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Bürokratiemonster ermöglicht Freiheit

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In 28 europäischen Mitgliedsstaaten wird gewählt

Die Bildung der europäischen Staatengemeinschaft bürgt seit 60 Jahren für Frieden, nachdem sich die Länder über Jahrhunderte in blutigen Kriegen zerfleischt haben. Rechtsstaatlichkeit, freie Meinungsäußerung, die Gleichberechtigung der Geschlechter, eine freiheitlich demokratische Grundordnung – in Europa sind das inzwischen Selbstverständlichkeiten. Das allein rechtfertigt, die europäische Idee zu verteidigen. Und die Herausforderungen der globalisierten Welt können nur gemeinsam mit allen Mitgliedsstaaten angegangen werden.
Trotzdem wird »Europa« von vielen Menschen als wild gewordenes Bürokratiemonster wahrgenommen, das sich als Super Nanny aufspielt und jeden Lebensbereich regulieren möchte, eine anonyme Parallelwelt namens »Brüssel«, die ihre Identität, Sprache und Kultur bedroht. Es ist ein Europa der Eliten ohne ein Europa der Bürger entstanden. Außerdem hat das Vertrauen in die Europäische Union nicht zuletzt durch die Wirtschafts- und Währungskrisen der letzten Jahre deutlich gelitten.
Euroskeptiker bemängeln die fehlende demokratische Legitimation, wird doch die Kommission, also die Regierung, von den Mitgliedsländern ernannt und nicht gewählt.
Die diesjährige Wahl zum Europaparlament am 25. Mai ist deshalb eine besondere. Erstmals wird das Parlament auf Grundlage der Ergebnisse der EU-Wahl den Präsidenten der Europäischen Kommission wählen. Damit kann jeder Wähler Einfluss nehmen, sowohl auf die politische Richtung Europas, als auch auf die täglichen Entscheidungen, die uns alle betreffen.

Mehr Rechte für das Europaparlament

Die Parteien treten mit starken Spitzenkandidaten an

Durch die Verträge von Maastricht, Amsterdam, Nizza und Lissabon wurden die Mitwirkungsrechte des Parlaments Zug um Zug erweitert. Auch wenn das Demokratiedefizit in der EU damit nicht völlig beseitigt ist, entwickelte sich das Parlament zu einem verantwortlichen Mitgestalter der europäischen Politik. Zwar kann es selbst keine Gesetze initiieren – dieses Recht hat allein die Kommission – es kann aber die Kommission auffordern, Vorschläge zu erarbeiten. Bürger der Europäischen Union können darüber hinaus mittels Petitionen an das Parlament die Kommission auf einen Gesetzgebungsbedarf hinweisen.
Spitzenkandidat der Sozialdemokratischen Partei Europas ist der amtierende Präsident des Europäischen Parlaments, der Deutsche Martin Schulz (SPD).
Die Europäische Volkspartei, der die CDU und die CSU angehören, schickt den ehemaligen luxemburgischen Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker ins Rennen.
Die Grünen werden von den Europaabgeordneten Ska Keller aus Deutschland und José Bové aus Frankreich angeführt, und die Europäische Linke wählte den Vorsitzenden der griechischen Partei Syriza, Alexis Tsipras zu ihrem gemeinsamen Spitzenkandidaten. Für die Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa tritt der Fraktionsvorsitzende der Liberalen im Europa Parlament, Guy Verhofstadt, an.

EU_WahlWählen gehen.        Foto: pm

Große Unterschiede in den Wahlprogrammen gibt es beim Umgang mit der Schuldenkrise. So lehnt die FDP die Finanztransaktionssteuer ab. Grüne und Linke wenden sich gegen die Politik des einseitigen Sparens zur Konsolidierung der Staatsfinanzen, und auch die SPD fordert eine Wachstumspolitik mit Zukunftsinvestitionen. Die Grünen wollen einen Europäischen Schuldentilgungspakt, die Linke einen Schuldenschnitt und gemeinsame Staatsanleihen, die anderen Parteien wenden sich vehement gegen jegliche Form der Schuldenvergemeinschaftung.
Deutliche Differenzen gibt es auch bei der Frage der Arbeitnehmerfreizügigkeit sowie bei der Flüchtlings- und Asylpolitik. Die CDU fordert in diesen Bereichen stärkere Restriktionen als die übrigen Parteien.
In der Außenpolitik fordert die Linke einen Austritt aus der NATO, während die FDP für einen Ausbau wirbt und die SPD eine europäische Armee ins Spiel bringt.

mr

Verwechslungsgefahr beim Volksentscheid

Zwei Gesetze mit ähnlichem Wortlaut, aber unterschiedlichem Inhalt

Die Berliner haben die Wahl. Am 25. Mai, dem Tag der Europawahl, können sie über die künftige Entwicklung des Tempelhofer Feldes abstimmen. Es stehen zwei Gesetzentwürfe zur Auswahl, denn zusätzlich zum Gesetz der Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld« hat das Abgeordnetenhaus mit den Stimmen der SPD und der CDU einen eigenen Entwurf vorgelegt. Über beide kann jeweils getrennt voneinander mit Ja oder Nein abgestimmt werden.
Bei der Wahl ist aber größte Aufmerksamkeit geboten. Es besteht akute Verwechslungsgefahr, denn das Gesetz des Abgeordnetenhauses unterscheidet sich im Wortlaut kaum vom Text der Bürgerinitiative. Die Unterschiede liegen im Detail.
Mit dem »Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes« will die Bürgerinitiative sicherstellen, dass das Feld der »Bevölkerung Berlins und den Besucherinnen und Besuchern Berlins grundsätzlich vollumfänglich, dauerhaft, uneingeschränkt und unentgeltlich zur Freizeitgestaltung und Erholung zur Verfügung« steht. Eine Bebauung der Ränder ist damit ausgeschlossen. Das heißt aber nicht, dass sich hier nichts mehr  verändern darf. Sowohl die Einrichtung von Gastronomie als auch der Bau von Sportplätzen ist in den Randbereichen erlaubt, ebenso der Bau von Sanitäranlagen. Mobile Möblierung wie Tische, Bänke oder Sonnenschirme sind auf dem ganzen Feld erlaubt.
Vom Abgeordnetenhaus kommt das »Gesetz zum Erhalt der Freifläche des Tempelhofer Feldes« Es werde »als barrierefrei zugänglicher Erholungsraum für alle Bevölkerungsgruppen gesichert und dient dem Natur- und Artenschutz sowie der Stadtklimatisierung«.heißt es dort. Und weiter: »Die Möglichkeit einer Randentwicklung des Tempelhofer Feldes für Wohnen, Wirtschaft, Erholung, Freizeit und Sport außerhalb der Freifläche bleibt erhalten«; eine Formulierung, die  viel Raum für Interpretationen zulässt, denn über die Art der Entwicklung schweigt sich das Gesetz aus. Auch von sozialverträglichem Wohnungsbau ist hier keine Rede, ebenso wenig wie von der Anzahl der geplanten Wohnungen.

thf_weitWeites Wiesenmeer.                                                                               Foto: fh

Wie wählen?

Ja und Nein oder Jein

Am 25. Mai haben die Berliner Wähler – neben ihrer Stimme für die Europawahl – nun die Möglichkeit, bis zu zwei Stimmen in Sachen Tempelhof abzugeben.
Oben auf dem Stimmzettel kann mit Ja oder Nein über den Vorschlag der Initiative abgestimmt werden. Für den zweiten Vorschlag unten auf dem Stimmzettel – den von CDU und SPD – kann ebenfalls mit Ja oder Nein gestimmt werden. Der Wähler kann sich aber auch für ein klares Jein entscheiden und beiden Gesetzentwürfen zustimmen oder sie ablehnen.
Damit ein Gesetzentwurf in Kraft tritt, muss ihm die Mehrheit der Wähler und zugleich mindestens ein Viertel der zum Abgeordnetenhaus Wahlberechtigten zustimmen. Trifft dies auf beide zu, so ist der angenommen, der die meisten Ja-Stimmen erhalten hat. Wenn beide Vorschläge das erforderliche Quorum nicht erreichen, wären sie gescheitert. Dann hätte der Senat grünes Licht, den Masterplan weiter zu verfolgen, der ebenso wie das Gesetz des Abgeordnetenhauses die Mitte freilassen und die Ränder bebauen will.
Wahlberechtigte, die nicht bis zum Wahltag warten wollen, können schon vorab in einer Briefwahlstelle oder per Brief wählen. Der Antrag dazu befindet sich auf der Rückseite der Wahlbenachrichtigung, die jedem Wahlberechtigten zugestellt wird.

mr

Hintergründe einer Flucht

7000 Kilometer – von Afghanistan bis Britz

»Ich möchte doch nur leben wie ein Mensch«, sagt Amir, der mit hängenden Schultern auf der Bühne der Alten Dorfschule Rudow sitzt. Der 24jährige Afghane hat Dinge erlebt, die für uns schwer vorstellbar sind. Der Vater wurde 2001 von den Taliban ermordet, die Mutter starb mangels medizinischer Versorgung an einer Herzkrankheit. Da hat er sich von Afghanistan nach Europa durchgeschlagen, mit dem Traum, eines Tages doch noch eine Schule besuchen zu können.
Aber Europa empfing ihn weder mit Freude noch mit Götterfunken. Nachdem Amir, der nie Schwimmen gelernt hat, in einem Schlauchboot von der Türkei aus nach Griechenland übergesetzt war, wurde er dort von Polizisten verprügelt und gedemütigt. Anschließend begann eine Odyssee durch ganz Europa, von einem Land ins andere abgeschoben, bis er nun, wie viele andere Afghanen und Syrer, im Flüchtlingsheim Britz gelandet ist. Auf die Frage, wie es ihm dort gehe, antwortet er ausweichend, er wolle sich nicht über die Deutschen beschweren, er habe kein Recht dazu.
Ein Schicksal wie Amirs weckt wohl auch in der verdrossensten Seele Mitgefühl. Wird jedoch ein neues Flüchtlingsheim eröffnet, sind Proteste – von NPD Aufmärschen ganz abgesehen – vorprogrammiert. Ein Bilderbuch-Beispiel des bekannten »nimby«-Prinzips – not in my backyard. Es entspricht dem »Sankt-Florian Prinzip«:

»Heiliger Sankt Florian,
Verschon‘ mein Haus
Zünd‘ and‘re an!«

Um diese Haltung gegenüber Asylanten zu ändern, ist eine Ausein­andersetzung mit der Situation in den Heimatländern unabdingbar. Volker Lankow, seit 14 Jahren bei den »Ärzten ohne Grenzen« tätig, hatte bereits sechs Einsätze in Afghanistan und lebte ein Jahr lang in der konfliktreichen Provinz Helmand. Er berichtet von einem Land, in dem es aufgrund der bereits 30 Jahre dauernden Auseinandersetzungen allein 630.000 Binnenflüchtlinge gibt und die Gewalt gegen Zivilisten immer mehr zunimmt. Ein Land, in dem sich drei Interessengruppen bekämpfen und man nur einmal zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein braucht.
Es erscheint nur allzu gerecht, einem Menschen, der diesem Grauen entkommen ist, ein Mindestmaß an Sicherheit zu bieten, ihm die Möglichkeit zu geben,  unsere Sprache zu lernen und sich eine Existenz aufzubauen. Doch für Amir ist der Leidensweg auch in Neukölln nicht zu Ende. Am Tag zuvor hat er einen Brief erhalten, er soll auch aus Deutschland abgeschoben werden. »Warum lebe ich überhaupt?« fragt er und die Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben.

jt

Wer baut, gewinnt?

Bauen für die europäische Mittelschicht

Die Innenstädte selbst und ihre ehemaligen Verkehrsflächen sind für Investoren und Planer besonders interessant. Große Flächen ermöglichen theoretisch den Neubau ganzer Stadtviertel. Aber durch die Wirtschaftskrise fällt es vielen Bewohnern bereits schwer, die aktuellen Mieten im Altbestand zu bezahlen. Neubaumieten wären unerschwinglich. Es sei denn, es gäbe einen neuen Sozialen Wohnungsbau.
Auf dem alten Athener Flughafen Ellinikon will die griechische »Lamda Development« das größte private Bauprojekt des Landes durchsetzen. Vorgesehen sind Luxusimmobilien und eine Privatisierung des Strandes. Da die weniger wohlhabenden Anwohner das Investitionsklima stören, wird nicht vor der Kriminalisierung einer nahegelegenen Sozialklinik zurückgescheut. Doch die lokale Bürgerinitiative ist gut vernetzt und erhält Unterstützung von der BI »100% Tempelhofer Feld«.
Auch in Wien-Aspern sollen etwa 10.500 Wohnungen samt Gewerbe auf einem ehemaligen Flugfeld entstehen. Das Projekt gilt als schwierig, denn die gewünschten hochkarätigen Nutzer wollen sich nicht einstellen. Der derzeit hohe Anteil geförderter Genossenschaftwohnungen schreckt bereits Investoren ab. Während ihre Macher sich in Hamburg und Skandinavien neue Anregungen erhoffen, wurden sie von der Wohnungsbaugesellschaft DEGEWO nach Berlin eingeladen.
Die DEGEWO interessiert an Aspern die großzügige Subventionierung. Mit ihr könnte man auch auf dem Tempelhofer Feld Wohnungen für die vom Abstieg bedrohte Mittelschicht bauen. Sozialwohnungen würden nicht darunter sein. Intern rechnet das Bebauungsbündnis damit, daß keiner der beiden THF-Anträge die nötigen Mehrheiten erhält. Dann könnte das Feld »wie ein weißes Blatt« ganz neu (und ganz dicht) beplant werden.

