Archiv der Kategorie: Kommentar

Outdoor-Corona

Wohnungslose Menschen, die sich mit Corona infizieren, haben immer noch keinen Zugang zu geschützten, warmen Aufenthaltsorten. Die Furcht vor Ansteckung ist verständlich, die Ausgrenzung nicht.
Artikel 2, Absatz 2 unseres Grundgesetzes besagt dazu: »Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.« Ach, und Wohnungslose haben diese Rechte nicht? Sie sind Menschen!
Wir diskutieren im Rahmen der kommenden Hitzewellen über in der Stadt verteilte Kühlzelte. Warum werden keine Krankenzelte für coronainfizierte Menschen ohne Wohnung aufgebaut?
Schön wäre, wenn Politik und Wirtschaft sich mal zusammensetzen würden und nicht nur über Privatisierung im Gesundheitsbereich berieten. Wenn schon »Housing First« schwer machbar ist, muss wenigstens »Health First« umzusetzen sein!

Beate Storni

Neukölln

Neukölln ist bunt. Neukölln ist vielseitig. Neukölln ist widersprüchlich. Neukölln ist Sport. Neukölln ist Kunst.
Von Hipster-Hochburg bis kriminelles Outback sind alle Prädikate vertreten.
Eingeborene Neuköllner, ja, es gibt sie, sehen ihren Bezirk nicht durch die rosarote Brille, verdammen ihn auch nicht und möchten nirgend woanders wohnen. Es sei denn, die steigenden Mietkosten zwingen sie dazu. Neukölln ist Gentrifizierung.
Nun steigen die Energiekosten. Neukölln wird kalt.
Neukölln kann Solidarität. Neukölln rückt zusammen. Neuköllner helfen Neuköllnern.
Lasst uns gemeinsam durch die Krisen schlittern und zusammenhalten.
Neukölln ist überall!

Beate Storni

Der einen Freude, der anderen Leid

Endlich wieder Konzerte auf dem Vorfeld des Tempelhofer-Feld-Gebäudes.
Die »Toten Hosen« und »Die Ärzte« begeisterten im August Zehntausende Menschen. Etliche Anwohner waren nicht ganz so begeistert.
Sowohl in Neukölln als auch in Tempelhof fühlten sich einige in ihrer Nachtruhe gestört. Andere freuten sich, dass sie auf dem Balkon sitzend der Musik lauschen konnten und schwelgten in jahrzehntealten Erinnerungen oder lümmelten samt Picknick auf den Wiesen des Tempelhofer Feldes herum.
In großen Städten war es noch nie wirklich ruhig und spannungsfrei. In Berlin leben und ländliche Ruhe haben wollen geht nun mal nicht. Und, für uns Neuköllner‚ mal zu Erinnerung: In Rixdorf war schon immer Musike!

Edda-Maria Pieper, Beate Storni

Stadtplanung

Wohnraum, soziale Infrastruktur, Grün-, Frei- und Sportflächen, ausgewogene Verkehrsplanung, Natur- und Artenschutz, Ener­gieeffizienz, Handel und Gewerbe sowie den allem zugrundegelegten Gedanken der Klimaresilienz auf begrenzten Flächen unter einen Hut zu bringen, ist alles andere als leicht.
Eingedenk dessen, dass 80 Prozent der Berliner Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein haben, gebietet die pure Logik, Berlin zur Stadt der preisgünstigen Mieten zu machen. Das gekippte Vorkaufsrecht zum Erhalt preisgünstigen Wohnraums ist dabei alles andere als hilfreich. Leerstehender, überteuerter Wohnraum nutzt nur renditeorientierten Konsortien. Bauen, bauen, bauen bis es quietscht ist angesichts knapper werdender Baustoffe weder möglich noch zielführend.
Baubranche und Banken müssen umdenken, wenn der soziale Friede erhalten bleiben soll.
Zu bedenken wäre möglicherweise umstrukturierter Wohnungsbau mit Erbbaupacht und langfristiger, daran gekoppelter Mischfinanzierung.

Beate Storni

Stadtbäume

haben mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Im Jahr 2019 wurden so viele Bäume gefällt wie nie, auch auf Grund mangelnder Pflege und entstandener Baum-Krankheiten.
Nachpflanzungen, die bereits unter Trockenstress aufwachsen, sind diesbezüglich zwar widerstandsfähiger, entwickeln sich jedoch langsamer, verbleiben länger in den Baumschulen. Ob die jungen Bäume trotz anschließender drei- bis fünfjähriger Bewässerung im Straßenraum stabil anwachsen, bleibt fraglich. Zusätzliche Pflanzungen von Bodendeckern oder Hecken könnten trotz sinkenden Grundwasserspiegels hilfreich sein, vor allem bei größeren Baumscheiben. Stadtklimafeste, nicht einheimische Baumarten sind in der Erprobung. Ob sie mit dem vorhandenen Boden zurecht kommen werden, bleibt abzuwarten.
Wichtig ist, dass alle Bäume zukünftig sorgfältiger gepflegt werden, wenn sie uns weiterhin Kühlung, Schadstoffbindung und Sauerstoff schenken sollen!

