1.500 Polizisten gegen 19 Punks

Wien
Pizza Wiener Art – mit Tränengas.                                                                                                      Foto: Syndikalismus

Wiener Häuserkampf an der »Neuköllner Oper«

Während in den Achtzigern in West-Berlin der Häuserkampf tobte, war es in Wien ziemlich ruhig. Vereinzelte Hausbesetzungen wurden sofort vereitelt. Niemand rechnete damit, dass im Jahr 2014 die beschauliche österreichische Hauptstadt Schauplatz eines Einsatzes von über 1.500 Polizisten gegen 19 Punks werden konnte.
Die absurde Geschichte könnte aus einem »Kottan«-Krimi stammen.
Ein Immobilienspekulant ging zu einem Treffen von Wiener Punks. Er bot ihnen an, dass sie in einem Wohnhaus im Wiener Bezirk Leopold- stadt für einen Euro pro Jahr wohnen könnten und alle Freiheiten hätten. Die Freude der Punks war groß, sie nahmen das Angebot an.
Natürlich verfolgte der Immobilienmakler eine Absicht. Die Punks sollten Chaos anrichten und das Haus verkommen lassen, um die Alt- mieter rauszuekeln. 1.500 Polizisten gegen 19 Punks weiterlesen

Bürgerschaftliches Engagement

Vereinsmeierei, Stiftungsverantwortung oder Bürgerinitiativen-gerangel ist nicht jedermanns Sache, sich für eine überschaubare Zeitspanne themenspezifisch persönlich einzusetzen schon. Mit Wissen, Erfahrung und Ideen gleichen Bürger abhanden gekommene Regelfinanzierungen, Personalmangel und politischen Unwillen zum Wohle der Gemeinschaft aus. Solch selbstbewusstes Engagement wird nicht überall gern gesehen, manchmal als Selbstverständlichkeit wenig wertgeschätzt und immer bemängelt, ist es nicht vorhanden.
Dankenswerterweise ergreifen immer mehr Menschen die Initiative, mit ihrem Wirken den sozialen Frieden festigen zu wollen. Bürger und deren engagierter Wille zur Gestaltung und Hilfsbereitschaft sind der Stoff, der unsere Stadt zusammenhält.

Beate Storni

Die Tage im Container sind gezählt

Es geht vorwärts beim Neubau der Clay-Schule

Seit 25 Jahren harrt die Clay-Schule in Bu­ckow bereits in einem »temporären Ersatzbau« am Bildhauerweg aus. Dorthin hatte sie 1989 umziehen müssen, weil das alte Gebäude in der Lipschitzallee wegen Asbestbelastung und baulicher Mängel aufgegeben werden musste.
Jetzt deuten alle Zeichen darauf hin, »dass es mit großer Sicherheit was wird« mit dem Neubau am Neudecker Weg. »Wir haben das Grundstück, und die Finanzierung ist gesichert.« Das sagte Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey am 29. September bei der Eröffnung der Ausstellung, die alle 20 eingereichten Entwürfe und Modelle des Architekturwettbewerbs zum Neubau der Clay-Schule zeigte.

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So wird es mal aussehen.   Jan-Christopher Rämer mit dem Modell  der Schule.                          Foto:mr                                                                                                                                                      

»Ich bin inzwischen der fünfte oder sechste Stadtrat, der sich mit dem Thema beschäftigen darf. Aber noch nie war jemand so weit«, freute sich auch Schulstadtrat Jan-Christopher Rämer. »Ich wäre wirklich dankbar, wenn nicht noch was gefunden wird«, meinte er im Hinblick auf die archäologischen Grabungen auf dem künftigen Schulgelände, die in der Vergangenheit zu deutlichen Verzögerungen geführt hatten. Die Tage im Container sind gezählt weiterlesen

Die »Bürgerstiftung Neukölln« feiert Geburtstag

Zehn Jahre erfolgreiche Arbeit für den Bezirk

Wie gelingt es, das friedliche und kreative Zusammenleben in einer Stadt zu gestalten, in der Menschen aus mehr als 160 Nationen zusammenleben?

