich Dinge völlig überraschend entwickeln können. In den letzten Ausgaben im Dezember und Januar schlich sich bei den Anzeigen ein Fehler ein. Die Anzeige von Fritz Felgentreu »Fritz bringt Neukölln in den Bundestag« war fälschlicherweise mit dem Neuköllner Wappen ausgestattet.
Dies nahm der Stadtrat für Jugend und Gesundheit, Falko Liecke, zum Anlass, Felgentreu wegen des Tragens des Wappens anzuzeigen, denn die Verwendung von Hoheitszeichen ist nur den jeweiligen staatlichen Stellen vorbehalten. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Daktari auf Raumpatrouille

Vor Kurzem gab es eine Diskussion über die Serie »Raumpatrouille«. Ich las eine nette Geschichte von Michael Brandt, dem Sohn des ehemaligen legendären Bundeskanzlers Willi Brandt, die da »Raumpatrouille« hieß.
Felix und Marianne schwärmten in den höchsten Tönen von dieser Serie, die in den sechziger Jahren in der Ära des Schwarzweißfernsehens im Fernsehen lief. Ich hatte sie nie gesehen und fragte sie, um wieviel Uhr die Sendung lief, denn nach 20 Uhr galt für mich Fernsehverbot. Ja, sie lief ab 20 Uhr 15 nach der Tagesschau, und deshalb kannte ich sie nicht.
Die Beiden waren irgendwie schlauer als ich. Ihnen ist es gelungen, die Serie zu sehen. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Pünklichkeit ist die Höflichkeit der Königinnen

Normalerweise bin ich gut sortiert, verliere keine Schlüssel und kann auch unter erschwerten Bedingungen wie neuen Wegen, schlechtem Wetter oder klingelnden Telefonen Termine einhalten.
Vor kurzem jedoch saß der Teufel im Detail. Ich hatte einen Termin und befand mich in meiner Wohnung in der komfortablen Situation, trotz Termin noch Zeit zum Aufräumen zu haben.
Da klingelte das Telefon. Eine Freundin, mit der ich nur ganz selten telefoniere, rief mich an. Nun, ich war froh, denn ich ziehe nette Gespräche dem Aufräumen vor. Die Uhr entzog sich meinem Blick und meinen Gedanken. Ich wurde wieder auf den neuesten Stand gebracht. Mit ihren Kindern geht es weniger gut, und ich war froh, dass ich nicht ganz alleine bin mit den Konflikten mit meiner Tochter. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Mensch und Fahrrad in der Bahn

Neulich war ich auf Usedom. Ich nehme immer mein Fahrrad in der Bahn mit, denn Fahrradtouren auf Usedom sind neben ausgedehnten Strandspaziergängen Urlaubsprogramm.
Irgendwann war die schöne Zeit vorbei, und ich machte mich auf den Rückweg. Als ich in Züssow in den Berliner Zug umsteigen wollte, sah ich bereits auf dem Bahnsteig, dass außer mir noch ganz viele andere Menschen ihre Fahrräder tranportieren wollten.
Der Zug hielt, und der Kampf um einen Platz im Fahrradabteil begann. Zunächst verwies ein Radler zwei junge Frauen des Platzes, die das Abteil mit jeder Menge Gepäck blockierten. Sie machten sich dann auf die Suche nach einer anderen Sitzgelegenheit. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Fragen an die »BSR«