Beate Storni

Lesen büldet

Obwohl der Umsatz im Buchhandel wieder steigt, haben sich die Lesegewohnheiten vieler, meist junger Menschen, verändert.
Zusammenhängende Texte oder gar Bücher zu lesen ist durch das vermehrte Lesen von Kurznachrichten in sozialen Netzwerken und auf dem Mobiltelefon ziemlich aus der Mode gekommen.
Laut einer Studie des Institutes zur Qualitätssicherung im Bildungswesen (IQB) erfüllt jeder fünfte Viertklässler die Mindeststandards der Rechtschreibung nicht. Auch Leseschwäche ist die Folge.
Lehrer und Professoren geben inzwischen Rückmeldungen, dass viele Schüler und Studenten literarische und wissenschaftliche Texte nicht mehr verstehen würden und oftmals nicht in der Lage seien, argumentative Texte zu verfassen.
Abendliches Vorlesen, Unterstützung durch Lesepaten und Bücher als Geschenke könnten helfen!

Beate Storni

Prima Klima

Der durch homo sapiens-Pfoten beschleunigte Klimawandel wird zwar von einigen immer noch geleugnet, findet allerdings trotzdem statt. Grünanlagen verdursten, neu gepflanzte Bäume wachsen schlecht an, nicht nur menschliche Kreisläufe brechen zusammen, Viren feiern Siegeszüge.
Unser Verbraucherverhalten ändert sich nur langsam, bei einigen bewusst, bei anderen notgedrungen, je nach Geldbeutel verkraftbar oder ein Desaster. Ökologische Gegebenheiten werden von den einen hinterfragt und schonend angegangen, von anderen knallhart versilbert.
Die drei Hauptprobleme, die es zu lösen gilt heißen: Wasser, Ener­gie, Lebensmittel.
Dessen ungeachtet vermüllen wir weiterhin unsere Kieze, ignorieren Abhängigkeiten und schimpfen lieber auf andere. »German Zero,« »Letzte Generation« oder »fridays for future« bieten viel Diskussionsstoff, Teillösungen und versuchen zu retten, was zu retten ist. Jeder hat die Möglichkeit etwas zu tun. Achtsamkeit, Rücksicht und Mitmenschlichkeit sind die Gebote der Stunde!

Beate Storni

Amt am Limit

150 ukrainische Flüchtlinge kann das Bezirksamt in der Donaustraße täglich bearbeiten. Klar, es fehlt an Mitarbeitern, die die ukrainische Sprache beherrschen, wir haben immer noch Corona, und der hohe Krankenstand im Bezirksamt ist auch nicht von der Hand zu weisen.
Keiner hat vor Kurzem mit einer solchen Zahl an Flüchtlingen gerechnet, allzu plötzlich war der Krieg da. Richtig ist, dass die Menschen zumindest freundlich empfangen werden. Das ist gut. Und das Bezirksamt kann nicht auf die Schnelle kompetentes Personal aus dem Hut zaubern.
Andererseits klappt es auch im Amt: Wer weiß, wie es geht, erhält einen Termin, der peinlich genau eingehalten und zügig und zuverlässig bearbeitet wird. Manchmal kennt das Glück bei einem Besuch in den Amtsstuben sogar keine Grenzen, wenn die freundliche Mitarbeiterin mit einem Lächeln auf den Lippen dem Kunden noch einen schönen Tag wünscht.

Petra Roß

Zusammen für eine friedliche Welt

An jedem Morgen gibt es mittlerweile, zumindest bis jetzt, eine Nachricht von meinen Freunden aus Kiew. Sie sind kurz, sagen, dass alles OK ist. Es ist nichts OK in diesen Tagen.
Von einem Tag auf den anderen hat sich alles geändert. Das Schlafen im eigenen Bett hat sich zu einer Gefahr entwickelt, da ist der Flur sicherer. Oder es wird gleich der überfüllte U-Bahnschacht, der als Bunker dient, aufgesucht. Sirenengeheul im Hintergrund, das die Machtlosigkeit verdeutlicht. Das unbeschwerte Leben scheint zunächst vorbei zu sein.
Es bleibt aber auch die Möglichkeit, ins sichere Ausland zu fliehen. Der Preis dafür lässt zurückschrecken: Ist es in Ordnung, die Eltern und weitere Verwandte, die nicht so flexibel sind, zurückzulassen? Hier gibt es keine Antwort.Wichtig ist, dass alle friedliebenden Menschen zusammenhalten, um ein gemeinsames Zeichen gegen den Krieg zu setzen.

Josephine Raab und Petra Roß

Ohne Müll ist in Neukölln nichts los

Ja, alles nimmt zu, vor allem der Müll auf den Straßen, besonders der Sperrmüll. Im Kern ist es ja eine solidarische Geste, wenn hier Matratzen und Bettgestelle auf die Straße kommen, »zum Mitnehmen«. Kostenlos wird solch ein Mobiliar leider weiterhin nicht abgeholt.
Da müssen wir natürlich etwas genauer hinschauen, bevor wir mitnehmen, es könnten Hunde die Matraze »markiert« haben, was ihrer Natur entspricht. Immerhin sammeln viele Menschen die Hinterlassenschaft ihrer Vierpföter ein, die Hunde werden neuerdings sogar »registriert«.
Doch was ist mit den herumliegenden Zigarettenkippen? Immerhin hat uns der wiedergewählte Bürgermeister Hikel transportable kleine Aschenbecher spendiert, in Gelb und in Lila. Vielleicht kommt Nachschub.
Kurzum: Müll macht uns solidarisch, und die Ordnungskräfte haben gut zu tun mit dessen Erfassung, meistens wenn sich Anwohner beschweren, oft über eine nicht immer auf Anhieb errreichbare Hotline.