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Stiftungsarbeit mit Weitblick.                                                                                                                                             Foto: mr

Mit dieser Frage beschäftigt sich die »Bürgerstiftung Neukölln« seit zehn Jahren und hat dabei ihre eigenen Lösungsansätze entwickelt.
Rund 120 Integrationsprojekte hat die Stiftung während dieser Zeit mit dem so genannten »N+Förderfonds« unterstützt. Davon profi-tierten beispielsweise das Kunstfestival »48 Stunden Neukölln« oder das Strohballenfest »Popráci«, aber auch kleinere Aktionen mit geringem Finanzierungsbedarf wie ein Hasenfest, das Mütter in der Hasenheide für Kinder organisierten. Die Stiftung übernimmt auch die Sachkosten für Initiativen, die sich in der Flüchtlingshilfe enga- gieren. »Wir wollen Projekten helfen, die kein Geld aus anderen Fördertöpfen erhalten«, sagt Bertil Wever, der seit 2006 als Stifter und Schatzmeister dabei ist. Damit ein Projekt unterstützt werden kann, muss es einen Neuköllnbezug haben und sollte darüber hinaus nachhaltig sein. Die »Bürgerstiftung Neukölln« feiert Geburtstag weiterlesen

Neuköllner Friedhöfe im Wandel der Zeit

Der St. Thomas Friedhof I – westlich der Herrmannstraße

Dieser ältere Teil des Kirchhofs wurde 1865 auf der mehr als sechs Hektar großen Fläche zwischen Herrmannstraße und Tempelhofer Feld angelegt. Gestaltet wurde eine Hauptallee mit Platanen, mindes­tens einem Rondell und Pyramidenpappeln als Randbepflanzung. Die Kapelle wurde auf dem gegenüberliegenden zweiten Teil des Kirch- hofs gebaut.

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Denkmalgeschützte Einflugschneise.                                                                                                                           Foto: mr

Nun wird seit vielen Jahren mit freundlich zähneknirschender Dul- dung des Besitzers, des evangelischen Friedhofsverbands Berlin-Stadtmitte, die Fläche des entwidmeten St. Thomas Friedhofs I in der Herrmannstraße 79/83 überwiegend als Hundeauslaufgebiet genutzt. Ausgetobte, entspannte Hunde und zufriedene Zweibeiner sind das Ergebnis. Die Initiative »Schillernde Hunde« setzt sich dafür ein, dass dies auch so bleibt, und sammelt fleißig unterstützende Unterschriften. Neuköllner Friedhöfe im Wandel der Zeit weiterlesen

Kreativwirtschaft in Neukölln

Der Kiez steht vor Veränderungen

Unter dem Motto »Bunt, kleinteilig und international – Kreativwirtschaft in Neukölln« luden die beiden Abgeordneten der Grünen, Anja Kofbinger und Susanna Kahlefeld, zum Kiezgespräch ins Café »DOTS« in der Weserstaße 191 ein.

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Auf der Suche nach neuen Strukturen.                                                                                                                           Foto: rb

»Was tun Bezirk und Senat für die Kreativen in Neukölln, und wie kann die Kreativwirtschaft im Bezirk konkret gefördert und unter-stützt werden?« Darüber diskutierten die beiden Parlamentarierin- nen mit Clemens Mücke von der Wirtschaftsförderung Neukölln, Tobias Losekandt vom »Kreativnetz Neukölln«, der Neuköllner Mode- designerin Mareike Ulmann, Notker Schweik­hardt, Sprecher für Kultur- und Kreativ­wirtschaft im Berliner Ab­geordnetenhaus, und den rund 30 Gästen. Kreativwirtschaft in Neukölln weiterlesen

Nachwuchs gesucht

Der Bürgerverein Britz feiert Jubiläum

Seit 125 Jahren setzt sich der »Bürgerverein Berlin – Britz e.V.« dafür ein, den Bürgersinn zu pflegen und den kommunalen Interessen des Ortsteils Britz bei den Verwaltungsbehörden Geltung zu verschaffen.
Am 1. November feierte der Verein seinen Geburtstag. In seinem Grußwort würdigte der Vorsitzende Jürgen Rose die erfolgreiche Arbeit dieser Jahre.
Gegründet wurde der Verein am 1. November 1890 von 22 Herren. Damen wurden erst 1949 aufgenommen.

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Langer Blick zurück.                                                                                                                                                                   Foto: mr

Britz war zu dieser Zeit eine der ärmsten Gemeinden am Rande Berlins. Diese Zustände zu verbessern war die erklärte Absicht des Vereins. Es ging dabei um die Pflasterung und Beleuchtung der Straßen, den Bau einer Schule oder die Einrichtung einer Volks-bibliothek. Bis heute vertritt der Verein selbstbewusst seine Anliegen in Bezug auf Stadtplanung, Natur- und Umweltschutz auch gegen- über dem Bezirks­amt, was nicht immer ohne gewisse Reibungen vonstatten geht, wie Gesundheitsstadtrat Falko Liecke in seiner Ansprache andeutete. Nachwuchs gesucht weiterlesen

