Archiv der Kategorie: Tagebuch

Petras Tagebuch

Es regnet, es regnet…

Jeder Berliner kann seine Geschichte zu den Regenfällen am Donnerstag, den 29. Juni erzählen. Ich auch.
Abgesehen davon, dass an diesem Tag das Fahrradfahren nur möglich war in dem festen Glauben daran, dass die Autofahrer berücksichtigen, dass ich Brillenträgerin und blind bei Regen bin. Das haben alle erkannt, ich kam lebendig in der Redaktion an.
Als ich mich auf den Weg in die Genezarethkirche machte, in der Pfarrerin Elisabeth Kruse im Rahmen eines Gottesdienstes ihren Abschied feierte, wurde ich mit der nassen Realität konfrontiert. Beim Verlassen der Redaktion watete ich im Hof bis zu den Waden im Wasser. Glücklicherweise hatte ich keine Pumps an, und die Schuhe, die ich an diesem Tag trug, waren zwar durchnässt, haben aber die Nässe vertragen. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Wider die Betonköpfe

Das Elternhaus, in dem ich aufwuchs, war ein ziemlich bunter Haufen. Meine Mutter war eine glühende Vertreterin der SPD, mein Vater Verteidiger der FDP, mein Bruder war überzeugt von der CDU, und meine Schwester bewegte sich links von der SPD.
Alle Familienmitglieder waren politisch und die Diskussionen laut und manchmal recht hitzig, aber wir waren am Abend in der Lage, friedlich gemeinsam am Tisch zu essen.
Das Haus war aber auch für andere Meinungen offen. Es gab Bekannte, die der KPD angehörten und dann vom Berufsverbot betroffen waren, sogar Altnazis wurden im Hause zugelassen. Auch mit denen wurde diskutiert, gestritten und hinterher aß man gemeinsam. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Knatsch zwischen Tulpen und Osterglocken

Wie in jedem Frühling, wenn der Eindruck entsteht, dass der Kalender sich nicht an das hält, was ich vom Frühling erwarte, muss ich meine Wohnung mit Blumen ausstatten. Sie sind Trostpflaster und Illusion, dass sich ein paar Sonnenstrahlen einstellen und der Dauerfriererei ein Ende gesetzt wird.
Bevorzugt entscheide ich mich für Tulpen.
Bei meinem letzten Kauf nahm ich jedoch Osterglocken und Tulpen. In dem Zusammenhang fiel mir ein, dass mir erzählt wurde, dass Tulpen mit Osterglocken nicht in Berührung geraten dürfen, weil die Tulpen dann sofort die Köpfe hängen lassen. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Süßer Köder

Fahrradfahrer und Polizei sind in der Regel kein gutes Gespann. Der Radler übertritt Verkehrsregeln, manchmal weil er meint, einen Verkehrsregelfreifahrtschein zu haben, oder weil es ihm sinnvoll erscheint, das eine oder andere Gesetz aus Sicherheitsgründen zu brechen.
Zur letzten Gruppe gehöre ich, eine Ganzjahresfahrradfahrerin. Es gibt Fußgängerampeln, die ich mit Vorliebe bei Rot überquere, um mich noch vor der Grünphase der Autofahrer links einzuordnen, damit ich den Verkehr nicht störe. Und es ist mir auch schon passiert, dass die Polizei mich genau aus diesem Grund angehalten hat. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Der Omaschock

Seitdem ich erfahren habe, dass ich Oma werde, hat sich für mich die Sicht der Dinge geändert. Zu Beginn löste diese Tatsache eher Unsicherheit aus, denn meine Tochter hielt es nicht für notwendig, mich im Vorfeld zu befragen. Ich kann es nicht leiden, wenn ich vor vollendete Tatsachen gestellt werde, die mein Leben beeinflussen. Und Oma werden ist so etwas.
Immerhin habe ich mich inzwischen damit arrangiert. Seither sehe ich in Neukölln nur noch Schwangere und Mütter mit ihren Kindern. Auch meine Haltung zu dieser Gruppe ist milder geworden. Habe ich bis vor kurzem gerne die Straßenseite gewechselt, sobald Kinder und Mütter in Sicht waren, bin ich nun bereit, mich auf ein Gespräch mit ihnen einzulassen. Eigentlich entstehen nun ganz nette Situationen, und ich fühle mich daran erinnert, dass mir meine Tochter, insbesondere in den ersten Lebensjahren, viel Freude mit neuen Erlebnissen bereitet hat. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Rauhnächte