Thomas Hinrichsen

Impf-Solidarität ist das Gebot der Stunde

Hilflos sind wir nicht, wenn wir eine Wand gegen die neue Corona-Variante Omikron errichten. Wir haben Impfstoff, der ständig verbessert wird, und sind bereits beim Boostern. Zwei Drittel der Menschen in der Bundesrepublik nutzen diesen Schutzschirm. Sie schützen sich und dabei auch alle anderen, sie sind impf-solidarisch. Das andere Drittel der Impf-Verweigerer besteht zum Großteil aus ideologisch motivierten Menschen, die teilweise dem politisch rechten Spektrum angehören. Wir erleben vor allem im Süden unserer Republik maskenlose und gewalttätige Proteste, mit denen die Polizei kaum fertig wird oder nicht fertig werden will. Die Ordnungskräfte gehen erstaunlich mild mit diesen Demonstranten um. Wasserwerfer kommen so gut wie gar nicht zum Einsatz. Es bleibt abzuwarten, wie die neue Berliner Innensenatorin Iris Spranger mit Hilfe ihrer Polizeimacht dem rechten Rand begegnen wird.

Thomas Hinrichsen

An Gerichten führen politische Wege nicht vorbei

Nach dem Mietendeckel kippt jetzt das Vorkaufsrecht der Berliner Bezirke in einer höchstrichterlichen Instanz. Damit geht ein wichtiges Instrument verloren, soziale Stadtpolitik so zu gestalten, dass Verdrängungen von Mieterinnen und Mietern verhindert werden können. Es wird schwierig werden und erfordert gründliches Vorgehen, im Falle des erfolgreichen Volksbegehrens »Deutsche Wohnen und Co enteignen« einen weiteren Gerichtsgang zu vermeiden.
Die Unabhängigkeit der Judikative ist ein hohes Gut innerhalb einer Demokratie. Die Anforderung an die Politik, in der viele Juristen involviert sind, besteht darin, ihre Arbeit so gründlich wie möglich zu machen. In diesem Zusammenhang kommt der Initiative des Landes Berlin große Bedeutung zu, über den Bundesrat Änderungen im Baugesetzbuch zu erwirken. Darüber wird dann der neu gewählte Bundestag, angeführt von der Ampelkoalition, zu entscheiden haben.

Thomas Hinrichsen

Die Kunst lebt auf

Nach einem langen und dunklen Coronawinter ist die Kunst­szene wieder aktiv. Open Air Konzerte, Ausstellungen, Vorstellungen in den Kinos, alles lebt wieder auf. Die dunkle Wolke der Pandemie hat sich in Luft ausgelöst. Vorläufig. Die »3G«-Regelung macht derzeit einen unbeschwerten Kulturbetrieb möglich, vielfach wird auf »2G« gepocht.
Die Weichen für einen weiterhin freien Kulturbetrieb vor und mit Publikum sind gut gestellt. Leider steigen zeitgleich die Inzidenzen und Hospitalisierungszahlen. Die Sonderermächtigung für die Regierungen in Bund und Ländern existiert noch bis Ende November. Sollte die erneute Coronawelle überhand nehmen, kann es als erstes, noch vor der Gastronomie und Hotellerie, wieder die Kunst treffen
Halten wir doch bitte die Regeln ein. Wer will denn schon wieder zu zweit zuhause sitzen oder sich bei Ausgangssperre nach einer Houseparty vorsichtig auf die Straße schleichen?

Thomas Hinrichsen

Segen ist für alle da

Ja, und im besten christlichen Sinne für Menschen, Tiere und die gesamte Natur.
Dass Hunde die besten Freunde der Menschen sind, ist hinlänglich bekannt. Dieser Tatsache folgend, und der, dass die christlichen Kirchen seit Jahren Mitglieder verlieren, wurde das Team des Segensbüros kreativ.
Am ersten Oktober-Montag kamen zahlreiche Mensch-Hund-Teams in die Genezareth-Kirche, um Segen zu empfangen. Spürbar war eine entspannte und zufriedene Athmospäre.
Segen soll Kraft spenden, Trost, Unterstützung und Mitgefühl geben. Die Besinnung auf die zugrundeliegende Spiritualität (lat.: spiritus: Geist, Hauch -> spiro: ich atme) wirkt wohltuend und stärkt unser inneres Wesen. Wir können wieder durchatmen. Helfen wir anderen, dies auch tun zu können, und lasst uns gemeinsam tief durchatmen und Luft schnappen.

Beate Storni
Mario Landsmann

70 ist das neue 50

Senioren sitzen heutzutage nicht unbedingt am Ofen, lesen und häkeln, sie sind in aktivem, unternehmungslustigem Unruhezustand.
Gerne betreuen sie auf Grund mangelnder Kita-Plätze ihre Enkel, jedoch nicht nur. Sie treiben Sport, sind unterwegs und kümmern sich um Altersgenossen, die Unterstützung brauchen.
Sie engagieren sich -kreativ und lautstark- für die Belange der älteren Generation und gehen in die Politik.
Es gibt aktive Seniorenbeiräte, »Omas gegen rechts« und in Neukölln Sylvia-Fee Wadehn. Sie ist berlinweit bekannt und ihr wird nicht nachgesagt, mit ihrer Meinung hinter irgendwelchen Bergen zu halten.
Als erfahrene und politikerprobte Vertreterin ihrer Generation will Sylvia-Fee jetzt das Berliner Abgeordnetenhaus rocken.
Wir sind gespannt!