Für die Bürger im Parlament

Anja Kofbinger über ihre Arbeit im Abgeordnetenhaus und im Petitionsausschuss

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Anja Kofbinger.                                                                                          Foto:fh

Wenn Anja Kofbinger in Neukölln unterwegs ist, dann ist ihre Präsenz unbestreitbar raumfüllend. Mit ihrer Ausstrahlung gewinnt sie Herzen im Sturm. Seit 2011 sitzt sie für die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin und vertritt die Interessen der Neuköllner. Sie ist ganz besonders dicht an den Bürgerinteressen, denn sie arbeitet im Petitionsausschuss. Bürgerfragen werden dort behan- delt und zwar lebensnah. Es erfüllt sie mit Stolz, in diesem Ausschuss tätig zu sein, denn hier kann sie direkt etwas für die Bürger tun. Und es ist auch der einzige Ausschuss im Abgeordnetenhaus, in dem sich die Mitglieder über die Parteirangeleien hinwegsetzen und jeden Fall aus der Sicht des Bürgers begutachten. Für die Bürger im Parlament weiterlesen

Immer an der Mauer lang

Auf dem Fahrrad von der Barentssee zum Schwarzen Meer

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Michael Cramer. Foto:mr

Fast ein halbes Jahrhundert war West-Berlin ein- gemauert und Europa von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer durch den Eisernen Vorhang geteilt.
Die Erinnerung daran auch nach dem Fall der Mauer zu bewa- hren ist eine Herzensangelegenheit für den Abgeordneten des Europaparlaments Michael Cramer (Bündnis 90/Die Grünen).
Am 29. Oktober stellte Cramer aus Anlass des 25. Jahrestages der Deutschen Einheit im Museum Neukölln den »Iron Curtain Trail« vor, einen Radweg quer durch Europa. Er hatte Fotos und eine Menge interessanter Geschichten mitgebracht.
Er hat viel zu erzählen. Etwa, dass auf seine Initiative das Berliner Abgeordnetenhaus 2001 beschloss, den Mauerweg entlang des ehemaligen Grenzstreifens zwischen Ost- und West-Berlin mit Schildern zu versehen, die die Geschichte des Eisernen Vorhangs erzählen.

Mauerweg
Mauerradwanderweg in Berlin.                                                                                                                                        Foto: mr

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Auf Entdeckungstour

Franziska Giffey erkundet die Sehenswürdigkeiten in Buckow

Sonntag Nachmittag, blauer Himmel, die alten Bäume leuchten in herbstlichen Farben. »So muss es sein, wenn man Schätze entdecken will«, freute sich Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey. Gemeinsam mit einem Trupp von rund 20 Leuten war sie am 18. Oktober zu ihrer zweiten Erkundungstour durch Neuköllner Kieze in Buckow unterwegs, um die Schätze und Sehenswürdigkeiten des Bezirks auf einem Spaziergang näher kennen zu lernen. Begleitet wurde sie vom Buckow-Heimatforscher Bodo Manegold, der von 1995 bis 2001 ihr Vorgänger im Amt des Bezirksbürgermeisters war. Organisiert wurde das ganze von der »Volkshochschule Neukölln«.

Buckow
Der Altbürgermeister geht voran. Bürgermeisterin Giffey folgt Prof. Manegold.                       Foto: mr

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Brand erschüttert Jugendliche

Feuer zerstört Fahrradwerkstatt auf dem Tempelhofer Feld

Die Jugendlichen sind immer noch fassungslos, während sie versuchen, die Trümmer ihrer Werkstatt zu beseitigen. Am Abend des 30. September ist der kleine bunte Wohnwagen, der seit 2012 die Fahrradwerkstatt auf dem Tempelhofer Feld beherbergte, komplett ausgebrannt. Nur ein verkohltes Gerippe ist übriggeblieben. Völlig zerstört wurden auch die Werkzeuge für die Fahrradreparaturen, die im Wohnwagen lagerten.