Die Zeit zwischen Weihnachten und dem sechsten Januar ist für mich ein bisschen unheimlich. Es gibt viele Regeln, an die ich mich in der Hoffnung halte, dass das nächste Jahr besser wird als das verstrichene. Ich wasche keine Wäsche, lärme wenig, verwende keinen Staubsauger und lüfte viel. Während dieser Zeit, in der keiner so recht weiß, welche Geister unterwegs sind, passieren auch immer eigenartige Dinge. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Schaltjahr

»Schaltjahre haben es in sich«, sagte mir zu Beginn des Jahres eine Unke. Es soll ganz besonders viel Unglück passieren. Klar, das Jahr hat ja auch einen Tag mehr Zeit.
Ich habe daran nicht geglaubt und mein Jahr lief bis November sehr entspannt. Ich konnte nicht auf gravierende Missgeschicke zurückblicken und wurde nicht vom Unglück verfolgt.
Da schlug das Schaltjahr zu. Am Abend nach der Produktion der Kiez und Kneipe hängte ich meine Fahrradtasche auf das Fahrrad und fuhr nach Hause. Dort angekommen, musste ich feststellen, dass die Tasche verschwunden war. Ich fuhr den Weg zurück, aber die Tasche blieb verschwunden. Natürlich war es meine eigene Schuld. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Bock auf Rock

Als ich Felix darum bat, mit mir zum »Globetrotter« nach Steglitz zu fahren, wusste ich noch nicht, was für ein Einkaufserlebnis auf uns wartete. Ich wollte nur meine bestellten Gummistiefel abholen und eben noch wegen einer Reklamation zu »Fielmann«, der in der Schloßstraße eine große Filiale hat. Steglitz ist eigentlich nicht mein Einkaufsbereich, es ist viel zu weit von Neukölln entfernt. Es gibt aber nur eine »Globetrotter«-Filiale in Berlin und die ist eben in der Schloßstraße. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Augen zu im Straßenverkehr

Jeden Morgen bereite ich mich auf den Neuköllner Straßenverkehr vor, spiele alle möglichen Situationen durch, stelle mich auf Beschimpfungen ein und rufe meinen Schutzengel an, mir in lebensbedrohlichen Momenten beizustehen.
Entspannend ist es immer, mit dem Fahrrad durch die Thomasstraße zu fahren. Offiziell ist das eine Kilometer-30-Zone, was von den Autofahrern nicht so ernst genommen wird. An diesem Morgen hielten sich die Fahrer an die Geschwindigkeitsbegrenzung, denn ein Stau verhinderte Mutproben von testosterongesteuerten Fahrern.
Ich drängelte mich an den Autos vorbei in der Erwartung, beschimpft zu werden. Zu meinem Erstaunen erntete ich nur ein Kopfschütteln. Als ich die Kreuzung zur Hermannstraße erreichte, befürchtete ich eine lautstarke Auseinandersetzung mit einem Beifahrer, als die Windschutzscheibe heruntergelassen wurde. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Mit Pfeil und Bogen

Ein Lichtblick in meinem täglichen Irrsinn ist eine alljährlich stattfindende Radtour, deren Ursprung die Fahrradfahrt von Berlin nach Kopenhagen hat.
Zu viert geht es seither immer im August an einem Sonnabend auf dem Drahtesel mit gebuchtem schönen Wetter ins Grüne.
Werner liebt es, in freier Natur Feuer zu machen. Olaf ist Ingenieur und hilft ihm dabei. Karin schwimmt im See, und ich liege auf der Decke, lese den »Tagesspiegel« und beobachte, ob die Männer alles richtig machen. Nach spätestens 30 Minuten, nachdem Werner im Wald verschwunden war und mit Holzstämmen bewaffnet wieder zurückkommt, gibt es frisch gebrühten Kaffee. Olaf beschäftigt sich unterdessen mit Grillkonstruktionen, denn trotz aller Modeerscheinungen in Sachen Ernährung wird Fleisch gegrillt. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Mutti