Beate Storni

Sonntagsverkaufsverbot für Bäckerei

Ist eine Bäckerei ein Spätkauf alias »Späti«? Auch wenn sie am Sonntag keine für den Hausgebrauch notwendigen Lebensmittel verkauft? Zumindest in einem Fall im Schillerkiez ist das Neuköllner Ordnungsamt dieser Ansicht. Die Rechtslage ist unklar, trotz eines Urteils des Berliner Verwaltungsgerichtes.
Ein neuer Urteilsspruch wird erforderlich werden, wenn die Politik die Situation nicht klären kann und betroffene Unternehmen sich wehren. Verständlich ist das Anliegen des Senats, zu viel Sonntagsarbeit zu verhindern. Doch beispielsweise Callcenter arbeiten bei Niedriglohnzahlung überwiegend das ganze Jahr rund um die Uhr, und niemand fragt, ob das gesellschaftlich nützlich ist. Unbestritten ist dieser Rhythmus für Pflegepersonal, Feuerwehr und Polizei, aus gutem Grund; in der Pflege allerdings zu gering bezahlt.
Traut die Politik den verkaufenden Bäckereien nicht zu, ihrem Personal eine Fünftagewoche zu ermöglichen?

Thomas Hinrichsen

Offene Türen

Herzlichen Glückwunsch an die Neuköllner Abiturienten, die mit einer 1 oder 1,1 abgeschlossen haben! Trotz erschwerter Bedingungen, die durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie notwendig waren, haben sie es geschafft, mit herausragenden Leistungen zu glänzen. Ihnen steht nun die Welt offen. Es wäre schön, wenn alle verzweifelten Schüler sich daran orientieren könnten, dass es manchmal trotzdem gehen muss und geht.
Tatsächlich ist es so, dass das Leben nicht immer schön ist. Wichtig ist es, Ziele zu verfolgen und den Widrigkeiten entgegenzutreten. Das macht stark und gibt Selbstvertrauen. Die, die nicht so gut abschließen konnten, sollten nicht den Kopf hängen lassen, sie mögen mit Elan neue Projekte beginnen. Ein Abitur ist nicht alles, nur ein Türöffner, aber es gibt für alle offene Türen. Man muss sie nur finden.

Petra Roß

Es kehrt wieder Leben ein

Es war ein Lichtstreif: Die Außengastronomie durfte vor Pfingsten öffnen. Nur für hochwahrscheinlich Ungefährdende zwar, aber dieser Nachweis lässt sich schnell bekommen, zur Not täglich. Dass die gastronomisch Ausgedürsteten das Angebot nicht sofort überbordend wahrnahmen und den Lokalen langgehegte Umsatzträume erfüllten, war wohl dem Dauer-Aprilwetter im Mai wie auch der längst eingebrannten vorsichtigen gesellschaftlichen Zurückhaltung unserer Bürger geschuldet.
Der rote Strich unter der Mengenbilanz der Kneipen und Restaurants, die in der Krise die Reißleine ziehen mussten, ist noch nicht gezogen, viele liebgewonnene Institutionen scheinen aber durchgehalten zu haben, um uns Gästen ihre Treue zu beweisen.
Wer mit Testen, Impfen und Maske seinen Frieden schließen kann, darf auf baldig steigende Geselligkeitsangebote, vielleicht sogar beim Wirtsteam drinnen, hoffen.

Jörg Hackelbörger

Schillerkiezgeschichte

Im turbulenten Wahlkreis 2 liegt der Schillerkiez ans Tempelhofer Feld angrenzend.
Auf ehemaligem Ackerland wurde das Viertel um die Schillerpromenade herum ab 1901 gebaut, Infrastruktur an Schulen und Gewerbe mitgeplant. Die meisten Wohnungen verfügten über ein Bad, Wohnküche und Balkon.
Als Wohnquartier für Besserverdienende und Kontrapunkt zur klassischen Arbeitersiedlung auf den Rollbergen mauserte sich der Schillerkiez zur »schönsten Wohngegend Rixdorfs«.
Allerdings erfolgte ziemlich rasch eine bunte Mischung der Bewohner: Arzt, Kohlenträger, Professor, Reinigungskräfte, Verkäufer und Beamte wohnten Tür an Tür und bildeten die berühmte »Berliner Mischung«.
1930 erfolgte dann die »Randbebauung des Tempelhofer Feldes« – womit dieses Thema nun auch erledigt sein dürfte! – entlang der Oderstraße mit zahlreichen Sportstätten. Ein Teil ist bis heute als Werner-Seelenbinder-Sportpark erhalten und soll es auch bleiben!

Beate Storni

Zauber durch Selbsttests

Die Politik hat es nicht leicht in Zeiten der Coronapandemie. Gute Einfälle zur effektiven Kontrolle und Eindämmung sind gefragt. Der Berliner Senat hatte kurz vor Ostern mindestens eine zündende Idee: Das Zauberwort lautet »Selbsttest«.
Die Berliner können das bundesweite Angebot, einmal wöchentlich einen kostenlosen Selbsttest bei einer Apotheke zu machen, wahrnehmen. Wenn negativ haben sie weiterhin Zugang zu Friseuren und zum Einzelhandel. Verpflichtend werden Tests für die Verkäufer und Dienstleister, auch im Späti.
Dies kommt spät, aber besser als gar nicht. Es hilft, weiteren Schaden von kleinen und mittelständischen Unternehmen durch harten Lockdown abzuwenden. Leider warten allerdings nicht nur Gastronomen weiterhin auf dringend notwendige Zahlungen aus dem »Hilfspaket III«. Die schleppenden Zahlungsabläufe sollten nicht nur einem Selbsttest unterworfen werden.

