Muslimischer Friedhof

Suche nach Ruheplätzen

In Berlin sterben jährlich ungefähr 1.000 Muslime, die zumeist in ihren Heimatländern bestattet werden. Immer mehr jedoch wollen hier in der Stadt nahe der Familie beigesetzt werden.
Auf dem Garnisonfriedhof liegen aktuell 1.500 Menschen begraben und der Platz wird knapp. So kam bereits im Jahr 2012 die Idee auf, den Friedhof auf das Tempelhofer Feld zu erweitern, um zunächst Platz für 500 Gräber zu schaffen.
Diese Pläne scheinen nun nach dem Volksentscheid verworfen zu werden. Zu viel spricht gegen eine Erweiterung. Nach dem THF 100-Gesetz ist eine Einzäunung nicht gestattet. Das ist nicht im Sinne der muslimischen Gemeinde. Aus hygienischen Gründen soll eine Umrandung mit einer Mauer verhindern, dass dort Hunde wildern. Hinzu kommt, dass das Gebiet viel kleiner ist, als es von der Politik versprochen wurde. Lediglich für 100 Bestattungen reicht der Platz. Nicht berücksichtigt wurde außerdem, dass der Standort des KZs, wo bis vor Kurzem Ausgrabungen stattfanden, möglicherweise als Bodendenkmal vorgesehen ist.
Offen ist die Sehetlik-Gemeinde gegenüber Beerdigungen auf konfessionellen Friedhöfen, sofern der muslimische Ritus respektiert wird. Von kirchlicher Seite gibt es keine Einwände, sofern die Friedhofsverwaltungen miteinander kooperieren.

ro

Neues Abgeordnetenbüro der Grünen in Nordneukölln

Queere Ausstellung in den neuen Räumen der Wipperstraße

Seit dem 1. Januar 2014 stehen den Berliner Abgeordneten ein erhöhtes Budget für Mitarbeiter und Büroausstattung zu. Dem Ziel einer qualifizierten Arbeit kommt das Abgeordnetenhaus damit ein Stück näher. Die Abgeordneten befinden sich seitdem auf der Suche nach passenden Büroräumen, um den Bürgern ihres Wahlkreises näher zu sein, die hier ihre Fragen stellen oder Beschwerden formulieren können.

kiezbuero1Susanna Kahlefeld und Anja Kofbinger vor ihrem neuen Büro.                        Foto: Christian Kölling

Die Abgeordneten Anja Kofbinger und Susanna Kahlefeld sind nun in der Wipperstraße 25 im Richardkiez fündig geworden. Politisch und neusprachlich korrekt heißt das im April eröffnete Büro »Grünes Bürger*innen Büro« und ist Montag, Dienstag und Donnerstag von 10:00 bis 16:00 Uhr von den Mitarbeitern besetzt. Die Bezirksverordnete Mahi Christians-Roshanai bietet jeden Dienstag von 11:00 Uhr bis 13:00 Uhr Beratung zum Thema »Klärung von Fragen rund um die Schule«. Ob es nun um den Schulwechsel geht, Probleme mit den Lehrern auftauchen oder es Schwierigkeiten mit dem Lernen gibt, darauf versteht sie sich besonders gut.
Im Rahmen von »48 Stunden Neukölln« stellte der Neuköllner Künstler Egon Rathke seine Werke im neuen Bürgerbüro aus. Mit der Ausstellung »My Name Is Not Baby« zeigt er seine queeren Bilder aus Öl in faszinierender Ästhetik. Männer in Posen und Köpfe bunt geschminkter Transen zeigen sich hier von ihren Schokoladenseiten. Der Betrachter beginnt zu schmachten.

transen»Tatjana« und »Frank« von Egon Rathke.   Foto: fh

Rathke beschreibt Nordneukölln als Wimmelbild, in dem er Ruhe und Freude, Empörung und Faszination entdecken kann. Er empfindet den Bezirk queer, straight, laut, dreckig, spannend, überraschend herrlich und manchmal auch unheimlich anstrengend, aber »There´s no place like home«. Es gibt eben keinen vergleichbaren Ort wie Neukölln.

ro

Powerkraut schenkt Energie

Löwenzahn, ein vielseitiges, überall zu findendes Zaubergewächs

Löwenzahn besitzt eine hohe Widerstandskraft. Wird das Kraut herausgerupft, wächst es schnell nach. Darüber sollten wir uns freuen, denn genau diese Widerstandsfähigkeit schenkt uns die Löwenzahnwurzel mit –kraut (Taraxaci radix cum herba), wenn wir die Heil- und Küchenpflanze richtig anwenden. Bevor die Mähmaschinen auf dem Tempelhofer Feld diese tolle Pflanze aus der Familie der Korbblütler wieder niederstrecken, pflückt sie euch für Salate, Tees, Wein, zur Kaffeeröstung oder zur Herstellung leckerer Green Smoothies. Da ich hier nicht auf alle Zubereitungen eingehen kann, empfehle ich das Internet.
Löwenzahn hat einen positiven Einfluss auf das Verdauungssystem. Die Pflanze steigert die Magensaftsekretion, wirkt krampflösend und beugt Völlegefühl vor. Wer unter Magenproblemen leidet, sollte seine Mahlzeiten mit Löwenzahn aufpeppen und ihn als Spinat, Suppe oder im Salat genießen.
Täglich drei Tassen Löwenzahntee unterstützen das Verdauungssystem und regen Galle und Leber an, sodass der Fettstoffwechsel verbessert wird. Für den Tee eignen sich die Wurzeln und die frischen Blätter. Die letzte Tasse sollte jedoch – wegen der diuretischen Wirkung – spätestens zwei Stunden vor dem Zubettgehen getrunken werden. Um die durchspülende Wirkung des Löwenzahns zu unterstützen, werden zusätzl ich zwei Liter Wasser pro Tag getrunken.

Löwenzahn (5)

Bald eine Pusteblume.                                    Foto: mr

Die Kommission E, die selbstständige, wissenschaftliche Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, bestätigt dem Löwenzahn seine positive Wirkung auf Verdauungssystem, Niere und Blase. Die Volksheilkunde (überliefertes Wissen) geht weiter und vertraut der gelben Blüte mit den gezahnten Blättern auch bei Diabetes, Wundheilungsstörungen, Immunschwäche, Akne, Warzen und Hühneraugen. Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen, nur sollte eine Pflanze nicht für sämtliche Krankheiten herhalten müssen. Jeder Mensch ist individuell und wird somit unterschiedliche Erfahrungen machen.

km

Petras Tagebuch

Gebügelt und gerädert

Ich gehöre zu den Menschen, man mag mich da für spießig halten, die vom Wäschebügeln absolut überzeugt sind. Es ist nicht nur so, dass Stoffe dadurch schöner aussehen, das Bügeln wirkt auch imprägnierend und ist damit ökologisch vertretbar, weil die Waschmaschine geschont wird.
Gebügelt wird bei mir mit Dampfbügeleisen, das mit destilliertem Wasser befüllt wird. Und das ging gerade aus.
Nach einer Nachtschicht, in der ich zweieinhalb Stunden Halbschlaf hatte, habe ich mich nach einem anstrengenden Arbeitstag auf den Weg gemacht, um eben dieses Wasser zu kaufen. Mit viel Gewicht in den Fahrradtaschen und völlig übermüdet fuhr ich mit dem festen Vorsatz, mich gleich ins Bett zu legen, in Richtung meiner Wohnung. Dann aber musste ich hier und da noch anhalten, um einen Klönschnack zu halten. Ein Konzert, das mich interessiert hätte, sagte ich ab. Es war dann 21:00 Uhr, als ich zu Hause ankam.
Da mich das Durcheinander in der Wohnung aufregte, fing ich an, noch ein wenig aufzuräumen. Und als ich endlich meine Taschen ausräumte, stieß ich auf das destillierte Wasser.
Sofort hatte ich das Bügeleisen in der Hand und probierte das Wasser aus. Ja, es war besser als das vorherige, so meinte ich. Und bügelte und bügelte. Alle meine Tischdecken, Hosen, Blusen und Röcke sahen wieder schick aus. Es war 3:30 Uhr, als ich fertig war. Ich war wach und sollte am Morgen um 7:00 Uhr wieder aufstehen.
Das klappte übrigens nicht. Als um 10:00 Uhr das Telefon klingelte, befand ich mich noch immer im Tiefschlaf

Das Volk hat sich entschieden

suedblockJubel für das Tempelhofer Feld.                                                            Foto: fh

Das Tempelhofer Feld bleibt frei von Bebauung

Die Spannung war mit Händen zu greifen. Eine große Menschenmenge hatte sich am Abend des 25. Mai auf dem Tempelhofer Feld eingefunden, um gemeinsam auf das Ergebnis des Volksentscheids über die Zukunft des Tempelhofer Feldes zu warten.
Zwei Gesetzesvorschläge standen zur Wahl. Die Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld« forderte, dass der Senat den jetzigen Zustand des Geländes erhalten muss und die Fläche weder verkaufen noch bebauen darf.
Der zweite Vorschlag von den Regierungsparteien SPD und CDU sah vor, die Ränder mit Wohnungen, Schulen und Gewerbe zu bebauen. Viele erwarteten eine knappe Entscheidung zwischen den beiden Gesetzen, zumal sich mit dem »Aktionsbündnis Tempelhof für alle« ein breites Bündnis aus Wohnungsbaugesellschaften, Sport- und Sozialverbänden, Kammern, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften mit großem personellen und finanziellen Aufwand für die Bebauung des Feldes engagierte.
Umso größer war der Jubel, als Felix Herzog gegen 21 Uhr die ersten belastbaren Zahlen verkündete. Das Votum der Bürger war eindeutig. Das Feld bleibt unbebaut.
Es wurde gefeiert bis tief in die Nacht. Selbst die Sicherheitskräfte, die nach Einbruch der Dunkelheit die Tore zum Feld geschlossen hatten, zeigten ein Einsehen. Sie ließen die Feiernden weitgehend in Ruhe. Als sich im Laufe des Abends immer mehr Menschen vor dem Tor an der Herrfurthstraße versammelten und aufs Feld wollten, öffneten sie das Tor sogar noch einmal.
Gefeiert wurde auch im »Südblock« in Kreuzberg. Die Bürgerinitiative und befreundete Parteien fielen sich in die Arme, es blieb kein Auge trocken.

Das Gesetz wurde angenommen

Misstrauensvotum gegen die Senatspolitik

Die Entscheidung der Berliner Wähler war eine eindeutige Absage an die Bebauungspläne des Senats. Mit 46,1 Prozent lag die Wahlbeteiligung deutlich höher als beim Volksentscheid über die Rekommunalisierung der Berliner Energieversorgung, der nur 29,1 Prozent der Wahlberechtigten mobilisieren konnte.

thf_für alleTempelhof für alle.                                                                    Foto: mr

Knapp 30 Prozent aller wahlberechtigten Berliner stimmten für den Erhalt des Tempelhofer Feldes und erreichten damit locker das nötige Quorum. Ein Volksgesetz tritt in Kraft, wenn 25 Prozent der Wahlberechtigten dafür stimmen. 64,3 Prozent der abgegebenen Stimmen – das entspricht in absoluten Zahlen 738.124 Wählern – entfielen auf das Gesetz der Bürger-initiative. Der Vorschlag des Abgeordnetenhauses konnte nur etwa 468.431 Stimmen gewinnen; das entspricht 40,8 Prozent.
In Friedrichshain-Kreuz­berg war mit 77 Prozent die Zustimmung zum Gesetz der Initiative am größten, gefolgt von Neukölln. Dort wollen 74,4 Prozent der Wähler ein freies Tempelhofer Feld.

thf2Für viele ein Ort zur Erholung.                                        Foto: mr

In den Diskussionen in den sozialen Netzwerken ebenso wie im Straßenwahlkampf wurde deutlich, dass viele Wähler, die eine Bebauung nicht grundsätzlich ablehnen, trotzdem den Entwurf der Bürgerinitiative unterstützten, weil sie die Planungen des Senats dilettantisch und unausgegoren fanden, die Bürgerbeteiligung für eine Farce hielten und sie den Versprechungen, günstigen Wohnraum zu errichten, keinen Glauben schenkten.
Dieses Misstrauen wurde noch verstärkt durch den eilig zusammengezimmerten Gesetzesentwurf, der keine klaren Aussagen traf und eigentlich nichts weiter war als ein Blankoscheck fürs Bauen nach Belieben.