Marlis Fuhrmann (Stellvertr. Vorsitzende Neuköllner BVV-Fraktion DIE LINKE)

Das Buch zum Volksentscheid

Peter S. Kaspar hat den Roman »Tempelhofer Feld« gelesen

Feld-RomanJa, es ist eine Liebesgeschichte. Da ist Sven, der nur deshalb auf das Tempelhofer Feld gerät, weil er sich in die Skaterin Luis verguckt hat, die gut und gerne seine Tochter sein könnte. Und da ist dann auch noch Antonia, die sich ihrerseits in Sven verguckt hat, ihm einen Tomatensetzling aus dem eigenen Urban-Gardening-Setzkasten verehrt. Doch den Tomatenstrauch zieht er mit der anderen auf. Eine untreue Tomate eben.
Das Buch zum Volksentscheid weiterlesen

Bretter, die das Feld durchkreuzen

Selene Raible trifft Skater, Longboarder und Windskater auf dem Tempelhofer Feld

Auf dem Tempelhofer Feld findet man sie nun schon seit knapp vier Jahren: die Skater, Longboarder und Windskater Berlins. Doch für normale Feldbesucher ist es oft ein Rätsel, wer was wie macht. Skaten dürfte heutzutage für jeden ein Begriff sein, doch hier gibt es viele Variationen in Sachen Board, Fahrstil und Technik. Allgemein gibt es zwei verschiedene Boards, zwischen denen man wählen kann: das normale Skateboard und das Longboard, das, wie der Name schon sagt, um einiges länger ist als das Skateboard.
Mit dem Longboard kann man zum Beispiel lange Strecken viel schneller und entspann­ter fahren als mit dem Skateboard. Dafür ist das Skateboard mit seinem geringen Gewicht viel besser für Tricks geeignet. Das Longboard stellt auch die wichtige Grundlage für die Windskater dar, denn darauf wird das Segel befestigt. Mit den großen Windsegeln fahren die Windskater mit bis zu 70 km/h über die Rollbahnen.

Feldhase bordet

Nur Fliegen ist schöner.                                      Foto: Sven Norman Bommes

Einer von ihnen ist Karl-Johann Richter. Seit der Eröffnung des Tempelhofer Feldes geht er hier regelmäßig Windskaten. Doch ein Neuling auf dem Gebiet des Skatens ist »Kalle« Richter keinesfalls. Er skatet bereits seit den 80er Jahren, war zehn Mal Norddeutscher Meister, einmal Vize-Europameister, nahm bereits mehrere Male am Worldcup teil und geht leidenschaftlich gerne Windsurfen.
Dennoch ist er der Ansicht, dass man für das Windskaten nicht unbedingt Windsurfen können muss. Ein bisschen Skateerfahrung braucht es aber schon, denn ein Sturz auf den Asphalt ist nicht ungefährlich.
Normale Schoner, wie zum Beispiel vom Inlineskaten, reichen hierfür nicht.  Es braucht schon größere und bessere Schoner, um sicher fahren zu können. Das Wichtigste ist, immer nach vorne zu schauen und sich nicht ablenken zu lassen, denn sonst passiert schnell ein Unfall. »Eigentlich ist es nicht sehr schwer zu lernen«, meint Kalle Richter, »und wenn man es erst einmal kann, ist es sehr praktisch, um für das Windsurfen zu üben, unterschiedliche Manöver zu fahren und zu entspannen«.

Gesunde Gänseblümchen

Kleine Pflanze zeigt sich sehr vielseitig

Als Kind habe ich im Frühling und Sommer Haarkränze aus Gänseblümchen geflochten. Sobald die ersten Blumen auf der Wiese standen, wuchs das Sommerfeeling in mir. Gänseblümchen läuten jedoch nicht nur die warme Jahreszeit ein, sie haben gesunde Eigenschaften. Heutzutage freue ich mich immer noch über die Korbblütler mit ihren weißen Zungen- und gelben Röhrenblüten, pflücke sie jedoch nun für meinen Salat oder als Heilmittel.
So wird der Tee aus den Blüten zur Appetitanregung und zur Verbesserung der Stoffwechsellage eingesetzt. Durch die harntreibende Wirkung können Ödeme (zum Beispiel Beinödeme) gelindert werden. Als Jugendliche wurde ich mit dem schrecklichen Befall von Akne und deren Narbenbildung konfrontiert. Meine Oma übergoss gleich einmal eine Handvoll Gänseblümchen mit Doppelkorn und ließ diese Mischung in einem verschlossenen Glas sechs Wochen ziehen. Danach sollte ich mein Gesicht morgens und abends mit einem Wattepad damit abreiben. Ich gestehe, ich hab das erst nach dem Schulunterricht gemacht, da ich Angst hatte, meine Lehrerin würde mir Alkoholmißbrauch unterstellen. Nach vier Wochen waren die ersten Erfolge sichtbar. Die Pusteln und Rötungen klangen ab. Dieses Jahr spiele ich mit dem Gedanken, eine Gänseblümchenseife zu sieden, die ihre positiven Hauteigenschaften gleich beim Waschen entfaltet.

Gänseblümchen (5)

Falsche Kapern von der Wiese.        Foto: mr

Nun aber zu einem wirklich leckeren Rezept mit Gänseblümchen:
Falsche Kapern

2 Tassen Gänseblümchen
½ Teelöffel Salz
125 ml Kräuteressig
Zubereitung:
Gänseblümchen mit Salz bestreuen und drei Stunden ruhen lassen. Kräuteressig aufkochen, die Gänseblümchen hinzufügen und kurz mit dem Essig aufkochen. Alles in ein Schraubglas füllen und einige Tage ruhen lassen. Die Gänseblümchen absieben, den Essig erneut aufkochen und wieder zu den Knospen geben. Drei Wochen kühl und dunkel lagern, dann sind die falschen Kapern für Königsberger Klopse fertig. Sie schmecken aber auch hervorragend zu Eiern in Senfsoße oder Schafskäsesalat. 

km

Mach neu!

Viele empfinden die Hasenheide mit ihren maroden Sitzgelegenheiten im Moment nicht gerade als das Gelbe vom Ei.
Eigentlich ist das schade, wurde doch gerade der Streichelzoo erweitert.
Endlich, nach wirklich langem Warten und vielen Eingaben, hat das Grünflächenamt offensichtlich eingesehen, dass es günstiger ist, die kaputten Bänke zu erneuern, als die eventuell aufkommenden Arztkosten zu begleichen, wenn eine der Bänke zusammenbrechen sollte.
Erst die Hartnäckigkeit der Bürger, die immer wieder darauf aufmerksam machten, dass etwas getan werden muss, hat die Politik aufgerüttelt.
Das zeigt eindrucksvoll, dass das bürgerliche Engagement viel dazu beiträgt, dass die Verwaltung nach Lösungen sucht. Denn hier wurde nicht nur gemeckert, sondern konkrete politische Arbeit geleistet. Hut ab!
Wie lange die neuen Bänke halten, bleibt abzuwarten. Aber ein Anfang ist getan.
Corinna Rupp

Die auf die Straße gehen

Der Film »Mietrebellen« portraitiert die Proteste gegen Verdrängung / von Robert S. Plaul

Was der Begriff »Gentrifizierung« bedeutet, und wie schnell Verdrängung alteingesessener Mieter aus ihrem Lebensumfeld mittlerweile gehen kann, bedarf in Berlin und insbesondere in Kreuzberg und Neukölln seit einiger Zeit keiner näheren Erklärung mehr – zu präsent ist die Problematik, als dass man sie ignorieren könnte, selbst wenn man persönlich nicht direkt betroffen ist. Dass das Thema in den Köpfen ist, ist nicht zuletzt auch das Verdienst jener Aktiven, die sich in den vergangenen Jahren in zahlreichen Initiativen und Gruppierungen zusammengefunden haben, um den Protest gegen Mieterhöhung und Verdrängung auf die Straße zu bringen. Mit »Mietrebellen« kommt Ende April ein Dokumentarfilm ins Kino, der ein Portrait eben jener Protestbewegung zeichnet.
Es ist eine Bewegung, das zeigt der Film, die sich nicht ohne weiteres einer konkreten gesellschaftlichen »Gruppe« oder »Schicht« zuordnen lässt: Intellektuelle Alt-Linke, türkische Grundsicherungsempfänger und kampfeslustige Senioren sind es, die sich plötzlich – und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – demonstrierend auf der Straße wiederfinden, ein Protestcamp aufbauen und Zwangsräumungen verhindern.
In Pankow haben die Nutzer einer Seniorenbegegnungsstätte, die vom Bezirk geschlossen werden sollte, die Einrichtung kurzerhand besetzt und damit die Politik zum Handeln gezwungen. In Friedrichshain ist es den Bewohnern einer Wohnanlage, der Rentnergruppe »Palisadenpanther«, gelungen, die drohende Verdoppelung der Miete auf die sogenannte »Kostenmiete« zu vereiteln.
Ausgelaufene staatliche Fördergelder im ehemaligen sozialen Wohnungsbau sind auch der Grund für die Miet­erhöhungen südlich des Kottbusser Tors. Die zum größten Teil türkischstämmigen Mieter, die meist seit Jahrzehnten in ihren Wohnungen leben, haben sich zur Initiative »Kotti & Co.« zusammengeschlossen und auf dem Platz ein Protestcamp aufgeschlagen, das sie in Anlehnung an die informellen Siedlungen am Rande türkischer Großstädte als »Gecekondu« bezeichnen. Tatsächlich haben sie mit ihrem Protest erreicht, dass die geplante Mie­­t­erhöhung für ein Jahr ausgesetzt wurde.

MIETREBELLEN Palisaden

Mit Rollstuhl und Rollator. Die »Palisadenpanther« kämpfen um ihre Wohnanlage.   Fotos: schultecoersdokfilm

Doch nicht immer ist der Protest erfolgreich. Die Zwangsräumungen von Familie Gülbol und von Rosemarie Fliess – die traurige Berühmtheit erlangte, weil sie zwei Tage darauf verstarb – konnten trotz massivem Aufgebot von Protestierenden nicht verhindert werden. Die gute Nachricht aber, das vermitteln die Dokumentarfilmer Gertrud Schulte Westenberg und Matthias Coers in »Mietrebellen«,  ist, dass mit solchen Aktionen ein öffentlicher Druck geschaffen wird, der künftig Vermieter vielleicht davon abhält, zum Mittel Zwangsräumung zu greifen, selbst wenn sie sich im Recht fühlen.
Der eigentliche Adressat des Protestes aber ist und bleibt die Politik. Nur sie nämlich kann beispielsweise entscheiden, ob weitere Immobilien aus Landesbesitz an private Investoren verkauft werden oder ob es Miet­ober­gren­zen geben soll.

»Mietrebellen« läuft ab 24. April unter anderem im Moviemento.