Die Berliner Kranoldplätze in Neukölln und Lichterfelde-Ost sind historisch interessante Orte.
Während der Amtszeit von Viktor Ferdinand Kranold (1838 – 1922) als Präsident der Eisenbahndirektion Berlin wurden die Eisenbahnstrecke nach Lichterfelde-Ost sowie der Bahnhof Hermannstraße in Neukölln gebaut. Ihm zu Ehren erhielten die Plätze ihren Namen.
Über Lichterfelde-Ost kann ich mich nicht äußern, aber den Neuköllner Kranoldplatz besuche ich häufiger. Er sieht schon ein wenig heruntergekommen aus: Die Bäume behaupten sich halblebig zwischen den Pflastersteinen und versuchen zu überleben. In den Baumscheiben finden sich wenige Gräser, die sich stolz, aber kränkelnd über Hundekacke, leere Schnaps- und Bierflaschen, benutzte Windeln und coffee-to-go-Bechern erheben. Die Wall-Toilette ist seit Monaten kaputt und fügt sich somit gut in das morbide Ensemble. Dabei war auf dem Platz vor vielen Jahren ein durchaus lebendiger Markt, der sich bis in die Seitenstraßen zog. Heute ist dort wieder ein Markt: DIE DICKE LINDA. Klein und fein versucht er, die Morbidität zu übertünchen. Petras Tagebuch weiterlesen

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Der verlorene Rock

Seit dem Frühling dieses Jahres bin ich mal wieder auf der Suche nach meinem weißen Lieblingsrock.
Bereits im vergangenen Jahr suchte ich und fand ihn zwischen den weißen Tischdecken, aber erst, nachdem ich alle Schränke mehrfach durchwühlt hatte. In diesem Jahr begann die Suche im April und fand ihr glückliches Ende im August.
Wieder durchsuchte ich alle Schränke, wobei ich natürlich bei den weißen Tischdecken startete. Diesmal ohne Erfolg, aber mit dem Erlebnis, vergessene Schätze zu entdecken. Diese Freude tröstete zwar, verhalf mir aber nicht zu meinem Ziel. Ich versuchte es mit der Erinnerung. Aber auch die ließ mich im Stich. Petras Tagebuch weiterlesen

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Testessen aus dem Netz

»Marley Spoon« steht für »Koche besser. Lebe smarter.« Das klang gut. Ich wollte das ausprobieren.
Das Unternehmen verschickt im Paket drei verschiedene Gerichte für je zwei Personen. Die Gerichte werden dann in der heimischen Küche zubereitet. Es entsteht kein Essensabfall. Der Weg in den Supermarkt wird überflüssig, und ich werde vor Impulskäufen bewahrt.
Nachdem ich mich auf der Homepage nur mit fremder Hilfe orientieren konnte und mir dann erst die Bestellung gelang, musste ich nur noch warten. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Es regnet, es regnet…

Jeder Berliner kann seine Geschichte zu den Regenfällen am Donnerstag, den 29. Juni erzählen. Ich auch.
Abgesehen davon, dass an diesem Tag das Fahrradfahren nur möglich war in dem festen Glauben daran, dass die Autofahrer berücksichtigen, dass ich Brillenträgerin und blind bei Regen bin. Das haben alle erkannt, ich kam lebendig in der Redaktion an.
Als ich mich auf den Weg in die Genezarethkirche machte, in der Pfarrerin Elisabeth Kruse im Rahmen eines Gottesdienstes ihren Abschied feierte, wurde ich mit der nassen Realität konfrontiert. Beim Verlassen der Redaktion watete ich im Hof bis zu den Waden im Wasser. Glücklicherweise hatte ich keine Pumps an, und die Schuhe, die ich an diesem Tag trug, waren zwar durchnässt, haben aber die Nässe vertragen. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Wider die Betonköpfe

Das Elternhaus, in dem ich aufwuchs, war ein ziemlich bunter Haufen. Meine Mutter war eine glühende Vertreterin der SPD, mein Vater Verteidiger der FDP, mein Bruder war überzeugt von der CDU, und meine Schwester bewegte sich links von der SPD.
Alle Familienmitglieder waren politisch und die Diskussionen laut und manchmal recht hitzig, aber wir waren am Abend in der Lage, friedlich gemeinsam am Tisch zu essen.
Das Haus war aber auch für andere Meinungen offen. Es gab Bekannte, die der KPD angehörten und dann vom Berufsverbot betroffen waren, sogar Altnazis wurden im Hause zugelassen. Auch mit denen wurde diskutiert, gestritten und hinterher aß man gemeinsam. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Knatsch zwischen Tulpen und Osterglocken