mr

Die Europäer haben ihr Parlament gewählt

Rechtspopulisten und Euroskeptiker geben zukünftig den Ton an

Europa hat sein Parlament gewählt, und das wird deutlich konservativer und europaskeptischer, aber auch bunter.
Stärkste Kraft wurde die konservative Europäische Volkspartei (EVP) mit Spitzenkandidat Jean-Claude Juncker, gefolgt von den Sozialdemokraten. Aber überall in Europa legten rechts-orientierte und populis­tische Parteien zu, wie der französische Front National oder die britische Unabhängigkeitspartei UKIP, die jeweils stärkste Kraft wurden. In Deutschland gewann die eurokritische AfD aus dem Stand sieben Prozent. Die Abschaffung der Dreiprozenthürde führte dazu, dass auch die Freien Wähler, die Piraten, die NPD, die ÖDP, die Familienpartei, die Tierschutzpartei und die PARTEI erstmals im Europaparlament vertreten sein werden.
Die Wahlbeteiligung steigerte sich in Deutschland im Vergleich zu 2009 von 43,3 auf 47,9 Prozent, europaweit lag sie nur bei 43,09 Prozent.
In Berlin wurde die SPD überraschend mit 25 Prozent stärkste Kraft, gefolgt von der CDU mit 20 Prozent. Im Bund fiel das Ergebnis genau andersherum aus. Die Berliner Grünen landeten bei 19,1 und Die Linke bei 16,2 Prozent. Die AfD konnte auch hier 7,9 Prozent der Wähler von ihrem Programm überzeugen.
Berlin wird damit elf der 96 Abgeordneten stellen, die Deutschland in das Europäische Parlament entsendet. Michael Cramer von den Grünen gehört dazu, ebenso wie Sylvia-Yvonne Kaufmann von der SPD und Joachim Zeller von der CDU.
Auch in Neukölln konnte die SPD Gewinne verzeichnen und wurde mit 23,4 Prozent stärkste Partei. Hier lagen aber die Grünen mit 20,9 Prozent an zweiter Stelle, knapp vor der CDU, die auf 20,8 Prozent kam. Für Die Linke votierten 13,8 Prozent der Wähler.
Die Wahlbeteiligung in Berlin lag bei 46,7 Prozent. 2009 hatten sich nur 37,9 Prozent auf den Weg zur Wahlurne gemacht. 

mr

Neues aus der BVV

Zweckentfremdungsverbotsverordnung

Wie soll das Gesetz über das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum umgesetzt werden? Das war das Thema einer großen Anfrage der SPD in der Bezirksverordnetenversammlung am 7. Mai.
Lediglich 17 Sachbearbeiter stelle der Senat den Bezirken stadtweit für die Überwachung und Durchführung des Verbots bereit, berichtete Baustadtrat Thomas Blesing. Das werde aber mit einiger Sicherheit nicht ausreichend sein. Um diese wenigen Fachkräfte möglichst effizient einzusetzen, schlagen mehrere Bezirke eine so genannte Regionalisierung vor, bei der das Zweckentfremdungsverbot von einer Stelle aus überwacht und koordiniert werden soll. Der Bezirk Mitte hat sich dafür angeboten. Eine Entscheidung darüber sei noch nicht abschließend getroffen, erklärte Blesing. Neukölln habe sich aber im Rat der Bürgermeister dagegen ausgesprochen.
Nach derzeitigen Planungen kann Neukölln vier Mitarbeiter einsetzen, wobei zwei aus dem Wohnungsamt kommen und zwei weitere neu eingestellt werden sollen. Wann sie ihren Dienst antreten können, ist laut Blesing noch unklar. Sicher sei nur, dass die Verträge bis 2015 befris-tet seien. Das wiederum fand Jochen Biedermann (Grüne) reichlich unsinnig. Denn wenn die Leute sich gerade eingearbeitet und ihr Netzwerk im Bezirk aufgebaut haben, sei ihr Dienst bereits wieder abgelaufen.
Im Bezirksamt seien bereits Meldungen zur zweckfremden Nutzung von Wohnraum eingegangen, berichtete Blesing. Eine konkrete Sachbearbeitung erfolge bis auf Weiteres aber nicht. 

mr

EU – mehr als Gurken und Bananen?

Fördermittel der EU für Neukölln

Die EU, ein für die meisten Menschen völlig abstraktes und unüberschaubares Gebilde, wird oft mit unsinniger Bürokratie und überflüssigen Normen assoziiert, wie etwa Regelungen zu Gurkenkrümmungsgraden oder Bananendurchmessern. Doch was bringt die EU den Bürgern konkret? Wo ist die EU in Neukölln, speziell in Rudow? Um diese Fragen ging es am 20. Mai in der Alten Dorfschule Rudow bei der von der SPD-Rudow organisierten Veranstaltung, zu der die Europabeauftragte Neuköllns, Cordula Simon, eingeladen war.
Anders als vielleicht angenommen, fließt eine Menge EU-Geld in Form von Fördermitteln nach Neukölln. Simon meinte, sie sei selbst immer wieder »überrascht, wer alles etwas mit EU-Geld macht«. Vor allem Mikroprojekte, also kleinere Projekte, die mit bis zu 10.000 Euro gefördert werden, sind zahlreich, aber eher in Nordneukölln zu finden als im Süden, wo es gerade noch zwei Antragsteller aus Gropiusstadt gibt. Dabei seien diese oft mehr wert als große Projekte mit hohen Fördersummen, so Simon. Ein Grund für dieses völlige Ausbleiben von Anträgen auf Fördermittel aus Rudow ist wohl ein Mangel an Kommunikation sowie die oft negative Haltung der EU gegenüber. Die Chancen, eine EU-Förderung zu erhalten, sind dabei sogar sehr gut. Je nach Ausschreibung können sich staatliche Stellen, Schulen oder auch Privatpersonen bewerben. Die Ansprüche und der Aufwand variieren, doch Unterstützung bekommen alle bei einem Fördergespräch mit Cordula Simon.
Meist zielen die Förderprojekte in Richtung Arbeitsmarkt, Jugend oder Ausgleich von Benachteiligungen. So gibt es Initiativen, die Jugendlichen bei der Orientierung nach dem Schulabschluss helfen oder Langzeitarbeitslosen den Wiedereinstieg in den Beruf ermöglichen. Die Europabeauftragte betonte aber, dass jede Art der Förderung stets mit viel Engagement, Motivation und Freizeitaufwand verbunden sei, was auf viele abschreckend wirke. Bis zur nächsten Ausschreibung 2015 ist es daher wichtig, eine breitere Wahrnehmung der Förderprojekte zu schaffen, denn die EU ist eine »offene Tür«, die auch den Rudowern zahlreiche Möglichkeiten bietet.

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Das Stadtbad Neukölln wird 100

Poolparty mit »Ulli und die Grauen Zellen«

Es ist jetzt hundert Jahre her, als eines der Kleinodien Neuköllns seine Pforten öffnete. Am 10. Mai 1914 nahm das Stadtbad Neukölln in der Ganghoferstraße seinen Betrieb auf. »Gut ist das imposante Werk geworden, und mit Recht kann Neukölln auf dasselbe stolz sein«, schrieb damals das »Neuköllner Tageblatt«.
Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky drückte es ähnlich aus, als er das Bad bei der Feier, die die Berliner Bäder Betriebe aus diesem Anlass ausrichteten, als eine der schönsten Stellen Neuköllns bezeichnete. Hier habe er schwimmen gelernt.
Entworfen wurde das Hallenbad von Stadtbaumeister Reinhold Kiehl, der auch verantwortlich war für den Ausbau des Rathauses und den Bau des Neuköllner Krankenhauses.
Antike Thermenanlagen waren die Vorbilder beim Bau des Stadtbads. Es gibt zwei Schwimmbecken, dazu Säulen, Wandelgänge, Glasmosaike, Wandgemälde und Galerien, die von schmiedeeisernen Geländern eingefasst sind. Entstanden ist ein eindrucksvolles Bauwerk ganz nach der Devise: »Das Auge badet mit.«
Dabei hatte das Bad einen ganz profanen Ursprung, wie Buschkowsky in seiner Rede weiter ausführte. Es ging um die Volksgesundheit in einer Zeit, in der es in den Arbeiterwohnungen noch keine Bäder gab. Eine Dusche mit Benutzung eines Handtuchs kostete zehn Pfennig. Die Duschen und Wannenbäder wurden noch bis in die Siebziger-Jahre des letzten Jahrhunderts benutzt.

stadtbadParty zum 100sten des Stadtbades.                                         Foto: mr

An die Bildung wurde ebenfalls gedacht und eine Bibliothek in dem Gebäude untergebracht. Die Technik war hypermodern. Das Wasser wurde erwärmt über eine Fernwärmeleitung, die vom Elektrizitätswerk am Weigandufer herüber führte. Der Wärmeverlust war dabei nicht größer als bei heutigen Leitungen.
Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete eine Poolparty, bei der »Ulli und die Grauen Zellen« mit ihrer fetzigen Musik den Besuchern am und im Becken gehörig einheizten. 

mr

Stadtteiltag in Gropiusstadt

Bürger fragen – Politiker antworten

Es gibt viele Versprechen, die selten eingehalten werden. Umso schöner ist es, wenn ein Flyer die Runde macht, der zum Stadtteiltag mit Erol Özkaraca einlädt. Und zwar nicht irgendwo in Nordneukölln, sondern tatsächlich in der Gropiusstadt.
Der gebürtige Hamburger, der selbst einige Zeit in Rudow verbracht hat, wollte sein Versprechen einlösen, sich auch um den Süden Neuköllns zu kümmern.
So saß er also im Frauencafé, zu dem normalerweise keine Männer Zutritt haben und eher einen Tritt anderer Art bekommen. Begleitet wurde er von Sylvia-Yvonne Kaufmann von der SPD, die für Europa-Fragen zur Verfügung stand. Leider wurde dadurch der Veranstaltungshintergrund von einigen missverstanden, sodass viele der Ansicht waren: »Neukölln ist ja jetzt nicht wichtig, wir sind ja hier, um über Europa zu sprechen.«

StadtteiltagNeuköllner SPD-Politiker stellen sich in der Gropiusstadt.     Foto: cr

Thema war unter anderem die Schließung der Postbank vor knapp zwei Jahren. Dabei wurde klar, dass die vorwiegend älteren Gropiusstädter sich bereits verstärkt dafür eingesetzt haben, dass diese wiedereröffnet wird. Erol Özkaraca versprach, einen Extratermin zu vereinbaren, um noch mal auf die angesprochenen Probleme einzugehen.
Der zweite Anlaufpunkt war das »ImPuls«, ein Interkulturelles Zentrum im Gemeinschaftshaus. Julia Pankratyeva, Leiterin des Vereins, organisiert regelmäßig Veranstaltungen, bei denen verschiedene Kulturen aufeinandertreffen und mit Vorurteilen aufgeräumt werden kann. Leider sind diese aufgrund mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten gefährdet.
Der anschließende Rundgang, zu dem alle eingeladen waren, bot einen Einblick in die derzeitige Situation der Gropiusstadt. Es gibt viele Angebote für Kinder, allen voran das »MANNA«. Die Bedürfnisse der Älteren bleiben oft auf der Strecke.
Die Tour endete am Campus Efeuweg, der den Ort für die letzte Infoveranstaltung an diesem Tag bot. Sylvia-Yvonne Kaufmann wurde von Franziska Giffey abgelöst, die zur Diskussion mit dem Schulleiter der Liebig-Schule einlud.

cr

Holunder wirkt Wunder

Zweimal im Jahr tolle Ernte

Im Herbst haben wir über die Holunderbeere/Fliederbeere geschrieben. Jetzt ist Erntezeit für die duftende Holunderblüte, die nicht nur Grundlage des leckeren Hugos ist. Wer auf den gekauften Holunderblütensirup verzichten möchte, geht jetzt selbst in die Natur, pflückt die weißen Dolden und setzt damit folgendes Rezept an:
30 Dolden Holunderblüten
5 Liter Wasser
1 Kilo Zucker
2 Biozitronen
50 g Zitronensäure oder Saft von 3 Zitronen
Zucker mit Wasser vermengen. Holunderblüten in einen Topf legen und mit Zuckerwasser auffüllen. 2 Biozitronen in Scheiben schneiden und dazugeben. Deckel drauf und 4 Tage ruhen lassen. Den Sud mit Zitronensäure oder Zitronensaft aufkochen, abkühlen lassen und abseihen. Sirup in Flaschen füllen. Mit Wasser oder Sekt (für Hugo) verdünnen, Minzblätter und Eiswürfel dazugeben.

hollerblueteimtopfHolunderblüten mit Zitrone.     Foto: km

Mit getrockneten Holunderblüten lassen sich das ganze Jahr über Tees zubereiten. Dafür müssen die Dolden auf einem großen Stück Papier ausgebreitet und ab und an gewendet werden. Am besten lassen sich die Blüten im Schatten trocknen. Die pralle Sonne ist dafür nicht geeignet. Zur Herstellung eines Tees wird ein Teelöffel der getrockneten Blüten mit 150 ml Wasser übergossen und fünf Minuten zugedeckt ziehen gelassen. Der Tee stärkt den Kreislauf, fördert den Stoffwechsel, lindert Magenschmerzen und Blähungen, wirkt entwässernd und lindert Fieber und Erkältungskrankheiten. Zur Befreiung der Atemwege wird der Tee inhaliert. Hierfür werden acht gehäufte Teelöffel Holunderblüten mit einem Liter kochendem Wasser übergossen. Die aufsteigenden Dämpfe zehn Minuten lang einatmen.
Zum Schluss noch die Einschlafhilfe mit Holunderblütenmilch: Vier frische Holunderblütendolden in einem halben Liter Milch erhitzen, 90 Minuten ziehen lassen, Vanillezucker nach Belieben hinzugeben. Die Milch noch einmal kurz erwärmen, dann die Blüten abseihen und die Holunderblütenmilch eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen trinken. Hilft übrigens auch an miesen Tagen, an denen die Laune im Keller wütet. Verbessert die Stimmung!