Thomas Hinrichsen

Eigenheimidylle und Hochhäuser

Buckow ist ein vielseitiger und widersprüchlicher Stadtteil Neuköllns.
Ursprünglich anno 1230 als Angerdorf gegründet, entwickelte sich Buckow inclusive der Gropiusstadt bis heute zu einem Stadtteil mit fast 80.000 Einwohnern aus vielen Nationen. Noch im Jahr 1900 standen dort nur 98 Häuser, allerdings mit eigenem Bahnanschluss der Rixdorf-Mittenwalder-Eisenbahn. 1920 wurde Buckow eingemeindet.
Zwischen 1962 und 1975 wurde die Gropiusstadt erbaut. Anfänglich haben viele zukünftige Mieter den damaligen Bauherren Baukostenzuschüsse in Höhe einiger tausend D-Mark gezahlt, abwohnbar auf 35 Jahre. Diese sind vorbei und die meisten Mieten explodiert, besonders dort, wo »Deutsche Wohnen« den Bestand aufgekauft hat.
Ohnehin seit 1980 als sozialer Brennpunkt geltend, hat dies die Sorgen der Anwohner verstärkt. Es wäre wünschenswert, wenn Politiker sich verstärkt für die Verbesserung der dortigen Lebensverhältnisse einsetzen würden.

Beate Storni

Symphonie am Abendhimmel

Zwischen all unserer Schnelllebigkeit in der großen Stadt gibt es doch Momente, wo wir innehalten. Manchmal auch mitten auf der Hermannstraße an einer Kreuzung.
So kommt es, dass Freunde im Winter zwanzig Minuten zu spät zu Verabredungen kommen und völlig durchgefroren sind. Sie haben zwei Ampelphasen auf der Kreuzung gestanden und in den Himmel geschaut.
Immer am Abend, ehe die Stare ihr winterliches Nachtquartier beziehen, tanzen sie ihr Ballett am abendlichen Himmel. Wahrscheinlich dient dieser Tanz zur Feindabwehr. Anscheinend gibt es keinen Führer – die kleinen schillernden Vögel orientieren sich an den neben, über und unter ihnen fliegenden Gefährten. Auf jeden Fall ein Bild der besonderen Komposition.
Also einfach mal zwei Grünphasen verpassen und dem schönen Schauspiel zusehen …

Josephine Raab

Energie für alle

Sperrungen von Gas und Strom durch die liefernden Konzerne werden im »Coronawinter« rücksichtslos fortgesetzt. Tausende von Menschen leben im Dunklen und Kalten ohne warmes Essen. Der notwendige Kerzenschein schafft hier keineswegs Romantik, sondern stellt eher eine Brandgefahr da.
Die Misere ist der Politik bekannt. Um mehr Rechtsschutz der Verbraucher gegenüber den Energielieferanten zu ermöglichen, bedarf es einer Gesetzesänderung auf Bundesebene, welche den Kunden eine Sicherheit bietet, wie sie ihnen auch der Kündigungsschutz des Mietrechtes garantiert.
Auf dem langen Weg dorthin liegt es in der Kompetenz des Senats, im »Coronawinter« ein Moratorium gegen Energiesperren zu erwirken. Das kann ein erster Schritt sein, die Energieversorgung komplett in die öffentliche Daseinsvorsorge zu integrieren, damit Länder, Kommunen und Regionen wieder die Kontrolle haben und Gewinne für das Gemeinwohl statt für Shareholder schöpfen.

Thomas Hinrichsen

Weihnachten im Coronazeitalter

Jetzt wissen wir alle, was wir schon lange befürchtet haben: Das Thema Corona wird uns alles noch lange begleiten. Auch zu Weihnachten.
Während sich viele Menschen mit den Coronaregeln abgefunden haben, andere immer noch das Virus leugnen, sieht die Sache zu Weihnachten noch mal ganz anders aus.
Fünf Personen aus zwei Haushalten plus Kinder dürfen sich an den Feiertagen treffen. Der Weihnachtsmann ist dabei ausgeschlossen. Für die Kinder mag dies ein kleines Drama sein, dürfte aber keine seelischen Schäden hinterlassen.Während die einen bereits jetzt unglücklich und verunsichert sind, könnte es sein, dass andere sich still und heimlich freuen. Ein Weihnachten ohne die buckelige Verwandtschaft, die versorgt werden will, könnte mancher Hausfrau gefallen. Auch die Tatsache, dass der Stress in diesem Jahr geringer ist, könnte häusliche Gewalt verringern. Und da das Einkaufen eh keinen Spaß mehr macht, wird Geld gespart.

Petra Roß

Kerzenschein in grauen Zeiten

Dass es ein großer Mist ist, dass wir einen zweiten Lockdown haben, der wirtschaftlich, kulturell und sozial wohl viele an den Rand des Wahnsinns bringt, ist klar. Dass es ein grauer November wird, liegt in der Natur, das kennen wir Berliner schon. Im Dezember wird es meist trotzdem ein bisschen gemütlich: Adventskonzerte und Basare, Weihnachtsfeiern und Fondue­abende, Glühweintrinken. Und wir lieben ja auch den Alt-Rixdorfer Weihnachtsmarkt, er ist, zwar immer viel zu voll aber auch irgendwie heimelig, auch für dieses Jahr abgesagt. Wo bekommen wir wohl unsere Gemütlichkeit in diesem Jahr her? Vielleicht hängt der Bezirk dieses Jahr mehr Lichterketten auf, und vielleicht können wir alle eine Kerze ins Fenster stellen, wenn es dunkel wird. Dann leuchten wenigstens die Straßen. Das mit dem Glühwein… Hoffen wir auf Glühwein to go vor 23 Uhr, es wird ja schon zeitig genug dunkel. Und ja, auch in großen Krisen helfen die kleinen Dinge im Leben.