Wie in jedem Frühling, wenn der Eindruck entsteht, dass der Kalender sich nicht an das hält, was ich vom Frühling erwarte, muss ich meine Wohnung mit Blumen ausstatten. Sie sind Trostpflaster und Illusion, dass sich ein paar Sonnenstrahlen einstellen und der Dauerfriererei ein Ende gesetzt wird.
Bevorzugt entscheide ich mich für Tulpen.
Bei meinem letzten Kauf nahm ich jedoch Osterglocken und Tulpen. In dem Zusammenhang fiel mir ein, dass mir erzählt wurde, dass Tulpen mit Osterglocken nicht in Berührung geraten dürfen, weil die Tulpen dann sofort die Köpfe hängen lassen. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Süßer Köder

Fahrradfahrer und Polizei sind in der Regel kein gutes Gespann. Der Radler übertritt Verkehrsregeln, manchmal weil er meint, einen Verkehrsregelfreifahrtschein zu haben, oder weil es ihm sinnvoll erscheint, das eine oder andere Gesetz aus Sicherheitsgründen zu brechen.
Zur letzten Gruppe gehöre ich, eine Ganzjahresfahrradfahrerin. Es gibt Fußgängerampeln, die ich mit Vorliebe bei Rot überquere, um mich noch vor der Grünphase der Autofahrer links einzuordnen, damit ich den Verkehr nicht störe. Und es ist mir auch schon passiert, dass die Polizei mich genau aus diesem Grund angehalten hat. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Der Omaschock

Seitdem ich erfahren habe, dass ich Oma werde, hat sich für mich die Sicht der Dinge geändert. Zu Beginn löste diese Tatsache eher Unsicherheit aus, denn meine Tochter hielt es nicht für notwendig, mich im Vorfeld zu befragen. Ich kann es nicht leiden, wenn ich vor vollendete Tatsachen gestellt werde, die mein Leben beeinflussen. Und Oma werden ist so etwas.
Immerhin habe ich mich inzwischen damit arrangiert. Seither sehe ich in Neukölln nur noch Schwangere und Mütter mit ihren Kindern. Auch meine Haltung zu dieser Gruppe ist milder geworden. Habe ich bis vor kurzem gerne die Straßenseite gewechselt, sobald Kinder und Mütter in Sicht waren, bin ich nun bereit, mich auf ein Gespräch mit ihnen einzulassen. Eigentlich entstehen nun ganz nette Situationen, und ich fühle mich daran erinnert, dass mir meine Tochter, insbesondere in den ersten Lebensjahren, viel Freude mit neuen Erlebnissen bereitet hat. Petras Tagebuch weiterlesen

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Rauhnächte

Die Zeit zwischen Weihnachten und dem sechsten Januar ist für mich ein bisschen unheimlich. Es gibt viele Regeln, an die ich mich in der Hoffnung halte, dass das nächste Jahr besser wird als das verstrichene. Ich wasche keine Wäsche, lärme wenig, verwende keinen Staubsauger und lüfte viel. Während dieser Zeit, in der keiner so recht weiß, welche Geister unterwegs sind, passieren auch immer eigenartige Dinge. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Schaltjahr

»Schaltjahre haben es in sich«, sagte mir zu Beginn des Jahres eine Unke. Es soll ganz besonders viel Unglück passieren. Klar, das Jahr hat ja auch einen Tag mehr Zeit.
Ich habe daran nicht geglaubt und mein Jahr lief bis November sehr entspannt. Ich konnte nicht auf gravierende Missgeschicke zurückblicken und wurde nicht vom Unglück verfolgt.
Da schlug das Schaltjahr zu. Am Abend nach der Produktion der Kiez und Kneipe hängte ich meine Fahrradtasche auf das Fahrrad und fuhr nach Hause. Dort angekommen, musste ich feststellen, dass die Tasche verschwunden war. Ich fuhr den Weg zurück, aber die Tasche blieb verschwunden. Natürlich war es meine eigene Schuld. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Bock auf Rock