km

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. RempeNK_Tagblatt-Kopf

Nr. 130 – Sonnabend, 6. Juni 1914
Die Telegraphen= und Fernsprechleitungen sind im vergangenen Jahre mutwilligen Beschädigungen noch zahlreicher ausgesetzt gewesen als früher. In der Regel sind es Schulkinder und junge Leute, auch Fortbildungsschüler, die ohne richtige Erkenntnis der Tragweite ihrer Handlung die Porzellanglocken zur Zielscheibe ihrer Neuköllner Alltägliches weiterlesen

»Im Namen des Volkes«

So beginnt jede Urteilsverkündung, der Souverän spricht ständig Recht. Die Berliner Verfassung sagt dazu in Artikel 2: »Träger der öffentlichen Gewalt ist die Gesamtheit der Deutschen, die in Berlin ihren Wohnsitz haben.« Und in Artikel 3.1: »Die gesetzgebende Gewalt wird durch Volksabstimmungen, Volksentscheide und durch die Volks­vertretung ausgeübt, die voll­ziehende Gewalt durch die Regierung und die Verwaltung sowie in den Bezirken im Wege von Bürger­entscheiden.«
Nun hat der Souverän Recht geschrieben. Das »Gesetz für den Erhalt des Tempelhofer Feldes« (THF-Gesetz) ist das erste Gesetz in der Berliner Geschichte, das vom Volk fürs Volk erarbeitet worden ist. Das ist eine Sternstunde der Bürgerbeteiligung.
Willy Brandt, Berliner Bürgermeister 1957 – 1966, wäre stolz auf uns Berliner: »Wir haben mehr Demokratie gewagt.«

Beate Storni

Museum für ein Berliner Kultgetränk

»Mampe Halb und Halb« ist zurück in Neukölln

Neukölln ist um ein zauberhaftes kleines Museum reicher: Das Mampemuseum, das sich bisher mit einer kleinen Ecke einer Kreuzberger Wohnung begnügen musste, hat in einem Raum in der der »Ahoj! Souvenirmanufaktur« eine neue Heimat gefunden. Eröffnet wurde es am 28. Mai.
Mampe, das war der legendäre Berliner Spirituosenhersteller, der bis in die Siebziger-Jahre des letzten Jahrhunderts die Stadt mit Hochprozentigem versorgte. Mampe wurde auf Zeppelin-Flügen serviert und später auch bei der Lufhansa. In einer von »Mampe‘s gute Stuben« am Kudamm schrieb Joseph Roth an seinem »Radetzky-Marsch«. Mehr als 70 verschiedene Sorten gehörten zum Sortiment. Besonders bekannt war der »Mampe Halb und Halb«, ein Bitterlikör.
Diesen Likör trank eines Tages die Pädagogin Karin Erb und war sofort begeistert. Sie fing an, über die Firma zu recherchieren und Devotionalien zu sammeln. Flaschen, Gläser, Kneipenaufsteller in Form von Elefanten, dem Logo der Firma, Plakate, eine Anleitung zum Mixen und Getränkekarten trug sie so zusammen. Das alles ist sorgfältig in Regalen und Vitrinen arrangiert. Ein besonderes Prunkstück der Ausstellung ist ein »Rückbuffet« mit dem Relief eines Elefanten, eines der letzten noch existierenden Requisiten einer Mampe-Stube. Es wurde gerettet, als der Wirt vom »Schmalen Handtuch« am Platz der Luftbrücke seine Kneipe dichtmachte.

 

MampeDas Mampe-Buffet.                                                            Foto: mr

Unterstützung erhält Karin Erb von Tom Inden-Lohmar, Chef einer Werbeagentur, die sich auf Spirituosen spezialisiert hat. Er will »Mampe Halb und Halb« wieder in Berliner Eckkneipen, aber auch in den mondänen Hotelbars und der Kreuzberger und Neuköllner Szenegastronomie heimisch machen.

mr

Mampemuseum, Hertzbergstraße 1. Öffnungszeiten wie die Ahoj! Souvenirmanufaktur nebenan: Do. bis Sa. 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung (dann auch mit Führung). E-Mails an info@mampemuseum.de

»Viva la vital«

Generationsübergreifendes Miteinander

Dem Mangel an nachbarschaftlichen Treffpunkten hat »Viva la vital« in der Mohriner Allee 30-36 ein Ende gesetzt. Nach langen Bauarbeiten konnte am 9. Mai feierlich der neue Nachbarschaftstreff gegenüber vom »Britzer Garten« eröffnet werden.
Hier soll sich ein Treffpunkt entwickeln, an dem sich Menschen unabhängig ihrer Herkunft, ihres sozialen Status´ und Alters willkommen fühlen sollen. Im ersten Obergeschoss befindet sich ein heller großer Raum, in dem sportliche Aktivitäten angeboten werden. Ein schicker Umkleideraum und Duschen erfüllen die hygienischen Wünsche nach schweißtreibenden Aktivitäten. Die neuen Besucher werden darüber entscheiden, wie das künftige Angebot aussehen wird. Ideen gibt es bereits. Die Mitarbeiter haben ein Spektrum von Gymnastik bis Break Dance im Angebot.
Das ausgesprochene Ziel, das die Geschäftsführerin Sylvia Gardzilewski immer wieder formuliert, ist, dass soziale Gruppen aufgebrochen werden und sich vermischen. Alt soll mit Jung ins Gespräch kommen, Migranten mit Deutschen, Kranke mit Gesunden.
Der erste Kontakt kann im offenen Clubbereich mit ganztägigem Cafébetrieb entstehen. Bei frisch gebackenen Kuchen und selbstgemachten Snacks, beides ist sehr zu empfehlen, fällt das Gespräch leicht. Wer mag, kann sich auch ein Buch nehmen und ein wenig lesen. Bei den Gesellschaftsspielen, die für die Gäste auszuleihen sind, lernen sich Menschen noch einmal anders kennen, auf jeden Fall mit viel Spaß. Auch hier können interessierte Gäste an neuen Aktivitäten mitgestalten. Vielleicht entsteht ja ein Literaturzirkel, eine Handarbeitsgruppe oder ein Chor. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Neuköllner, die neue Kontakte knüpfen und Einfluss auf die Zukunft des Nachbarschaftstreffpunkts nehmen wollen, seien an dieser Stelle aufgerufen, diese Chance wahrzunehmen und sich einzumischen.

ro

Die Geschichte von »SaraBande«

Die musikalische Männerbande garantiert gute Laune

Es begann so flüchtig und hat bis heute Bestand. Die Musikgruppe »SaraBande« hat dieses kleine Kunststück hinbekommen.
Kennengelernt haben sich die Musiker in der Hasenheide in den 80er- Jahren. Dort spielten die Musiker, vorzugsweise Gitarristen, bei Sonnenschein einzeln vor sich hin. Bald aber hatten sie genug von ihren Soloauftritten und kamen sich bei der einen oder anderen Session näher. Und die wurden regelmäßiger. Entscheidend war dann die Idee, jahreszeitübergreifend gemeinsam Musik zu machen. Bei Jörg Hauke fanden sie einen geeigneten Übungsraum. Aus den Sessions wurde ein konstruktives Spielen mit eigenen Kompositionen. Aus der namenlosen Band wurde erst »coffee shop«, ab dem Jahr 2000 »SaraBande«. Der Name lehnt sich an den Barocktanz an, huldigt aber auch Jon Lords Album »SaraBande«.

 

SaraBande»SaraBande« feiert auf dem Tempelhofer Feld.                     Foto: mr

»SaraBande« spielen ohne Schlagzeuger. Der wäre ihnen zu laut und rhythmisch zu dominant. Ihr »acoustic world groove«, besser unter »Berliner Weltmusik« bekannt, können sie überall spielen, in kleinen Räumen leise und ohne Verstärker, gerüstet sind sie aber auch für die größere Hallen. Es ist jedoch egal, wo sie spielen: »SaraBande« sind ein Garantieschein für zuckende Beine und gute Laune.
Auch über mangelnden Erfolg klagen sie nicht. Bekannt ist die Gruppe weit über die Grenzen Neuköllns hinaus. Selbst auf La Gomera treten sie immer wieder auf. Und lumpen lassen sie sich nicht, wenn es um einen guten Zweck geht. So treten sie nicht nur regelmäßig ohne Gage bei dem Jubiläum der Kiez und Kneipe auf, sondern engagieren sich auch mit ihrer Musik für die Erhaltung des Tempelhofer Feldes und andere soziale Projekte.
Die Stammbesetzung von »SaraBande« besteht aus Jörg Hauke (Ukulele, Darbuka, Kleinpercussion, Gesang), Ulrich »Ulisses« Reinartz (Cajon, Drumsounds, Gesang), Marcus »Kucki« Kucksdorf (Bass), Christian Rütz (Gitarre, Gesang), Ralf »Mendle« Binder (Gitarre, Gesang) und Stefan Frey (Flöte, Gesang). Das aktuelle Programm befindet sich auf http://home.snafu.de/ulisses/sarabande. Dort haben musikbegeisterte Hörer die Möglichkeit, in die CD »Cortado« von »SaraBande« reinzuhören und bei Gefallen käuflich zu erwerben.

ro

Petras Tagebuch

Kleidersuche bis zur Weißglut

Der Frühling mit seinen ersten Sonnenstrahlen ist für mich immer die Aufforderung, den Garderobenschrank auf jahreszeitliche Tauglichkeit zu überprüfen. Ganz besonders ist mir dann immer nach weiß. Die dunklen Kleider sind nicht mehr zu ertragen, es muss dann hell werden.
Nun gibt es Lieblingskleidungsstücke, die unerlässlich sind für den Frühling. Dazu gehört ein weißer Rock. Ich machte mich auf die Suche und war noch nicht beunruhigt, im ersten Anlauf erfolglos gewesen zu sein.
Am nächsten Tag ging die Suche weiter. Ich suchte zwischen den liegenden Röcken – ohne Erfolg. Ich suchte zwischen den hängenden Röcken, aber auch da war er nicht.
Selbst zwischen der Bügelwäsche war das gute Stück nicht zu finden. Ich berichtete voller Erstaunen im Freundeskreis über das Verschwinden meines Rocks und dessen Nichtauftauchens trotz meines Engagements.
Felix kennt mich ziemlich gut; um genau zu sein, er kennt mich manchmal besser als ich mich selbst. Sein Vorschlag zu diesem Thema kam prompt: »Schau doch mal zwischen deiner weißen Tischwäsche, da fällt der Rock am wenigsten auf.«
Das erschien mir im ersten Moment weit hergeholt, aber einen Versuch war es doch wert.
Der Rock befand sich tatsächlich zwischen der weißen, noch nicht gebügelten Tischwäsche, ganz hinten, eingequetscht zwischen zwei weißen Tischdecken.

Positionen zum Tempelhofer Feld. Kiez und Kneipe Neukölln hat hier den Parteien die Möglichkeit eingeräumt, ihre Positionen zu dem bevor stehenden Volksentscheid darzustellen. Es handelt sich hier nicht um die Meinung der Redaktion

Bürgerinitiative 100 % Tempelhofer Feld

Unser Feld, unsere Stadt

Als das Tempelhofer Feld vor vier Jahren der Öffentlichkeit zugänglich wurde, hatte keiner erwartet, dass es sich zur beliebtesten Freifläche und Spielwiese Berlins mit über zwei Millionen. Besuchern im Jahr 2013 entwickeln würde. Hier tobt das Leben. Kinder radeln über die alten Rollbahnen, Jungs lassen ihre Drachen steigen oder flitzen auf ihren Surfbrettern über den Asphalt. Es ist Platz fürs »Urban Gardening«, ebenso wie fürs gemütliche Picknick mit Freunden oder der Großfamilie. Doch wenn es nach den Plänen von SPD und CDU geht, soll . fast die Hälfte des Feldes massiv bebaut oder umgemodelt werden. Die geplanten Baufelder an der Oderstraße würden weit in die zentralen Wiesenflächen hineinreichen. Die jetzigen Nutzungsflächen, wie die Neuköllner Terrassen, die Grillwiesen, die Hundeausläufe und auch die umlaufende Rollbahn (Taxiway) würden bebaut.

