Archiv der Kategorie: Nachruf

HORST BOSETZKY

Erinnerung an eine lange Freundschaft

Er sei ein Neuköllner Hinterhofkind gewesen, hat mir Horst Bosetzky nicht nur einmal erzählt, Rütlischüler und vom Leben nicht begünstigt. Er wurde zwar in Köpenick geboren, aber schon in seinem ersten Lebensjahr zogen seine Eltern mit ihm in die Ossastraße. Als dort die Bomben einschlugen, blieb seine Familie als einzige im Umkreis verschont und wurde in die Prignitz evakuiert, wo der kleine Horst allerdings die Erfahrung machen musste, wie es ist, auf der Straße von Tieffliegern angegriffen zu werden. »Mit dem Tod hab ich schon früh Bekanntschaft gemacht«, sagte er einmal.
Seinen Namen Horst hat er von Anfang an gehasst, auch als er noch nicht wusste, dass er nach dem Naziführer Horst Wessel benannt worden war – eine Schutzmaßnahme seiner Mutter, die Angst hatte, als Halbjüdin aufzufliegen. HORST BOSETZKY weiterlesen

Chaim Jellinek

Nachruf für einen Menschenfreund

Als Chaim Jellinek in den 70er Jahren mit 21 Jahren von seinem Geburtsort Wiesbaden nach Westberlin umzog, ließ er nichts aus, was das Leben zu bieten hatte. Als Hausbesetzer studierte er meist im Drogenrausch Medizin, erlangte in dem Fach seinen Abschluss und schwor den Drogen ab.
Sicherlich ist es der Tatsache, dass er Drogenkonsument war geschuldet, dass er zu den Pionieren des Ersatzstoffes Methadon wurde. Als einer der ersten Berliner Ärzte verabreichte Jellinek Suchtkranken den Ersatzstoff, der ihnen eine bürgerliche Existenz ermög­licht. Er bot aber darüber hinaus seinen Patienten auch soziale Dienste an. Angefangen bei der Wohnungssuche über Hilfe bei der Suche nach einem Arbeitsplatz bis hin zu Beistand bei ganz persönlichen Problemen hatte er einen Stamm von Sozialarbeitern, die unterstützend mitwirkten.
Seit diesem Jahr hatte er seine Praxis in der Morusstraße. Der Umzug von der Richardstraße wurde von heftigen Protesten aus der Bevölkerung begleitet. Zum Schluss beruhigten Jellinek und der Stadtrat für Jugend und Gesundheit, Falko Liecke, die Anwohner. Die Praxis wurde im Rollbergkiez angenommen.
Bei all dem Arbeitspensum, das der Methadon­arzt täglich zu bewältigen hatte, schien er in sich zu ruhen. Gerne rauchte er eine Selbstgedrehte vor seiner Praxis und entspannte sich bei einem in aller Regel humorvollen Gespräch. So einen Schalk hatte er in den Augen, wenn er erzählte. Er hatte für alles Menschliche Verständnis und ist den Patienten auf Augenhöhe begegnet.
Chaim Jellinek ist im Alter von 60 Jahren plötzlich gestorben. Viel zu früh für so einen großartigen Menschen. Wir werden ihn nicht vergessen.

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Michael Tilgen

Nachruf auf einen Neuköllner Künstler

Foto: HD Seibt

Michael Tilgen war ein umtriebiger Künstler, der nicht nur Kontakt zu anderen Malern pflegte, sondern auch gerne mit Musikern, Schriftstellern und Schauspielern verkehrte. Das war auch der Impuls für die Gründung seiner »Artgarage«, einer zum Kunstraum umgebauten Garage in der Karl-Marx-Straße, in der einmal jährlich Konzerte, Lesungen und Performances stattfanden.
Leider wird es die »Artgarage« dieses Jahr nicht mehr geben. Am 22. März ist Michael Tilgen im Neuköllner Ricam Hospiz verstorben. Michael Tilgen weiterlesen

Tod auf dem Boddinplatz

Nachruf auf einen verlorenen Menschen

Er gehörte zu denen, die durch alle Raster fallen. Alkoholkrank, kein Job, keine Wohnung, kein Konto und damit auch kein Geld vom Jobcenter. So fristete Rolf Schmitt, der eigentlich Johannes K. hieß, sein Leben auf der Straße, seit einigen Jahren vorzugsweise am Boddinplatz, und da ist er am 11. August auch gestorben. Er wurde nur 52 Jahre alt.

Schmitti
Erinnerungen.                                                                                                                                                                                  Foto: mr

Vor ungefähr drei Jahren tauchte er das erste Mal dort auf, ver- schwand aber immer wieder für lange Zeit, meistens im Knast. Dort wollte er auch immer wieder hin, denn der Knast war für ihn eine überschaubare Welt, er hatte einen geregelten Tagesablauf, ein Dach über dem Kopf, ein Bett und etwas zu essen. Tod auf dem Boddinplatz weiterlesen