Wie immer bin ich mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig gefahren. Geht ja auch nicht anders, denn auf dem Kopfsteinpflaster mache ich mir nicht nur die Knochen kaputt, was viel schlimmer ist, auch das Fahrrad.
Da sagte ein sein Fahrrad schiebender Mann zu mir: »Mutti, steig‘ ab, hier darfst Du nicht fahren!« Ganz gegen meine Gewohnheit stieg ich entsetzt vom Fahrrad ab. »Ich bin keine Mutti, bitte nennen Sie mich nie wieder so und das nächste mal »Sie« und setzte mich wieder auf meinen Drahtesel.
Wer um Himmels Willen nennt einen Menschen Mutti? Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Abschied von England und Wales

Endlich, endlich kam meine Freundin aus London in Berlin an. Sie wollte eigentlich einen Tag früher kommen, der Flug wurde aber spontan gestrichen. Kein Wunder, sie wollte am 25. Juni fliegen, zwei Tage nach der britischen Abstimung, die den Brexit zur Folge hat. Das war dann wohl die erste Reaktion Europas auf die Abstimmung. Es traf viele Briten, denn das Wochenende wird von ihnen gerne genutzt, um mal europäisches Festland zu erleben.
Auf meine Frage, wie denn die Stimmung in London sei, erklärte sie mir voller Entsetzen, dass das große, laute London nach der Wahl in Stille erstarrte.
Bis vor der Wahl lebte ein Mix an Nationen mit- und nebeneinander in friedlicher Koexistenz. Am Tag nach der Wahl hatte sich das Klima schlagartig verändert. Brexitbefürworter beschimpfen nicht britisch aussehende Menschen, fordern sie auf, ihre Sachen zu packen und zu gehen. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Kein Schwimmen in schlimmen Anzügen

Es ist schon einige Jahre her, als ich auf dem Weg nach Brandenburg war, um meine Freundin zu besuchen. Es war Winter, und wir planten, in die Sauna zu gehen und eine ordentliche Runde zu schwimmen. Am Bahnhof Friedrichstraße stellte ich fest, dass ich meinen Badeanzug zuhause vergessen hatte. Flugs suchte ich einen Dessousladen auf und kaufte einen neuen. Dieser Badeanzug, den ich noch nicht einmal anprobiert hatte, entwickelte sich zu meinem Lieblingsstück. Er war schlicht und schwarz, einfach ein schickes Teil ohne viel Schnickschnack. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Keine schnelle Quelle für die Pimpinelle

Meine Frankfurter grüne Soße hat im Laufe der Jahre einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Zweimal im Frühling bereite ich sie zu. Um hungrige Gäste muss ich nicht bangen, sie fragen ab März bereits nach dieser Köstlichkeit.
Ich gebe auch zu, dass ich um dieses Gericht ein ganz schönes Tam Tam veranstalte, denn das Problem in der Herstellung ergibt sich aus der Zusammensetzung der notwendigen Kräuter. Petersilie, Estragon, Kerbel, Dill, Schnittlauch, Sauerampfer und Pimpinelle sind für das Gelingen von Goethes Lieblingsspeise unabdingbar. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Fressen und getötet werden

In meiner Wohnung tummeln sich einige Bewohner, die ich nie gebeten habe einzuziehen, die keine Miete bezahlen und mich dennoch unaufhörlich beschäftigen.
Täglich mogeln sich durch die geschlossenen Fenster ganz kleine Fliegen, die sich zum Sterben auf mein Fensterbrett legen. Sie kommen ihrer natürlichen Eigenschaft des Fliegens in keiner Weise nach, sondern kommen eigens zum Sterben auf mein Fensterbrett. Jeden Abend bestaune ich dann den kleinen Friedhof, den ich dann mit einem feuchten Lappen beseitige. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Der Götterbote Hermes

