Drama um Trauer und Schuld

»Manchester by the Sea« handelt von Lee Chandler (Casey Affleck), einem wortkargen Hausmeister, der alleine in der Nähe von Boston lebt und sich nach getaner Arbeit manchmal grundlos in Bars prügelt. Nach dem Tod seines Bruders Joe muss Lee zurück in seine Heimatstadt an der Küste von Massachusetts, um sich um dessen Sohn Patrick zu kümmern. Diese unfreiwillige und genauso unerwartete Vaterrolle zwingt ihn dazu, sich mit verdrängten, vergrabenen Gefühlen von Trauer und Schuld auseinanderzusetzen.

Randi und Lee.                                                                                                                                                                                  Foto: pr

In mehreren Rückblenden erzählt der Film vom Trauma Lees, das einige Jahre zurückliegt und versucht zu erklären, warum der Protagonist so ist wie er ist: In einer Nacht, in der er betrunken und auf Drogen nach einem Streit mit seiner Frau Bier holen geht, geschieht im Haus der Familie ein Unfall, bei dem Lees drei kleine Kinder ums Leben kommen. Dieses Trauma definiert sein Leben, und die emotionalen Narben, die der Verlust seiner Kinder und seiner Vaterschaft hinterlassen hat, bestimmen seine Haltung gegenüber seinen Mitmenschen und der Welt.
Einen der emotionalsten Momente erreicht der Film bei einem zufälligen Zusammentreffen von Lee und seiner Ex Frau Randi (gespielt von Michelle Williams), deren Präsenz im Film leider viel zu gering ist. Die triste, eiskalte Umgebung, in der sich die Figuren bewegen – selbst der tote Joe kann bis zum letzten Drittel des Films nicht beerdigt werden, weil der Boden zugefroren ist – trägt zur allgemeinen Tristesse und Hoffnungslosigkeit nur noch mehr bei.
»Manchester by the Sea« ist sicher einer der besseren Filme, die versuchen, Sprachlosigkeit darzustellen und sich mit der Auseinandersetzung mit Schuld und einer Trauer, die nicht zu bewältigen ist, beschäftigen.
Für diejenigen, die emotional schon auf Frühling eingestellt sind und sich derzeit lieber am anderen Ende des Gefühlsspektrums bewegen, sei noch folgender Hinweis angefügt: Das Freiluftkino in der Hasenheide öffnet seine Pforten am 24. Mai und zeigt als Eröffnungsfilm »Toni Erdmann«.

bk
»Manchester by the Sea« (USA 2016, Kenneth Lonergan, 138 Minuten) läuft im Passage Kino, in der Karl-Marx-Str. 131.