Lieblingsplatz für ein weises Lächeln

Ein Gespräch mit der Dame am Fenster

»Das bin ja ich«, jauchzt Irène und lacht herzlich. Sie liest in unserer März-Ausgabe den Backshopphänomen-Artikel und erkennt sich sofort wieder.
Irène ist 83 Jahre alt und wohnt seit knapp zwei Jahren in Neukölln. Vorher hat sie in München gelebt, mehrere Jahre in Frankreich und Italien, nach Afrika hat es sie auch schon verschlagen.
»Als ich in München erzählt habe, dass ich nach Neukölln ziehe, haben die mich ganz erschrocken angeguckt«, erzählt Irène und lächelt. Ihr Lachen ist ansteckend, voller Leben und Freude. Deshalb hat sie es sich auch zur Aufgabe gemacht, Menschen zum Lachen zu bringen – was ihr auch oft gelingt.
»Mir hat die Geschichte sehr gefallen«, sagt sie mir und sieht ein wenig nachdenklich aus. »Ich habe sie meinen Kindern gezeigt. Meine Tochter hat gesagt, dass der Schluss fehlt. Die Geschichte hat kein Ende.«

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»Ich muss nicht weiter«. Gelassenheit im Backshop.     Foto: cr

Und das werde ich jetzt nachholen:
Die alte Dame sitzt wieder am Fenster auf ihrem Lieblingsplatz und blättert in einer Zeitung. Sie sitzt mittig auf der gepolsterten Bank, da ihr Knie nicht mehr jede Bewegung vollführen kann und so kein Tischbein im Weg ist. Irène beobachtet gerne die Leute, die auf dem Bürgersteig am Fenster vorbeihuschen. Sie ist ein bisschen traurig, dass niemand mehr die Zeit aufbringt, kurz stehen zu bleiben und inne zu halten. »Ich muss weiter« ist für sie ein schlimmer Satz. Ich habe zu tun, ich kann nicht – alles Ausreden.
Ich habe ein Buch dabei. Es liegt neben mir auf dem Tisch.
»Was ist denn das?«, fragt Irène neugierig.
»Ein Kinderbuch«, erkläre ich. »Für kleine, große und sehr große Kinder. Es ist eine Fortsetzung vom Kleinen Prinzen.«
Irène faltet ihre Hände und lächelt. Sie erinnert sich an alte Zeiten, verfällt in Melancholie.
»Ach, der Kleine Prinz ist immer noch mein Lieblingsbuch«, schwärmt sie.
Ich verspreche ihr, dass sie es auf jeden Fall auch mal zum Lesen bekommt und verabschiede mich. Ich sage extra nicht »Ich muss los«, denn mittlerweile kenne ich die Dame am Fenster viel besser.
»Ich mache mich auf den Weg und freue mich schon auf die nächste Begegnung«, sage ich und schüttele ihr die Hand. Dann bestelle ich mir noch einen Milchkaffee zum Mitnehmen und gehe meiner Wege.
Irène habe ich ein paar Tage später gesehen. Sie lächelt – wie immer. 

cr

Höher, schneller, akrobatischer

Neuköllner Meisterehrung für das Sportjahr 2013 mit vielen unterhaltsamen Einlagen

Bunt und abwechslungsreich wie Neukölln selbst war die Meisterehrung für das Sportjahr 2013 auf dem Campus Rütli, mit Shows, die von Cheerleading und Juggern zu Turnen und Karate reichten. Eröffnet wurde die Sportgala am 4. April durch einen Auftritt von »Stars in Concert«, genauer gesagt einem verblüffend authentischen Tom Jones, der mit seinem flotten Hüftschwung wohl besonders einige Damen in Begeisterung versetzte. Direkt im Anschluss begrüßten Stadträtin Franziska Giffey und die Vorsitzende des Sportausschusses der BVV Violette Barkusky-Fuchs die Gäste und erfolgreichen Sportler sowie einige besondere Persönlichkeiten unter den Anwesenden: die MdBs Fritz Felgentreu und Christina Schwarzer und Bürgermeister Heinz Buschkowsky, die sich jedoch dezent im Hintergrund hielten.
Geehrt wurden 642 Sportler aus 18 Neuköllner Vereinen. Ein besonderes Präsent sollten der jüngste und der älteste Sportler (2008 und 1930 geboren) erhalten, doch leider wagte sich keiner von ihnen nach vorne. Während dann am linken Hallenrand die Ehrungen durch Helfer der BVV durchgeführt wurden, begann das Programm.
Interessant wurde es, als ein mysteriöser Mann im weißen Mantel die Bühne betrat, der sich als der äußerst begabte Artist TJ Wheels, Künstler des Jahres 2012, entpuppte und zwei atemberaubende Balance- und Jonglageshows zum Besten gab.

meisterehrunhgAkrobat schön.          Foto: Bertil Wewer

Großen Zuspruch beim jüngeren Publikum fanden die Breakdancer »Yo 22«, die mit Kopfkreiseln und Saltos zeigten, dass auch außerhalb vom Vereinssport Höchstleistungen gebracht werden. Ein echter Stimmungsmacher war die Capoeira Gruppe der »Berliner Turnerschaft«. Zu brasilianischer Musik führten sie ihre Kampf-Tanz-Kunst mit akrobatischen Elementen vor und bewegten die Zuschauer sogar zum Mitsingen und Mitklatschen.
Zwischen all diesen unterhaltsamen Einlagen wurden drei herausragende Vertreter des Neuköllner Sports geehrt: Triathletin Agnes Lukasiewicz vom »TuS Neukölln« und Schwimmer Tim Wallburger vom »SG Neukölln«, beide international erfolgreich, waren leider nicht anwesend, dafür aber die U13 Wasserballer des »SG Neukölln«, die 2013 deutsche Vizemeister wurden und so glücklich ihre Urkunden entgegennehmen konnten.
Das Schönste an dieser unterhaltsamen Sportgala war jedoch die Begeisterung für die unterschiedlichsten Sportarten, die den ganzen Abend in der Luft lag, sodass man am liebsten aufgestanden wäre und mitgetanzt, gekämpft oder geturnt hätte.

jt

Frühlingsgefühle kommen bestimmt

Wider die Müdigkeit

frühjahrsmüdigkeitFrühling macht schlapp, gebt mir einen Brennesseltee!Foto: fh

Die Feldlerche macht sich auf dem Tempelhofer Feld auf Partnersuche und fliegt munter über die Wiesen, die den Duft des Frühlings ausstrahlen. Auch andere Tiere regen sich und lachen der Sonne entgegen, während wir Menschen, die Müdigkeit in den Knochen, mit schleppendem Gang über die Landebahn laufen. Wieso ist die Natur so fit und wir so extrem müde? Woher kommt dieser Anflug von Schläfrigkeit, sobald das Frühjahr erwacht, und warum müssen wir ausgerechnet jetzt noch eine Erkältung bekommen?
Die Ursache liegt im Klimawechsel. Der Körper muss sich erst langsam auf den Wechsel von Winter auf Sommer einstellen. Dafür weiten sich die Blutgefäße und der Blutdruck sinkt, was uns müde und schlapp macht. Aber auch der Melatoninspiegel spielt eine große Rolle. Nach den dunklen Wintermonaten ist die Konzentration des Schlafhormons noch sehr hoch und muss erst einmal den Körper wieder verlassen. Um den Organismus auf die langen Tage und die steigenden Temperaturen einzustimmen, braucht er Tageslicht, Bewegung und leichte Kost. Viel frisches Obst, Gemüse und täglich drei Tassen eines Kräutertees aus Brennnesselblättern, Löwenzahn, Giersch und Gänseblümchen können die Schlappheit bekämpfen. Am besten werden die Kräuter frisch gesammelt. Wer dazu keine Lust oder Zeit hat, kann sich die Zutaten im Kräuterladen besorgen und zu Hause selbst mixen.
30 g Brennnesselblätter
20 g Löwenzahn
20 g Giersch
10 g Gänseblümchen
Einen Teelöffel der Mischung mit 200 ml kochendem Wasser übergießen und 10 Minuten ziehen lassen. Dreimal täglich eine Tasse trinken.
Wer seiner Haut nach der langen Heizperiode etwas Gutes tun möchte, kann die gleiche Mischung auch als Gesichtswasser verwenden. Dafür wird genau wie bei der Herstellung des Tees vorgegangen, nur wird dieser logischerweise erst kaltgestellt. Danach das Gesicht mit dem Kräuteraufguss waschen. Morgens und abends angewandt sieht die Haut bald schon wieder frisch aus.

km

Wenn der Stammplatz mal besetzt ist

Corinna Rupp über Backshop-Phänomene

Eine wunderschöne weiße Winterlandschaft lachte mich an, als ich das Haus verließ, um in meinem Lieblings-Backshop einen Milchkaffee »to go« zu trinken. Die Straßen waren rutschig und es war kalt – sehr kalt.
Nach der Schlitterpartie, die mich zum Glück vor der richtigen Tür absetzte, freute ich mich schon auf den süßen Genuss der sahnigen Milch auf dem kräftig-bitteren Kaffeegeschmack. Der Backshop war zum Glück nicht so voll, ich musste also nicht lange warten. Viel sagen brauchte ich auch nicht, da mich die Besitzerin schon kannte. Auf die Frage: »Wie immer?« folgte ein kurzes Nicken.
Während ich auf meinen Milchkaffee wartete, flog die Tür auf. Eine ältere Dame betrat mit ihrem Einkaufsziehwägelchen den Laden und brachte die leichte Winterbrise in die bis dahin noch angenehm warmen Räume. Sie blickte kurz zu den Tischen am Fenster und murmelte: »Mein Platz ist ja gar nicht frei.«
Ich musste unweigerlich lächeln, denn sie hatte wie ein kleines Kind geklungen, dem gerade sein Lolli weggenommen worden war.
Gerade wollte sie sich zum Gehen wenden, als die Besitzerin ihr versicherte, dass der Platz bestimmt gleich frei sei. Auf die Frage, ob sie sich solange nicht auf einen anderen Platz setzen wolle, antwortete sie nur: »Nein, das ist ja nicht mein Platz.« Doch es half nichts, die alte Dame stürzte sich mit ihrem Wägelchen zurück ins Wintergeschehen. Und wie gesagt, es war sehr, sehr kalt und sehr rutschig. Ich wunderte mich schon ein bisschen über den Auftritt der Dame, aber dachte mir nichts weiter dabei.
Die Besitzerin des Backshops schmunzelte. »Sie kommt fast jeden Tag und will immer nur auf dem einen Platz sitzen.«
Tatsächlich war der Platz, auf den sich die Dame unbedingt setzen wollte, ein paar Minuten später frei. Aber die Dame war nun mal weg. Auch ich musste schmunzeln, irgendwie lag ein Hauch Ironie in der Luft.
Vor ein paar Tagen bin ich wieder am Backshop vorbeigelaufen und habe beiläufig durch das Fens­ter gesehen. Ein einziger Platz war besetzt – die alte Dame saß mit ihrem Einkaufsziehwägelchen an ihrem Stammplatz  und lächelte zufrieden. Fast wie ein kleines Kind sah sie aus, als sie genüsslich von ihrem Stück Apfelkuchen aß. Und irgendwie gehört sie da auch hin.
Wer weiß, vielleicht bin ich irgendwann die alte Dame, die unbedingt auf dem Platz am Fenster sitzen will.

Die Arterienbürste

Frühjahrskur mit Knoblauch-Zitronen-Schnaps

Vor Jahren las ich von dem Knoblauch-Zitronen-Schnaps, der die Arterien durchpustet, Verkalkungen auflöst, die Cholesterinwerte senkt und den Körper entgiftet. Mit alledem hatte ich zwar noch nichts zu tun, aber ich war neugierig und probierte es für die Zukunft schon einmal aus und blieb dabei. Seitdem mache ich mindesten einmal pro Jahr eine Knoblauch-Zitronen-Kur.
Ich überwand mit dieser Kur die Frühjahrsmüdigkeit und spürte, wie ich auch in Stresssituationen konzentrierter blieb und die Überbelastung besser wegsteckte. Gerade habe ich wieder eine Kur angesetzt, von der ich morgens und abends ein Schnapsglas trinke. Nach zwei Wochen wird für zwei Wochen pausiert, dann beginnt die Kur von vorne.
Angst vor lästigem Knoblauchgeruch muss keiner haben. Durch die Zitronen wird der Knoblauchgeruch neutralisiert und Freunde werden trotz hochprozentigem Knoblauchs in den Adern auf die Umarmung bei der Begrüßung nicht verzichten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERALECKERer Knollenschnaps.  Foto: km

Das Rezept
60 geschälte Knoblauchzehen (ca. 6 Knollen)
8 Bio-Zitronen
400 ml Wodka
2 Liter Wasser
Die Zitronen abbürsten und in kleine Stücke schneiden. Knoblauch schälen und mit den Zitronen und dem Wasser aufkochen. Abkühlen lassen und den Alkohol dazugeben. Mit dem Mixer pürieren. Über Nacht kühl stellen. Am besten auf dem Balkon, da der Brei noch sehr stark nach Knoblauch riecht. Am nächsten Tag die Flüssigkeit durch ein Leinentuch abfiltrieren und in Flaschen füllen.
Der Wodka dient der Haltbarkeit, da ich meist die Menge für beide Kurhälften zusammen herstelle. Wer genügend Platz im Kühlschrank hat oder zweimal kochen möchte, kann auf den Alkohol verzichten. Dann nur die Hälfte des Rezepts verwenden.
Im Laufe der Jahre kam eine Abwandlung von mir hinzu. Hierfür wird Ingwer kleingeschnitten und in die Flaschen gegeben.
Im Internet gibt es folgende Angaben: drei Wochen morgens und abends ein Schnapsglas trinken, acht Tage pausieren und die Kur noch einmal von vorne beginnen.
Der Knoblauch hat jedoch eine sehr blutverdünnende Wirkung. Empfindliche Menschen neigen dann schon bei den geringsten Stößen zu blauen Flecken. Daher empfehle ich die Kur auf zwei 14-tägige Kuren zu beschränken.

km

Händeschütteln und Glückwünsche

»Morus 14« startet ins neue Jahr

Wie jedes Jahr im Januar fand auch dieses Mal der Jahresempfang im »Morus 14« statt. Zahlreiche Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur geben sich hier die Hand und suchen das Gespräch.