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Abgebrannt und aufgebaut.                                                                                                                                                  Foto: mr

Die Ursache für das Feuer ist bisher noch unbekannt, die Kriminalpolizei ermittelt. Einen gezielten Anschlag schließt Mahiye Yilmaz aber aus, sie vermutet eher Fahrlässigkeit und Dummheit.
Yilmaz ist Geschäftsführerin des Vereins „die Taschengeldfirma e.V.“, einem Jugendselbsthilfe-Verein aus dem Nordneuköllner Kiez, der die Werkstatt betreibt. Und sie will, dass es weitergeht. »Es ist passiert«, sagt sie. »Das Wichtigste ist jetzt, dass die Leute nicht demotiviert sind.« Brand erschüttert Jugendliche weiterlesen

Neuköllner Alltägliches

Nachrichten aus dem »Neuköllner Tageblatt« vor 100 Jahren, bearbeitet von M. Rempe

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Nr. 258 – Mittwoch, 3. November 1915
Der fleischlose Tag. Manche Hausfrau war gestern vormittag nicht wenig überrascht, als sie ihre Einkäufe beim Schlächter machen wollte, den Laden aber geschlossen fand. Viele Frauen hatten eben vergessen, daß gestern zum ersten Male die neue Bundesratsverordnung in Geltung trat, nach welcher Dienstags und Freitags Fleisch und Fleischwaren nicht verkauft werden dürfen. Viele andere Hausfrauen hatten jedoch an die neue Verordnung gedacht und am Montag abend die Schlächterläden förmlich gestürmt, als müßten sie Hungers sterben, wenn sie einmal ohne Fleisch sich behelfen müssen. Man darf wohl annehmen, daß der Sturm auf die Fleischerläden nur in der ersten Aufregung über die neuen bundesratlichen Bestimmungen erfolgt ist und die Hausfrauen künftig die fleischlosen Tage besser respektieren werden, denn sonst wird an diesen Tagen tatsächlich nur in den Restaurants an Fleisch gespart, und damit wird nichts oder nur wenig erreicht. – In den hiesigen Gastwirtschaften spielten gestern auf den Speisekarten die Fische ein große Rolle; man konnte Karpfen, Schellfisch, Kabliau usw. in den verschiedenen Zubereitungen erhalten. Auch Eierspeisen und Kartoffelgerichte fehlten nicht und statt der sonst üblichen Kraftbrühe gab es Kürbissuppe. Gewiß alles schmackhafte und sehr nahrhafte Speisen, welche die sonst gewohnten Fleischgerichte gar nicht vermissen ließen. Neuköllner Alltägliches weiterlesen

Immer wieder sonntags

Stilvoll asiatisch snacken

»Everyday is like Sunday«, sang einst der Brite Morrissey. Mit seinem Namen »Everyday is Sunday« setzt das im September eröffnete »Contemporary Asian Café Deli« noch einen drauf. Die Inhaber des Cafés, ein Vietnamese und eine Koreanerin, die sich seit ihren Stu- dententagen an der UdK kennen und schon bei bekannten Berliner Asia­lokalen wie dem »Kuchi« Gastroerfahrung sammelten, lieben einfach Sonntage. Gemütlich und ohne Zeitdruck im Café sitzen, lesen, plaudern und schmausen – dieses entspannte Sonntagsgefühl lässt sich hier sogar täglich herbeiholen.

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Täglich Sonntag.Foto: pr

Das luftig-stylische Interieur des Cafés mit seinen geradlinigen For- men, hellen Grün- und Blautönen sowie Bänken und Tischen aus verschiedenen Hölzern erzeugt ein angenehmes, zeitgeistiges Ambiente. Die unkomplizierte, harmonische Grundstimmung wird von geschmackvoller Lounge- und Jazzmusikuntermalung noch verstärkt. Das im September in den Räumen des ehemaligen teil- veganen Restaurants »Lupus« eröffnete Café überzeugt zudem nicht nur mit modern interpretierten warmen und kalten Köstlichkeiten der pan-asiatischen Küche, einem ungewöhnlichen Angebot an Süßem und einer großen Tee-Auswahl. Abends werden mit Street-Food-Specials, coolen, teilweise selbst mixbaren Drinks und span- nenden Musikveranstaltungen auch die Bar- und Kulturliebhaber im Kiez versorgt. Immer wieder sonntags weiterlesen

Die Wasserstimme aus der Alten Welt

Kulturelle und kulinarische Reisen in die Vergangenheit im »Alte Welt Sıraltı«

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PRÄCHTIGES Geplätscher.                                                                                                                                                  Foto: hlb

In eine andere Welt möchte er den Gast versetzen, die Einheit aus türkisch-osmanischer Kochkunst, Mystik und dem Zauber vergan- gener Kulturen vermitteln und die Seele samt aller Sinne stimulieren. Ali Nizamettin Altun, Inhaber des »Alte Welt Sıraltı«, hat viel vor. Aus der traditionsreichen, lang leerstehenden »Alten Welt« in der Wissmannstraße hat er einen inspirierend schönen kulinarischen Kultur- und Erholungstreffpunkt gemacht. »Hier ist viel Liebe drin«, sagt er und entschuldigt sich, dass die lange Renovierung den Nach- barn so viel Geduld abverlangt habe. »Ich wollte einfach das Beste bauen.« Das spürt man: Schwere Holzmöbel, alte Vitrinen und Regale, Spiegel, Kronleuchter und Tiffanylampen schaffen eine behagliche, fast schon – auch wenn ein Großteil der Einrichtung von Berliner Trödelmärkten stammt – museale Atmosphäre. Die Wasserstimme aus der Alten Welt weiterlesen