Josephine Raab

Maske als Pop-up Feigenblatt

Es gibt einige Gewinner der Coronaepidemie: Es sind Weinläden, Getränkelieferanten, Märkte, Spätis oder Amazon.
Die großen Verlierer sind Hotels, Gaststätten und Bars.
Letztere konnten sich vielleicht in den letzten warmen Wochen etwas erholen, wenigsten die, die noch nicht aufgegeben haben. Aber wie sieht der Herbst und noch schlimmer der Winter aus? Kommen die Heizpilze in allen Bezirken, könnte die Pleite vielleicht aufgehalten werden, aber ökologisch wäre das ein fragwürdiges Unterfangen.
Aktuell fürchten die Kneipenbesitzer eine neue Coronawelle und eine Verschärfung der Auflagen. Während der Senat mit einem aufwändigen Geschenk von Mundnasenschutzmasken Hilfe vorschützt, fragen sich die Kneipiers verständlicherweise, was das soll. Denn die meisten Kneipengäste halten Abstand, haben bereits einen Mundnasenschutz, hinterlegen ihre Adressen und möchten einfach nur gerne in der Kneipe, ihrem zweiten Wohnzimmer, sitzen.

Petra Roß

Nichts ist ohne Rücksicht gut

… stellte schon Shakespeares venezianischer Kaufmann fest.
Im heutigen Gross­stadt­gewimmel gerät rüchsichtsvolles Verhalten leider immer öfter aus dem Blick.
Bei sich widersprechenden Ansprüchen in unseren individualisierten Zeiten ist Rücksichtnahme trotzdem ein Gebot der Stunde.
Die einen wollen ihr Gewerbe betreiben, die anderen spätestens ab 22 Uhr ihre Ruhe haben. Um beide berechtigten Ansprüche zusammenzubringen ist wechselseitiges Entgegenkommen unabdingbar.
Was machen wenn Gespräche nicht helfen, Gewerbetreibende die Kiezleute ignorieren oder notorische Nörgler immer rumsülzen? Ordnungsamt oder Polizei rufen? Laden boykottieren? Anzeige stellen wegen ruhestörenden Lärms?
Vielleicht könnte es helfen, einen Mediator zu Rate zu ziehen. Ich weiß es auch nicht, jedoch wäre es einen Versuch Wert.

Beate Storni
Zwei Leserbriefe zum Thema sind hier veröffentlicht.

Die Mörder sind unter uns!

Wie blöd kann man denn noch sein? Wer nicht blind oder taub und auch kein Legastheniker ist, sollte mittlerweile genau wissen, wie eine Mund-Nasen-Maske richtig getragen wird. Ebenso sollte die AHA-Regel allgemein bekannt sein. Und seine Adresse sollte eigentlich jeder kennen und (s.o.) auch aufschreiben können. Wer also den zum Schutz aller aufgestellten Verhaltensregeln nicht nachkommt, kann nichts zur Entschuldigung vorbringen, und ihm/ihr ist eindeutig Vorsatz zu unterstellen.
Auf jeder U- oder S-Bahnfahrt kann man sie sehen: Die Nase frei, oder gleich nur als Kinnschutz! So hilft die Maske nicht! Aber es trifft ja nicht einen selbst, sondern nur die anderen! Und dann noch Feiern bis zum Umfallen, ohne Abstand, aber dafür mit falschen Adressen. Spaß geht über Gesundheit! Das kann nur als niederer Beweggrund erkannt werden. Mit dem Vorsatz sind dann zwei Mordmerkmale erfüllt!

Harald Schauenburg

Saubere Schulen

Verlässliche Teams von Reinigungskräften gehören fest an die Schulen. So kennen sie nach kurzer Zeit nicht nur die Abläufe und besonderen Gegebenheiten vor Ort, sondern auch die Schüler, die es mit der Sauberkeit und Müllentsorgung nicht so genau nehmen. Der Hygiene der Bildungstempel ist dies auch zuträglich, besonders im Hinblick auf Corona.
Dank des erfolgreichen Neuköllner Bürgerbegehrens »Schule in Not« ist unser Bezirk der erste in Berlin, der zukünftig an vorerst 30 öffentlichen Schulen wieder feste Mitarbeiter für die Sauberkeit einstellen wird. In Folge sollten nicht nur neue Stellen geschaffen werden, sondern auch Ausbildungsplätze. Wünschenswert ist, dass dies auf alle 60 Schulen ausgedehnt werden kann. Der nächste Schritt sollte dann sein, für jede Schule wieder einen Hausmeister einzustellen.

Beate Storni

Spielstraßen

Die Einrichtung temporärer Spielstraßen, um Kindern mehr Platz zuzugestehen, ist eine gute Idee. Sie drängen sich dann nicht mehr auf den Spielplätzen, und die Eltern haben es etwas leichter.
Schade nur, dass einige Autofahrer überhaupt kein Verständnis dafür haben. Gehen ihnen doch Parkplätze verloren, oder sie müssen gar Umwege in Kauf nehmen.
Schade auch, dass Ehrenamtliche für die Aufsicht der Spielstraßen eingesetzt werden. Daran scheiterten tatsächlich im Süden Neuköllns einige Spielstraßen. Es ist offensichtlich, dass das Ehrenamt so ausgenutzt wurde, dass viele Menschen keine Lust mehr darauf haben.
Tatsächlich erinnert diese Forderung an Nötigung. Es wird vieles freiwillig geleistet, sei es Flüchtlingsarbeit, Nachbarschaftshilfe oder Schülerbetreuung. Manches könnte vom Bezirk, auch wenn das Geld knapp ist, finanziert werden. Viele Menschen würden sich darüber freuen.

