Willkommen in der Hölle

An Neuköllner Oper wird über Hamburger G20-Gipfel gesungen

Das Genre »Musical« ist ja nicht unbedingt dafür bekannt, sich mit aktuellen und komplizierten gesellschaftlichen Themen auseinander zu setzen. Insofern ist allein schon die Idee, die G20-Proteste des letzten Jahres als ein Musical zu thematisieren, ein bemerkenswertes Unterfangen. Daran getraut hat sich der Professor für Darstellendes Spiel/Musical an der Universität der Künste, Peter Lund, zusammen mit Michael von der Nahmer als Komponist.

G20 in Neukölln.                                                                                                                       Foto: Matthias Heyde

Das Stück trägt den Titel »Welcome to hell« und wurde am 15. März an der Neuköllner Oper uraufgeführt. Benannt ist es nach einem Demomotto der Autonomen in Hamburg am Vor­abend des G20-Gipfels. Die Tage des Gipfels werden aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Bloggerin, Aktivistenpaar, Supermarktkassiererin, Polizist und Freundin, französischer Wirtschaftsvertreter, Journalistin, Zuhälter, Callboy, Schülerin aus der Provinz, überzeugter Christ. Funktioniert das? Teilweise. Das Musical ist technisch einwandfrei umgesetzt. Das Ensemble geht mit beindruckender Energie ans Werk und bewerkstelligt, was ein gutes Musical verlangt: es singt gut, es tanzt gut, die Musik ist eingängig, das Bühnenbild effektiv. Das Thema des Stückes hängt die politische Messlatte hoch, und es gibt einige schöne Sprünge darüber: Zum Beispiel eine eindeutige Darstellung von kultureller und sexueller Diversität.
Ob es bei den Protesten zum G20 Gipfel um das legitime Infragestellen von Herrschaft und Verteilung von Wohlstand ging, wird zumindest angeschnitten.
Doch als politisches Stück überzeugt das Musical inhaltlich nicht. Alle Charaktere bleiben klischeehaft, und es entsteht der Eindruck, dass zwar möglichst viele aktuelle Themen untergebracht werden sollen, aber eine tiefere Analyse der Ursachen der beschriebenen Probleme ausbleibt. Vielleicht ist es ein Gesetz in der Musicalproduktion, dass es immer Liebesbeziehungen geben muss, doch der Fokus auf die zwischenmenschlichen Verwirrungen der Protagonisten ist wenig überzeugend, wirkt konstruiert und lenkt dadurch von den eigentlich interessanten Fragen ab. Dementsprechend fällt dann auch das selbstpostulierte Fazit des Stückes aus.
Was könnte der Weg aus der im Stück zumindest skizzenhaft angerissenen ungerechten globalen Situation sein? »Darum das Fazit kurz und knapp: Gebt was ab« heißt es im Abschlusssong. Eine schwache Forderung. Denn soziale Ungerechtigkeit wurde bisher in den seltensten Fällen durch Einsicht und guten Willen ihrer Verursacher überwunden. Hier scheut das Stück eine klare – vielleicht konfliktgeladenere – Positionierung. Als Musical nett, als politisches Stück zu schwach.

dt
»Welcome to hell« an der Neuköllner Oper, bis 29.4.2018, Spielplan und Karten unter www.neukoellneroper.de