Aufbruch zu neuen Ufern

Der Kunstraum »t27« ist in die Mainzer Straße gezogen

Der »Kunstraum t27« ist Geschichte. Nach zehn Jahren erhielt der »Kunstverein Neukölln« vom Eigentümer die Kündigung, ein Schick- sal, das auch die anderen Gewerbemieter in der Remise ereilte.
Aber bevor es an den Umzug ging, wurde vom 23. bis 25. Oktober mit Lesungen, Konzerten, Performances und einer letzten Ausstellung von den großzügigen Ausstellungsräumen in der Thomasstraße Ab- schied genommen.

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»T27« in kleinen Stücken.                                                                                                                                                      Foto: mr

Unzählige sich überlagernde Rechtecke aus Klebeband in unter-schiedlicher Größe und Farbe an den Wänden und auf dem Boden markieren all die Stellen im Raum, an denen in den letzten zehn Jahren Malereien, Zeichnungen, Installationen, Skulpturen, Grafiken gehangen, gestanden oder gelehnt haben. Es ist der Versuch, 108 Ausstellungen mit mehr als 400 Künstlern in Schichten und Über- lagerungen sichtbar zu machen. Wer wollte, konnte sich ein Stück davon mit nach Hause nehmen, denn am Ende des Abends wurden DIN A4-Blatt große Ausschnitte verkauft. Aufbruch zu neuen Ufern weiterlesen

Salonmusik im Herbst

Virtuose Musiker aus Australien, China und Deutschland

Eine Reihe erstklassiger Konzerte mit internationaler Besetzung werden im November bei der »Salonmusik« im Café im Körnerpark zu hören sein.

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Virginia Yep.Foto: mr

Am Sonntag, den 8. November, zeigt der Australier Geordie Little seine ganz eigene Art des Gitarrenspiels. Mit verblüffender Fingertechnik und virtuosem Gitarrenspiel schafft er einen völlig neuen Sound. In seinen perkussiven und melodiösen Kompositionen wird auch Geordies selbst gebaute achtsaitige Flamencogitarre zum Einsatz kommen.
Zeitgenössischer Jazz ist am 15. November zu hören. Der Pianist Hannes Zerbe gehörte schon zu DDR-Zeiten zu den kreativsten Musikern und Komponisten dieses Genres. Beim Konzert im Café tritt er im Duo mit dem Saxofonisten Dirk Engelhardt auf. Brecht/Eisler–Lieder und Kompositionen von Hannes Zerbe dienen den beiden als Ausgangspunkt für abwechslungsreiche Improvisationen. Salonmusik im Herbst weiterlesen

»Slowboy« beim Jazzclub in der Gropiusstadt

Alte Klangerzeugung für neuen Jazz

SlowBoy
Orgel mit Wumms.                                                                                                                                                                      Foto. mr

Warum nennt sich eine Gruppe »Slowboy«, wenn sie so druckvolle und ener­getische Musik macht? Vielleicht, weil sie ähnlich wie beim »Slow Food« auf handgemachte Ingredienzien setzt, wie die berühmte Hammond-Orgel mit Leslie-Lautsprecher, die den Sound der Rockbands der 70er prägte. Statt die mittlerweile fast unzähligen Sounds neuer Keyboards zu verwenden, schleppte der Organist Wolfgang Roggenkamp seine schwere Hammond-Orgel samt Leslie auf die Bühne des Kleinen Saals im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt.
Zum Auftakt der Herbstsaison des »Jazzclubs« am 9. Oktober erlebten die Zuhörer ein musikalisch erstklassiges Konzert. Vor so mitreißenden Rhythmen und wuchtigen Orgelklängen kann keiner die Ohren verschließen. »Slowboy« beim Jazzclub in der Gropiusstadt weiterlesen

Berlinerinnen porträtiert

Subtile Signale spiegeln Lebensumstände

Ein Stadtporträt der etwas anderen Art ist derzeit in der »Galerie im Körnerpark« anzuschauen. Der Fotograf Ashkan Sahihi hat 375 in Berlin lebende Frauen fotografiert und sie gebeten, einen Fragebogen handschriftlich auszufüllen.
Mit 35 Suchbegriffen legte Ashkan Sahihi zunächst Kategorien fest, nach denen anschließend Berliner Frauen als Fotomodelle gesucht wurden, die beispielsweise in die Kategorien Politikerin oder Lobbyistin, Mutter oder auch Frau in Uniform passen.