morus14Spender und Mitarbeiter.Foto: fh

So auch Erol Özkaraca, Neuköllner Abgeordneter von der SPD, der im Gespann mit Ralf Ehrlich von der »Berliner Aidshilfe e.V.« heftig mit  Netzwerken beschäftigt war. Fritz Felgentreu fand keine Ruhe. Seitdem er Abgeordneter für die SPD im Bundestag ist, freuen sich die Neuköllner darüber, dass er den Bezirk nicht vergessen hat und oft gesehen wird. Auch  Susanna Kahlefeld, Mitglied des Abgeordnetenhauses von den Grünen, fühlte sich in der Gemengelage wohl.
Es war keine Überraschung, dass die Polizei vom Abschnitt 55 da war, ohne sie würde dem »Morus 14« etwas fehlen. Sie sind gefragte Persönlichkeiten, die mit Rat und Tat den Neuköllnern zurseite stehen.
Die Vorstandsvorsitzende Marianne Johannsen brachte in ihrer Rede die große Zufriedenheit zum Ausdruck, mit der sie und der gesamte Vorstand das Jahr 2013 sahen: es gründete sich die »Big Band« aus Rollbergschülern, ein Gehörloser begann, Rollbergkindern das Schachspielen beizubringen und das zehnjährige Jubiläum wurde gefeiert. Zudem hatte das »Morus 14« im vergangenen Jahr keine finanziellen Sorgen. Die Zuversicht des Vorstands für das Jahr 2014 ist groß. Es sind bereits zwei Projekte angestoßen worden, die im Laufe des Jahres von sich hören lassen werden.
Der Geschäftsführer Gilles Duhem hielt in ungewöhnlich knappen Worten seine Rede, in der er besonders auf das Engagement der Mitarbeiter und aller Ehrenamtlicher, die hauptsächlich mit der Schülerhilfe den Rollbergkindern zu Lernerfolgen verhilft, einging. Nur mit ihnen allen ist diese hochwertige Arbeit zu leisten.
Bei dem internationalen Buffet kamen die Gäste leicht ins Gespräch und bei ausgelassener Stimmung wurde viel gelacht.

oj

Das Ende der Revolte

Nur noch ein Jahr »Freies Neukölln«

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 Noch gibt es das »Freie Neukölln«.      Foto: mr

Für einen der Wegbereiter des Ausgehbooms in Nordneukölln ist der Weg absehbar zu Ende. Seit 2006 ist die gemütliche Eckkneipe »Freies Neukölln« ein Fanal der unkonventionellen Kultur im Kiez. Latte Ma­cchiato gibt es hier aus Prinzip nicht, dafür Focaccia, Retsina und baye­risches Bier. Und mit dem Videoblog »Sender Freies Neukölln« und seinen charmant-gehässigen Filmchen und Reportagen gingen von dieser Institution sogar sanft revolutionäre Impulse aus. Mit zweifelnd-radikalem Blick auf das »alternativlos« wachstumsfixierte Weltgeschehen propagierte der Blog regelmäßig einen Systemwechsel hin zu echter Basisdemokratie.
In einem Interview in der »Berliner Zeitung« erklärt Matthias Merkle nun, dass seine Kneipe Ende 2014 schließen müsse – der Mietvertrag laufe ohne Chance auf Verlängerung aus. Der Hausbesitzer, eine GmbH in London, schotte sich ab und von der Hausverwaltung werden er und seine Mitbetreiberin Antje Borchardt seit zwei Jahren ohnehin schon mit monatlichen fristlosen Kündigungen drangsaliert.

Occupy-Unterstützer Merkle ist inzwischen schon nach Französisch-Buchholz gezogen und betreibt dort ein Selbstversorgerprojekt, fern von Wachstums-, Konkurrenz- und Ausverkaufskonzepten. Zudem arbeitet er an einem alternativen Wohnprojekt namens »Andere Welt« in Strausberg. Der Wandel und die Verdrängung im Kiez werden 2014 trotzdem noch ausgiebig im »Freien Neukölln« behandelt und diskutiert.
Wundersam waren die spontanen Reaktionen auf Merkles Interview: Ausgerechnet die »taz« schrieb,  Merkle sei einer, der die Gentrifizierung geschaffen habe, indem er einem jungen Publikum einen Ort zum »hip sein« schuf. Nun jammere er, obwohl die Entwicklung zu teureren Mieten »schlicht und ergreifend Stadtgeschichte« und Veränderung eine Herausforderung sei, »der man sich nur stellen muss«. Und in der Netzkolumne des blog.brash.de heißt es rüde, ein Hort der Unangepasstheit sei das »Freie Neukölln« nie gewesen, die Tragik vom Ende des Lokals sei eine rein nostalgische und der Protest der Szene-Konservativen nur ein Ressentiment.
Viele scheinen gern »mit der Zeit« zu gehen – bis sie selbst verdrängt werden.    

hlb

Jugendprojekt »Warthe 60« wird geschlossen

Weniger Geld für Kinder- und Jugendarbeit fordert Opfer

Der Druck, der auf der Neuköllner Verwaltung lastet, ist zweifelsfrei hoch. Der Jugendhilfeausschuss (JHA), Stadtrat Liecke (CDU) und das Jugendamt Neukölln müssen handeln.

Nach kürzlicher Tiefenprüfung stellte sich heraus, dass knapp 20 Prozent der durch die unterschiedlichsten Träger erfolgten Betreuungsleistungen im Neuköllner Kinder- und Jugendbereich nicht »produktgenau« aufgeführt waren. So gab es in einigen Bereichen mehr Leistungen, in anderen weniger. Unter dem Strich blieb ein Minus, Geld muss »umgetopft« werden, um den Schaden so gering wie möglich zu halten.

Eklatant betroffen von dieser Misere ist die »Warthe 60«, ein vom Kirchenkreis Neukölln und dem Bezirksamt Neukölln finanziertes Projekt im Rahmen der offenen Jugendarbeit. Die Einrichtung soll geschlossen werden. Die »Warthe 60« liegt in der Warthestraße im nicht ganz unproblematischen südlichen Schillerkiez und leistet seit 2003 hervorragende Arbeit für ihre 12- bis 16-jährigen Besucher in vielen wichtigen Bereichen: Gewaltprävention für Jugendliche, Unterstützung in schulischen Angelegenheiten, bei sportlichen Aktivitäten sowie Peer-Group-Treffen.

Nun sollen für eine Testphase von maximal zwei Jahren 1,5 Stellen sowie viele zusätzliche Kinder in das »Interkulturelle Kinder- und Elternzentrum ‚Am Tower‘« in der Oderstraße umsiedeln. Das könnte die ohnehin gut besuchten Räumlichkeiten des »Tower« überlasten. Die Gewaltprävention für die Jugendlichen soll künftig dezentral stattfinden, damit die »Neuköllner Präventionskette« möglichst stabil bleibt. Schließlich soll diese auch dazu dienen, Jugendliche vor Straftaten zu bewahren.

Zu hoffen bleibt, dass die jetzige Kürzungspolitik im Kinder- und Jugendbereich die Gesamtgesellschaft in Zukunft, an anderer Stelle und Haushaltsposition, nicht teuer zu stehen kommen wird.

bs

Mieter sagen ihre Meinung

Wohnungsbaugesellschaft »Stadt und Land« trifft Rollbergbewohner im »Morus 14«

Die jährlich stattfindende Mieterversammlung im Rollbergkiez ist schon etwas Besonderes. Veranstaltet wird sie von der SPD, die auch im Aufsichtsrat der Wohnungsbaugesellschaft »Stadt und Land« sitzt. Immerhin ist die städtische Wohnungsbaugesellschaft Vermieterin von ungefähr 2.000 Wohnungen, die sich zwischen Hermannstraße und Karl-Marx-Straße befinden.
Die SPD tritt bei dieser Veranstaltung als Vermittlerin im Konflikt zwischen den Mietern und der Geschäftsführung von »Stadt und Land« auf.
Im gut gefüllten Saal des Gemeinschaftshauses »Morus 14« in der Morusstraße trafen sich wie jedes Jahr am Buß- und Bettag, diesmal am 20. November, um die 50 Mieter.
Auf dem Podium befanden sich der SPD-Abgeordnete für Neukölln, Erol Özkaraca, der Geschäftsführer von »Stadt und Land«, Ingo Malter, seine Mitarbeiterin Cornelia Würz, das BVV-Mitglied Cordula Klein (SPD) und als Vertreter des Mieterbeirats Manfred Hassmer.

RollbergTypische Bebauung im Rollbergkiez.   Foto: fh

Im Jahresbericht wurde festgehalten, dass die Asbestsanierung bei einem Mieterwechsel durchgeführt wird. Es sei deshalb kein drängendes Problem, weil sich das Asbest unter dem Fußbodenbelag befindet, der es, so lange er nicht beschädigt ist, auch nicht freigibt. Das haben auch alle Messungen bestätigt.
Weiter sind Rauchmelder im Keller und eine Videoüberwachung eingerichtet worden. Das wurde notwendig, weil im vergangenen Jahr Brandstifter in Kellern Feuer gelegt hatten.
Bedauerlicherweise hat sich die Einrichtung einer Hausmeisterwohnung direkt im Gebäude nicht durchgesetzt. Dieses Projekt hat sich als zu teuer erwiesen. Jedoch versicherte Malter, dass die Hauswarte im Bezirk wohnen und damit die Wege kurz seien.
Die Mieter beklagten eine schlechte Kommunikation zur Geschäftsführung. Auf bauliche Mängel würde oftmals sehr spät und auch erst nach häufigen Nachfragen reagiert.
Bereits im vergangenen Jahr wünschten sich die Mieter, dass die schmale Morusstraße in eine Einbahnstraße umgewandelt wird oder dass Halteverbotsschilder aufgestellt werden. Tatsächlich herrscht dort ein tägliches Verkehrschaos, weil zwei Autos nicht aneinander vorbei kommen. Cordula Klein hat bereits mit dem Verkehrsausschuss in der BVV darüber geredet, bisher jedoch ohne Erfolg. Sie zeigte sich aber guter Hoffnung, dass der Ausschuss dieses Thema bald aufgreifen werde.

oj

Gegen den Weihnachtsstress

Alle Jahre wieder beruhigt Hopfen die Gemüter

Da heißt es nun »besinnliche Weihnachtszeit« und jedes Jahr aufs Neue graut es den meisten vor dem Fest. Die Nervenanspannung beginnt oft schon einige Wochen zuvor und entlädt sich dann am Heiligen Abend oder spätestens am ersten Weihnachtstag. Die Planung der Geschenke, die Besuchsreihenfolge (»Wie, ihr fahrt erst zu den Schwiegereltern? So war es letztes Jahr auch schon. Ihr seid wohl nicht gerne bei uns …«), die Stunden im Familienkreis mit der Verwandtschaft, die sich sonst im Jahr nicht mit dem Allerwertesten anschaut, die Essensrituale (»Ach ja, du isst ja neuerdings vegan. Da weiß ich dann auch nicht, was ich kochen soll. Isst du denn wenigstens Fisch?«), all dies sorgt im Vorfeld für so viel Stress, dass wir eigentlich Urlaub bräuchten und am liebsten bis Silvester im Ausland untertauchen würden.
Zurzeit finden wir in der Natur Hopfen, der hilft dem angegriffenen Nervensystem und sorgt dafür, dass die Feiertage ein wenig besinnlicher werden. Wer eine kleine »Leck-mich-Stimmung« für die Vor- und Weihnachtszeit benötigt, geht am besten in die Parks und Grünanlagen Berlins und pflückt sich ordentlich viel dieser Pflanzengattung aus der Familie der Hanfgewächse.
Nach der Ernte wird der Hopfen über vier Stunden bei 50 Grad im Backofen und anschließend noch zwei Tage an einem trockenen Ort getrocknet. Hopfen enthält bis zu 85 Prozent Wasser und benötigt daher eine sehr lange Trocknungsphase, damit er nicht schimmelt. Anschließend können die Hopfenzapfen in Tüten, Dosen oder Einweggläsern aufbewahrt werden.
Für eine Tasse Tee werden zwei Teelöffel Hopfendolden/-zapfen benötigt, die 15 Min. in 200 ml Wasser ziehen sollten, bevor sie abgesiebt werden und der Tee schluckweise zweimal täglich getrunken wird. So klappt es dann auch mit der Ruhe um Weihnachten. Und wenn alle Stricke reißen, wird halt beim Weihnachtsessen wieder zum guten, alten Hopfentee in der Beugelbuddel gegriffen.

km

Hagebutte, die Schietwedderfrucht

Tee unter dornigen Bedingungen

Es ist wieder Erkältungszeit und Gott sei Dank wächst in der freien Natur alles, was wir brauchen, damit dieser Kelch an uns vorüberzieht. Letzten Monat war es die Fliederbeere (Holunderbeere), diesen Monat habe ich die Hagebutte ausprobiert.
Bei meiner Radtour entlang des Mauerwegs habe ich sie entdeckt und mich für die Zubereitung als Tee entschieden. Hierfür pflückte ich unter dornigen Bedingungen die lange, schmale Hundsrose, die angeblich süßer als ihre große Schwester die Kartoffelrose schmeckt.
Leider hatte ich keine Handschuhe dabei und somit waren meine Hände ziemlich aufgerissen. Egal, Hauptsache gesund! Vitamin C enthalten alle Hagebutten und das nicht wenig. Fünfzig Mal mehr Vitamin C steckt in den Früchten als in Zitronen.