Rollbahn (8)_swDieser Ausblick wird verbaut                                      Foto:mr

Bei ihrer Werbekampagne für die Bebauung verschweigen der Senat und seine Bündnispartner aus der Immobilienlobby, dass die Hälfte der Baufläche für Gewerbe vorgesehen ist. Nur neun Prozent der Baufläche ist für »bezahlbare« Wohnungen reserviert.
Der Senat und die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften versprechen »bezahlbare« Neubau-Mieten zwischen sechs und acht Euro kalt. In Berlin, wo das mittlere Nettomonatseinkommen bei 1450 Euro liegt, sind die­se Mieten für die Mehrheit der Haushalte nicht erschwinglich.
Auch kein Thema für die Öffentlichkeit sind die prognostizierten Erschließungskosten von 600 Millionen Euro. Davon könnte das Land Berlin viele Hundert Kitas und Schulen in der ganzen Stadt bauen oder sanieren, könnte 1000 Lehrerinnen zehn Jahre lang einstellen, oder  die gerade begonnene fünfjährige Wohnungsbauförderung für ganz Berlin verdreifachen.
Der Volksentscheid gibt uns die Möglichkeit, das Feld vor der Bebauung und vor Teilprivatisierung zu schützen. Der Gesetzestext der Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld« (THF-Gesetz) setzt sich dafür ein, das Tempelhofer Feld in seinem jetzigen Umfang als öffentlichen Raum vollständig zu erhalten. Freizeitinteressen und Naturschutz sind gleichzeitig zu wahren. Das THF-Gesetz schätzt und schützt, wie die Berliner und Berlinerinnen das Feld entwickelt haben. Die Aufenthaltsqualität auf dem Feld soll sich weiter verbessern wie zum Beispiel durch die öffentliche Nutzung der auf dem Feld verstreut liegenden Gebäude als Cafés, für Kinderbetreuung oder Bürgertreffs. Schattenspendende Bäume, Sportplätze, Parkbänke, Liegestühle, Sonnenschirme, selbstorganisierte und kreative Projekte wie urbanes Gärtnern oder grüne Klassenzimmer – all das soll auch weiterhin in Selbstverwaltung möglich sein und möglich werden und vieles mehr.
Stimmen Sie mit „Ja“ für das ThF-Gesetz und mit „Nein“ für den Gesetzentwurf des Abgeordnetenhauses. Enthalten geht nicht. Wenn beide Gesetze nicht genug Stimmen erhalten, wird das Tempelhofer Feld nach den Plänen des Senats bebaut.

100% Tempelhofer Feld

Bürokratiemonster ermöglicht Freiheit

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In 28 europäischen Mitgliedsstaaten wird gewählt

Die Bildung der europäischen Staatengemeinschaft bürgt seit 60 Jahren für Frieden, nachdem sich die Länder über Jahrhunderte in blutigen Kriegen zerfleischt haben. Rechtsstaatlichkeit, freie Meinungsäußerung, die Gleichberechtigung der Geschlechter, eine freiheitlich demokratische Grundordnung – in Europa sind das inzwischen Selbstverständlichkeiten. Das allein rechtfertigt, die europäische Idee zu verteidigen. Und die Herausforderungen der globalisierten Welt können nur gemeinsam mit allen Mitgliedsstaaten angegangen werden.
Trotzdem wird »Europa« von vielen Menschen als wild gewordenes Bürokratiemonster wahrgenommen, das sich als Super Nanny aufspielt und jeden Lebensbereich regulieren möchte, eine anonyme Parallelwelt namens »Brüssel«, die ihre Identität, Sprache und Kultur bedroht. Es ist ein Europa der Eliten ohne ein Europa der Bürger entstanden. Außerdem hat das Vertrauen in die Europäische Union nicht zuletzt durch die Wirtschafts- und Währungskrisen der letzten Jahre deutlich gelitten.
Euroskeptiker bemängeln die fehlende demokratische Legitimation, wird doch die Kommission, also die Regierung, von den Mitgliedsländern ernannt und nicht gewählt.
Die diesjährige Wahl zum Europaparlament am 25. Mai ist deshalb eine besondere. Erstmals wird das Parlament auf Grundlage der Ergebnisse der EU-Wahl den Präsidenten der Europäischen Kommission wählen. Damit kann jeder Wähler Einfluss nehmen, sowohl auf die politische Richtung Europas, als auch auf die täglichen Entscheidungen, die uns alle betreffen.

Mehr Rechte für das Europaparlament

Die Parteien treten mit starken Spitzenkandidaten an

Durch die Verträge von Maastricht, Amsterdam, Nizza und Lissabon wurden die Mitwirkungsrechte des Parlaments Zug um Zug erweitert. Auch wenn das Demokratiedefizit in der EU damit nicht völlig beseitigt ist, entwickelte sich das Parlament zu einem verantwortlichen Mitgestalter der europäischen Politik. Zwar kann es selbst keine Gesetze initiieren – dieses Recht hat allein die Kommission – es kann aber die Kommission auffordern, Vorschläge zu erarbeiten. Bürger der Europäischen Union können darüber hinaus mittels Petitionen an das Parlament die Kommission auf einen Gesetzgebungsbedarf hinweisen.
Spitzenkandidat der Sozialdemokratischen Partei Europas ist der amtierende Präsident des Europäischen Parlaments, der Deutsche Martin Schulz (SPD).
Die Europäische Volkspartei, der die CDU und die CSU angehören, schickt den ehemaligen luxemburgischen Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker ins Rennen.
Die Grünen werden von den Europaabgeordneten Ska Keller aus Deutschland und José Bové aus Frankreich angeführt, und die Europäische Linke wählte den Vorsitzenden der griechischen Partei Syriza, Alexis Tsipras zu ihrem gemeinsamen Spitzenkandidaten. Für die Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa tritt der Fraktionsvorsitzende der Liberalen im Europa Parlament, Guy Verhofstadt, an.

EU_WahlWählen gehen.        Foto: pm

Große Unterschiede in den Wahlprogrammen gibt es beim Umgang mit der Schuldenkrise. So lehnt die FDP die Finanztransaktionssteuer ab. Grüne und Linke wenden sich gegen die Politik des einseitigen Sparens zur Konsolidierung der Staatsfinanzen, und auch die SPD fordert eine Wachstumspolitik mit Zukunftsinvestitionen. Die Grünen wollen einen Europäischen Schuldentilgungspakt, die Linke einen Schuldenschnitt und gemeinsame Staatsanleihen, die anderen Parteien wenden sich vehement gegen jegliche Form der Schuldenvergemeinschaftung.
Deutliche Differenzen gibt es auch bei der Frage der Arbeitnehmerfreizügigkeit sowie bei der Flüchtlings- und Asylpolitik. Die CDU fordert in diesen Bereichen stärkere Restriktionen als die übrigen Parteien.
In der Außenpolitik fordert die Linke einen Austritt aus der NATO, während die FDP für einen Ausbau wirbt und die SPD eine europäische Armee ins Spiel bringt.

mr

Verwechslungsgefahr beim Volksentscheid

Zwei Gesetze mit ähnlichem Wortlaut, aber unterschiedlichem Inhalt

Die Berliner haben die Wahl. Am 25. Mai, dem Tag der Europawahl, können sie über die künftige Entwicklung des Tempelhofer Feldes abstimmen. Es stehen zwei Gesetzentwürfe zur Auswahl, denn zusätzlich zum Gesetz der Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld« hat das Abgeordnetenhaus mit den Stimmen der SPD und der CDU einen eigenen Entwurf vorgelegt. Über beide kann jeweils getrennt voneinander mit Ja oder Nein abgestimmt werden.
Bei der Wahl ist aber größte Aufmerksamkeit geboten. Es besteht akute Verwechslungsgefahr, denn das Gesetz des Abgeordnetenhauses unterscheidet sich im Wortlaut kaum vom Text der Bürgerinitiative. Die Unterschiede liegen im Detail.
Mit dem »Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes« will die Bürgerinitiative sicherstellen, dass das Feld der »Bevölkerung Berlins und den Besucherinnen und Besuchern Berlins grundsätzlich vollumfänglich, dauerhaft, uneingeschränkt und unentgeltlich zur Freizeitgestaltung und Erholung zur Verfügung« steht. Eine Bebauung der Ränder ist damit ausgeschlossen. Das heißt aber nicht, dass sich hier nichts mehr  verändern darf. Sowohl die Einrichtung von Gastronomie als auch der Bau von Sportplätzen ist in den Randbereichen erlaubt, ebenso der Bau von Sanitäranlagen. Mobile Möblierung wie Tische, Bänke oder Sonnenschirme sind auf dem ganzen Feld erlaubt.
Vom Abgeordnetenhaus kommt das »Gesetz zum Erhalt der Freifläche des Tempelhofer Feldes« Es werde »als barrierefrei zugänglicher Erholungsraum für alle Bevölkerungsgruppen gesichert und dient dem Natur- und Artenschutz sowie der Stadtklimatisierung«.heißt es dort. Und weiter: »Die Möglichkeit einer Randentwicklung des Tempelhofer Feldes für Wohnen, Wirtschaft, Erholung, Freizeit und Sport außerhalb der Freifläche bleibt erhalten«; eine Formulierung, die  viel Raum für Interpretationen zulässt, denn über die Art der Entwicklung schweigt sich das Gesetz aus. Auch von sozialverträglichem Wohnungsbau ist hier keine Rede, ebenso wenig wie von der Anzahl der geplanten Wohnungen.

thf_weitWeites Wiesenmeer.                                                                               Foto: fh

Wie wählen?

Ja und Nein oder Jein

Am 25. Mai haben die Berliner Wähler – neben ihrer Stimme für die Europawahl – nun die Möglichkeit, bis zu zwei Stimmen in Sachen Tempelhof abzugeben.
Oben auf dem Stimmzettel kann mit Ja oder Nein über den Vorschlag der Initiative abgestimmt werden. Für den zweiten Vorschlag unten auf dem Stimmzettel – den von CDU und SPD – kann ebenfalls mit Ja oder Nein gestimmt werden. Der Wähler kann sich aber auch für ein klares Jein entscheiden und beiden Gesetzentwürfen zustimmen oder sie ablehnen.
Damit ein Gesetzentwurf in Kraft tritt, muss ihm die Mehrheit der Wähler und zugleich mindestens ein Viertel der zum Abgeordnetenhaus Wahlberechtigten zustimmen. Trifft dies auf beide zu, so ist der angenommen, der die meisten Ja-Stimmen erhalten hat. Wenn beide Vorschläge das erforderliche Quorum nicht erreichen, wären sie gescheitert. Dann hätte der Senat grünes Licht, den Masterplan weiter zu verfolgen, der ebenso wie das Gesetz des Abgeordnetenhauses die Mitte freilassen und die Ränder bebauen will.
Wahlberechtigte, die nicht bis zum Wahltag warten wollen, können schon vorab in einer Briefwahlstelle oder per Brief wählen. Der Antrag dazu befindet sich auf der Rückseite der Wahlbenachrichtigung, die jedem Wahlberechtigten zugestellt wird.

mr

Hintergründe einer Flucht

7000 Kilometer – von Afghanistan bis Britz

»Ich möchte doch nur leben wie ein Mensch«, sagt Amir, der mit hängenden Schultern auf der Bühne der Alten Dorfschule Rudow sitzt. Der 24jährige Afghane hat Dinge erlebt, die für uns schwer vorstellbar sind. Der Vater wurde 2001 von den Taliban ermordet, die Mutter starb mangels medizinischer Versorgung an einer Herzkrankheit. Da hat er sich von Afghanistan nach Europa durchgeschlagen, mit dem Traum, eines Tages doch noch eine Schule besuchen zu können.
Aber Europa empfing ihn weder mit Freude noch mit Götterfunken. Nachdem Amir, der nie Schwimmen gelernt hat, in einem Schlauchboot von der Türkei aus nach Griechenland übergesetzt war, wurde er dort von Polizisten verprügelt und gedemütigt. Anschließend begann eine Odyssee durch ganz Europa, von einem Land ins andere abgeschoben, bis er nun, wie viele andere Afghanen und Syrer, im Flüchtlingsheim Britz gelandet ist. Auf die Frage, wie es ihm dort gehe, antwortet er ausweichend, er wolle sich nicht über die Deutschen beschweren, er habe kein Recht dazu.
Ein Schicksal wie Amirs weckt wohl auch in der verdrossensten Seele Mitgefühl. Wird jedoch ein neues Flüchtlingsheim eröffnet, sind Proteste – von NPD Aufmärschen ganz abgesehen – vorprogrammiert. Ein Bilderbuch-Beispiel des bekannten »nimby«-Prinzips – not in my backyard. Es entspricht dem »Sankt-Florian Prinzip«:

»Heiliger Sankt Florian,
Verschon‘ mein Haus
Zünd‘ and‘re an!«

Um diese Haltung gegenüber Asylanten zu ändern, ist eine Ausein­andersetzung mit der Situation in den Heimatländern unabdingbar. Volker Lankow, seit 14 Jahren bei den »Ärzten ohne Grenzen« tätig, hatte bereits sechs Einsätze in Afghanistan und lebte ein Jahr lang in der konfliktreichen Provinz Helmand. Er berichtet von einem Land, in dem es aufgrund der bereits 30 Jahre dauernden Auseinandersetzungen allein 630.000 Binnenflüchtlinge gibt und die Gewalt gegen Zivilisten immer mehr zunimmt. Ein Land, in dem sich drei Interessengruppen bekämpfen und man nur einmal zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein braucht.
Es erscheint nur allzu gerecht, einem Menschen, der diesem Grauen entkommen ist, ein Mindestmaß an Sicherheit zu bieten, ihm die Möglichkeit zu geben,  unsere Sprache zu lernen und sich eine Existenz aufzubauen. Doch für Amir ist der Leidensweg auch in Neukölln nicht zu Ende. Am Tag zuvor hat er einen Brief erhalten, er soll auch aus Deutschland abgeschoben werden. »Warum lebe ich überhaupt?« fragt er und die Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben.