Berliner Frauen
Aug in Aug mit Frauen.                                                                                                                                                              Foto: mr

Jede Frau wurde bei natürlichem Licht in der Umgebung ihrer Wahl und in der eigenen Kleidung aufgenommen, so dass sie ihrer Individualität volle Geltung verschaffen konnte. So machen diese Fotos auch den Kontext sichtbar, aus dem die Frauen kommen und in dem sie leben. Kleine Details in der Umgebung und der Kleidung geben Hinweise auf kulturellen Hintergrund und Milieu, auf Beruf und Stellung, auf Ort und Zeit. Die Fragebögen, die neben den Porträts hängen, zeigen das Selbstverständnis der Frauen. Berlinerinnen porträtiert weiterlesen

Realität statt Schönheit

Rembrandts Radierungen sind erstmals in Deutschland zu sehen

Der »Kulturstiftung Schloss Britz« ist einmal mehr eine kleine Sensation gelungen. Bis zum 21. Februar werden hier über 100 Originalradierungen des großen niederländischen Malers Rembrandt Harmenszoon van Rijn gezeigt. Sie stammen aus der Privatsammlung des Rembrandt-Kenners Jaap Mulders und sind das erste Mal außerhalb der Niederlande zu sehen.

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Rembrandt – in bester Form.                                                                                                                       Foto: Jaap Mulders

Rembrandt zählt zu den bedeutendsten Malern Europas. Würde er heute leben, wäre er Fotograf, sagte Jaap Mulders in seinem Grußwort. Die vielen Selbstbildnisse, bei denen er die mimische Vielfalt erforschte und auch vor Grimassen nicht zurückschreckte, muten an wie moderne Selfies. Die Porträts oder Straßenszenen wirken wie beiläufig aufgenommene Schnappschüsse, und das Spiel mit Licht und Schatten, bei dem die eine Seite des Kopfes in Licht getaucht ist, die andere dagegen fast ganz im Schatten bleibt, ist als »Rembrandt-Licht« ein gebräuchlicher Effekt in der modernen Porträt­fotografie. »Und auch Photoshop hat er erfunden«, verkündete Mulders augenzwinkernd, »denn gelegentlich hat er seine Druckplatten einfach überarbeitet, und die Drucke dann als neue Kunstwerke verkauft.« Realität statt Schönheit weiterlesen

Kunst oder Vandalismus?

Straßenkünstler erheitern den Kiez

Graffiti verändert, manchmal auch sehr dauerhaft, Flächen. Graffiti ohne Auftrag ist Sachbeschädigung. Graffiti-Betroffene sprechen gern einmal von Vandalismus. Strafrechtlich drohen den eigenmächtig agierenden »Künstlern« Geld- oder Haftstrafen, und deshalb versuchen sie, möglichst anonym zu bleiben. Streetart ist eine Spielart des Graffiti, für sie gelten die gleichen Regeln.

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Ein Männlein steht auf dem Schilde.                                                                                                                              Foto: rm

So verwundert, dass Josef Foos immer noch unbehelligt seine Korkfiguren eigenmächtig platzieren darf. Seine aus Weinkorken und Schaschlikspießen gefertigten Gestalten turnen schon seit Jahren, hoch oben auf ausgesuchten Straßenschilderrahmen Berlins. Da der Künstler in Neukölln Yoga lehrt, ist »turnen« wohl nicht der richtige Ausdruck, denn seine beliebten Street -Yogis zeigen mehrheitlich Yogastellungen. Kunst oder Vandalismus? weiterlesen

Im Erzählcafé

Plaudereien aus dem Nähkästchen

Erzählcafe
Eva Willig (Mitte) erzählt aus ihrem Leben.                                                                                                               Foto: ro

»Eine Verbeamtung anzunehmen war in den 70er und 80er Jahren verpönt. Ein solcher Status nahm den Menschen die Freiheit zu demonstrieren und wurde als eine Art staatlicher Zwangsjacke empfunden.« So erzählt Eva Willig aus ihrer Lebensgeschichte im »Leuchtturm«. Und wie groß die Enttäuschung war, als sie feststellen musste, dass gute Bildung nicht vor Hartz IV schützt, denn in den 60er Jahren wurde den Bürgern suggeriert, dass Bildung alles sei, um später eine gute Rente zu erhalten. Da fühlt sie sich vom Staat ver- schaukelt. Im Erzählcafé weiterlesen

