Entzogener Wein zieht ein

»Der Frevel«, es mit, ohne und gemischt zu können

Das althochdeutsche Ravili bezeichnet seit dem Mittelalter übermütige Kühnheit und böswillige Gewalt. Die Religiösen haben dies als »Frevel« zur Schändung der Glaubensgrundsätze umgedeutet, zur Auflehnung gegen »göttliche« Ordnungen. Wo nun liegt der Frevel im »Der Frevel«?

RAUM für Teilzeitfrevler.Foto: hlb

Als Stefan Saarbach sein Galerie-Café »Saarbach« an der Hobrecht- Ecke Sanderstraße letztes Jahr aufgab und die großzügigen Räumlichkeiten auf dem freien Markt waren, griff die »Kolonne Null GmbH« zu. Deren Geschäftsführer Moritz Zyrewitz und Philipp Rößle suchten nach Räumen, um mit Partnern einen genussreichen »Concept Store« zu eröffnen, in dem insbesondere ihr Firmen- und Herzensprodukt, alkoholfreier Wein, präsentiert und verkauft wird. Nicht, dass sie selbst keinen Alkohol tränken, aber das alkoholfreie Geschmackserlebnis als edle Alkalternative, und das doch aus einem alkoholischen Getränk gewonnen, hat es ihnen angetan. Schließlich wollen mehr und mehr Leute auch ohne Dusel und Schädel gesellig mitgenießen. Und etliche Bierbrauer machen es längst vor, dass es einigermaßen gut, trinkbar und fast ohne Umdrehungen geht.
Die Firma »Kolonne Null« setzt auf schonenden Alkoholentzug durch Vakuumdestillation und lässt den bei sorgfältig selektierten und geeigneten, weil unzuckrig trockenen Ausgangsweinen der kooperierenden Winzer die Prozente bis zu einem maximalen Gehalt von 0,3 entziehen. Durch das Vakuum entweicht der Alkohol bereits bei 30 Grad Celsius, und direkt im Anschluss folgt die Rückgewinnung der natürlichen Weinaromen, die weiterhin den sortentypischen Charakter und die Stilistik der Weine erkennen lassen. Wie das funktioniert und wie sich durch Süßung und Kohlensäure noch spannendere Munderlebnisse erzeugen lassen, erklären die Kolonnisten gern im Galeriehinterzimmer, in dem große Bilder der Entalkoholisierungsanlagen hängen.
Überhaupt wurde das »Saarbach« zu einem eleganten, weitläufigen Ort saniert, der Weinhandel, Galerie, Tages­café, Deli – bald mit Speisenangebot, zubereitet mit möglichst regionalen Zutaten in der wiederentstehenden Küche – Marktplatz und gediegenen Veranstaltungsraum mitein­ander verbindet. Eine solche Mischung, so wie Weine aller Art, auch die mit null, einfach mal zu panschen zu einer Cuvée, nur aus Neugier, es auszuprobieren und zu erschmecken, das war der Frevel, der die Macher hier reizte und zur Namensgebung inspirierte.
»Normale« Weinfreunde finden hier stets auch eine Angebotsauswahl eines der rund zehn Partner- wie auch weiterer Winzer sowie ein attraktiv gefülltes Naturweinregal; dogmatisch will man hier nicht sein. Immerhin hat das Frevel-Team internationalen Zugang zu Weinbergen, deren Winzer auch gern im Berliner Labor mittun können und kann so vielfältig an der Alkoholbefreiung rumprobieren, aber auch klassische Tropfen anbieten. »Die Chemie muss stimmen!«, sagen sie, und das in mehrfacher Hinsicht. Der technologische Ausbau bester Trauben, um daraus »piekfeines« alkoholfreies Zeug zu einer schnieken Kollektion zusammenzustellen, das wirkt zeitgeistig und zukunftsgewandt. Also »mach mal Null« und frevle mit.

hlb
Der Frevel, Sanderstr. 22, Öffnungszeiten noch unregelmäßig, www.kolonnenull.com