Als ich Felix darum bat, mit mir zum »Globetrotter« nach Steglitz zu fahren, wusste ich noch nicht, was für ein Einkaufserlebnis auf uns wartete. Ich wollte nur meine bestellten Gummistiefel abholen und eben noch wegen einer Reklamation zu »Fielmann«, der in der Schloßstraße eine große Filiale hat. Steglitz ist eigentlich nicht mein Einkaufsbereich, es ist viel zu weit von Neukölln entfernt. Es gibt aber nur eine »Globetrotter«-Filiale in Berlin und die ist eben in der Schloßstraße. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Augen zu im Straßenverkehr

Jeden Morgen bereite ich mich auf den Neuköllner Straßenverkehr vor, spiele alle möglichen Situationen durch, stelle mich auf Beschimpfungen ein und rufe meinen Schutzengel an, mir in lebensbedrohlichen Momenten beizustehen.
Entspannend ist es immer, mit dem Fahrrad durch die Thomasstraße zu fahren. Offiziell ist das eine Kilometer-30-Zone, was von den Autofahrern nicht so ernst genommen wird. An diesem Morgen hielten sich die Fahrer an die Geschwindigkeitsbegrenzung, denn ein Stau verhinderte Mutproben von testosterongesteuerten Fahrern.
Ich drängelte mich an den Autos vorbei in der Erwartung, beschimpft zu werden. Zu meinem Erstaunen erntete ich nur ein Kopfschütteln. Als ich die Kreuzung zur Hermannstraße erreichte, befürchtete ich eine lautstarke Auseinandersetzung mit einem Beifahrer, als die Windschutzscheibe heruntergelassen wurde. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Mit Pfeil und Bogen

Ein Lichtblick in meinem täglichen Irrsinn ist eine alljährlich stattfindende Radtour, deren Ursprung die Fahrradfahrt von Berlin nach Kopenhagen hat.
Zu viert geht es seither immer im August an einem Sonnabend auf dem Drahtesel mit gebuchtem schönen Wetter ins Grüne.
Werner liebt es, in freier Natur Feuer zu machen. Olaf ist Ingenieur und hilft ihm dabei. Karin schwimmt im See, und ich liege auf der Decke, lese den »Tagesspiegel« und beobachte, ob die Männer alles richtig machen. Nach spätestens 30 Minuten, nachdem Werner im Wald verschwunden war und mit Holzstämmen bewaffnet wieder zurückkommt, gibt es frisch gebrühten Kaffee. Olaf beschäftigt sich unterdessen mit Grillkonstruktionen, denn trotz aller Modeerscheinungen in Sachen Ernährung wird Fleisch gegrillt. Petras Tagebuch weiterlesen

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Mutti

Wie immer bin ich mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig gefahren. Geht ja auch nicht anders, denn auf dem Kopfsteinpflaster mache ich mir nicht nur die Knochen kaputt, was viel schlimmer ist, auch das Fahrrad.
Da sagte ein sein Fahrrad schiebender Mann zu mir: »Mutti, steig‘ ab, hier darfst Du nicht fahren!« Ganz gegen meine Gewohnheit stieg ich entsetzt vom Fahrrad ab. »Ich bin keine Mutti, bitte nennen Sie mich nie wieder so und das nächste mal »Sie« und setzte mich wieder auf meinen Drahtesel.
Wer um Himmels Willen nennt einen Menschen Mutti? Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Abschied von England und Wales

Endlich, endlich kam meine Freundin aus London in Berlin an. Sie wollte eigentlich einen Tag früher kommen, der Flug wurde aber spontan gestrichen. Kein Wunder, sie wollte am 25. Juni fliegen, zwei Tage nach der britischen Abstimung, die den Brexit zur Folge hat. Das war dann wohl die erste Reaktion Europas auf die Abstimmung. Es traf viele Briten, denn das Wochenende wird von ihnen gerne genutzt, um mal europäisches Festland zu erleben.
Auf meine Frage, wie denn die Stimmung in London sei, erklärte sie mir voller Entsetzen, dass das große, laute London nach der Wahl in Stille erstarrte.
Bis vor der Wahl lebte ein Mix an Nationen mit- und nebeneinander in friedlicher Koexistenz. Am Tag nach der Wahl hatte sich das Klima schlagartig verändert. Brexitbefürworter beschimpfen nicht britisch aussehende Menschen, fordern sie auf, ihre Sachen zu packen und zu gehen. Petras Tagebuch weiterlesen

