Sinti und Roma kämpfen für ihre Rechte

Eindrucksvolle Filme über die Überlebenden des Genozids

Es ist eine sehr aktuelle sehenswerte Dokumentation des Filmemachers Peter Kestler bis 21.10.22 in der 3sat-Mediatkek auf Sendung: »Unrecht und Widerstand – Romani Rose und die Bürgerrechtsbewegung«.

Romani Rose.    Foto: Rainer Komers / Strandfilm

Romani Rose, seine Familie, die Mitstreiterinnen und Mitstreiter der Bürgerrechtsbewegung stehen im Zentrum des Films »Unrecht und Widerstand«. Eindrucksvoll beschreibt der Film ihren jahrzehntelangen mutigen wie beharrlichen Widerstand gegen die Ungleichbehandlung sowie den Kampf um die Anerkennung des an ihnen verübten Genozids. Als Überlebende des Völkermords, der von der deutschen Bundesregierung erst 1982 offiziell anerkannt wurde, waren und werden sie von staatlichen Behörden und der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert und ausgegrenzt. Bis in die späten 1970er Jahre wurden die Täterinnen und Täter des Völkermords nicht zur Verantwortung gezogen. In einflussreichen Ämtern und Funktionen in Polizei, Justiz, Kirche und Universitäten erhielten sie vielmehr die Gelegenheit, die Überlebenden als Kriminelle zu verleumden und sich selbst zu rehabilitieren. Zudem verfestigten sie das stereotype Bild der Minderheit in Staat und Gesellschaft und trugen wesentlich zur jahrzehntelangen Nichtanerkennung des an Sinti und Roma begangenen Völkermords bei.
Romani Rose hat allein 13 Familienangehörige in den Vernichtungslagern der Nazis verloren. Es gibt wohl kaum eine Sinti- oder Romafamilie in Deutschland, die nicht vom Genozid betroffen ist. Trotz des nachwirkenden Traumas lassen sich die Protagonistinnen und Protagonisten des Films nicht in eine Opferrolle drängen und treten stattdessen selbstbewusst für Emanzipation, Demokratie und statt für Rache für Gerechtigkeit ein. Das im Film verwendete Archivmaterial sowie die Beiträge von Expertinnen und Experten bilden eine wertvolle Ergänzung zum Gespräch mit Romani Rose, seinen Familienangehörigen, Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Es ist ein Film, der als Unterrichtsmaterial in keiner Schule fehlen sollte.

Ebenfalls sehr gut ist der zweite Film von Peter Kestler über Künstlerinnen und Künsler der Sinti und Roma.
»Der offene Blick« ist ein Film der sein Augenmerk auf Künstlerinnen und Künstler der Sinti und Roma richtet, deren ständiger Begleiter, der Porajmos, der Genozid an der Minderheit, sichtbare Spuren im Leben und Werk der vorgestellten Künstlerinnen und Künstler hinterlassen hat. Trotz der politischen Anerkennung des Genozids 1982 in der Bundesrepublik Deutschland und allmählich der an den Sinti und Roma begangene Völkermord ins gesellschaftliche Bewusstsein drang, zeigten Ausschreitungen wie in Rostock-Lichtenhagen sowie die Attacken gegen Roma-Flüchtlinge im Berliner Bahnhof Lichtenberg deutlich, dass die Ressentiments gegenüber Sinti und Roma immer noch eine breite Zustimmung in der Mehrheitsgesellschaft finden. Ein Umdenken findet also nur sehr langsam statt. Gleichwohl ist in jüngster Zeit eine gestiegene Wertschätzung von Künstlerinnen und Künstler der Sinti und Roma zu beobachten. Das belegen die europaweiten Konzerte der 2002 gegründeten Roma und Sinti Philharmoniker, die den musikalischen Rahmen des Films bilden, ebenso eindrucksvoll wie die zahlreichen Ausstellungen der Berliner Galerie und Stiftung Kai Dikhas unter der Leitung von Moritz Pankok, die Künstlerinnen und Künstler der Sinti und Roma ein Forum bietet. Diese Wertschätzung ist überfällig und Künstlerinnen und Künstlern wie dem Schriftsteller Samuel Mágó sowie seinem Vorbild, der 2013 verstorbenen Ceija Stojka zu verdanken. Die Filmemacherin Karin Berger, die die Künstlerin und ihr Schaffen zweieinhalb Jahrzehnte filmisch wie freundschaftlich begleitete, erzählt von dieser großartigen Frau.
Die Autorin Gitta Martl liest gemeinsam mit ihrer Tochter Nicole Sevik auf Deutsch und Romanes aus ihrem Werk »Bleib stark!« und gedenken hierin an das tödliche Schicksal der Sinti und Roma im oberösterreichischen »Zigeuneranhaltelager« Weyer. Aus unerfindlichen Gründen ließ dort der Lagerarzt vor deren Deportation und Vernichtung Fotos inszenieren, die den Anschein von persönlichen und familiären Fotografien erwecken und zugleich den Betroffenen eine letzte Gelegenheit gab, sich »Hand in Hand, Arm in Arm« voneinander zu verabschieden. Die Dramatik und Ambivalenz dieser Fotos wird erst mit den Zitaten aus »Bleib stark!« verständlich.
Die offenen Blicke von Künstlerinnen und Künstler der Sinti und Roma schaffen einen Gegenentwurf zu antiziganistischen Klischees, wie sie nicht zuletzt in der Filmgeschichte produziert wurden, wie die Filmwissenschaftlerin Radmila Mladenova in ihrem Diskurs aufzeigt. Die Malerin Lita Cabellut möchte ihren Bilder die Möglichkeit der Verwandlung geben. Vielleicht ist damit auch ein Ausblick auf eine bessere Zukunft von Sinti und Roma verbunden, zu der auch die Erzählungen von Jovan Nicolić und Samuel Mágó beitragen könnten, auch unseren Blick zu öffnen

Willi Büsing
www.3sat.de/film/dokumentarfilmzeit/unrecht-und-widerstand—romani-rose-und-die—buergerrechtsbewegung-100.html
www.3sat.de/film/dokumentarfilmzeit/der-offene-blick—kuenstlerinnen-und-kuenstler-der—sinti-und-roma-100.html