Petra Roß

CDU auf Abwegen der Selbstjustiz

Ein Kommentar von Alexandra Teitge

Der Landesvorsitzende der CDU Berlin, Kai Wegener, veröffentlichte am 30. April einen Facebook-Post, in dem er alle »Straftäter und Chaoten« dazu aufrief, am 1. Mai zu Hause zu bleiben. Die CDU Neukölln nahm das Posting auf, teilte es auf ihrer Facebook-Seite und hob noch mal hervor, dass sie keinerlei Hoffnung hätte, »dass sich auch nur einer der Chaoten eines Besseren besinnt«.
Empörend an den Postings ist nicht nur, dass Straftaten unterstellt werden noch bevor sie tatsächlich passiert sind – der beste Weg zur sogenannten selbsterfüllenden Prophezeiung. Nein, empörend ist außerdem, dass die CDU damit die Demonstrierenden am 1. Mai pauschal als »Straftäter und Chaoten« darstellt und damit deren politische Forderungen vom Tisch fegt. CDU auf Abwegen der Selbstjustiz weiterlesen

Distanzierte Kommunikation

Ein Kommentar von Matthias Ehrhardt

Kommunikation steht im Zentrum unseres sozialen Handelns. In den vergangenen Monaten haben wir eine Transformation dieses Handelns erlebt. Kommunikation ist, für den Moment zumindest, distanzierter, ichbezogener denn je.
Distanz kann hierbei auf zwei Arten verstanden werden. Zum einen müssen wir aufgrund von Sicherheitsbestrebungen räumliche Abstände einhalten. Zum anderen ergibt sich daraus die Möglichkeit einer tatsächlichen »sozialen Distanzierung«, nämlich in Bezug auf unser Verhalten.

Keine Kommunikation.     Foto: me

In unseren kleinen sozialen Einheiten wie Familie, Freundeskreis und Arbeit wird im Moment computergestützte Kommunikation genutzt. Was fällt bei einem Zoom-Call auf? Eine Person spricht. Alle anderen hören zu oder tun so als ob. Unterbrechungen stören so sehr, dass Gespräche zum Erliegen kommen, der gegenseitige Austausch ist frei von Dynamik. Ein Vorteil davon ist wiederum ein effizienter Informationsfluss. Distanzierte Kommunikation weiterlesen

Lichtblicke

Wir halten zusammen. In Zeiten von Quarantäne und körperlicher Distanzierung mag das wie eine leere Worthülse klingen. Angesichts der Berichterstattung über die Ignoranz gegenüber Schutz- und Hygienemaßnahmen in Form von Partys, oder Demonstrationen der Verschwörungstheoretiker oder andererseits über Denunzierungslust darf eines nicht vergessen werden – nämlich das »wir«. Sei es das große WIR, eines, das über kontinentale Grenzen zusammenhält, oder das kleine, fast kleinste wir, das bedeutet, dass man sich um die Person eine Tür weiter kümmert. Denn darin liegt unsere wahre Kraft und der eine Lichtblick, der uns vereint während schwerer Zeiten: Das Gute, das wir für andere und damit für uns tun. Ich danke hiermit allen Neuköllnern für ihr »wir«. Ob Gaben an Zäunen, Einkäufe für Nachbarn, die im Moment nicht vor die Tür können, oder die kleinsten Gesten der Aufmerksamkeit. Neukölln steht zusammen.

Matthias Ehrhardt

Corona positiv

Kommentar von Michael Fleck

Es gibt sie, die guten Dinge inmitten des Corona-Alltags. Dinge, die Grund zur Hoffnung und Vorfreude geben. Sie wohnen jeder Krise inne, meist verborgen, doch sie gehören dazu. Der absolute Gegensatz in Zeiten größter Verunsicherung, wie zwei sich gegenseitig bedingende Pole. Die Frage, ob man in schlechten Zeiten das Positive überhaupt betonen darf oder man damit Betroffenen zu nahe tritt, ist sicherlich diskutabel. Die nächtliche Ruhe in der sonst so lauten Großstadt, ein stärkeres Bewusstsein für das wirklich Wichtige, Nachbarschaftssolidarität – dürfen wir die positiven Begleiterscheinungen genießen oder sollten wir uns vielmehr darüber ärgern, dass es erst einer Pandemie bedarf, bevor sie zu Tage treten? Ist die viel zitierte »Corona-Entschleunigung« ein Segen oder nur ein privilegiertes Phänomen derjenigen, die schon vor der Krise eine große Wohnung hatten? Corona positiv weiterlesen

Nerven bewahren

In der Zeit, in der wir gerade leben, merken wir, dass die Decke der Zivilisation sehr dünn ist. Getragen von sozialen Abfederungen haben wir immer gut gelebt. Es gab immer noch Jobs, aber nicht für jeden. Und wenn gar nichts mehr ging, war eine Grundversorgung da.
Das gibt es immer noch, aber die Stimmung ist eine andere. Jobs fallen massenweise weg, Menschen sitzen zu Hause herum. Häusliche Gewalt nimmt zu. Klar, die gewohnten Tagesabläufe sind geändert, die Familien drängen sich auf engem Raum zusammen.
Auf den Straßen spucken manche Menschen andere an, aber die meisten halten den Kopf gesenkt und springen zur Seite, wenn jemand zu nahe kommt.
Ich empfinde, dass wir uns einfach an die Ausnahmesituation anpassen sollten, wir werden auch bald – es kann noch ein wenig dauern – wieder andere Zeiten erleben. Und dann müssen wir unsere Demokratie zurückholen.