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Kein Schwimmen in schlimmen Anzügen

Es ist schon einige Jahre her, als ich auf dem Weg nach Brandenburg war, um meine Freundin zu besuchen. Es war Winter, und wir planten, in die Sauna zu gehen und eine ordentliche Runde zu schwimmen. Am Bahnhof Friedrichstraße stellte ich fest, dass ich meinen Badeanzug zuhause vergessen hatte. Flugs suchte ich einen Dessousladen auf und kaufte einen neuen. Dieser Badeanzug, den ich noch nicht einmal anprobiert hatte, entwickelte sich zu meinem Lieblingsstück. Er war schlicht und schwarz, einfach ein schickes Teil ohne viel Schnickschnack. Petras Tagebuch weiterlesen

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Keine schnelle Quelle für die Pimpinelle

Meine Frankfurter grüne Soße hat im Laufe der Jahre einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Zweimal im Frühling bereite ich sie zu. Um hungrige Gäste muss ich nicht bangen, sie fragen ab März bereits nach dieser Köstlichkeit.
Ich gebe auch zu, dass ich um dieses Gericht ein ganz schönes Tam Tam veranstalte, denn das Problem in der Herstellung ergibt sich aus der Zusammensetzung der notwendigen Kräuter. Petersilie, Estragon, Kerbel, Dill, Schnittlauch, Sauerampfer und Pimpinelle sind für das Gelingen von Goethes Lieblingsspeise unabdingbar. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Fressen und getötet werden

In meiner Wohnung tummeln sich einige Bewohner, die ich nie gebeten habe einzuziehen, die keine Miete bezahlen und mich dennoch unaufhörlich beschäftigen.
Täglich mogeln sich durch die geschlossenen Fenster ganz kleine Fliegen, die sich zum Sterben auf mein Fensterbrett legen. Sie kommen ihrer natürlichen Eigenschaft des Fliegens in keiner Weise nach, sondern kommen eigens zum Sterben auf mein Fensterbrett. Jeden Abend bestaune ich dann den kleinen Friedhof, den ich dann mit einem feuchten Lappen beseitige. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Der Götterbote Hermes

Manchmal, und das sehr ungerne, lasse ich mich doch von der Bequemlichkeit verleiten und bestelle online. Ich habe es in dem Moment bereits bereut, als die Bestellung versendet war.
Da ist dieses nicht enden wollende Ärgernis mit der Paketzustellung. Zu oft geisterten Pakete an mich durch deutsche Lande, blieben in Rüdersdorf hängen und wurden dann wieder an den Absender zurückgesendet. Oder das Paket kam in Berlin an, aber nicht bei mir und selbstverständlich ohne Paketkarte. Wer im dritten Stock wohnt, darf nicht erwarten, dass der Paketdienst die vielen Treppenstufen läuft. Es passierte auch mal, dass ich wusste, welcher Nachbar das Paket angenommen hat, nur traf ich ihn nicht an. Das konnte sich schon mal über zwei Wochen hinziehen, bis ich das Glück hatte, einen jungen Mann zu früher Morgenstunde aus dem Bett zu klingeln. Da hatte sich die Warterei gelohnt. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Absender mit Schrecken

Vor Kurzem besuchte ich eine Veranstaltung, die sich mit dem Thema Sanierungsgebiete, Milieuschutz und deren Auswirkungen auf den Einzelnen beschäftigte. Ich lernte viel dazu. Als Essenz nahm ich mit nach Hause, dass Mieter jede Menge Möglichkeiten haben, sich zu wehren, es aber auch tun müssen.
Wie immer am Abend leerte ich meinen Briefkasten und stellte mit Schrecken fest, dass ein Brief von der Hausverwaltung an mich adressiert war. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Mit spitzen Fingern, als befände sich Sprengstoff in meinen Händen, trug ich den Brief in meine Wohnung und legte ihn vorsichtig auf den Schuh-schrank. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Nichts für Weichlinge

