Neuköllner Alltägliche

Nachrichten aus Neuköllner Zeitungen vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

Neuköllnische Zeitung, Sonnabend, 8.3.1924
»Ausgerechnet Bananen.« Die Bananenliedseuche ist aus Amerika eingeschleppt worden. Zwei New Yorker Librettisten haben die Sache auf dem Gewissen. In Brasilien wachsen 300 verschiedene Arten von Bananen. Wieviel Arten des Bananenliedes es gibt, wissen wir nicht.

Neuköllner Tageblatt, Sonnabend, 8.3.1924
Am Donnerstag, den 6. März d. J., fand die 13. Sitzung der Berliner Stadtverordneten=Versammlung in diesem Jahre statt. Keine von diesen Sitzungen verlief ruhig. Von Sitzung zu Sitzung steigerten sich die Gegensätze im Sitzungssaale und auf der Tribüne mit und ohne Stinkbomben. In jeder Sitzung zeigte es sich, dass diese Versammlung nicht mehr verhandlungsfähig ist und nicht mehr verhandlungsfähig wird. Der Schwerpunkt liegt heute nicht mehr im Plenum, sondern in den Deputationen und Ausschüssen, daher oft die leeren Bänke und die Beschlußunfähigkeit der Versammlung. Oft sind kaum 100 Personen im Saale. Die Magistratsplätze sind meistens leer.

Neuköllnische Zeitung, Dienstag, 11.3.1924
In fünf Stunden ohne Glatze! Im Berliner Westen nähert sich jetzt ein älterer Herr mit langem Bart und starkem Haarwuchs einzelnen Passanten, die wenig Haare besitzen, und bietet ihnen ein neues Mittel zur schnellstmöglichen Förderung des Haar­wuchses an. Nach seinen Versprechungen ist bereits nach fünf Stunden jede »noch so starke« Glatze verschwunden. Er findet auch hoffnungsvolle Gläubige, denen er sein wunderbares Mittel »Glatzentod« für dehr viel Geld verkauft. Es stellt sich dann stets heraus, daß es sich um eine wertlose Salbe handelt, mit der man …. Hunde gegen Räude einreibt….

Neuköllnische Zeitung, Mittwoch, 12.3.1924
Stahlhelme im Privatbesitz sind abzuliefern. Der Minister des Innern hat im Einvernehmen mit dem Reichsfinanzminister eine Verordnung an die Ober=, Regierungs= sowie Polizeipräsidenten erlassen, wonach Zivilisten das Tragen von Stahlhelmen verboten ist. Diese rein militärische Ausrüstung darf nur auf besonderen Dienstbefehl von Angehörigen der Reichswehr verwertet werden. Stahlhelme im Privatbesitz sind abzuliefern, weil sie als Kriegsgerät zu verschrotten sind. Die Polizeibehörden werden demnach Stahlhelme bei Versammlungen und Umzügen beschlagnahmen müssen.

Neuköllner Tageblatt, Sonnabend, 15.3.1924
Der Verfall der Häuser in Berlin tritt täglich mehr in die Erscheinung. Die Feuerwehr wird fast täglich wegen drohender Einsturzgefahr alarmiert. Am Freitag wurde der 7. Zug nach der Weserstraße 53 gerufen, wo ein Teil der Küche im 3. Stock durchgebrochen und den Unterbewohnern auf den Kopf gefallen war, zum Glück ohne niemand ernstlich zu verletzen. Der 20. Zug wurde gleichzeitig nach der Langenbeckstraße 13 alarmiert, wo das ganze Gesims einzustürzen drohte.

Neuköllner Tageblatt, Freitag, 28.3.1924
Das Tempelhofer Feld, einst das Parade= und Exerzierfeld des Gardekorps, der Tummelplatz der Berliner und Versammlungsort für Fußballer und andere, schwindet mehr und mehr. Die westliche Hälfte ist z. T. schon bebaut und der Rest wird demnächst der Bebauung erschlossen. – Diese hat viele Enttäuschungen gebracht. Nun kommt die östliche Hälfte zur Aufteilung, nachdem schon der größte Teil für die Bebauung, für Kleingärten, für einen Flughafen benutzt wird. Der bestehende Spielplatz an der Katzbachstraße soll erweitert werden. Ferner ist die Errichtung einer Baumschule in Aussicht genommen worden, weil im Bezirk Kreuzberg eine solche nicht vorhanden ist. Dazu soll ein Teil des sogenannten Aufmarschgeländes benutzt werden. Das bisher von Siedlern benutzte Gelände am Steuerhäuschen muß wieder anderen Zwecken dienstbar gemacht werden. Die Siedler kommen heute bei den hohen Pacht= und billigen Kartoffelpreisen usw. nicht mehr auf ihre Kosten. Deshalb soll dort ein großer Sportplatz eingerichtet werden.

Die Transkription der Zeitungstexte wurde mit Fehlern in der Rechtschreibung aus den Originalen von 1924 übernommen. Die Originale befinden sich in der Zentral- und Landesbibliothek, Breite Straße 30, 10178 Berlin.

Ausgerechnet Bananen

Der weltweite Siegeszug eines Ohrwurms

»Ausgerechnet Bananen!« ist der deutsche Titel des US-amerikanischen Foxtrottschlagers »Yes! We Have No Bananas«, der 1922 von zwei amerikanischen Songwritern veröffentlicht wurde und weltweit Erfolge feierte.

Titelblatt der Notenausgabe 1923.

Der österreichische Texter, Librettist und Schriftsteller Fritz Löhner-Beda schrieb dazu 1923 einen deutschen Text und erzielte mit dieser Fassung einen größeren Erfolg als das Original.
Sein Kehrreim lautet: »Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir! Nicht Erbsen, nicht Bohnen, auch keine Melonen, das ist ein ’Schikan’ von ihr! Ich hab Salat, Pflaumen und Spargel,
auch Olmützer Quargel, doch ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir!«
Im Original wird die Bananenknappheit in Amerika beklagt, ausgelöst durch eine in Brasilien aufgetretene Braunfäule. Ein griechischer Obsthändler, der im Kundengespräch niemals das Wort »Nein« verwendet, kommentiert das Fehlen von Bananen in seinem Sortiment stets mit der Phrase »Yes! We have no bananas«!
Beda gibt dem Text eine andere Wendung. Nicht Mangel diktiert die Aussage, sondern die Laune einer Frau: Sie will aus der Auswahl von Speisen, die ihr Verehrer aufzählt, »ausgerechnet Bananen« haben. Nicht einmal mit einer Spezialität aus Bedas tschechischer Heimat, dem als Olmützer Quargel bekannten Sauermilchkäse, vermag er sie zu gewinnen. In einer anderen Fassung geht es um Blumen, die die Angebetete verschmäht.
1923 nahmen so gut wie alle namhaften Tanzkapellen in Deutschland das Stück auf Grammophonplatte auf.
Für Fritz Löhner-Beda war die Zukunft alles andere als rosig. Als Jude wurde er nur einen Tag nach dem Anschluss Österreichs, am 13. März 1938, verhaftet und zuerst ins KZ Dachau, danach nach Buchenwald gebracht, wo er einige Jahre verbringen sollte. Am 17. Oktober 1942 kam er nach Auschwitz, wo er im Buna-Werk der IG-Farben Zwangsarbeit leisten musste. Am 4. Dezember 1942 wurde er bei einer Inspektion der IG-Farben Direktoren erschlagen.

mr