Petra Roß

Vom Radverkehr zum Klimaplan

Aller Anfang ist schwer, warum sollte das in der Berliner Verwaltung anders sein? Das Mobilitätsgesetz ist ein guter Anfang. Es bevorzugt den Fahrradverkehr und den mit alternativer Energie betriebenen ÖPNV vor dem Autoverkehr.
Auch wenn in Neukölln derzeit wo immer möglich Fahrradwege gebaut werden, geht es andernorts schneller und umfassender. Luxemburg hat als erstes Land den kostenlosen ÖPNV eingeführt, um eine umfassende Verkehrswende einzuläuten.
Innerstädtisch könnte das auch für Berlin und andere Städte ein guter Anfang sein, im ländlichen Bereich, aufgrund der maroden oder fehlenden Infrastruktur, eher ein schwieriger.
Liebe Berliner Verwaltung, tretet bitte in die Pedale und bedenkt @germanzero gleich mit! Dann schaffen wir auch die Klimaneutralität bis 2035 !

Beate Storni

Griessmühle gehört nach Neukölln

Seit 2012 lieben Technofans diesen Ort nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen des reichhaltigen kulturellen Angebots und als Ort des Berliner Freiheitsgefühls sowie des nonkonformen Ausprobierens.
Nun besteht die Befürchtung, dass die Griessmühle dem berlinweiten Clubsterben zum Opfer fällt.
Dankenswerterweise hat die BVV Neukölln eine Entschließung verabschiedet, die sich für den Erhalt der Griessmühle am jetzigen Ort einsetzt. Die aktuelle change.org-Petition #saveourspaces könnte dies unterstützen.
Für viele mag es ja nur Lärm sein, für andere ist es ein Lebensgefühl, das es zu achten gilt. Schließlich schadet es niemandem. Und wo bitte soll denn laut und ausgiebig Musik gehört und sich ausgetobt werden, wenn nicht in leicht abgelegenen Ecken? Neukölln steht solch ein Ort gut zu Gesicht, und wir hoffen, dass die Rettungsversuche für die Griessmühle zum Erfolg führen!

Beate Storni

Hör mal, wer da bauen will

Im Kiez regt sich Widerstand gegen den geplanten Karstadt-Umbau am Hermannplatz. Diskussionspunkte betreffen auch die Symbolkraft des Baus, Verdrängung des Einzelhandels, die Belastung während des Umbaus. Doch wer baut da eigentlich? Karstadt gehört der »Signa Holding«, gegründet von René Benko, unter anderem bekannt durch die Ibiza-Affäre der öster­reichischen FPÖ. Benko steht aktuell auf Platz drei der reichsten Österreicher und neben seinen Immobiliengeschäften hält »Signa Holding« 49 Prozent der Anteile der »WAZ« und somit 24,22 Prozent des österreichischen »Kuriers«, sowie 24,5 Prozent der »Kronen Zeitung«, das mit Abstand reichweitenstärkste Printmedium Österreichs. In Anbetracht dessen, dass hier ein Investor am Hebel sitzt, der einen so eklatanten Einfluss auf die öffentliche Kommunikation hat, eröffnen sich abseits aller bisherigen Kritikpunkte gelinde gesagt »Bedenken«. Und mit Bedenken meine ich Aversionen.

Matthias Ehrhardt

100 Jahre Demokratie und Volksbildung

Das Neuköllner Ernst-Abbe-Gymnasium hat bis heute in puncto Volksbildung eine beachtenswerte Tradition. Sie ist das erste Bildungsgemäuer, das für die Volksbildung genutzt wurde. Zu Zeiten der Weimarer Republik hieß es »Kaiser-Friedrich-Realgymnasium«, dem der damalige Reformpädagoge und Direktor Fritz Karsen 1923 die Arbeiter-Abiturientenkurse angliederte. Diese ermöglichten, das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg zu erwerben.
Im Sinne der Reformpädagogik sowie im Geist der Selbstverwaltung sollten Schulen lebensnahe und offene Orte sein, in denen Schüler zu unabhängigen und selbstbestimmten Persönlichkeiten heranreifen, die fair und solidarisch zusammenleben.
Leider ist dies schon lange nicht mehr überall der Fall.
Um so wichtiger, dass sich viele Lehrer und die VHS die Mühe machen, die Tradition der Reformpädagogik aufrecht zu erhalten!

Beate Storni

Von Mauern und Freundschaften

Nach 30 Jahren Mauerfall sprechen viele Menschen noch immer über Ungerechtigkeiten, Anpassungsprobleme und Identitätsverlust. Es gibt wohl tatsächlich in den Köpfen noch ein Ost und West. Manchmal nervt dieses ganze Aufdröseln von irgendwelchen Fakten und Zahlen, und manchmal fehlen mir dabei die positiven Gedanken.
Eine liebe Freundin sagte im September: »Eigentlich sollten wir eine riesige Party machen und unsere wunderbaren Freundschaften feiern, denn ohne den Mauerfall hätten wir uns nie kennengelernt!« Sie hat Recht. Wir Wendekinder, alle so um 85 geboren, waren die erste Generation, die Freundschaften im Kindergarten oder der Schule in einem vereinten Land knüpfen konnten. Hinzu kommen unsere internationalen Begegnungen. Das ist ein so schöner Gedanke, den wir uns alle viel öfter in Erinnerung rufen sollten.
Ein Hoch auf unsere Freundschaften!

Josephine Raabt