Christian Kahle über die Liebe zu seinem Kiez

Unser Neukölln hat sich verändert. Der Flughafen ist nun ein großer, kreativer Freiraum, der auf so vielfältige Weise genutzt wird, wie es vielfältige Menschen in dieser Stadt gibt. Wirklich ruhig ist es hier inzwischen nur noch am Sonntagmorgen, wenn die zahlreich gewordenen Besucher noch ihren Rausch ausschlafen. Das Klackern der Einkaufskoffer ist dem Klackern der Rollkoffer gewichen, das Türkische und Polnische dem Spanischen und Englischen. Zumindest oft.

Immer wieder haben wir hier in den letzten Jahren darüber sinniert und gestritten, was noch alles passieren möge. Was die ganzen neuen Kneipen anrichten und die vielen neuen Leute, die plötzlich auftauchten – oft ignorant, komisch gekleidet und lärmend. Die nun in den einst billigen Wohnungen unserer ehemaligen Nachbarn sitzen. Es ist vieles anders geworden – so wie immer und überall im Leben etwas anders wird. Das hat gute und schlechte Seiten.
Aber seien wir ehrlich: Neukölln ist immer noch genauso liebenswürdig, komisch charmant und spannend wie eh und je. Manche der neuen Nachbarn kommen nun nicht mehr aus dem Südosten, sondern aus dem Südwesten, sind aber oft genug aus den gleichen sozialen Gründen hierher gekommen wie Generationen vor ihnen. Und einige kommen auch hierher, ohne von finanzieller Not dazu getrieben zu sein. Einfach weil sie es hier – aus welchen Gründen auch immer – schön zu leben finden. Das gab es auch schon zuvor.

Und so vieles Wichtige ist auch geblieben. Der Späti hat neue Regale und seinen alten Besitzer. Der Supermarkt an der Ecke ist kein bisschen weniger schrullig. Die meisten alten Kneipen sind noch da und man trifft noch immer viele, die man hier als erstes kennen lernte und denen man heute noch dankbar ist, dass sie einen einst so problemlos in ihrer Mitte aufnahmen. Es gibt keinen Grund, dies mit den neuen Nachbarn nicht zu tun – auch wenn sie sich manchmal etwas zieren.

Letztlich müssen wir uns damit abfinden, dass wir hier nun in einer etwas anderen Konstellation zusammenleben. Das ist wichtig. Denn wir haben in Zukunft Kämpfe auszutragen. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Wir müssen darum kämpfen, das Liebenswerte an dieser Gegend, das uns alle hierher zog, zu erhalten und dabei gegenseitig offen für Neues zu sein. Wir werden gemeinsam um unseren gerade erst gewonnen Freiraum auf dem Flugfeld ringen. Und uns mit einem Bürgermeister auseinandersetzen, dessen stammtischrassistische Thesen einen Keil zwischen die hier lebenden Menschen zu treiben drohen. Vieles wird noch hinzukommen. Aber hey, das hier ist immer noch unser Neukölln.