Für gewöhnlich halte ich mich an die Verkehrsregeln. Es gibt ein paar Ausnahmen, wie rote Ampeln, die ich schon mal gerne überfahre oder Fußwege, die ich bei heftigem Kopfsteinpflaster nutze. Kopfsteinpflaster löst die Schrauben am Rad, außerdem wird es bei Nässe zu einer extrem gefährlichen Rutschbahn.
Neulich jedoch entschloss ich mich, tatsächlich auf der Allerstraße, die mit heftigem Kopfsteinpflaster ausgestattet ist, zu fahren. Auf dem Fußweg waren mir zu viele Menschen, und die Baustelle dort ist ein Hindernis für alle, die dort vorbei müssen. Außerdem wollte ich den üblichen Beschimpfungen von Fußgängern aus dem Weg gehen. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Auf Lakritzentzug

Für mein Leben gerne esse ich Lakritz. Salzig muss es sein und von guter Qualität. Das hebt die Lebensfreude, macht gute Laune. Nach der Arbeit ist es für mich das Signal, dass nun der andere Lebensabschnitt beginnt, es ist genau der richtige Einstieg. Ich esse Lakritz nur dann, wenn eine gravierende Änderung am Tag beginnt.
In letzter Zeit wurde es aber ein bisschen knapp mit dem Lakritz. Ein Depot nach dem anderen hatte ich geleert. Der Schreibtisch mit der Lakritzschachtel war geleert, der Vorrat im Küchenschrank aufgebraucht, mein Geheimdepot am Arbeitsplatz hatte sich in Luft aufgelöst. Selbst die eiserne Reserve im Kühlschrank zu Hause und in der Redaktion war weg. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Auf Reisen durch Berlin

Beruflich komme ich in Berlin gut rum, und ich muss sagen, es ist in jedem Bezirk ganz anders.
In Charlottenburg werde ich regelmäßig von älteren, sehr gepflegten Damen nach dem Weg gefragt, die so den Einstieg für ein Gespräch suchen. Wenn ich mich nicht ganz schnell aus dem Staub mache, bin ich gleich um eine Lebensgeschichte reicher. Ansonsten scheint sich alles in gutbürgerlichen Bahnen zu bewegen, die es aber auch in sich haben können. Sobald eine Extremsituation entsteht, brechen alte Konflikte, die über Jahrzehnte sorgfältig unter den Teppich gekehrt wurden, auf. Ein zwischenmenschliches Elend offenbart sich.
So etwas gibt es in Neukölln gar nicht oder sehr wenig. Hier geht es direkter zu. Tut manchmal im ersten Moment weh, hilft aber im weiteren Umgang miteinander. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Begegnungen auf dem Fußweg

Ich könnte das Tagebuch wie im letzten Monat beginnen: »Mein Fahrrad ist geklaut worden. Das ist eine Ungeheuerlichkeit« … Und so ist es passiert. Vor Karstadt am Hermannplatz suchte ich in meiner Handtasche nach meinem Fahrradschlüssel für mein neues, es war nicht unbedingt mein Traumrad.
Als ich aufschaute, weil mir einfiel, dass ich den Schlüssel in meinem Schloss stecken ließ, war das Fahrrad weg. Gut, es scheint so, dass ich mit Fahrrädern gerade Pech habe.
Auf jeden Fall musste wieder ein neues Fahrrad her. In Anbetracht des Kontostandes wurde es ein gebrauchtes Rad. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Sitzen machen!

