Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

NK_Tagblatt-Kopf

Nr. 29 – Freitag,  4. Februar 1916
Um »Krieg spielen« zu können, sind drei dreizehnjährige Jungen in Neukölln zu Dieben geworden. Der Schüler Gustav W. aus der Weisestr., der aus der Fürsorge=Erziehung entlaufene Bruno R. aus der Selchowstr. Und der Schüler Max K., sämtlich im Alter von 13 Jahren stehend, trieben sich in letzter Zeit fast alltäglich auf dem Tempelhofer Feld herum, um »Krieg zu spielen«, wobei sie sich auch Schützengräben anlegten. Da sie nun Geld zur Beschaffung von »Waffen«, wie Luftbüchsen, Kinderpistolen usw., nicht besaßen, kamen sie auf den Gedanken, Diebstähle und Einbrüche auszuführen, um sich die Mittel zu beschaffen. Vor einigen Nächten brachen sie in ein Konfitürengeschäft in der Okerstr. ein, indem sie nach Art gewiegter Einbrecher die Eingangstür mit einem Dietrich öffneten, worauf sie die Ladenkasse stahlen und mit derselben nach dem Tempelhofer Felde eilten, wo sie den Raub untereinander teilten. Bald darauf, als W. und R. wieder auf der Straße umherlungerten, erblickten sie in der Bodestr. einen Seifenwagen, der dort einen Augenblick ohne Aufsicht stand. Sofort nahmen sie die Gelegenheit wahr und stahlen vier Kartons mit Seife, mit der sie dann in den nächsten Tagen hausieren gingen und sehr schöne Einnahmen erzielten, da Seife jetzt bekanntlich hoch im Preise steht. Schließlich fielen die jugendlichen Seifenhändler jedoch auf und wurden von der hiesigen Kriminalpolizei festgenommen. Sie haben jedenfalls noch weit mehr Diebstähle auf dem Kerbholz, als sie bisher eingestanden haben. R. wurde wieder in die Fürsorge=Anstalt eingeliefert; seine Komplicen werden dem Jugendrichter zugeführt werden.

Nr. 33 – Mittwoch,  9. Februar 1916
Aus tragischen Gründen Selbstmord beging der 49jährige Polier R. aus der Weserstraße. In seiner Familie verkehrte sein 18jähriger Neffe, der die häufige Abwesenheit seines Onkels dazu mißbrauchte, um zu seiner Tante ein sträfliches Verhältnis anzubahnen, obwohl diese Mutter von fünf Kindern ist. Als R. Kenntnis davon erlangte, geriet er dermaßen in Verzweiflung, daß der Bedauernswerte sich in seiner Wohnung erhängte. Die Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt.

Nr. 34 – Donnerstag, 10. Februar 1916
»Deutsche Sommerzeit.« Noch in Erinnerung ist die Bewegung für die Einführung einer »Sommerzeit« in dem Sinne, daß in den Sommer-monaten, etwa vom 1. April oder 1. Mai ab, sämtliche Uhren eine Stunde vorgestellt werden. Der Zweck der Maßnahme ist die bessere Ausnutzung des Tageslichts, da des Abends sämtliche Lampen in Geschäften, auf der Straße, in den Gastwirtschaften usw. eine Stunde weniger Brennzeit haben. Das ganze bürgerliche Leben bleibt bei der üblichen Tages= und Stundeneinteilung, in Wirklichkeit ist es aber, wenn die Uhr abends beispielsweise 10 zeigt, erst 9 Uhr usw. Wer sich nach der Uhr um 7 erhebt, tut dies zum Vorteil seiner Gesundheit in Wirklichkeit bereits um 6 Uhr. Der Gedanke hat früher viel Anklang gefunden; z. B. im preußischen Herrenhaus, hat sich aber doch noch nicht bis zur Verwirklichung durchringen können. Vielleicht ist die Kriegszeit mit der Notwendigkeit, Kohlen, Petroleum und sonstige Brennstoffe zu sparen, der kühnen Neuerung günstiger. Neuerdings ist ein Antrag wegen Einführung dieser »Deutschen Sommerzeit« dem preußischen Abgeordnetenhause und Herrenhause eingereicht worden. Außerdem ist eine eingehende Ausar- beitung über die Maßregel sämtlichen an der Internationalen Fahrplankonferenz beteiligten Behörden, Verwaltungen und Gesellschaften Deutsch- lands, Oesterreich=Ungarns und auch der sämtlichen verbündeten und neutralen Staaten zugegangen. Es wird noch besonders darauf verwiesen, daß die Einführung gegenwärtig leichter ist, da wir jetzt weniger Rücksicht auf internationale Zuganschlüsse und dergleichen zu nehmen brauchen,
Die Transkription des Zeitungstextes wurde mit Fehlern in der Rechtschreibung aus dem Original von 1916 übernommen. Das Original befindet sich in der Helene-Nathan-Bibliothek.

In Deutschland gehen die Uhren anders

Einführung der Sommerzeit soll Ressourcen schonen

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Historische Postkarte.

Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte jeder Ort seine eigene Zeit, die sich am Stand der Sonne orientierte. Selbst innerhalb des deutschspra- chigen Gebiets gab es Zeitunter-schiede. Aber mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes wurde eine ein- heitliche Zeit immer wichtiger. 1884 wurde in Washington DC die Eintei- lung der Welt in 24 Zeitzonen und damit eine Vereinheitlichung der Zeit beschlossen. Seit dem 1. April 1893 gilt in Deutschland die Mittel- europäische Zeit.
Aber im industrialisierten Krieg sind alle Ressourcen wertvoll. Das gilt sogar für solche, die es von Natur aus gibt. Etwa das Licht. Eine Stunde mehr Tageslicht bedeutete auch eine Stunde mehr Arbeitszeit – ein nicht unbedeutender Aspekt in der damaligen Rüstungs indu- strie. Bereits im Verlauf des Jahres 1915 wurden Brennstoffe knapp, denn Deutschland war von Petro- leum- und Paraffin-Importen abge- schnitten. Mit der Sommerzeit, die am 1. Mai 1916 in Deutschland und im Habsburgerreich einge- führt wurde, sollte wenigstens von Frühjahr bis Herbst das reichlich vorhandene und kostenlose Tages- licht maximal ausgenutzt und damit Ener­gie für die Erzeugung künst- lichen Lichts eingespart werden.
Die Verordnung im Reichsgesetzblatt lautete: »Der 1. Mai 1916 beginnt am 30. April 1916 nachmittags 11 Uhr nach der gegen- wärtigen Zeitrechnung. Der 30. September 1916 endet eine Stunde nach Mitternacht im Sinne dieser Verordnung.« Mit vielerlei Post- karten, Flugschriften und Ähnlichem wurde die Zeitumstellung populär gemacht.
1919, zu Beginn der Weimarer Republik, wurde diese Regelung wieder rückgängig gemacht.
Nach der Ölkrise 1973 beschlossen die meisten Länder der damaligen Europäischen Gemeinschaft 1975 die erneute Einführung der Som- merzeit. Da aber Deutschland nicht in zwei Zeitzonen zerfallen sollte, verhandelte die Bundesregierung mit der DDR über eine gemeinsame Sommerzeit. Erst 1979 gelang der Durchbruch zwischen Bundes- kanzler Helmut Schmidt und DDR-Staatschef Erich Honecker. Beide beschlossen ab 6. April 1980 eine deutsch-deutsche Sommerzeit.

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