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Auf der langen Bank

Die Hasenheide bekommt neue Möbel

Seit 60 Jahren hält er sich bereits in der Hasenheide auf. Als Kind spielte er bei schönem Wetter im Park, während sein Vater Skat spielte. Später setzte Peter Bunzel sich selbst an einen fest installierten Tisch und führte die Tradition seines Vaters mit den anderen Skatspielern fort.
Das ging bis 2007 gut. Da nämlich wurde der Tierpark erweitert, und die Spielertruppe musste umziehen. Nun treffen sie sich in der Nähe des Eingangs an der Karlsgartenstraße. Es ist ein kuscheliges schattiges Plätzchen, an drei Seiten eingerahmt von Bäumen und Straüchern, wo sich die Kreuzberger und Neuköllner Schach- und Skatspieler nun treffen. Hier können sie fernab vom Hasenheidetrubel ihren Spielen und Gesprächen nachgehen.

Stark  beschädigte Parkmöbel in der Hasenheide.  Foto: Peter Bunzel

Die Idylle ist jedoch getrübt. Seit mehreren Jahren verfallen die Sitzbänke. Eine Bank fehlt, einsam steht der Spieltisch mit einem Schachbrett darauf herum. Wer will auch schon im Stehen Schach spielen.  Übergewichtige müssen um das Zusammenbrechen der verbliebenen maroden Sitzmöbel fürchten.
Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer. Die Spieler, insbesondere Peter Bunzel, baten immer wieder beim  Grünflächenamt um eine Instandsetzung, aber die Kassen des Bezirksamts waren leer. Nach den jüngsten Recherchen der Kiez und Kneipe scheint es im Mai soweit zu sein. Das Grünflächenamt sicherte nach Jahren des Verfalls neue Bänke zu.

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Wer baut, gewinnt?

Bauen für die europäische Mittelschicht

Die Innenstädte selbst und ihre ehemaligen Verkehrsflächen sind für Investoren und Planer besonders interessant. Große Flächen ermöglichen theoretisch den Neubau ganzer Stadtviertel. Aber durch die Wirtschaftskrise fällt es vielen Bewohnern bereits schwer, die aktuellen Mieten im Altbestand zu bezahlen. Neubaumieten wären unerschwinglich. Es sei denn, es gäbe einen neuen Sozialen Wohnungsbau.
Auf dem alten Athener Flughafen Ellinikon will die griechische »Lamda Development« das größte private Bauprojekt des Landes durchsetzen. Vorgesehen sind Luxusimmobilien und eine Privatisierung des Strandes. Da die weniger wohlhabenden Anwohner das Investitionsklima stören, wird nicht vor der Kriminalisierung einer nahegelegenen Sozialklinik zurückgescheut. Doch die lokale Bürgerinitiative ist gut vernetzt und erhält Unterstützung von der BI »100% Tempelhofer Feld«.
Auch in Wien-Aspern sollen etwa 10.500 Wohnungen samt Gewerbe auf einem ehemaligen Flugfeld entstehen. Das Projekt gilt als schwierig, denn die gewünschten hochkarätigen Nutzer wollen sich nicht einstellen. Der derzeit hohe Anteil geförderter Genossenschaftwohnungen schreckt bereits Investoren ab. Während ihre Macher sich in Hamburg und Skandinavien neue Anregungen erhoffen, wurden sie von der Wohnungsbaugesellschaft DEGEWO nach Berlin eingeladen.
Die DEGEWO interessiert an Aspern die großzügige Subventionierung. Mit ihr könnte man auch auf dem Tempelhofer Feld Wohnungen für die vom Abstieg bedrohte Mittelschicht bauen. Sozialwohnungen würden nicht darunter sein. Intern rechnet das Bebauungsbündnis damit, daß keiner der beiden THF-Anträge die nötigen Mehrheiten erhält. Dann könnte das Feld »wie ein weißes Blatt« ganz neu (und ganz dicht) beplant werden.

Marlis Fuhrmann (Stellvertr. Vorsitzende Neuköllner BVV-Fraktion DIE LINKE)

Das Buch zum Volksentscheid

Peter S. Kaspar hat den Roman »Tempelhofer Feld« gelesen

Feld-RomanJa, es ist eine Liebesgeschichte. Da ist Sven, der nur deshalb auf das Tempelhofer Feld gerät, weil er sich in die Skaterin Luis verguckt hat, die gut und gerne seine Tochter sein könnte. Und da ist dann auch noch Antonia, die sich ihrerseits in Sven verguckt hat, ihm einen Tomatensetzling aus dem eigenen Urban-Gardening-Setzkasten verehrt. Doch den Tomatenstrauch zieht er mit der anderen auf. Eine untreue Tomate eben.
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Bretter, die das Feld durchkreuzen

Selene Raible trifft Skater, Longboarder und Windskater auf dem Tempelhofer Feld

Auf dem Tempelhofer Feld findet man sie nun schon seit knapp vier Jahren: die Skater, Longboarder und Windskater Berlins. Doch für normale Feldbesucher ist es oft ein Rätsel, wer was wie macht. Skaten dürfte heutzutage für jeden ein Begriff sein, doch hier gibt es viele Variationen in Sachen Board, Fahrstil und Technik. Allgemein gibt es zwei verschiedene Boards, zwischen denen man wählen kann: das normale Skateboard und das Longboard, das, wie der Name schon sagt, um einiges länger ist als das Skateboard.
Mit dem Longboard kann man zum Beispiel lange Strecken viel schneller und entspann­ter fahren als mit dem Skateboard. Dafür ist das Skateboard mit seinem geringen Gewicht viel besser für Tricks geeignet. Das Longboard stellt auch die wichtige Grundlage für die Windskater dar, denn darauf wird das Segel befestigt. Mit den großen Windsegeln fahren die Windskater mit bis zu 70 km/h über die Rollbahnen.

Feldhase bordet

Nur Fliegen ist schöner.                                      Foto: Sven Norman Bommes

Einer von ihnen ist Karl-Johann Richter. Seit der Eröffnung des Tempelhofer Feldes geht er hier regelmäßig Windskaten. Doch ein Neuling auf dem Gebiet des Skatens ist »Kalle« Richter keinesfalls. Er skatet bereits seit den 80er Jahren, war zehn Mal Norddeutscher Meister, einmal Vize-Europameister, nahm bereits mehrere Male am Worldcup teil und geht leidenschaftlich gerne Windsurfen.
Dennoch ist er der Ansicht, dass man für das Windskaten nicht unbedingt Windsurfen können muss. Ein bisschen Skateerfahrung braucht es aber schon, denn ein Sturz auf den Asphalt ist nicht ungefährlich.
Normale Schoner, wie zum Beispiel vom Inlineskaten, reichen hierfür nicht.  Es braucht schon größere und bessere Schoner, um sicher fahren zu können. Das Wichtigste ist, immer nach vorne zu schauen und sich nicht ablenken zu lassen, denn sonst passiert schnell ein Unfall. »Eigentlich ist es nicht sehr schwer zu lernen«, meint Kalle Richter, »und wenn man es erst einmal kann, ist es sehr praktisch, um für das Windsurfen zu üben, unterschiedliche Manöver zu fahren und zu entspannen«.

Gesunde Gänseblümchen

Kleine Pflanze zeigt sich sehr vielseitig

Als Kind habe ich im Frühling und Sommer Haarkränze aus Gänseblümchen geflochten. Sobald die ersten Blumen auf der Wiese standen, wuchs das Sommerfeeling in mir. Gänseblümchen läuten jedoch nicht nur die warme Jahreszeit ein, sie haben gesunde Eigenschaften. Heutzutage freue ich mich immer noch über die Korbblütler mit ihren weißen Zungen- und gelben Röhrenblüten, pflücke sie jedoch nun für meinen Salat oder als Heilmittel.
So wird der Tee aus den Blüten zur Appetitanregung und zur Verbesserung der Stoffwechsellage eingesetzt. Durch die harntreibende Wirkung können Ödeme (zum Beispiel Beinödeme) gelindert werden. Als Jugendliche wurde ich mit dem schrecklichen Befall von Akne und deren Narbenbildung konfrontiert. Meine Oma übergoss gleich einmal eine Handvoll Gänseblümchen mit Doppelkorn und ließ diese Mischung in einem verschlossenen Glas sechs Wochen ziehen. Danach sollte ich mein Gesicht morgens und abends mit einem Wattepad damit abreiben. Ich gestehe, ich hab das erst nach dem Schulunterricht gemacht, da ich Angst hatte, meine Lehrerin würde mir Alkoholmißbrauch unterstellen. Nach vier Wochen waren die ersten Erfolge sichtbar. Die Pusteln und Rötungen klangen ab. Dieses Jahr spiele ich mit dem Gedanken, eine Gänseblümchenseife zu sieden, die ihre positiven Hauteigenschaften gleich beim Waschen entfaltet.

Gänseblümchen (5)

Falsche Kapern von der Wiese.        Foto: mr

Nun aber zu einem wirklich leckeren Rezept mit Gänseblümchen:
Falsche Kapern

2 Tassen Gänseblümchen
½ Teelöffel Salz
125 ml Kräuteressig
Zubereitung:
Gänseblümchen mit Salz bestreuen und drei Stunden ruhen lassen. Kräuteressig aufkochen, die Gänseblümchen hinzufügen und kurz mit dem Essig aufkochen. Alles in ein Schraubglas füllen und einige Tage ruhen lassen. Die Gänseblümchen absieben, den Essig erneut aufkochen und wieder zu den Knospen geben. Drei Wochen kühl und dunkel lagern, dann sind die falschen Kapern für Königsberger Klopse fertig. Sie schmecken aber auch hervorragend zu Eiern in Senfsoße oder Schafskäsesalat. 

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Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

Nr 107 – Freitag
8. Mai 1914
Durch einen Schlafstellendieb erheblich geschädigt wurde der Arbeiter Franz Riepert, Warthestraße 14. Die Wirtin des R. hatte noch einen zweiten Schlafgänger aufgenommen, einen etwa 25 Jahre alten Mann, der am nächsten Morgen in aller Frühe aufstand. Er ließ sich auch nicht wieder sehen, denn er hatte, wie man später entdeckte, seinem Zimmergenossen R. einen neuen Jackettanzug und 1 Paar Schnürschuhe entwendet. Bisher konnte man des Schlafstellendiebes nicht habhaft werden.

Neuköllner Alltägliches weiterlesen

Mach neu!

Viele empfinden die Hasenheide mit ihren maroden Sitzgelegenheiten im Moment nicht gerade als das Gelbe vom Ei.
Eigentlich ist das schade, wurde doch gerade der Streichelzoo erweitert.
Endlich, nach wirklich langem Warten und vielen Eingaben, hat das Grünflächenamt offensichtlich eingesehen, dass es günstiger ist, die kaputten Bänke zu erneuern, als die eventuell aufkommenden Arztkosten zu begleichen, wenn eine der Bänke zusammenbrechen sollte.
Erst die Hartnäckigkeit der Bürger, die immer wieder darauf aufmerksam machten, dass etwas getan werden muss, hat die Politik aufgerüttelt.
Das zeigt eindrucksvoll, dass das bürgerliche Engagement viel dazu beiträgt, dass die Verwaltung nach Lösungen sucht. Denn hier wurde nicht nur gemeckert, sondern konkrete politische Arbeit geleistet. Hut ab!
Wie lange die neuen Bänke halten, bleibt abzuwarten. Aber ein Anfang ist getan.
Corinna Rupp

Petras Tagebuch

Vorfreude auf das Fahrrad, das zum Lippenstift passt

Der Entschluss stand fest, nachdem mir mein Fahrradschrauber den Kostenvoranschlag für die Reparatur meines Fahrrades machte. Es musste ein neues her. Das alte hatte, wenn auch ein bisschen behäbig, gute Dienste geleistet und stand mir immer treu zur Seite.
Nun sollte es mein Traumfahrrad werden.
Diese Marke jedoch erhielt ich nur in einem Berliner Fahrradladen, den ich wegen des schlechten Services eigentlich nie wieder betreten wollte. In diesem Fall allerdings überwand ich meine Sturheit und machte nach mehr als zehn Jahren einen neuen Versuch.
Bewaffnet mit meinem Lieblingslippenstift traf ich im Laden ein und hatte bereits nach kurzer Zeit das Traumfahrrad entdeckt. Die Rahmenhöhe stimmte, die Wendigkeit war nach meinem Geschmack und die knupperkirschrote Lackierung passte hervorragend zu meinem Lippenstift.
Die Liste der Sonderwünsche war lang. Ein besonders stabiler Gepäckträger für das Austragen der Zeitungen, entsprechend auch ein Ständer, der das Gewicht aushält und eine Hydraulikbremse, die das Einfrieren der Bremsen im Winter vermeidet, um nur die wichtigsten Wünsche zu nennen. Natürlich konnte ich ein solches Rad nicht mitnehmen.
Seither befinde ich mich im Stadium der Vorfreude. Das ist nicht unbedingt leicht für meine Umwelt, muss sie sich  doch immer wieder aufs Neue Fahrradgeschichten von mir anhören. Die Lobpreisungen auf das noch nicht vorhandene Vehikel nehmen kein Ende und beschäftigen mich geradezu wie im Rausch. Ich schmiede Pläne. Am Liebsten würde ich mit dem Fahrrad um die Welt reisen. Es entgeht mir auch nicht, dass meine Freunde beim Wort Fahrrad die Augen verdrehen, aber nachsichtig zuhören. Bald ist das Fahrrad da.

