Turnhallen und Solidarität

Jan-Christopher Rämer über seine ersten sechs Monate im Amt

Rämer
an Rämer.Foto:mr

Wenn zu später Stunde in der Boddinstraße 34 noch ein Lichtlein brennt, ist dies neben den unzähligen Volkshochschulkur- sen, die hier stattfin- den, wahr- scheinlich das Licht im Büro des Bezirks-stadtrats Jan-Christopher Rämer.  Der studierte Geograph, der im April 2015 als Nach- folger Franziska Giffeys die Leitung der Abteilung für Bildung, Schule, Kultur und Sport antrat, nennt diesen Zustand »entgrenzte Arbeit«, was soviel heißt wie: Feste Arbeitszeiten sind Ansichtssache. Dies verbindet ihn mit der Bezirksbürgermeisterin Giffey und schafft die Basis für ihre fruchtbare Zusammenarbeit.Das politische Engagement Rämers beginnt während seines Zivildienstes in Pforzheim. Durch die Arbeit mit Geflüchteten aus dem Kosovo beginnt für ihn die Einführung in die komplexen Pro- zesse der Kommunalpolitik. Ein Thema, das ihn über zehn Jahre später wieder beschäftigen soll.
Nach mehreren Jahren Hochschulpolitik bei den autonomen Grünen, wo es nicht lange dauert, bis Jan Rämer als »Sozi« geoutet wird, findet er seinen Weg zur SPD. Mit seiner Partei fühlt sich der Bezirksstadt- rat stark verbunden, welches sich mit der Wiederbelebung der Neu- köllner Jusos und dem Vorsitz der Berliner Jusos weiter manifestiert.
Der in Neukölln aufgewachsene Rämer ist untrennbar mit seinem Bezirk verbunden. Für ihn ist Neukölln New York City am Hermann- platz und Wanne-Eickel in Buckow. Multiethnizität ist hier absolut selbstverständlich, und genau darin sieht er die Vorreiterrolle Neuköllns.
Vom Exportschlager Stadtteilmütter über Willkommensklassen, von denen es derzeit 51 Stück gibt, bis hin zu dem Modell Gemeinschafts- schule sieht Rämer Neukölln in Sachen Bildung ganz weit vorn. »Positive Staatserfahrungen möglich machen« ist eines der Mantras des Sozialdemokraten.
Seine Feuertaufe erlebte er inmitten der absoluten Ausnahme-situation, in der täglich 800 neue Menschen in die Stadt kamen. Mit dem Vorschlag, Geflüchtete in drei Sporthallen Neuköllns unter-zubringen, hat sich Rämer nicht nur Freunde gemacht. Auch wenn er zugibt, dass die Unterbringung in Turnhallen eine der teuersten Möglichkeiten ist, sah er es als notwendig an dafür zu kämpfen, dass dies genehmigt wird.
Rassistische Beleidigungen durch Buckower sieht er als bedrohliches Anzeichen der schwindenden Solidarität in der Bevölkerung, doch Jan Rämer bleibt optimistisch. Aus persönlichen Gesprächen weiß er, dass Geflüchtete, die in Spandau untergebracht sind, gerne Ausflüge nach Neukölln machen, weil sie hier ein Heimatgefühl vorfinden.
Den anstehenden Wahlkampf nach seiner relativ kurzen Einstiegs- phase und Bewährungsperiode geht Rämer gelassen an.
»Glokalisierung ist eben doch das wichtigste«, auch in der heutigen Zeit, meint er. Auf dieser Verbindung der Globalisierung mit ihren lokalen Auswirkungen fußt sein Vorschlag, die »Alte Post« durch eine bürgergeführte Crowdfunding-Kampagne zurückzukaufen; unter dem Motto: »Neukölln kauft sich die Post zurück!«.
Wenn er nicht gerade irgendwo zwischen Handballspielen und Ausstellungseröffnungen unterwegs ist, ist übrigens das »Liesl« in der Nogatstraße 30 eine seiner Lieblingskneipen in Neukölln. Dort trifft man den charismatischen Bezirksstadtrat vielleicht mit ein paar Kiez-Schnitten beim Bier auf ein Gespräch – über Bildung, Schule, Kultur und Sport.

bk