Rosa canina|FruitGeheimwaffe gegen Erkältung.Foto:      Alfred Richard Stübling

Zur Weiterverarbeitung werden Stil und Blütenansatz abgeschnitten und die Nüsschen entfernt, was eine ziemlich nervtötende Angelegenheit ist, die ich mir mit DVDs versüßte. Nach dem Waschen wird das Fruchtmark im Mörser zerstampft und danach im Ofen bei 50 Grad eine Stunde getrocknet. Vorsichtshalber habe ich die Hagebutten noch zwei Tage ausgebreitet im Backofen (natürlich ohne Wärme) liegen lassen, bevor ich sie in ein Schraubglas zur Aufbewahrung abfüllte. Ich wollte Schimmelbildung vermeiden.
Für die Zubereitung werden zwei gehäufte Teelöffel der Hagebutten mit siedend heißem Wasser übergossen und nach zehnminütiger Ziehzeit abgegossen. Der Tee erhält nicht die Farbe, die wir von Hagebuttentee kennen, da in gekauften Tees Malve (Hibiskus) als Färbemittel enthalten ist. Auch der Geschmack ist etwas anders, aber sicherlich nicht schlechter. Insgesamt ist es wirklich eine kleine Plackerei, die Hagebutten für den Tee vorzubereiten, dennoch finde ich, für ein gesundes kostenfreies Heißgetränk aus der Natur lohnt sich der Aufwand.

km

Löbliche Ehrenämter

Feierlich  wurde im Dezember, wie jedes Jahr, die Ehrennadel an Bürger verliehen, die sich durch besonders gesellschaftliches Engagement hervor getan haben.

Es ist gut, dass es diese Menschen gibt, die drei Kategorien bedienen. Die einen bringen besondere persönliche Leistungen, die Vorbildcharakter haben. Die nächsten verwirklichen Ideen, die anderen Menschen nutzen. Sie bewirken sogar manchmal die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Die dritte Kategorie kennzeichnet sich dadurch, dass bewusst  staatlicherseits Ehrenamtliche  in sozialen Einrichtungen eingesetzt werden. Hier werden ureigene staatliche Aufgaben durch das Ehrenamt ersezt.

Gäbe es die engagierten Bürger, egal ob freiwillig oder vom Jobcenter eingesetzt, nicht mehr, bräche so manche Kita, manches Pflegeheim, Hospiz und andere Einrichtungen zusammen. Das wäre dramatisch, die Vorstellung jedoch würde sicherlich einen lauten Aufschrei in der Gesellschaft auslösen.           

Petra Roß

Vier mal 58 gleich 240

Tarifpolitik der Deutschen Post AG

Wenn schon kein Weltuntergang, dann wenigstens Portoerhöhung, dachte sich wohl die »Deutsche Post AG«, als sie entschied, das Porto für den Standardbrief auf 58 Cent zu erhöhen. Drei Cent sind ja auch nicht die Welt. Schließlich fallen ab diesem Jahr die Praxisgebühren weg – was sind da schon drei Cent?! Mal durchgerechnet: Zehn gesparte Euro pro Quartal bedeuten 333 drei-Cent-Marken, also 17 frankierte Briefe. Dummerweise ist aber auch der Preis für die Maxibriefe von 2,20 Euro um 20 Cent gestiegen. Jetzt kommt natürlich die Hürde: Letztes Jahr, vor zwei Wochen, war es noch möglich, den Maxibrief mit vier 55-Cent-Marken zu frankieren. Bei 58 Cent gestaltet sich das schon schwieriger. War es denn wirklich so schwierig, den Wert auf 60 Cent zu erhöhen?

Letztendlich ist diese »fünf Minuten bis zum Jahreswechsel«-Aktion sowieso überflüssig. Wer aufmerksam ist, dem fällt auf, dass die »Deutsche Post AG« auch nicht ganz von ihrem Portoerhöhungskonzept überzeugt zu sein scheint, denn schließlich sind die Gebühren für sämtliche andere Briefgrößen gleich geblieben.Aber warten wir einfach auf den nächsten Jahreswechsel.       cr

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von Thomas Reller

Nr. 1 – Mittwoch 01. Januar 1913

Die Aussichten im Baugewerbe für 1913 sind keine rosigen. Nach allgemeinen Ansichten, die in Arbeit- und Arbeitgeberkreisen vorherrschen, verspricht das Jahr 1913 ein Kampfjahr zu werden. Die Konjunktur muß unter der Geldknappheit leiden. Die Balkanwirren und ostasiatischen Probleme können das Vertrauen auf eine Besserung nicht beleben. Die Baulust wird durch den Ueberschuß an Wohnungen nicht angeregt. Die gestiegenen kommunalen und staatlichen Abgaben, die Lasten und Gebühren haben das Angebot auf dem Grundstücksmarkt vermehrt. Die Mieter suchen sich mit kleineren Wohnungen zu behelfen. Man schränkte sich ein. Durch die Geldknappheit wird das Baugeld teurer und weniger flüssig. Selbst die Kommunen und der Staaten legen sich Beschränkungen bei Neubauten auf. Große Bahn- und Kanalbauten gehen der Vollendung entgegen. Tausende von Ziegeleien und hunderte Kalksteinfabriken liegen still. Die vielen Konkurse und Zwangsversteigerungen reden mehr als Wörter es vermögen. Wieviel Existenzen sind ruiniert und wie groß sind die Vermögensverluste allein bei dem Ausfall an Hypotheken? In der Baubranche, Holzindustrie, im Maler- und Dachdeckergewerbe bereitet man sich auf schwere Kämpfe vor. Auch im Bergbau gährt es. An reichlicher und lohnender Beschäftigung fehlt es auch in einigen Zweigen der Textilindustrie, besonders im Herrenschneidergewerbe. Die Aussichten sind danach für das neue Jahr in mancher Beziehung trüber als im vorigen Jahre. Hoffen wir, daß es besser wird und lassen wir uns die Tatkraft und den gesunden Optimismus nicht nehmen.

Kurse der Damenschneiderei. Am Dienstag, den 7. Januar, abends 7 Uhr, beginnen in der „Kaufmännischen und gewerblichen Fortbildungs-Anstalt für Mädchen und Frauen“ in Neukölln, Elbestraße 11-12 wieder Kurse für Damenschneiderei. Der Unterricht dient nicht nur der allgemeinen praktischen Ausbildung für Familie und Hausfleiß, sondern vermittelt auch nach leicht fachlicher Methode die für den Beruf erforderlichen theoretischen und praktischen Kenntnisse und erstreckt sich demnach auf Maßnehmen, Musterzeichnen, Zuschneiden, Nähen, Bügeln und Anfertigung eigener Garderoben. Bei wöchentlich vier Unterrichtsstunden beträgt das monatliche Schulgeld zwei Mark. Hingewiesen sei ferner auf die Kurse für Wäscheanfertigung, Maschinennähen, Putz, Handarbeit und Kunsthandarbeit, sowie auf die handelswissenschaftlichen Kurse. Meldungen täglich beim Leiter Joh. Bergknecht, Richardplatz 21, bei Frau Engel, Bergstraße 46 und bei Lehrer Schröder, Herzbergstraße, Böhmische Straße 28.

Die Zunahme der Frühstücksdiebstähle, die insbesondere in letzter Zeit wieder sehr zahlreich gewesen sind, hat die Bäckerei-Innung Neukölln zur Aussetzung von Belohnungen veranlaßt; wer einen Dieb so namhaft macht, daß dieser dem Strafrichter übergeben werden kann, erhält 5 Mark. Mit welcher Frechheit diese Diebstähle ausgeführt werden, geht daraus hervor, daß die Diebe selbst Häuser, in denen sich ein Polizeirevier befindet, heimsuchen.

Nr. 2. Freitag 03. Januar 1913

Wie es einem Hausbesitzer gehen kann. Ein hiesiger Hauseigentümer schreibt uns: Anfang 1912 bekam ich die fröhliche Botschaft, 25.000 Mark reicher geworden zu sein, nämlich der gemeine Wert meines Hauses wurde um diese Summe erhöht. Obwohl mir das etwas zu viel war, gab ich mich zufrieden, weil ich Laden sowie Wohnungen umbaute (letztere mit Badeinrichtung), wodurch auch der Mietsertrag höher wurde. Bei der darauf folgenden Steuererklärung habe ich selbstverständlich den Gebäudewert, von den ½ Prozent Abzug zulässig ist, um 25.000 Mark höher angenommen. Ich bekam aber die Mitteilung, daß der Gebäudewert um 28.000 Mark ermäßigt sei. Also auf einer Seite zwecks Mehrbelastung 25.000 Mark Mehrwehrt und umgekehrt 28.000 Mark weniger. Auf meinem Widerspruch wurde mir erklärt, ein Sachverständiger hätte den Gebäudewert so abgeschätzt, ich solle Beweise liefern, ab der Gebäudewert höher ist. Ich habe es nicht tun können und die Folge war die Erhöhung meiner Steuern um eine Stufe. Ich bemerke, daß kein Sachverständiger bei mir war, es kann nur vom grünen Tisch oder durch äußere Ansicht die Abschätzung vorgenommen worden sein.

Praxisorientierter Ansatz für Schüler

»Werkschule Löwenherz« lehrt ohne Frontalunterricht

Über die alarmierende Situation an den Neuköllner Schulen ist in den vergangenen Ausgaben der Kiez und Kneipe bereits ausführlich berichtet worden. Die Neuköllner Bildungsstadträtin Franziska Giffey hat in einer Pressemitteilung kurz vor Weihnachten noch einmal deutlich auf die Probleme hingewiesen: es gibt einen hohen Anteil von Erstklässlern mit Sprachdefiziten und Entwicklungsverzögerungen. Daraus resultiert eine wachsende Zahl eher bildungsorientierter Eltern aus Nord-Neukölln, die ihre Kinder an anderen Schulen, teilweise sogar in anderen Bezirken, anmelden wollen. Auf der anderen Seite gibt es immer noch eine Vielzahl von nicht angemeldeten Schülern, obwohl der Anmeldetermin längst verstrichen ist. Diese Entwicklung verschärft die sowieso schon katastrophale Situation an den sogenannten »Brennpunktschulen«, die dadurch zu einem Sammelbecken für leistungsschwache Schüler verkommen.

Seit drei Jahren versucht die »Werkschule Löwenherz«, dieser Misere etwas entgegenzusetzen. Das  vom Europäischen Sozialfonds und vom Bundesverkerhrsministerium mit insgesamt 1,3 Millionen Euro geförderte Schulprojekt ist eine Initiative vom »Zentrum für Lebensenergie«, das seit 1998 in der Weserstraße 175 beheimatet ist. Die Werkschule arbeitet mit verschiedenen Schulen in Neukölln zusammen und begleitet Schüler der achten bis zehnten Klasse mit Angeboten zur frühen Berufsorientierung beim Übergang von der Schule in den Beruf.

SCHülerINNEN und Schulleiter bei Weihnachtsfeier.Foto: rb
Schülerinnen und Schulleiter bei Weihnachtsfeier. Foto: rb

Seit diesem Schuljahr läuft ein neues Modellprojekt in Kooperation mit der Kepler-Schule, das Schülern mit besonderem Unterstützungsbedarf ermöglichen soll, einen Schulabschluss zu erlangen. 25 »Problemschüler« wurden komplett aus ihren Klassen herausgenommen und werden nun ausschließlich an der Werkschule im ehemaligen Gebäude des Finanzamtes Neukölln in der Schönstedtstraße unterrichtet.

Das pädagogische Konzept beruht auf einem ganzheitlichen Ansatz. Die Schüler erhalten in kleinen Gruppen fächerübergreifenden Unterricht und erarbeiten die Lerninhalte gemeinsam. Ergänzend dazu können sie in verschiedenen Werkstätten berufs­praktische Erfahrungen sammeln.

Pablo Ruiz Holtgrefe,  pädagogischer Leiter der »Werkschule Löwenherz«, berichtet von großen Startschwierigkeiten und enormen Widerständen seitens der Schüler, die sich nicht »in eine Sonderschule abschieben« lassen wollten.
Inzwischen haben sich die Vorbehalte jedoch weitgehend gelegt. Ob die Schüler bessere Chancen haben, einen Ausbildungsplatz zu finden, wird die Zukunft zeigen.      rb

Eine Hafenkneipe wird zum Kultort

Im »Lagari« treffen sich Talente

»Jo-ho-ho und ‘ne Buddel voll Rum«, so könnte es geklungen haben, als die Seeleute nach getaner Arbeit in die Eckkneipe gingen und den Tag noch einmal Revue passieren ließen. Wir schreiben das Jahr 1896. Der Hafen ist im Hochbetrieb und die Arbeiter freuen sich schon auf ihr Feierabendbier und den einen oder anderen Schlachtrufgesang.
Auch heute wird noch gesungen und Musik gemacht, den Hafen gibt es jedoch nicht mehr, stattdessen einen Supermarkt. Das Feierabendbier ist aber auch geblieben, ganz traditionell. Regeln sind da, um gebrochen zu werden, Traditionen hingegen sollen bewahrt bleiben.