Abriss mit Folgen

Der Kiehlsteg ist für die Anwohner, die sich an den kurzen Weg über den Neuköllner Schifffartskanal gewöhnt haben, ein geliebtes Kleinod geworden. Dass er nun abgerissen wurde, ist verkehrstechnisch kein Problem, und die Stadt verändert sich nunmal permanent.
Auch wenn der Senat rechtlich nicht verpflichtet ist, die Anwohner über das Vorhaben zu informieren, so wäre es doch schön gewesen, wenn er es getan hätte. In einer Zeit, in der Bürger sich immer mehr dafür interessieren, wie sich ihr Umfeld ändert und gerne informiert werden möchten, darf die Frage nach dem politischen Instinkt des Senats erlaubt sein.
Wenn sich Bürger von Politikern übergangen fühlen, die von ihnen das Vertrauen erhalten haben, die Geschicke der Stadt zu leiten, dann stimmt da etwas nicht mehr.
Bleibt dem Senat nur noch die Hoffnung, dass die Bürger bis zur nächsten Wahl alles wieder vergessen haben.

Petra Roß

Das Ende einer kurzen Verbindung

kiehlstegDas war mal der Kiehlsteg.                                                           Foto:fh

Senat ignoriert Bürgerprotest gegen Kiehlstegabriss

Proteste, Demonstrationen und Unterschriftensammlungen haben nichts genützt, der Kiehlsteg ist Geschichte. In der letzten Märzwoche wurde die kleine Brücke über den Neuköllner Schifffahrtskanal, die den Weichselplatz mit dem Kiehlufer verband, abgerissen.
Die Brücke wurde 1962 gebaut, weil die Lohmühlenbrücke mit dem Bau der Mauer  unpassierbar geworden war. Sie sollte den nördlich des Ufers gelegenen Teil Westberlins anbinden und zumindest den Fußgängern den Umweg über die Wildenbruchbrücke ersparen. Der Steg hatte damit eine eng mit der Teilung Berlins verbundene historische Bedeutung.
Besonders für Kinder auf dem Weg zum Spielplatz bot er außerdem eine sichere Alternative zur vielbefahrenen Lohmühlenbrücke.
Inzwischen war der Kiehl­steg aber sanierungsbedürftig, die Kosten einer Instandsetzung sollten sich auf 260.000 Euro belaufen. Das war der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt zu teuer, daher entschied sie sich für den Abriss.
Doch damit waren die Anwohner nicht einverstanden. Was sie besonders erbost, ist die Tatsache, dass sie nicht informiert wurden. Erst als die beauftragte Firma mit Vermessungsarbeiten begann, wurden die Abrisspläne publik.
Umgehend gründete sich eine Bürgerinitiative, die zu Demonstrationen aufrief, Unterschriften sammelte und ein alternatives Sanierungskonzept vorlegte. Ein Gutachten wurde in Auftrag gegeben, weil die BI die Kostenkalkulation des Senats anzweifelt. Das kommt zu dem Ergebnis, dass 25.000 bis 30.000 Euro ausreichend seien, denn die Konstruktion sei längst nicht so marode wie vom Senat behauptet. Der Abriss soll 42.000 Euro kosten.
Doch bei der Senatsverwaltung stießen die Anwohner mit ihren Vorschlägen auf taube Ohren. Auf die Frage der »Berliner Zeitung«, ob versucht worden sei, mit den Anwohnern ins Gespräch zu kommen, lautete die Antwort der Senatssprecherin Petra Rohland: »Wir können den Kollegen nicht zumuten, sich mit den Bürgern auseinanderzusetzen«. 

mr

Parteien positionieren sich zum Tempelhofer. Feld Kiez und Kneipe Neukölln hat hier den Parteien die Möglichkeit eingeräumt, ihre Positionen zu dem bevorstehenden Volksentscheid darzustellen. Es handelt sich hier nicht um die Meinung der Redaktion.

Die Linke

JA zum Tempelhofer Feld für alle. NEIN zur Privatisierung

Am 25. Mai findet der Volksentscheid zum Tempelhofer Feld parallel zu den Europawahlen statt. In den Wahlbüros können alle Wahlberechtigten über zwei Gesetzentwürfe entscheiden. Einen hat die  Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld« verfasst, den anderen der Berliner Senat. Bei beiden kann jeweils mit Ja und mit Nein abgestimmt werden. Damit ein Gesetz gewinnt, braucht es mehr als 625.000 JA-Stimmen und mehr JA als NEIN-Stimmen.
Die Bürgerinitiative will das Tempelhofer Feld als öffentliches Naherholungsgebiet erhalten. Das Feld ist als kostenloses Freizeitgebiet wichtig für die vielen Tausend Anwohner, die wenig Geld haben. Es soll weiter als grüne Lunge für das Stadtklima dienen, und es wird ein Gedenkort nationalsozialistischer Verbrechen entstehen. Entgegen der Behauptung des Senats soll im äußeren Wiesenbereich Raum sein für weitere Bäume, Bänke, Toiletten, Gartenprojekte und Sport- und Spielflächen.
Das Gesetz des Senats erlaubt es, mindestens ein Drittel des Feldes zu verkaufen und bebauen zu lassen. Geplant sind Gewerbe, eine überaus teure Zentralbibliothek und Luxuswohnungen. Dabei gibt es ausreichend erschlossene Bauflächen, die zusammen zehnmal so groß sind wie das Feld. Behutsame Bebauung wird versprochen, obwohl Zehngeschosser im Gespräch sind.
Der Senat verspricht auch preiswerte Wohnungen, aber macht den Investoren gesetzlich keinerlei Vorgaben, sie haben freie Hand für noch mehr Stadtvillen, Lofts und Luxuswohnungen. Nur ein Fünftel der Wohnungen sollen für 6 bis 8 Euro pro Quadratmeter kalt vermietet werden. Das sind keine Sozialwohnungen.
Von der Bebauung profitieren vor allem Immobilienspekulanten. Dem nicht genug: Die hohen Erschließungskosten sollen alle Berlinerinnen und Berliner zahlen. Nach Medienberichten belaufen sich diese Kosten und die vorgesehene Bebauung auf mehr als 600 Millionen Euro. Allein die mit 270 Millionen Euro geplante Landesbibliothek soll um 100 Millionen teurer werden.
Die Senatspläne werden die Mieten weiter hochtreiben statt senken. Die Mieter in Berlin brauchen eine gesetzliche Mietenbremse und bezahlbaren Wohnraum statt weitere Privatisierung öffentlicher Flächen und Wohnungen. DIE LINKE ruft auf, mit JA für die Bürgerinitiative zu stimmen und das Gesetz des Senats mit NEIN abzulehnen.

Lucia Schnell, Sprecherin DIE LINKE.Neukölln

thf

SPD

Wer bezahlbare Mieten will, kann nicht gegen Wohnungsbau sein

KuK ist bisher ausschließlich Sprachrohr der 100%-Tempelhof-Kampagne gewesen. Schön, dass die aktuelle Ausgabe nun auch eine Möglichkeit bietet, Argumente für die Randbebauung des Tempelhofer Feldes zur Diskussion zu stellen.
Das wichtigste: Es geht um Wohnungsbau. Bezahlbare Mieten wird es in Neukölln ohne Wohnungsbau auf Dauer nicht geben. Wir erwarten – konservativ geschätzt – 250.000 mehr Menschen in Berlin bis 2030, davon 20.000 in Neukölln. Mir ist wichtig, dass die Zuziehenden und alle, die schon da sind, menschenwürdig unterkommen und dass die Mieten dabei nicht durch die Decke gehen. Das geht nur mit Wohnungsbau. Mietbremse und Milieuschutz bekämpfen Symptome knappen Wohnraums. Wohnungsbau setzt an der Wurzel an.
In Neukölln brauchen wir bis 2030 ca. 8.000 Wohnungen durch Neubau. Für knapp ein Viertel davon ist der Platz am Rand des Tempelhofer Feldes vorgesehen. Die Hälfte der Wohnungen dort soll von öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften zu Quadratmeterpreisen zwischen 6 und 8,50 Euro vermietet werden. Das schafft ein zusätzliches Angebot auch für Haushalte mit niedrigem Einkommen.
Wer auch in Zukunft in Nord-Neukölln bezahlbaren Wohnraum finden will, darf diesen Wohnungsbau nicht verhindern. Die viel beschworenen Alternativen (Dachgeschoss-Ausbau, Nutzung anderer Freiflächen) reichen bei weitem nicht aus. Außerdem dürfen wir uns nichts vormachen: Wenn das Nimby-Prinzip (»Nicht vor meiner Haustür!«) sich auf dem Tempelhofer Feld durchsetzt, wird es auch andernorts siegen. Wohnungsbau ist eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, die nicht am Egoismus der Kieze scheitern darf.
Die Tempelhof-Initiative argumentiert inzwischen (ziemlich defensiv), auch ihr Gesetz könne später noch vom Abgeordnetenhaus geändert werden. Das stimmt aber nur formal. Ein durch Volksentscheid beschlossenes Gesetz wird die Politik jahrelang nicht anfassen. 100 % Tempelhofer Feld bedeutet deshalb für Berlin 100 % Stillstand. Dazu sollten wir es nicht kommen lassen.

Fritz Felgentreu MdB
fritz.felgentreu@bundestag.de

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Die Grünen

Abstimmen für »100% Tempelhof« gegen die Arroganz des Senats

Sozialer Wohnungsbau sollte im Masterplan nicht verbindlich festgeschrieben werden, eine Quote für erschwingliche Wohnungen sollte es nicht geben, Bürgerbeteiligung nur so weit, dass am Masterplan nichts zu ändern wäre – also nur ein bisschen für die Gestaltung des Parkes. So sahen die Vorgaben der Koalition aus, mit denen sie in die Gespräche über den von den Grünen vorgeschlagenen »Dritten Weg« ging. Wir wollten eine Festlegung auf zwei Drittel Wohnungen für Transferleistungsbeziehende und Geringverdienende, wir wollten außerdem eine Beteiligung, die an den Plänen wirklich etwas ändern könnte, sowie mindestens 250 Hektar öffentliche Freifläche und eine teilweise Unterschutzstellung des Feldes nach dem Naturschutzgesetz. Nach fünf Sitzungen war dann leider klar, dass sich die Koalition aus SPD und CDU in keinem Punkt auch nur minimal bewegen würde.
Und so sieht jetzt der Gesetzestext der Koalition aus, der am 25. Mai gegen das Gesetz der Bürgerinitiative steht: »Das Volksbegehren 100% Tempelhofer Feld geht den falschen Weg« heißt es dort. Und: »Die konkrete Ausgestaltung der geplanten Quartiere an den Außenrändern des Feldes bleibt den gesetzlichen Planungsverfahren vorbehalten«. Damit wird eine echte Bürgerbeteiligung, abgelehnt, in der auch über Alternativen diskutiert würde. Auf die vorgelegten Pläne kann damit kein Einfluss genommen werden. Für das Flughafengebäude gibt es kein Nachnutzungskonzept. Ob und wie viel sozialer Wohnungsbau tatsächlich kommt, ist offen.
Wer sich damit nicht zufrieden geben möchte, sollte das Volksbegehren unterstützen. Die überdimensionierte Wowereit-Gedenk-Bibliothek und die sieben Geschosse hohen Wohnburgen am Tempelhofer Damm können nur mit einem Ja zu »100% Tempelhof« verhindert werden. Die Koalition hat keine Idee, wie sie den Verkehrsinfarkt am Tempelhofer Damm abwenden kann, wenn dort so viele Menschen wohnen werden. Und für uns hier von zentraler Bedeutung: Die drei Reihen Häuser an der Oderstraße müssen verhindert werden.
Der dritte Weg für eine sozialverträgliche und ökologische Entwicklungsperspektive mit offener Bürgerbeteiligung ist an der Koalition gescheitert. Jetzt müssen wir verhindern, dass dieser Senat das nächste Großprojekt startet, bei dem die Kostenexplosion schon abzusehen ist und das den Schillerkiez durch drei Reihen Blocks vom Tempelhofer Feld abriegeln wird.