Mein Fahrrad ist geklaut worden. Das ist eine Ungeheuerlichkeit und Unanständigkeit, die ihresgleichen sucht. Ungewöhnliche Umstände ziehen ungewöhliches Handeln nach sich. Ich meide die öffentlichen Verkehrsmittel aus unterschiedlichen Gründen. Sie sind mir zu dunkel oder zu voll oder zu unzuverlässig oder zu stinkend oder zu frustrierend oder zu agressiv oder zu langsam oder zu teuer. Gründe, das weltbeste funktionierende öffentliche Verkehrssystem zu meiden, fallen mir viele ein.
In diesem Fall jedoch bedeutete es, dass ich mit der S-Bahn fahren musste. Mein Ziel wäre fußläufig in knapp drei Stunden erreichbar, mein Ziel war nämlich Charlottenburg, inzwischen gefühlt Spandau. Es war dort mein erster Arbeitstag. Und so früh wollte ich nun doch nicht aus den Federn. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Erlebnisse mit einem Automatikwagen

Mit dem Autofahren habe ich es noch nie so richtig gehabt. Eigentlich ist es mir zu anstrengend, zu gefährlich, irgendwie sogar ein wenig unheimlich. Und trotzdem wollte ich mich der Herausforderung stellen. Als mein Arbeitgeber auf den Engpass verwies, dass er ein Problem hat, die Blumengestecke auszufahren, schwankte ich zwischen Hilfsbereitschaft und Feigheit. Die Hilfsbereitschaft siegte, und ich gestand, im Besitz eines gültigen Führerscheins zu sein. Das nahm die Arbeitgeberseite erleichtert zur Kenntnis. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Wenn Sterne explodieren

Manchmal stehen die Sterne, anders kann ich es mir nicht erklären, ganz besonders komisch. Da funktioniert einfach gar nichts mehr.
Vor Kurzem kam ich am Abend nach Hause. Beim Abstellen meines Fahrrades im Hof fiel mir ein schwarzes Kleidungsstück auf. Ich dachte mir, wieso können die Leute eigentlich ihre Sachen nicht in den Altmüll bringen? Bis ich näher an dieses schwarze Teil gegangen bin. Es war ein »Schweizer Fabrikat«, das üblicherweise in meinem Kleiderschrank zu finden ist. Nach genauer Betrachtung stellte ich fest, dass es mein Jackett war, das offensichtlich bei der einzigen Windböe, die es an diesem Tag gab, vom Balkon geflogen war. Ich hatte es am Vorabend zum Auslüften herausgehängt. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Das abgebrannte Auto

Neuerdings halte ich mich am Tage in der Jonasstraße auf und habe von meinem Platz aus gute Sicht auf die Straße. Letzte Woche war die Überraschung groß. Genau vor meinem Fenster befand sich ein vermutlicher VW-Bus, der ausgebrannt war. Es war kein schöner Anblick, und gestunken hat es auch. Mein Fahrrad vor diesem ausgebrannten Teil wirkte wie eine Verhöhnung des Morbiden.
Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich dieses stinkende verrußte ehemalige Auto in eine Attraktion. Ganze Menschengruppen versammelten sich vor der Ruine und orakelten über den Hinter- grund der Tat. War es ein persönlicher Rachefeldzug gegen den Autobesitzer oder eine Marketingmaßnahme der in der Jonasstraße ansässigen Geschäftsleute oder konnte ein Pyromane nicht mehr an sich halten? Das Argument, dass es ein Brandanschlag gegen Bonzenautos ist, kann locker von der Hand gewiesen werden. Das war kein Bonzenauto. Auf jeden Fall ist durch diesen Vorfall die Jonasstraße sehr belebt worden. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Es geht ein Paket auf Reisen

Es kommt eher selten vor, dass ich ein Paket versende. Diesmal musste es aber sein, da ich meine Tochter, die in Österreich lebt, mit diversen Kleinigkeiten beglücken wollte. Im Tabakladen im Schillerkiez gab ich das Paket treuen Glaubens ab und zahlte das Porto von 6,99 Euro. Drei Tage später war das Paket wieder in Berlin. Es war falsch frankiert. Das Porto reichte nur für Deutschland, aber nicht für den grenzüberschreitenden Postverkehr. Ein wenig allerdings wunderte mich, dass es sich im Schillerkiez noch nicht herumgesprochen hatte, dass Österreich seit 1945 kein deutsches Bundesland ist, sondern ein eigenständiger Staat. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Schuhe kaufen ist nicht schwer, ihre Pflege umso mehr