So hält sich in dem Haus Pflügerstr. 19 / Ecke Nansenstraße seit 1896 wacker eine Kneipe. Den Namen hat sie schon ein paar Mal gewechselt, ebenso ihren Besitzer. Seit fünf Jahren nun heißt die Kneipe »Lagari«. Es war ein langer Weg, bei dem das Konzept seit der Übernahme vor 20 Jahren viermal geändert wurde. Kneipe, Disko, Sportlokal und endlich wieder Kneipe. Die Musik ist aber immer Teil des Ganzen gewesen. Eine Art Kulturschuppen, der nicht mehr wegzudenken ist.

Peter beim Zapfen.Foto: mr
Peter beim Zapfen.                                               Foto: mr

Das »Lagari« steht für Multi-Kulti und ist ein Künstlertreff. Besonders beliebt ist die offene Bühne, die jeden Dienstag Abend stattfindet. Jeder kann etwas machen, frei nach Wahl. Am Wochenende steht Comedy auf dem Programm, auch Englischsprachige, was besonders bei Touristen gut ankommt. Die ganze Woche über gibt es die Möglichkeit, die Bühne unsicher zu machen, sich am Billardtisch auszutoben und natürlich zu trinken. Etwas für den Bauch gibt es auch. Das kalifornische Frühstück, das – man soll es kaum glauben – ein Kalifornier im »Lagari« eingeführt hat. Kuchen, Pancakes, Speck mit Eiern gibt es bereits, und die Speisekarte soll erweitert werden. Eine Küche gibt es zum Glück schon.
Das eine oder andere Mal hat sich sogar schon ein nationaler Star in das »Lagari« verirrt und ist einfach geblieben. Die Atmosphäre stimmt, jeder unterhält sich mit jedem und der Zapfhahn tut seinen Dienst. Manche bringen auch ihren eigenen Krug mit. Sicher ist sicher – der Durst muss ja gestillt werden!       cr

Pflügerstr. 19 / Ecke­­ Nansenstr.
Mo – Fr ab 15 Uhr,  Sa – So ab 14 Uhr

 

Klampfen erwünscht

Jam-Session im »Sunrise«

Manchmal spielt das Leben so seine ganz eigene Musik. Das musste Mario Grünberg, damals Maschinenbaustudent, erfahren. Seine Mutter hatte gerade das »Sunrise« übernommen, konnte es aber aus gesundheitlichen Gründen nicht weiter führen. Für Grünberg war es somit vorbei mit der Karriere als Maschinenbauer. Von Stund an war er Wirt. Das war vor 16 Jahren.

Mit Elan führt er gemeinsam mit seiner Frau das Lokal, das recht unauffällig in der Sonnenallee 152 beheimatet ist. In angenehmer Atmo­sphäre lässt es sich hier gut reden. Grünberg versteht sein Handwerk bei der Unterhaltung seiner Gäste. Mit offenem Ohr hört er auch den nicht ausgesprochenen Kummer und reagiert so, dass der Neukunde ganz schnell zum Stammkunden wird.

Gemütlichkeit.Foto: fh
Gemütlichkeit.                                                       Foto: fh

Jeden zweiten Samstag in jedem zweiten Monat geht es turbulent zu. Der Wirt lädt dann zur Jam-Session ein. Vorwiegend Gitarren aller Art werden von Laien und Profis gespielt. Überwiegend Blues und Folk bringen dann die Gäste in Stimmung.

An den anderen ruhigeren Tagen steht ein Dart-Automat zum Zeitvertreib zur Verfügung. Ein gut funktionierender Tischfußball fordert Kicker auf, sich zu messen. Bei einem Bier kann dann ein fröhlicher Zeitvertreib den Abend abrunden.        ro

Suppenparadies für Eilige

Gekonntes Umrühren im »Soup2Go«

Wenig Zeit, viel zu tun, nichts gegessen. Der Alltag von vielen.  Doch gerne isst der eine oder andere vor allem in der kalten Jahreszeit zwischendurch eine Suppe, so wie sie Großmutter früher gemacht hat und nicht die Tütensuppe oder Fünf-Minuten-Terrine aus dem Supermarkt.

Wenn sich »Coffee to go« so gut verkauft, warum sollte das nicht auch mit Suppe gehen? Das dachte sich auch Bülent Özken, der vor ein paar Monaten sein Bubbletea-Geschäft in der Sonnenallee in »Soup2Go«, eine Suppenküche umwandelte.

Soup2go heiß und schnell.Foto: cr
Soup2go heiß und schnell.                                  Foto: cr

Özken, der anfangs sein Glück mit dem schnell bekannt gewordenen Bubble-Tea versuchte, musste bald wieder umsatteln. »Sowas fehlt in Neukölln«, sagt er über sein Suppenkonzept, das sehr gut ankommt.  Besonders stolz ist er darauf, dass alle Suppen selbst gekocht sind. Das bedeutet viel Arbeit und frühes Aufstehen. Alle zwei Tage wird mindestens neu gekocht, stundenlang steht er in der Küche, damit beschäftigt, die Suppe zuzubereiten. Die Hauptarbeit ist dabei das Umrühren. Keine Konservierungsstoffe, nur frische Zutaten – das ist das A und O.

Das Angebot ist übersichtlich und trotzdem vielfältig. Von Königsberger Klopsen über Thai Curry bis hin zu türkischer Linsensuppe und noch mehr – für jeden ist etwas dabei. Der Durst kann durch frisch gepressten Orangensaft gestillt werden oder türkischen Tee, der jederzeit kostenlos getrunken werden kann.

Wer keinen Appetit auf Suppe hat, kann ein Toast mit zerlaufenem Käse und Sucuk, eine Knoblauchwurst, essen.
Für die wärmere Jahreszeit hat sich Bülent Özken auch schon etwas ausgedacht. »Kalte Suppen, Joghurtsuppen – das ist etwas für den Sommer, vielleicht auch Salate«, überlegt er. Außerdem möchte er Sitzmöglichkeiten vor dem Laden aufstellen.

Den Leuten gefällt der Laden, es gibt auch schon Stammgäste. Özken freut sich jedes Mal, wenn er einen Gast wiedersieht. »Bis jetzt habe ich nur Positives gehört. Das spornt mich dazu an, weiterzumachen«, sagt er. Tipps nimmt er dankend an, auf Wünsche geht er ein. Er leitet zusammen mit seiner Familie einen Laden, der schon fast Bistrostatus erreicht hat.
Wer sich selbst ein Bild  machen möchte, kann in die Sonnenallee 72 zu »Soup2Go« gehen und eine der Suppen probieren.     cr

Soup2Go, Sonnenallee 72
Mo-Fr 10 – 20 Uhr, Sa 10 – 18 Uhr

Tempelhofer Feld

Volksbegehren soll Senatspläne ausbremsen

Kerzen leuchteten vor dem alten Abfertigungsgebäude des Flughafens Tempelhof. Unterstützer und Sympathisanten der Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld« hatten sich dort am Dreikönigstag eingefunden, um dem Senat heimzuleuchten.

Mitte Dezember konnte endlich die Unterschriftensammlung für das Volksbegehren zum Erhalt des Tempelhofer Feldes beginnen. Es zielt darauf ab, das Feld als einen Ort zu erhalten, den die Bürger gestalten und der nicht mit einer Landesbibliothek (ZLB) oder Luxuswohnungen zugebaut wird. Bis Mitte Januar sollen die notwendigen 23.000 Unterschriften für die erste Stufe des Volksbegehrens zusammenkommen. Dann könnte parallel zur Bundestagswahl im September der landesweite Volksentscheid über die Zukunft des Tempelhofer Feldes stattfinden.

Zentralflughafen. Foto: mr
Zentralflughafen.                                                Foto: mr

Das hat die Senatsbauverwaltung aber nicht daran gehindert, zu einem Ideenwettbewerb für die ZLB aufzurufen. Als Preisgeld winken 250.000 Euro. Damit sollen Tatsachen geschaffen werden, die die Durchführung des Volksbegehrens erschweren könnten, befürchten Gegner der Bebauung.

Auch der Innensenat wurde aktiv und legte ein »Entwicklungskonzept Sport für die Tempelhofer Freiheit« vor, das den Bau von acht neuen Sportplätzen sowie zwei Mehrzweckhallen vorsieht. Die sollen dort entstehen, wo auch die neuen Wohnquartiere geplant sind.

Die Bürgerinitiative wirft dem Senat vor, mit falschen Zahlen zu operieren: Das Gutachten behauptet, die volkswirtschaftlichen Kosten einer Nichtbebauung würden 300 Millionen Euro binnen 50 Jahren betragen, dagegen stehe in einem internen Arbeitspapier ein ebenso großes Minus bis 2025. Die Parkpflege koste jedoch nur 1,8 Mil­lionen Euro im Jahr.           mr

Die Grüne Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung

Vorsitzende Gabriele Vonnekold im Gespräch

Ihren Schwerpunkt in der Bezirkspolitik legt die Fraktion der Grünen auf die Jugend- und Integrationspolitik. Bei der Bildungspolitik betrachtet die Fraktionsvorsitzende der Grünen in Neukölln, Gabriele Vonnekold, die Inklusion durchaus als Königsweg, bei der die sonderpädagogischen Schulen abgeschafft werden und die Kinder in die Regelschulen integriert werden. Vonnekold bemängelt an dieser Stelle jedoch, dass die Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Inklusion noch nicht gegeben seien. Es gibt erhebliche bauliche Mängel an den Schulen, sie sind noch nicht behindertengerecht ausgebaut. Sie spricht sich für mehr Personal mit sonderpädagogischem Hintergrund aus, denn die wenigen Sonderpädagogen, die derzeit an den Schulen unterrichten, reichten bei Weitem nicht aus.

Gewaltprävention muss nach Ansicht der Grünen bei der Familienbildung beginnen, gemäß dem Motto »Starke Eltern, starke Kinder«. Dazu gibt es aber noch nicht ausreichend wohnungsnahe Angebote. Der Besuch von Kitas soll ab dem ersten Lebensjahr verpflichtend sein. Das sei der Zeitpunkt, an dem Kinder spielend eine zweite Sprache lernen, die sie wie eine zweite Muttersprache anwenden. Auch hier ist es wie überall: Es fehlt gut ausgebildetes Personal. Erzieher müssten Vonnekolds Ansicht nach ohnehin viel besser verdienen, denn sie legen den Grundstein für eine gute Schulbildung. In Schulen müssten mehr Sozialarbeiter tätig sein. Insgesamt kritisiert Vonnekold, dass Schulen bei auffälligen Kindern die Hoffnung zu schnell aufgeben und aussortieren.

Vonnekold.Foto: mr
Gabriele Vonnekold.                             Foto: mr

Die Fraktionsvorsitzende wünscht sich, obwohl selbst Autofahrerin, alle Fahrräder auf die Straße. Radfahrer sollen auf Fahrradstreifen auf der Straße besser sichtbar sein. Sie nimmt es dabei billigend in Kauf, dass mancherorts bereits Autofahrstreifen zugunsten des Fahrradstreifens entfernt wurden. »Selbst gut getarnte Fahrradfahrer ohne Licht und in dunkler Kleidung« möchte sie ger­ne erkennen können, »sie haben eben keine Knautschzone«.

Für die noch zu erwartenden und auch die bereits eingetroffenen Flüchtlinge wünscht sie sich eigene Wohnungen. Leider ist es in ihren Augen nicht realistisch, diesen Traum zeitnah zu verwirklichen. Daher unterstützt sie die Idee der Piraten, die sich bei Sammelunterkünften für Flüchtlinge dafür aussprechen, die Bewohner mit Studenten zu mischen. So kann gegenseitige Unterstützung stattfinden.

Das Tempelhofer Feld wollen die Neuköllner Grünen so lassen, wie es ist. Allerdings haben sie nichts gegen den Bau einer Schule oder eines Campus auf dem Feld, wenn es denn der Beschulung im Schillerkiez helfen würde. Freuen würden sich die Grünen, wenn offene Sport- und Spielstätten auf dem Feld entstünden, allerdings mit der Auflage, dass dort keine Vereine einziehen. Diese Orte sollen für nicht organisierte und sportinteressierte Menschen freigehalten werden.    ro

Alt-Berliner Eckkneipe mit Tradition

Spielen, Sparen und mehr im »Handwerkerstübchen«

Und es gibt sie doch noch: die alte Berliner Eckkneipe. In ihrer Bestimmung ist sie Wohnzimmer, Tröster bei kleinen und großen Sorgen und Ort der Kommunikation. Im Handwerkerstübchen, das bereits seit 90 Jahren existiert, wird diese alte Tradition gelebt.

Der Sparverein trifft sich wöchentlich dienstags und ist einer der größten in der Stadt. Eingezahlt wird wöchentlich, das Geld wird zur Bank getragen. Aufgrund des hohen Einzahlungsbetrags entfällt ein entsprechend hoher Zinssatz auf die Gesamtsparersumme. Die Buchführung übernimmt der Wirt. Ein kleiner Betrag wird für Veranstaltungen oder Reisen einbehalten.