Susanna Kahlefeld, MdA

»Der Bezirk ist nicht zuständig!«

Aktive Demokraten irritieren die BVV

Immer mal wieder kommt es zu Turbulenzen in der Bezirksverordnetenversammlung, wenn sich das Volk auf den Rängen zu Wort meldet. So auch am 26. März. Ein Besucher wurde mit den Worten: »Wenn Sie ein Mitspracherecht haben wollen, dann gehen Sie doch zurück nach Kreuzberg« vom Vorsitzenden der BVV des Saales verwiesen, die Sitzung wurde unterbrochen.
Vorausgegangen war eine hoch emotionale Debatte um eine große Anfrage der Piraten, die wissen wollten, wie die Anwohner über den Abriss des Kiehlstegs informiert wurden.
Der Bezirk sei nicht zuständig, das sei Sache der Senatsverwaltung, erklärte Baustadtrat Blesing. Im übrigen habe er bei einer Veranstaltung in der Rütlischule im letzten August auf den Abriss hingewiesen. Auch dem Ausschuss für Grünflächen seien die Pläne bekannt gewesen. Dessen Mitglieder hätten die Anwohner ja informieren können, aber »wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«, erklärte er süffisant.
Ein weiteres Thema war die Zukunft des Tempelhofer Feldes. Um das Konzept für den sozialen Wohnungsbau ging es in einer großen Anfrage der Grünen. Im Antrag »Gleiche Bedingungen beim Volksentscheid THF« fordern die Fraktionen der Linken und der Grünen, dass die Bürgerinitative »100% Tempelhofer Feld« ebenso wie der Senat auf dem Feld mit Ständen und temporären Bauten für ihren Volksentscheid werben kann.
Auch hierfür, sagte Blesing, sei der Bezirk nicht zuständig. Der Linken warf er vor, mit der Anfrage lediglich Stimmungsmache gegen die Bebauung betreiben zu wollen. In die Werbekampagne der »Tempelhof Projekt GmbH« auf dem Feld solle sich der Bezirk nicht einmischen, erklärte Michael Morsbach (SPD). Der Eigentümer könne mit der Fläche verfahren, wie er es für richtig halte. Der Antrag wurde mit den Stimmen von CDU und SPD abgelehnt.

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Demo vor dem Rathaus.               Foto: ro

Sachlich und ernst ging es bei der Beantwortung einer großen Anfrage der CDU zu, die Auskunft über die Kosten der Demonstration gegen Nazis vor dem Rathaus am 26. Februar verlangte. Die CDU bezweifelte die Sinnhaftigkeit einer solchen Demonstration, da auf diese Weise erst recht die Aufmerksamkeit auf die Rechtsextremen gerichtet würde. Diese Einschätzung fand beim Rest der BVV allerdings keine Resonanz. »Ab wie viel Nazis darf man denn demonstrieren gehen?«, fragte Steffen Burger (Piraten) und antwortete gleich selbst: »Schon wenn ein Nazi da steht, ist es Grund genug hinzugehen.« Wegschauen sei keine Lösung, darin waren sich die meisten Redner einig. Und eine Aufrechnung der finanziellen Aufwendungen gegen die Grundrechte in einer Demokratie  sei ohnehin hoch problematisch.
Es sind 8.000 Euro, die für den Einsatz von Sicherheitskräften und einige zertrampelte Blumen aufgebracht werden müssen.

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Die auf die Straße gehen

Der Film »Mietrebellen« portraitiert die Proteste gegen Verdrängung / von Robert S. Plaul

Was der Begriff »Gentrifizierung« bedeutet, und wie schnell Verdrängung alteingesessener Mieter aus ihrem Lebensumfeld mittlerweile gehen kann, bedarf in Berlin und insbesondere in Kreuzberg und Neukölln seit einiger Zeit keiner näheren Erklärung mehr – zu präsent ist die Problematik, als dass man sie ignorieren könnte, selbst wenn man persönlich nicht direkt betroffen ist. Dass das Thema in den Köpfen ist, ist nicht zuletzt auch das Verdienst jener Aktiven, die sich in den vergangenen Jahren in zahlreichen Initiativen und Gruppierungen zusammengefunden haben, um den Protest gegen Mieterhöhung und Verdrängung auf die Straße zu bringen. Mit »Mietrebellen« kommt Ende April ein Dokumentarfilm ins Kino, der ein Portrait eben jener Protestbewegung zeichnet.
Es ist eine Bewegung, das zeigt der Film, die sich nicht ohne weiteres einer konkreten gesellschaftlichen »Gruppe« oder »Schicht« zuordnen lässt: Intellektuelle Alt-Linke, türkische Grundsicherungsempfänger und kampfeslustige Senioren sind es, die sich plötzlich – und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – demonstrierend auf der Straße wiederfinden, ein Protestcamp aufbauen und Zwangsräumungen verhindern.
In Pankow haben die Nutzer einer Seniorenbegegnungsstätte, die vom Bezirk geschlossen werden sollte, die Einrichtung kurzerhand besetzt und damit die Politik zum Handeln gezwungen. In Friedrichshain ist es den Bewohnern einer Wohnanlage, der Rentnergruppe »Palisadenpanther«, gelungen, die drohende Verdoppelung der Miete auf die sogenannte »Kostenmiete« zu vereiteln.
Ausgelaufene staatliche Fördergelder im ehemaligen sozialen Wohnungsbau sind auch der Grund für die Miet­erhöhungen südlich des Kottbusser Tors. Die zum größten Teil türkischstämmigen Mieter, die meist seit Jahrzehnten in ihren Wohnungen leben, haben sich zur Initiative »Kotti & Co.« zusammengeschlossen und auf dem Platz ein Protestcamp aufgeschlagen, das sie in Anlehnung an die informellen Siedlungen am Rande türkischer Großstädte als »Gecekondu« bezeichnen. Tatsächlich haben sie mit ihrem Protest erreicht, dass die geplante Mie­­t­erhöhung für ein Jahr ausgesetzt wurde.

MIETREBELLEN Palisaden

Mit Rollstuhl und Rollator. Die »Palisadenpanther« kämpfen um ihre Wohnanlage.   Fotos: schultecoersdokfilm

Doch nicht immer ist der Protest erfolgreich. Die Zwangsräumungen von Familie Gülbol und von Rosemarie Fliess – die traurige Berühmtheit erlangte, weil sie zwei Tage darauf verstarb – konnten trotz massivem Aufgebot von Protestierenden nicht verhindert werden. Die gute Nachricht aber, das vermitteln die Dokumentarfilmer Gertrud Schulte Westenberg und Matthias Coers in »Mietrebellen«,  ist, dass mit solchen Aktionen ein öffentlicher Druck geschaffen wird, der künftig Vermieter vielleicht davon abhält, zum Mittel Zwangsräumung zu greifen, selbst wenn sie sich im Recht fühlen.
Der eigentliche Adressat des Protestes aber ist und bleibt die Politik. Nur sie nämlich kann beispielsweise entscheiden, ob weitere Immobilien aus Landesbesitz an private Investoren verkauft werden oder ob es Miet­ober­gren­zen geben soll.

»Mietrebellen« läuft ab 24. April unter anderem im Moviemento.

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

Nr. 80 – Sonnabend
04. April 1914
das ende der langen Hutnadeln. Die großen Hüte, die mit der »Lustigen Witwe« ins Land kamen, haben bekanntlich die langen Hutnadeln in Mode gebracht, und obgleich die Hüte seither immer kleiner wurden, haben sich die langen Nadeln doch als recht langlebig erwiesen. Indessen scheint heute doch auch für sie die Todesstunde geschlagen zu haben, denn es gilt bei der eleganten Gesellschaft bereits als ganz unmodern, die kleinen Hüte noch mit solch langen Spießen zu befestigen. In dem langen Krieg, der gegen die Hutnadeln geführt wurde, ist diese zu einer ganzen Geschichte gekommen. Sie war die Ursache einer Reihe polizeilicher Verfügungen, die bemüht waren, ihnen den Garaus zu machen. Zu ihren erbitterten Feinden gehörten auch die Aerzte, die nicht müde wurden, den Verlust des Augenlichtes und entstellende Verletzungen, die auf das Konto der Hutnadeln zu setzen waren, als schreckliche Teufel an die Wand zu malen. Daß diese Beschuldigungen nicht so ganz aus der Luft gegriffen waren, beweist unter anderem die Sammlung langer Hutnadeln, die der frühere Pariser Polizeipräsident Lepine zusammengetragen hat und von denen sich an eine jede eine Schauergeschichte von Mord und Selbstmord und Gewalttaten, die das tückische Objekt verschuldet, knüpft.

Nr. 84 – Donnerstag
09. April 1914
Einen Menschenschädel fand ein Schüler aus der Lichtenraderstraße auf dem Tempelhofer Felde und übergab ihn der Polizei. Bekanntlich läßt die Stadt Neukölln z. Zt. am Rande des Tempelhofer Feldes einen Gehölzstreifen anlegen, aus welchem Grunde der Boden durch einen Dampfpflug in einer Tiefe von 60 Zentimeter umragolt worden ist. Bei dieser Arbeit ist der Schädel anscheinend an die Oberfläche befördert wordend. Woher der Schädel stammt, dürfte kaum aufzuklären sein.

Nr. 93 – Mittwoch
22. April 1914
Waschvorrichtungen auf Bahnhöfen. Es ist mehrfach Klage darüber erhoben worden, daß auf den Bahnhöfen nicht ausreichend für Waschgelegenheit gesorgt ist. Der Eisenbahnminister hat daher die königlichen Eisenbahndirektionen  veranlaßt, zu prüfen, ob die Bahnhöfe mit großem Verkehr, namentlich Übergangsbahnhöfe und solche, bei denen sich ein besonderes Bedürfnis herausgestellt hat, entsprechend mit Waschvorrichtungen ausgerüstet sind; erforderlichenfalls ist für weitere Befriedigung dieses Bedürfnisses im Rahmen der verfügbaren Mittel Sorge zu tragen. Die Ausrüstung kleinerer Bahnhöfe mit besonderen Waschgelegenheiten wird im allgemeinen nicht nötig sein. Sollte hier vereinzelt ein Bedürfnis zum Händewaschen vorliegen, so wird es nach Ansicht der Zentralverwaltung genügen, diesem Bedürfnis durch Vorhaltung von Waschwasser, Handtuch und Seife seitens der Bahnhofswirte oder in anderer geeigneter Weise zu entsprechen. Dabei soll vor allem darauf hingewirkt werden, daß die Gebühren für Händewaschen möglichst niedrig bemessen werden.

Die Transkription des Zeitungstextes wurde mit Fehlern in der Rechtschreibung aus dem Original von 1913 übernommen.
Die Originale befinden sich in der Helene-Nathan-Bibliothek.

Gefährliches Modeac­ces­soire

Ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten für Hutnadeln

Um die Jahrhundertwende wurden die  Frauenkleider schmaler und enger, die Drapierungen fielen weg. Zum optischen Ausgleich kamen die wagenradgroßen Prachthüte auf, die meist reich mit Straußen- oder Reiherfedern, Blumen und Schleifen geschmückt wurden.  Sie wurden in den wohldurchdachten Frisuren durch bis zu 30 Zentimeter lange Hutnadeln einigermaßen sicher verankert.
Die Nadeln wurden aus Stahl, Leder, Email und geschnitztem Elfenbein gefertigt und die Nadelköpfe aus Gold, Perlen oder großen, farbigen Edelsteinen wie Amethyst oder Topas.

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Ende einer Hutnadel.      Foto: Wikipedia

Hutnadeln fanden gelegentlich aber auch eine andere Verwendung. Bertha Benz benutzte auf der ersten Fernfahrt 1888 nach Pforzheim eine Hutnadel, um eine verstopfte Benzinleitung durchgängig zu machen.
Auch bei der Selbstverteidigung leisteten die Nadeln vorzügliche Dienste. Als 1912 im Generalstreik in Brisbane im australischen Queensland während einer Demonstration eine Gruppe von Frauen und Mädchen von der Polizei bedroht wurde, die mit Bajonetten bewaffnet war, nahm Emma Miller, eine engagierte 73-jährige Gewerkschafterin und Suffragette, ihre Hutnadel und stach damit auf ein Polizeipferd ein. Dieses ging durch und dessen Reiter, ausgerechnet der ranghöchste Offizier, wurde abgeworfen.
In den öffentlichen Verkehrsmitteln stellten ungeschützte Hutnadeln eine ernste Gefahr für die Mitfahrenden dar. In einer Verordnung der preußischen Eisenbahnbehörden heißt es daher: »Das Tragen ungeschützter Hutnadeln innerhalb des Bahngebietes, auf den Stationen und in den Zügen ist verboten und wird bestraft. Nichtachtung dieser Anordnung kann mit Geldstrafe bis zu 100 Mark belegt werden. Auch können derartige Personen von der Mitfahrt ausgeschlossen werden.