Über Schuhe lässt sich immer viel berichten. Worauf beim Kauf zu achten ist, etwa auf das Verhältnis von Absatz zu Schuhspitze. Da geht es um die perfekte Form. Die Farbe ist auch ein wichtiges Thema. Sie sollte der Form schmeicheln, nicht zu grell und nicht zu blass sein.
Die Laufbarkeit ist auch nicht zu unterschätzen. Natürlich nur, wenn sie zum Laufen eingesetzt werden sollen. Manchmal ist Laufkomfort überflüssig, wenn es um den Schick geht. Dann sind die Schuhe nur für den Barhocker gekauft. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Klobürste auf Abwegen

Bei meinen morgendlichen Aktivitäten im Badezimmer vermisste ich an diesem Morgen meine Klobürste. Sie lag nicht hinter dem Klo, auch nicht in irgendeiner Badezimmerecke versteckt. Ich rieb mir die Augen: ich war wach, ein Traum war somit ausgeschlossen, und ich wunderte mich. Wie kann nur eine Klobürste verschwinden? Ein Pfennigartikel von Rossmann, der nicht zu übersehen ist – einfach verschwunden!
Meine Suche auf dem Balkon, im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, im Flur und in der Küche war von Erfolglosigkeit gekrönt.
Vielleicht hatte ich ja nicht alle Regeln zur Vertreibung der bösen Geister zwischen Weihnachten und dem 6. Januar eingehalten. So verblieb ich dann erst mal in meinen Gedanken, dass ich wohl einen Fehler gemacht hätte und die verbliebenen Geister einen Schabernack mit mir treiben. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Frankierfrust

Die Portoerhöhung zum 1. Januar 2015 hat mich nicht großartig berührt.
Am ersten Tag des Jahres hatte ich bereits Post zu versenden. Natürlich hatte ich nur eine 60-Cent-Marke zur Hand und wollte mir im Kieztabakladen mit angegliedeter Poststelle eine Zwei-Cent-Ergänzungsmarke kaufen.
»Eine Zwei-Cent-Marke bitte«, formulierte ich meinen Wunsch. Die Verkäuferin nahm den frankierten Brief in Empfang und gab mir zwei 60-Cent-Marken. »Ich möchte bitte eine Zwei-Cent-Ergänzungsmarke«, wiederholte ich mein Anliegen.
Von den Dauergästen des Ladens wurde das kommentiert: »Stimmt, Porto ist teurer geworden, die BVG auch!«
Die Verkäuferin zeigte sich unbeeindruckt und gab mir zwei Zehn-Cent-Marken. Na, immerhin, es näherte sich schon meinem Ziel.
»Und wie sieht es mit einer Zwei-Cent-Marke aus?« fragte ich. »Die haben wir nicht«, antwortete mir die Postexpertin. Also kaufte ich zähneknirschend eine Zehn-Cent-Marke.
»Ich möchte die Briefmarke bitte auf den Brief kleben«, bat ich die freundliche Herrscherin des Kieztabakladens. »Den habe ich in die Post gelegt und der ist doch frankiert«, erklärte sie mir.
So langsam musste ich mich zusammenreißen. »Das Porto hat sich mit dem heutigen Datum um zwei Cent erhöht. Sie haben keine Ergänzungsmarke, also habe ich eine teurere gekauft und möchte nun damit den Brief, den ich Ihnen soeben gegeben habe, frankieren.«
Die Verkäuferin verstand mich immer weniger. Sie suchte unter den vielen Briefen meinen heraus, ich ergänzte die Frankierung und erntete einen verständnislosen Blick der Expertin in Postangelegenheiten.
Liebe Post: Ihr habt so viel gespart und ausgelagert, seht doch bitte zu, dass ihr eure Experten informiert.