Der Skatverein trifft sich jeden Donnerstag. Gespielt wird nach Punkten, und ein Obolus wird entrichtet, der, wenn die Kasse voll genug ist, verfeiert wird. Ebenso machen es die Dartspieler, die sich immer freitags treffen, und das Damenkränzchen, das sich beim Schwimmen amüsiert.

Die Skatspieler suchen dringend Nachwuchs. Einen kleinen Erfolg können sie dabei schon verbuchen: Drei junge Mitglieder haben sie für ihr Spiel gewinnen können. Zukünftig ist auch ein Schafkopfverein geplant.

Der Wirt möchte Menschen zusammenbringen. Als er das Lokal vor vier Jahren übernahm, hat er als erstes die Tische, die vor dem Lokal in einem kleinen Biergarten standen, entfernt und durch einen großen Tisch ersetzt. »An einem großen Tisch lässt es sich besser in Kontakt kommen als an vielen kleinen«, so seine Überzeugung.

Ein besonderes Ereignis ist die Weihnachtsfeier, die jedes Jahr am 24.12. von 8-12 Uhr stattfindet. Die Pfarrerin Kruse aus der benachbarten Genezarethkirche begrüßt die Gäste und hält eine Weihnachtspredigt. Abgerundet wird die Festlichkeit mit einem singenden Engel und gemeinsamem Gesang.

Überhaupt sind Veranstaltungen im Handwerkerstübchen immer etwas Besonderes. Zum FC Bayern-Spiel im Fernsehen etwa werden Weißwürste kredenzt. So steckt das Lokal immer voller Überraschungen.

Das alles reicht dem quirligen Wirt jedoch nicht. Geplant ist für den ersten Samstag im August ein Handwerkerball, zu dem selbstverständlich jedermann eingeladen ist. Freuen würde es ihn, wenn Teilnehmer, die ein Handwerk ausüben, auch in ihrer Berufskleidung erscheinen.      oj

Wer mehr wissen möchte, geht am besten zur Bedienung im Handwerkerstübchen,                     Hermannstraße 65, 12049 Berlin.

»Morus14« gerettet

Weihnachtsfeier mit Spendenpräsentation

Es war kein leichtes Jahr für das »Morus 14«. Nach einem optimistischen Beginn 2012 ging dem Verein im Laufe des Jahres fast das Geld aus.

Das »Morus 14« finanziert sich ausschließlich über Spenden und zeichnet sich durch seine Schülerhilfe aus. Ungefähr 100 Kinder aus dem Rollbergkiez erhalten hier von ehrenamtlichen Helfern Nachhilfeunterricht mit großem Erfolg.

»Morus 14«.Foto: fh
»Morus 14«.                                                             Foto: fh

Mit einem großen Knall musste sich der Geschäftsführer des »Fördervereins Morus 14 e.V.«, Gilles Duhem, im Herbst von seinem Job verabschieden, es war kein Geld mehr für sein Honorar da. Das Projekt stand auf der Kippe. Mit einer spektakulären Medienkampagne machte Duhem auf den finanziellen Notstand des Vereins aufmerksam – mit Erfolg. Stolz konnte er das Ergebnis im Dezember präsentieren. Neben vielen kleinen Spenden rettete die Firma »Wall« den Verein mit einem fünfstelligen Betrag. Die Arbeit ist damit für 2013 gesichert.

Gebührend war dann auch der festliche Akt, bei dem die SPD-Abgeordneten Raed Saleh und Erol Özkaraca für die Gäste kochten. Beide Politiker haben keine deutschen Wurzeln und überraschten mit traditionell deutscher Küche. Bei Ente, Klößen und Rotkohl fand die Feier einen krönenden Abschluss.        ro

Kulinarische Grüße aus Katalonien

Jahreszeitlich-mediterrane Genüsse im »Feliu«

Sant Feliu de Guíxols ist eine katalanische Küstenstadt an der Costa Brava, nordöstlich von Barcelona. Von hier stammt Bruno, der charismatische Inhaber des seit September 2012 eröffneten »Feliu«, hier hatte Brunos Vater 35 Jahre lang sein Restaurant. Hier gab es einst einen imposanten Tornado, der Fische ins Städtchen regnen ließ und dessen Fotos nun Wände und Visitenkarte des »Feliu« schmücken. Eigentlich ist der volltätowierte Comic- und Musikfan Bruno Grafikdesigner und Illustrator. Nach Stationen in San Francisco und Japan zog ihn die Liebe vor fünf Jahren nach Berlin. Durch die Arbeit in diversen Bars baute er sich ein Netzwerk auf, übernahm die erfolgreiche Tapas-Bar »Gastón« in der Weserstraße und verliebte sich in die vielfältige gastronomische Nachbarschaft Nord-Neuköllns, so dass er sich heute nicht mehr vorstellen kann, woanders hinzugehen.

Kerzenschein und Wein im »Feliu«.Foto: © Feliu
Kerzenschein und Wein im »Feliu«.        Foto: © Feliu

Für das »Feliu«, seiner Vorstellung eines stressfreien mediterranen Restaurants mit saisonalen Gerichten und Akzenten Kataloniens, fand er ein Team, dessen Schlagkräftigkeit – »wie das Team von Barca« – vor allem auf Freundschaft basiert: Der katalanische Küchenchef Pablo, Hans aus Chile, Managerin Amal und die anderen Mitarbeiter bringen hier ihre Ideen, Einflüsse und Erfahrungen zusammen. Mit Entenbrust und Gemüsecouscous, Doradenfilet in würziger Romesco-Soße, saftigem marinierten iberischen Schweinefilet mit Trinxat (einem katalanischen Kartoffel-Gemüse-Gericht) oder schwarzer Pasta mit Kalamarenstreifen und Pesto servieren sie ein schmackhaftes kulinarisches Programm. Die Hauptspeisen bleiben dabei unter moderaten zwölf, die Vorspeisen wie Jacobsmuscheln in Thai-Soße, Lachstatar mit Roter Bete oder Vichysoisse (einer Gemüsesuppe) mit hausgemachten Pilzravioli unter sieben Euro.
Die überschaubare Weinkarte – Sant Feliu ist übrigens auch berühmt für seine Kork-Industrie – macht die beiden rustikalen, in Kerzenlicht getauchten Räume zu einer Weinbar. Je drei rote und weiße offene und je vier bis fünf Flaschenweine aus Deutschland, Frankreich, Portugal und Spanien sind auf die Speisen abgestimmt. Mit den Jahreszeiten wird Menu und Weinauswahl alle drei Monate geändert; ein Grund mehr, dieses gemütlich-lockere Restaurant nahe des Kottbuser Damms immer mal wieder zu besuchen.     hlb
Feliu Restaurant + Wine Bar, Pflügerstr. 4, Küche tgl. 19 bis 22:30 Uhr, Sa./So. bis 23 Uhr,
www.feliu-berlin.de , Facebook: Feliu.Berlin, info@feliu-berlin.de

Gespaltene Persönlichkeiten

Doppelausstellung in der Galerie »EXPO« und der Bar »Helmut Kohl«

Schneegerahmt wirkt das Böhmische Dorf heute geradezu lächerlich pittoresk. Es stört uns nicht weiter: Wir sind auf dem Weg zu gespaltenen Persönlichkeiten. Vor einem hell erleuchteten Kubus in der Kirchhofstraße haben wir unser Ziel erreicht: »Expo«. Sabine Jamme und Vincent Chomaz haben hier kürzlich ihre erste Galerie eröffnet, in der neben Ausstellungen wie »Kant Reloaded« auch Kopfhörerkonzerte stattfinden.

Heute läuft »Split Personality« und wir lassen uns eine Führung geben. Neben allegorischen Selbstdarstellungen der als Meisterin der Kombinatorik bezeichneten Berliner Künstlerin Alex Tennigkeit betrachten wir eine große malerische Arbeit von Fleur Helluin, auf der ein dicker bärtiger Mann zu sehen ist, der sich gerade mit einem Smartphone selbst photographiert. Kae zeigt wiederum sich selbst mit Rasierschaumgesicht vor dem Spiegel und Sally M. Jaber erklärt uns ihre interaktive Installation: In vorgegebenem Bewegungsradius dürfen wir mehrere Stifte gleichzeitig zeichnenderweise über Papier führen. Wir meinen bereits zu verstehen, was es mit der gespaltenen Persönlichkeit auf sich hat, als Sabine Jamme uns darauf hinweist, dass wir »nur die halbe Ausstellung« sehen.

EXPO Galerie.Foto: mr
EXPO Galerie.                                                        Foto: mr

Michel Braun, Betreiber der »Helmut Kohl Bar«, hat die Ausstellung gemeinsam mit »Expo« kuratiert. Wenig später brechen wir zusammen mit den anderen Besuchern zu einem Fußmarsch durch Neukölln auf. Im »Helmut Kohl« bemerken wir, dass sich hier die gleichen Künstler ganz anders zeigen: Eine Animation von Kae, kleine glitzernde Zeichnungen von Fleur und weitere Überraschungen finden sich in den Hinterräumen der Bar, die nur durch ein Loch in der Wand zu erreichen sind. Während wir uns die Ausstellung weiter zu Gemüte führen, gönnen wir uns den einen oder anderen Drink, und alles verschwindet nach und nach in einem sanften Nebel.      hk

Verleihung der Ehrennadel

Neuköllner engagierten sich in ihrem Bezirk

Ehre wem Ehre gebührt. Am 15. Dezember  wurden im Schloss Britz wieder Menschen mit der »Neuköllner Ehrennadel« geehrt, die sich in besonderer  Bedeutung ehrenamtlich, sozial oder durch außerordentliche Leistungen für Neukölln hervorgetan haben.

So engagiert sich Beate Hauke seit 20 Jahren für eine Verbesserung der Schillerpromenade. Hundekotbeutel und ein Hundeleitfaden, Hausmeisterschulungen und Baumscheiben Begrünung sowie die Einführung des »Marktes der Vielfalt« oder der Verein »Pro Schillerkiez 2010« gehen auf ihre Initiative zurück. Christian Korb ist seit fast 30 Jahren für den »Arbeiter Samariter-Bund« (ASB) als Koch bei Großveranstaltungen, Rettungssanitäter und Ausbilder beim Katastrophenschutz sowie seit 2010 als Leiter des »ASB Berlin Süd« tätig.

Weitere zu Ehrende waren die Schülerin Lam Thanh Ly, Botschafterin der Neuköllner Jugend, Peter Renkl, der mit Musiktherapie das kreative Potenzial bei Behinderten erweitert, die aktive Schwimmerin Brigitte Merten, die mit 67 Jahren in die »Ruhmeshalle des internationalen Schwimmsports« aufgenommen wurde, sowie der Diplomkaufmann Soran Ahmed, der sich in der »Aktionsgemeinschaft Rudower Geschäftsleute e.V.«  engagiert.            tr

IPhone und Zauberwürfel

Und Gott sah, dass es gut war

Am Anfang war nichts und Apple schuf das IPhone und Gott sah, dass es gut war. So stellt sich wahrscheinlich jeder Apple-Anhänger seine perfekte Welterschaffung vor. Umso schöner ist es, in dieser von IPhones, IPads und anderen I-Was-Weiß-Ichs gesteuerten Generation zu sehen, dass es doch noch Hoffnung für ein Leben ohne High-Tech gibt. Es ist doch immer wieder toll, von der Arbeit zu kommen oder um Weihnachten herum durch das Kaufhaus zu gehen und die kleinen Kinder, nicht einmal sechs Jahre alt, schon mit Handys zu sehen. In der U-Bahn nur Getute, die neuesten Klingeltöne werden ausgetauscht, Gespräche werden über Apps oder per SMS geführt.

ZauberWürfel. Foto: fh
Zauberwürfel auf IPhone.                                   Foto: fh

Mittendrin, zwischen all den tutenden und klingelnden Handys sitzt ein Junge und dreht seelenruhig einen Gegenstand in der Hand. Der Junge ist vielleicht 13 oder 14 Jahre alt und beschäftigt sich mit einem Zauberwürfel. Es ist interessant zu sehen, wie er sich ernsthaft Gedanken darüber macht, auf eine Lösung zu kommen, statt zu sagen: »Ja ey, ganz easy, wozu hab ich Internet-Flat?« Es dauert etwa vier U-Bahn-Stationen, bis er fertig ist. Statt ihn danach wegzulegen, beginnt er von vorne.

Am Anfang war also das Nichts und Apple schuf das IPhone und Erno Rubik schuf den Zauberwürfel. Gott schnappte sich den Würfel und sah, dass es besser war, auch mal sein Gehirn anzustrengen.      cr

Viel Schule zu Weihnachten

Die Themen der Weihnachtsausgabe der Kiez und Kneipe sind in keiner Weise weihnachtlich, eher schullastig. Da gibt es die Leuchtturmprojekte wie der Flugsimulator, der in der Alfred-Nobel-Schule gebaut worden ist. Die Mehrzweckhalle auf dem Campus Rütli wurde feierlich eingeweiht. Die Schulsportlerehrung zeigt die sportliche Seite Neuköllns. Für alle diese Projekte musste Geld in die Hand genommen werden, sei es von Spendern, dem Bezirk oder über Drittmittel. Nicht zu vergessen ist das große Engagement Einzelner.