Kaffee, Kuchen und Kino

Eine gebrochene Lanze für das Multiplex namens »Karli«

Neben all den Arthouse-Kinos, Film-Bars, Cineasten-Cafés, die es in Neukölln gibt und über die Kiez und Kneipe schon oft berichtet hat, hat Neukölln selbstverständlich auch ein Multiplex-Kino. Das »Karli« in den »Neukölln Arcaden«, dem Neuköllner Konsumtempel schlechthin. Benannt nach den »Karl-Marx-Lichtspielen«, die hier früher einmal standen und der Karl-Marx-Straße, auf der sich dieses Einkaufszentrum und Kino befindet.

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»Königin der Wüste« mit Kuscheltieren.                                                                                                                      Foto: pr

Auch wenn die Filmauswahl in erster Linie aus Blockbuster-Fortsetzungen, wie »Transformers 8« und melodramatischen Perlen des türkischen Mainstream-Kinos besteht, ist es ab und an doch mal schön, Filme auf einer Leinwand zu sehen, die größer ist als die Kleinkunstkino-Bildschirme, die auch nicht größer sind als der heimische Flatscreen-Fernseher. In Kinosesseln, die bequem sind und ohne strafende Blicke der Kinomitarbeiter, wenn man beim Filme gucken gerne die Kinoliebhaber-Sünde begeht und Popcorn und Nachos isst. Kaffee, Kuchen und Kino weiterlesen

Falko Schumann

Mit Herzblut für die Feinkost

feinschlichtIrgendwann, es war im Jahr 2012, hatte der Koch Falko Schumann genug von der Spitzen­gastronomie. Der Hektik und schweren Ar- beit war der Siegener über- drüssig. Die Entscheidung, ein Feinkostgeschäft im aufstrebenden Neukölln zu eröffnen, war bei seinen Fähigkeiten folgerichtig.
Seine wunderbaren Auf- striche, süß, salzig, medi- terran und immer kreativ, liebten die Gourmets, nicht nur die aus Neukölln. In der Fein- schmeckerszene Berlins war Schumann allemal angekommen.
Die Hoffnung allerdings, dass das Leben sich nun in einem ruhigeren Fahrwasser bewege, sollte sich nicht erfüllen. Es ging ihm wie allen Startern. Mit viel Mut und Elan, auch noch etwas Kapital, ging es in die Selbstständigkeit. Dann wurde das Geld knapp, und die Lebens- partnerin erkrankte schwer, starb kurze Zeit später.
Schumann musste sein Geschäft mit einem Catering finanzieren. Das war hart, aber nur so konnte er seiner Leidenschaft weiter nach- kommen. Seit diesem Jahr nun war wieder Licht in sein Leben gekommen, als er eine neue Partnerin fand.
Völlig unerwartet und plötzlich starb Falko Schumann im Alter von 52 Jahren auf dem Weg zu seinem Geschäft.

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Ralf Körber

Der Mann, der seinem Hund folgte

KörberWenn er hinter seinem Hund durch die Schillerpromenade herschlurfte, war Neukölln eben Neukölln. Alles war in Ordnung. Hund und Herrchen ergänzten sich auf vortreffliche Weise. Doch der erste Eindruck von einem stolzen Clochard täuschte. Da war sehr viel mehr.
Politisch denkend und menschlich han- delnd mit einer Wärme, die Medizin für die Menschen war, war Ralf Körber reich an Tugenden, die heute wichtiger denn je sind. Ralf Körber hat uns Ende Oktober für immer verlassen.
Von Beruf Feinmechaniker, hatte er einen Blick für wesentliche Details, sowohl im persönlichen als auch im politischen Bereich. Er war jahrelang als Betriebsrat tätig, und als Bürgerdeputierter lag sein Arbeits-Schwerpunkt im Bereich der Bildung. Viele Jahre war Ralf ein engagierter Vertreter im Quartiersrat Schillerkiez, setzte sich vor allem für ein friedliches Miteinander und viele nachbarschaftliche Projekte ein. Eine Herzensangelegenheit war ihm der Erhalt des Neuen St. Thomas Friedhofs als Hundeauslaufgebiet. Ralf hat mit seinem Wirken und unermüdlichem Einsatz auch bei Wind und Wetter entscheidend zum Erfolg des Volksentscheids zum Erhalt des Tempelhofer Feldes beigetragen.
Ralf war wesensfest, zuverlässig, sehr hilfsbereit und hat mit seinem wunderbaren, subtilen Humor jeder Unterhaltung eine besondere Wendung gegeben.
Er hat gerne gelebt; mit Partnerin und Tieren verband ihn eine symbiotische Freundschaft. Der Schillerkiez mit seinen Menschen und den vielen Gesprächen war sein Lebensmittelpunkt.
Ein unfreiwilliger Umzug an den Stadtrand tat ihm – und uns – nicht gut. Zum Ende hat Überlas­tung seine Lebenskraft aufgebraucht.
Wir vermissen Ralf sehr und trauern.