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Die Rollkoffervignette wird eingeführt

Minimaler finanzieller Aufwand der Neuköllnbesucher bringt viel für die Bezirkskasse

Auf Antrag des Bau- und Verkehrsausschusses der Bezirksverordnetenversammlung in Neukölln wurde bei der vergangenen Sitzung über die sogenannte »Rollkoffervignette« entschieden. Es handelt sich wie bei der Automaut um eine Vignette, die den Zugang für Touristen gegen eine Gebühr von je fünf Euro  am Anreise- und Abreisetag nach Neukölln erlaubt. Damit werden auch die Touristen erfasst, die nicht in  Hotels übernachten oder bei ihren Neuköllner Freunden. Durch Kontrolle der Neuköllner selbst soll gewährleistet werden, dass sich Touristen an diese Regelung halten. Erwerben kann der Neuköllntourist die begehrte Vignette bei der BVG und im Taxi. Für den BER sind bereits entsprechende Automaten geplant.
Der Fraktionsvorsitzende der SPD Lars Oeverdiek dazu: »Immerhin hat der Bezirk mit Mehreinnahmen von 23,8 Millionen Euro zu rechnen.« Das entspräche einem Anteil von zehn Prozent der Touristen, die jährlich Berlin besuchen, die damit zur Kasse gebeten werden. Daniel Dobberke von der Fraktion der CDU wendet dagegen ein: »Mit diesem Geld kann das Demonstrationsrecht in Neukölln weiterhin bestehen bleiben. Das kann sich der Bezirk mit den Mehreinnahmen locker leisten.«
Der Baustadtrat  Thomas Blesing dagegen betont den erhöhten administrativen Aufwand, den sich seine Abteilung nicht leisten kann. Immerhin rechnet er mit Zusatzkosten in Höhe von 200.000 Euro für die Produktion der Vignetten und Personalkosten.
Eine Allianz bildeten die Piraten und die Linke. Sie positionieren sich gegen die Vignette. Sie sei zu teuer und würde Touristen abschrecken. Im übrigen mache das kein anderer Bezirk in der Stadt.
Bürgermeister Buschkowsky, der sich normalerweise bei den Diskussionen zurückhält, zeigte sich für die Vignette begeistert: »Wo Neukölln ist, ist vorne!«
Die Vignette wird ab dem 1. April eingeführt. Neuköllner, die Rollkoffer ohne Vignette sehen, melden das Versäumnis bitte unter der Telefonnummer 030/902390.

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Lieblingsplatz für ein weises Lächeln

Ein Gespräch mit der Dame am Fenster

»Das bin ja ich«, jauchzt Irène und lacht herzlich. Sie liest in unserer März-Ausgabe den Backshopphänomen-Artikel und erkennt sich sofort wieder.
Irène ist 83 Jahre alt und wohnt seit knapp zwei Jahren in Neukölln. Vorher hat sie in München gelebt, mehrere Jahre in Frankreich und Italien, nach Afrika hat es sie auch schon verschlagen.
»Als ich in München erzählt habe, dass ich nach Neukölln ziehe, haben die mich ganz erschrocken angeguckt«, erzählt Irène und lächelt. Ihr Lachen ist ansteckend, voller Leben und Freude. Deshalb hat sie es sich auch zur Aufgabe gemacht, Menschen zum Lachen zu bringen – was ihr auch oft gelingt.
»Mir hat die Geschichte sehr gefallen«, sagt sie mir und sieht ein wenig nachdenklich aus. »Ich habe sie meinen Kindern gezeigt. Meine Tochter hat gesagt, dass der Schluss fehlt. Die Geschichte hat kein Ende.«

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»Ich muss nicht weiter«. Gelassenheit im Backshop.     Foto: cr

Und das werde ich jetzt nachholen:
Die alte Dame sitzt wieder am Fenster auf ihrem Lieblingsplatz und blättert in einer Zeitung. Sie sitzt mittig auf der gepolsterten Bank, da ihr Knie nicht mehr jede Bewegung vollführen kann und so kein Tischbein im Weg ist. Irène beobachtet gerne die Leute, die auf dem Bürgersteig am Fenster vorbeihuschen. Sie ist ein bisschen traurig, dass niemand mehr die Zeit aufbringt, kurz stehen zu bleiben und inne zu halten. »Ich muss weiter« ist für sie ein schlimmer Satz. Ich habe zu tun, ich kann nicht – alles Ausreden.
Ich habe ein Buch dabei. Es liegt neben mir auf dem Tisch.
»Was ist denn das?«, fragt Irène neugierig.
»Ein Kinderbuch«, erkläre ich. »Für kleine, große und sehr große Kinder. Es ist eine Fortsetzung vom Kleinen Prinzen.«
Irène faltet ihre Hände und lächelt. Sie erinnert sich an alte Zeiten, verfällt in Melancholie.
»Ach, der Kleine Prinz ist immer noch mein Lieblingsbuch«, schwärmt sie.
Ich verspreche ihr, dass sie es auf jeden Fall auch mal zum Lesen bekommt und verabschiede mich. Ich sage extra nicht »Ich muss los«, denn mittlerweile kenne ich die Dame am Fenster viel besser.
»Ich mache mich auf den Weg und freue mich schon auf die nächste Begegnung«, sage ich und schüttele ihr die Hand. Dann bestelle ich mir noch einen Milchkaffee zum Mitnehmen und gehe meiner Wege.
Irène habe ich ein paar Tage später gesehen. Sie lächelt – wie immer. 

cr

Höher, schneller, akrobatischer

Neuköllner Meisterehrung für das Sportjahr 2013 mit vielen unterhaltsamen Einlagen

Bunt und abwechslungsreich wie Neukölln selbst war die Meisterehrung für das Sportjahr 2013 auf dem Campus Rütli, mit Shows, die von Cheerleading und Juggern zu Turnen und Karate reichten. Eröffnet wurde die Sportgala am 4. April durch einen Auftritt von »Stars in Concert«, genauer gesagt einem verblüffend authentischen Tom Jones, der mit seinem flotten Hüftschwung wohl besonders einige Damen in Begeisterung versetzte. Direkt im Anschluss begrüßten Stadträtin Franziska Giffey und die Vorsitzende des Sportausschusses der BVV Violette Barkusky-Fuchs die Gäste und erfolgreichen Sportler sowie einige besondere Persönlichkeiten unter den Anwesenden: die MdBs Fritz Felgentreu und Christina Schwarzer und Bürgermeister Heinz Buschkowsky, die sich jedoch dezent im Hintergrund hielten.
Geehrt wurden 642 Sportler aus 18 Neuköllner Vereinen. Ein besonderes Präsent sollten der jüngste und der älteste Sportler (2008 und 1930 geboren) erhalten, doch leider wagte sich keiner von ihnen nach vorne. Während dann am linken Hallenrand die Ehrungen durch Helfer der BVV durchgeführt wurden, begann das Programm.
Interessant wurde es, als ein mysteriöser Mann im weißen Mantel die Bühne betrat, der sich als der äußerst begabte Artist TJ Wheels, Künstler des Jahres 2012, entpuppte und zwei atemberaubende Balance- und Jonglageshows zum Besten gab.

meisterehrunhgAkrobat schön.          Foto: Bertil Wewer

Großen Zuspruch beim jüngeren Publikum fanden die Breakdancer »Yo 22«, die mit Kopfkreiseln und Saltos zeigten, dass auch außerhalb vom Vereinssport Höchstleistungen gebracht werden. Ein echter Stimmungsmacher war die Capoeira Gruppe der »Berliner Turnerschaft«. Zu brasilianischer Musik führten sie ihre Kampf-Tanz-Kunst mit akrobatischen Elementen vor und bewegten die Zuschauer sogar zum Mitsingen und Mitklatschen.
Zwischen all diesen unterhaltsamen Einlagen wurden drei herausragende Vertreter des Neuköllner Sports geehrt: Triathletin Agnes Lukasiewicz vom »TuS Neukölln« und Schwimmer Tim Wallburger vom »SG Neukölln«, beide international erfolgreich, waren leider nicht anwesend, dafür aber die U13 Wasserballer des »SG Neukölln«, die 2013 deutsche Vizemeister wurden und so glücklich ihre Urkunden entgegennehmen konnten.
Das Schönste an dieser unterhaltsamen Sportgala war jedoch die Begeisterung für die unterschiedlichsten Sportarten, die den ganzen Abend in der Luft lag, sodass man am liebsten aufgestanden wäre und mitgetanzt, gekämpft oder geturnt hätte.

jt

Sensationeller Fund!

Naslinge  – eine bereits verschollen geglaubten Tierart aus der Gruppe der Rhinogradentia

Francoise Didier, eine junge Biologin, die sich auf Kleintierpopulationen städtischer Freiflächen und Brachen spezialisiert hat, macht zur Zeit vergleichende Untersuchungen in Berlin, Madrid, Paris und Rom. Die teilweise erstaunlichen Ergebnisse führen ab und zu nicht nur zum Auffinden bereits als verschollen geltender Arten sondern lassen auch Schlüsse auf die fortschreitenden Veränderungen im Rahmen der Klimaerwärmung zu.

Die von ihr hier aufgefundene, als verschollene geglaubte Art Nasobema lyricum (Naslinge), ursprünglich heimisch auf einem tropischem Archipel, wird nach ihren Aussagen nur noch der Vollständigkeit halber in den zoologischen Grundwerken als taxonomische Gruppe beschrieben.

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Diese wohl nachtaktiven, sehr verborgenen Naslinge weisen eine Größe wie Spitzmäuse auf, ernähren sich von kleinen Insekten und sind nur unter schwierigsten Umständen zu beobachten. Auch Francoise Didier ist es nicht gelungen, ein brauchbares Foto zu schießen. Naslinge treten genauso schnell  in Erscheinung, wie sie wieder weg sind. Francoise Didier geht zur Zeit von drei Exemplaren direkt im Übergang zur S-Bahn aus, die sich durch Größe unterscheiden ließen. Es könnte sein, dass sich entlang der hier gut etablierten Biotopverbindungen eventuell doch eine überlebensfähige Population ansiedeln konnte. Dies wäre eine sensationelle heimischwerdende Art im Rahmen der Klimaerwärmung in Mitteleuropa. Mittels einer Wärmebildkamera gilt es den endgültigen Nachweis zu führen. Francoise Didier bittet um Mithilfe und Unterstützung, welche den sensationellen Fund belegen.

Rolf Siewing (Hrsg.): Lehrbuch der Zoologie. Systematik, Kapitel: Rhinogradentia. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Band 2, G. Fischer, Stuttgart 1985, ISBN 3-437-20299-5
 

Das Nasobēm

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobēm,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobēm.

(Christian Morgenstern)

 

 

 

Neue Flüchtlingsunterkunft in Neukölln

Anwohner und Schulen sind gut auf die neuen Mitbürger vorbereitet

spaethstrBürger  schützen das Asylantenheim vor Neonazi-Demonstranten.Foto: ro

Es geht doch! Was lange versprochen war, wird nun endlich wahr. Auf dem Gelände vom »Möbelhaus Krieger« ist eine Flüchtlingsunterkunft entstanden, die im März eröffnet wird. Das Gelände, das früher bezirkseigen war, wurde vom Möbelhaus vorerst bis Ende nächsten Jahres zur Verfügung gestellt.
Seit Wochen werden die Arbeiten von Nazis beäugt, die diese Einrichtung verhindern wollen. Dank der Anwohner sowie konfessioneller und öffentlicher Einrichtungen ist für die neuen Gäste gesammelt worden. Die Stimmung gegenüber den Neuankömmlingen ist gut, denn alle wissen, dass diese Menschen Schreckliches erlebt haben und zukünftig vor möglichen Übergriffen der Nazis geschützt werden müssen.
Damit kommen zu den bestehenden 29 Plätzen in Neukölln 400 weitere hinzu. Die Bildungsstadträtin Franziska Giffey rechnet mit ungefähr 100 schulpflichtigen Kindern. Obwohl weder Altersstruktur noch Bildungsstand der jungen Menschen bekannt ist, haben sich fünf Neuköllner Grundschulen und drei Oberschulen bereit erklärt, die Schüler aufzunehmen.
Die Kinder kommen in Willkommensklassen. Das sind Lerngruppen, die für alle Kinder ohne Deutschkenntnisse offen sind. Da sich die Klassen nicht nur aus Flüchtlings-, sondern auch aus Migrantenkindern zusammensetzen, erhofft sich der Bezirk weniger Ausgrenzung der Flüchtlinge.

CDU sucht Standorte

Wohin mit den Asylsuchenden?

Bei der Klausurtagung der CDU am 1. März war die Flüchtlingsproblematik in Neukölln durchaus ein zentrales Thema. »Wir bekennen uns zur gesamtstädtischen Verantwortung des Bezirkes Neukölln und sprechen uns für die Aufnahme und die Unterbringung von Asylsuchenden in Neukölln aus. In Neukölln spielt dabei insbesondere die Standortfrage eine wichtige Rolle. Vor dem Hintergrund der weiter steigenden Platzbedarfe darf dabei kein möglicher Standort im Voraus ausgeschlossen werden«, erklärt Gerrit Kringel, Fraktionsvorsitzender in der BVV Neukölln.
Ausgehend davon, dass Neukölln auch  weiterhin Standorte für Flüchtlinge finden muss, wurden Vorschläge erarbeitet. Das ehemalige Gebäude von C&A und die alte Post in der Karl-Marx-Straße, die Freifläche zwischen den S-Bahnhöfen Neukölln und Hermannstraße und der ehemalige Friedhof der St. Thomas-Gemeinde an der Hermannstraße könnten als Fläche für die Errichtung von Flüchtlingsunterkünften dienen. Als temporäre Zwischennutzung kommen die Freiflächen am Campus Rütli sowie auf dem Tempelhofer Feld infrage. So das Resumé der Klausurtagung der  Neuköllner CDU zur Asylpolitik.

ro

 

von Neuköllnern für Neuköllner