Petras Tagebuch

Brillenlos

Vor Kurzem musste ich zu meinem Lieblingsoptiker in Kreuzberg. Die Gläser waren nicht mehr gut, irgendwas stimmte da nicht. Der Optiker betrachtete die Brillengläser und fragte: »Kann es sein, dass Sie mit der Brille in der Sauna waren oder dass Sie sie zu heiß gewaschen haben?« Letzteres war der Fall. Die Entspiegelung löste sich auf, und ich konnte keinen außer mir dafür verantwortlich machen.
Wir machten einen Termin aus, an dem ich die Brille, denn das Gestell war noch in Ordnung, abgeben und nach ein paar Stunden wieder abholen könnte.
Der Tag kam und ich gab die Brille in die Obhut des Optikers. Leider hatte ich mich im Vorfeld überhaupt nicht mit der Situation auseinandergesetzt.
Mit dem Fahrrad fah­ren war auf einmal richtig gefährlich. Nach zehn Metern stellte ich das Experiment ein. Ich merkte, dass ich so halb blind eine Gefahr für die Verkehrsteilnehmer bin. Auch das Schieben des Rades war nicht viel, aber etwas besser. Ich hatte mich entschlossen, die Reparaturzeit bei einer Freundin, die unweit des Optikers wohnt, zu verbringen.
Obwohl ich seit Jahren häufig Gast bei ihr bin, fand ich das Haus nicht mehr. So ungefähr war mir klar wo sie wohnt, aber wie habe ich mir nur gemerkt, welches Haus es war? Nach längerem Überlegen, wie mein Gehirn funktioniert, war es klar: Ich orientiere mich an den Klingelschildern an den Häusern. Nur hatte ich es vergessen. Das muss wohl so ein Automatismus sein, so wie der Schlüssel, der seinen Stammplatz hat, nun woanders liegt.
In der Nähe kann ich ja gucken. So wandelte ich von Klingelschild zu Klingelschild, bis ich das richtige Haus gefunden hatte.
Nach zwei Stunden holte ich meine neue Brille ab und nun kann ich wieder wie ein Adler gucken.