Da gibt es jedoch auch die Schattenseiten der Neuköllner Schullandschaft: Die Inklusion im Bildungsbereich ist verordnet, das Geld  für die Umsetzung jedoch fehlt. Lehrer im Richardkiez arbeiten über ihre Kapazitätsgrenze, das Durchschnittsalter liegt über 50 Jahren. Wir wünschen uns für die Schüler im Bezirk, dass mehr Geld für Pädagogik und Schulausstattung fließt. Vielleicht hilft der Weihnachtsmann.

Petra Roß

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von Thomas Renner

Nr. 306 – Dienstag, 31. Dezember 1912

Der Silvestertag in der Kulturgeschichte
Die besondere Bedeutung des Silvestertages läßt sich nicht verkennen: Er ist des scheidenden Jahres Sterbetag, der Stützpunkt in dem brausen der Wirbel der Zeit, an dem wir einen Augenblick Rast machen und Einkehr halten. Wenn die Zeiger auf Mitternacht rücken, dann werden viele Wünsche und Hoffnungen wach. In Erfüllung gehen freilich die wenigsten, immerhin sind der Kulturgeschichte genug Beispiele bekannt, in denen der Silvestertag der Künder des Neuen und Besseren wurde.

Am 31. Dezember des Jahres 1746 erließ Friedrich der Große eine wichtige Konstitution. Sie enthielt einen Plan, nach dem die [Gerichts-]Prozesse in allen Instanzen in einem Jahre erledigt werden sollten. Ferner erhielt Cocceji [Samuel von (1679-1755), preußischer Justizminister und Großkanzler – Anm. Red.] den Auftrag, „ein Teutsches Allgemeines Landrecht, welches sich bloß auf die Vernunft und Landesverfassung gründete, zu verfertigen.“ Freilich war es erst Großkanzler von Carmer [Johann Heinrich (1720-1801), preußischer Justizminister und Großkanzler] beschieden, die Justizreform zu Ende zu bringen. In einer Silvesterkabinetsorder konnte Friedrich Wilhelm II. die königliche Genehmigung zum Entwurf des Allgemeinen Landrechts geben, das dann im Jahre 1794 zur Einführung gelangte. Ueberspringen wir ein halbes Jahrhundert. In der Neujahrsnacht 1883=4 war es, als die Zollschranken zwischen den meisten deutschen Staaten fielen. Die Folgen des Zollvereins waren äußerst segensreich. Er schuf einen großen deutschen Markt, er ermöglichte eine gemeinsame Zoll- und Handelspolitik gegenüber dem Wettbewerb des Auslandes und bereitete endlich die künftige nationale Einheit vor.

Im Gegensatz zu diesem Ereignis mit seiner weittragenden Bedeutung steht ein anderes, das nur im engen Kreise der Beteiligten Wirkung äußert, deshalb jedoch seine kulturelle Bedeutung nicht verliert: Es ist die „Armenversteigerung“, die in einigen Schwarzwalddörfern an jedem Silvestertage abgehalten wird. Hier  handelt es sich um unselbständige, mit einem körperlichen oder geistigen Gebrechen behaftet, aber doch noch zu leichten Arbeiten verwendbare Menschen, die in einem der Bauernhöfe untergebracht und beschäftigt werden müssen. Die Gemeindekasse zahlt je nach der Leistungskraft des Versteigerten einen Zuschuß von 50-100 Mark. Der Bauer, der mit der kleinsten Unterstützung zufrieden ist, erhält den Zuschlag. Der Bürgermeister ermahnt zu guter Behandlung, und dieser Rat wird befolgt. Fälle von Unbarmherzigkeit oder Roheit sind äußerst selten. Die armen Kranken leben Jahre oder Jahrzehnte lang in einem Hause und fühlen sich glücklich; glücklicher jedenfalls als in der Kreispflegeanstalt, der sie von Heimweh getrieben, oftmals entspringen. Die Verträge werden in Gegenwart des Gemeinderates und Ortspfarrers unterzeichnet; die Dienstherren ziehen mit ihren erworbenen Knechten ins Wirtshaus, wo der Vertragsschluß bei Speise und Trank gefeiert wird – ein Fest, für die armen Kranken und Krüppel, auf das sie sich lange freuen. Und somit entspricht hier der Silvestertag seiner ureigensten und inneren Bedeutung: Ein neues Laben beginnt auf Grund guter und heilsamer Entschlüsse.

Seinen Namen verdankt bekanntlich der Silvester dem Papste dieses Namens, der in den Jahren 314 bis 335 Bischof von Rom gewesen ist. Seine Welthistorische Bedeutung liegt nicht so sehr in seiner Tätigkeit als Kirchenfürst, sondern in Anknüpfung der „Konstantinischen Schenkung“ an seine Regierung. Diese Legende, daß der fromme christliche Kaiser Konstantin [280-337, röm. Kaiser seit 306] dem Papste Silvester das gesamte Abendland zur Regierung überwiesen habe, hat in dem Denken des Mittelalters eine große Rolle gespielt. Sieben Jahrhunderte nach dem ersten, stand ein zweiter Silvester an der Spitze der abendländischen Kirche. Es war der berühmte französische Gelehrte Gerbert [von Aurillac (950-1003)], der Freund Kaiser Ottos III. [980-1002, deutscher König seit 983, Kaiser des Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation seit 996], der im Jahre 999 den päpstlichen Thron bestieg. Sein Name ist mit einer der interessantesten kulturgeschichtlichen Neuerung in Europa verknüpft. Er war es nämlich, der wahrscheinlich die bequemen arabischen Ziffern im Westen einführte, mit welcher Reform er dem Geschäftsleben wie der Naturwissenschaft einen bedeutsamen Dienst geleistet hat.

Muslim und schwul?

Homosexualität, Sozialdemokraten und Migranten

Es sei die »härteste Rallye Berlins, als Dragqueen durch die Sonnenallee zu laufen«, meinte Fritz Felgentreu und stellte die Frage, ob homophobe Einstellungen besonders bei jungen Muslimen häufiger zu beobachten seien als bei Biodeutschen. Der Vorsitzende der SPD Neukölln moderierte am 30. November im Moviemento eine Podiumsdiskussion, bei der über die Frage diskutiert wurde, wie schwullesbisches Leben mit dem Islam zusammenpasst. Eingeladen hatten die AG Migration und die AG Schwusos der SPD Neukölln.

Das Podium.Foto: mr
Das Podium.                                                           Foto: mr

Ender Cetin vom Trägerverein der Sehitlik Moschee meinte dazu, dass gerade Minderheiten, die sich nicht anerkannt fühlen, dazu neigen, wiederum andere Minderheiten zu diskriminieren. Was die theologische Auslegung angehe meinte er, nicht die Homosexualität an sich sei eine Sünde, sondern nur das Ausleben derselben. Aber auch das sei eine »Privatsünde«, die niemanden etwas anginge. Das müsse dann jeder mit seinem Gott allein ausmachen.
Im Übrigen sei der Islam auch in dieser Frage sehr vielschichtig. Saudi- Arabien oder der Iran seien nicht das Maß der Dinge. Auch in der muslimischen Gesellschaft gebe es inzwischen Bestrebungen, die Haltung gegenüber Homosexualität zu liberalisieren. Man müsse nicht alles akzeptieren, aber es doch zumindest respektieren.

Um aber diese Toleranz zu lernen, brauche es Bildung, meinte Kirstin Fussan, Geschäftsführerin der Berliner SPD. Die Schule habe dabei die Aufgabe, Rollenbilder zu definieren.  Daher müssten auch in Schulbüchern Regenbogenfamilien vorkommen. Und die Lehrer brauchen den Mut und die Fähigkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Aber auch die Zivilgesellschaft ist gefordert. Vereine und Verbände müssen mit einbezogen werden, weil sich Kinder ihre Informationen nicht nur in der Schule holen.

Es sind traditionelle Rollenbilder, die zu Homophobie führen, meinte auch Maria Tischbier, Beauftragte für schwullesbische Lebensweisen bei der Berliner Polizei. Das Männliche werde immer noch dem Weiblichen gegenüber als überlegen empfunden. Ein Aufbrechen dieser Rollenbilder führe zu Verunsicherung. Nach der Diskussion auf dem Podium kam es noch zu einem regen Austausch mit dem Publikum.    mr

Fliegendes Klassenzimmer

Schüler bauen einen Flugsimulator

So ganz wohl war der Bezirksstadträtin für Bildung Franziska Giffey nicht, als sie sich in den Flugsimulator der Alfred-Nobel-Schule setzte, um mit ihrer Copilotin unter Anleitung eines Schülers der achten Klasse von einer neuen Startbahn des Flughafens Schönefeld abzuheben. Schon bald war ihr aber das Vergnügen anzusehen, den Simulator zu bedienen.

Der Projektleiter René Beator stellte sich 2011 bei der Direktorin der Schule vor und brachte die Idee ein, mit einer Gruppe von Schülern des achten Jahrgangs einen Flugsimulator zu bauen, der sich nicht hinter professionellen Simulatoren zu verstecken braucht. Vorstellen konnte sich das keiner so richtig, aber der gelernte Pilot machte sich mit den Schülern ans Werk, den ersten Flugsimulator in einer Berliner Schule zu bauen. Für das Gehäuse fanden alte DDR-Schrankwände eine würdige neue Bestimmung. Es wurde gesägt, gehämmert und genagelt. Dann wurde die Technik installiert und ein Simulator nach Vorlage der Boeing 737 und des Airbus A320 war fertig.

simulator. Foto: Kirsten Jenne
Simulator.                                        Foto: Kirsten Jenne

Am 6. Dezember war es soweit. Vertreter der Luftfahrt sowie Schüler und Lehrer der Alfred-Nobel-Schule weihten das technische Werk ein. Schüler bekommen hier die Möglichkeit, sich mit dem Fliegen und dem Geschehen im Kontrollturm anzufreunden. Sie erhalten die Gelegenheit, ein Berufsfeld kennen zu lernen, das wohl kaum ein Neuköllner Elternhaus vermitteln kann.     ro

Unser Dorf soll schöner werden

Neugestaltung der Karl-Marx Straße nimmt Formen an

Im nächsten Jahr soll in Neukölln, wie bereits in anderen Bezirken, ein Parkraumkonzept entwickelt werden. Danach werden voraussichtlich tagsüber auf der Karl-Marx-Straße die Dauerstellplätze wegfallen. Das bedeutet für die Mitarbeiter der Geschäfte, dass sie nicht mehr kostenfrei parken können. Da auch das Kurzzeitparken eingeschränkt werden soll, werden die Kunden der Geschäfte in die Seitenstraßen verdrängt. Dies erfuhren die Teilnehmer  beim Treffen der [Aktion! Karl-Marx-Straße] am 22. November.

Ferner soll im Jahr 2013 die Passage umgestaltet werden, wobei unter anderem Info-Vitrinen für die anliegenden Kultur-einrichtungen geplant sind. Auf dem Platz der Stadt Hof soll ein neues Bistro entstehen und am Platz vor Woolworth sollen Bäume gepflanzt und Sitzbänke aufgestellt werden.

Außerdem ist geplant, mit Hilfe eines Gutachterverfahrens Künstler auszuwählen, die Objekte für die Gestaltung der Straße entwerfen sollen, getreu dem Motto »Unser Dorf soll schöner werden«.

Platz der Stadt Hof.Foto: fh
Platz der Stadt Hof.                                                Foto: fh

Ferner ging es noch um die Zukunft des Kindl-Geländes. Geplant ist hier, im Erdgeschoss des alten Sudhauses ein Café einzurichten, in den weiteren Etagen sollen Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst, eine Bibliothek und Ateliers geschaffen werden. In Richtung der Rollbergstraße ist ein Biergarten geplant.

Auf den Freiflächen Richtung Neckar­straße sind Wohnungen vorgesehen, allerdings nicht die so dringend benötigten Mietwohnungen, sondern teure Eigentumswohnungen. Der Bebauungsplan für diesen Teil des ehemaligen Kindl-Geländes nördlich der Werbellinstraße liegt bis einschließlich 20. Dezember im Rathaus aus.

Ein wesentlicher Tagesordnungspunkt war die Wahl der neuen Lenkungsgruppe. In diesem Gremium sitzen Vertreter der Bewohner, Geschäftsleute, Hauseigentümer und Künstler, um gemeinsam an der Gestaltung der Straße mitzuarbeiten. Gewählt wurde in einer öffentlichen Wahl ohne Stimmzettel, gefragt wurde dabei nur nach den Enthaltungen und den Nein-Stimmen. Die zwölf zur Wahl angetretenen Kandidaten wurden mit überwältigender Mehrheit bestätigt. Keiner hatte mehr als eine Enthaltung oder Nein-Stimme.     mr