Die Redaktion

Narkose für den Winterschlaf

Heilkraut mit Vergiftungsgefahr

Es gibt ungefähr 1.400 Nachtschattengewächse. Die bekanntesten sind die Kartoffel und die Tomate, die Paprika und die Aubergine, aber diese kamen erst in der Neuzeit in unsere Gefilde. Der schwarze und der bittersüße Nachtschatten wachsen aber seit eh und je bei uns, und sie wurden auch gebraucht. In alten Büchern steht, dass die jetzt reifen Beeren gesammelt und in Wein sieden sollen, damit wird ein Narkotikum des Mittelalters hergestellt.

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Schwarzes Nachtschattengewächs.                                                                                                              Foto:wikipedia

Schwarzer Nachtschatten: In der Volksmedizin sind diverse medi- zinische Anwendungen aus vielen Kulturen bekannt. Das während der Blütezeit gesammelte und getrocknete Kraut wird in der Volks- heilkunde als Medizin gegen Magen- und Blasenkrämpfe und Keuch-husten eingesetzt, eine äußerliche Anwendung wird bei Ekzemen, nässenden Flechten, Juckreiz, Hämorrhoiden, Schrunden, Prellungen und Abszessen empfohlen. In der Homöopathie wird die gesamte, frische, blühende Pflanze bei Erkrankungen des Zentralnerven- systems eingesetzt.
Laut afrikanischer Volksmedizin sollen Kinder die schwarzen Nacht-schatten als Gemüse essen, um von Krankheiten, die im Zusammen- hang mit Mangel­ernährung und ihren Nebenerscheinungen auftre- ten, verschont zu bleiben.
Durch das Vorkommen von Solanin und anderen Alkaloiden, vor allem in den unreifen Früchten, werden immer wieder Vergiftungen beschrieben. Bei Kleinkindern ist zum Teil auch der eigentlich geringe Solaningehalt reifer Früchte ausreichend, um Vergiftungserscheinungen hervorzurufen. Die Symptome können dabei Erbrechen, Durchfall, Atembeschwerden, erhöhte Herzfre- quenz und Nierenreizung sein. Zudem treten Angstzustände, Krämpfe und Lähmungen auf, ebenso ein Ansteigen der Körper-temperatur mit anschließendem Abfallen unter den Normalwert. Bei starken Vergiftungen tritt der Tod durch Lähmung des zentralen Atemsystems ein.
Da zum Teil Hühner nach dem Fressen von giftigen, unreifen Beeren verenden, hat sich für die Art auch der Name Hühnertod eingebür- gert. Vergiftungen von Weidetieren können zum Teil auch auf den hohen Nitratgehalt der Pflanzen zurückgeführt werden. Ist dies der Fall, schmeckt die Milch betroffener Tiere bitter.
In Deutschland dürfen Solanum nigrum und seine Zubereitungen aufgrund der Giftigkeit nicht zur Herstellung und Behandlung von kosmetischen Stoffen verwendet werden.

Eva Willig

Petras Tagebuch

Auf Lakritzentzug

Für mein Leben gerne esse ich Lakritz. Salzig muss es sein und von guter Qualität. Das hebt die Lebensfreude, macht gute Laune. Nach der Arbeit ist es für mich das Signal, dass nun der andere Lebensabschnitt beginnt, es ist genau der richtige Einstieg. Ich esse Lakritz nur dann, wenn eine gravierende Änderung am Tag beginnt.
In letzter Zeit wurde es aber ein bisschen knapp mit dem Lakritz. Ein Depot nach dem anderen hatte ich geleert. Der Schreibtisch mit der Lakritzschachtel war geleert, der Vorrat im Küchenschrank aufgebraucht, mein Geheimdepot am Arbeitsplatz hatte sich in Luft aufgelöst. Selbst die eiserne Reserve im Kühlschrank zu Hause und in der Redaktion war weg. Petras Tagebuch weiterlesen