Manchmal, und das sehr ungerne, lasse ich mich doch von der Bequemlichkeit verleiten und bestelle online. Ich habe es in dem Moment bereits bereut, als die Bestellung versendet war.
Da ist dieses nicht enden wollende Ärgernis mit der Paketzustellung. Zu oft geisterten Pakete an mich durch deutsche Lande, blieben in Rüdersdorf hängen und wurden dann wieder an den Absender zurückgesendet. Oder das Paket kam in Berlin an, aber nicht bei mir und selbstverständlich ohne Paketkarte. Wer im dritten Stock wohnt, darf nicht erwarten, dass der Paketdienst die vielen Treppenstufen läuft. Es passierte auch mal, dass ich wusste, welcher Nachbar das Paket angenommen hat, nur traf ich ihn nicht an. Das konnte sich schon mal über zwei Wochen hinziehen, bis ich das Glück hatte, einen jungen Mann zu früher Morgenstunde aus dem Bett zu klingeln. Da hatte sich die Warterei gelohnt. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Absender mit Schrecken

Vor Kurzem besuchte ich eine Veranstaltung, die sich mit dem Thema Sanierungsgebiete, Milieuschutz und deren Auswirkungen auf den Einzelnen beschäftigte. Ich lernte viel dazu. Als Essenz nahm ich mit nach Hause, dass Mieter jede Menge Möglichkeiten haben, sich zu wehren, es aber auch tun müssen.
Wie immer am Abend leerte ich meinen Briefkasten und stellte mit Schrecken fest, dass ein Brief von der Hausverwaltung an mich adressiert war. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Mit spitzen Fingern, als befände sich Sprengstoff in meinen Händen, trug ich den Brief in meine Wohnung und legte ihn vorsichtig auf den Schuh-schrank. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Nichts für Weichlinge

Für gewöhnlich halte ich mich an die Verkehrsregeln. Es gibt ein paar Ausnahmen, wie rote Ampeln, die ich schon mal gerne überfahre oder Fußwege, die ich bei heftigem Kopfsteinpflaster nutze. Kopfsteinpflaster löst die Schrauben am Rad, außerdem wird es bei Nässe zu einer extrem gefährlichen Rutschbahn.
Neulich jedoch entschloss ich mich, tatsächlich auf der Allerstraße, die mit heftigem Kopfsteinpflaster ausgestattet ist, zu fahren. Auf dem Fußweg waren mir zu viele Menschen, und die Baustelle dort ist ein Hindernis für alle, die dort vorbei müssen. Außerdem wollte ich den üblichen Beschimpfungen von Fußgängern aus dem Weg gehen. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Auf Lakritzentzug

Für mein Leben gerne esse ich Lakritz. Salzig muss es sein und von guter Qualität. Das hebt die Lebensfreude, macht gute Laune. Nach der Arbeit ist es für mich das Signal, dass nun der andere Lebensabschnitt beginnt, es ist genau der richtige Einstieg. Ich esse Lakritz nur dann, wenn eine gravierende Änderung am Tag beginnt.
In letzter Zeit wurde es aber ein bisschen knapp mit dem Lakritz. Ein Depot nach dem anderen hatte ich geleert. Der Schreibtisch mit der Lakritzschachtel war geleert, der Vorrat im Küchenschrank aufgebraucht, mein Geheimdepot am Arbeitsplatz hatte sich in Luft aufgelöst. Selbst die eiserne Reserve im Kühlschrank zu Hause und in der Redaktion war weg. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Auf Reisen durch Berlin

Beruflich komme ich in Berlin gut rum, und ich muss sagen, es ist in jedem Bezirk ganz anders.
In Charlottenburg werde ich regelmäßig von älteren, sehr gepflegten Damen nach dem Weg gefragt, die so den Einstieg für ein Gespräch suchen. Wenn ich mich nicht ganz schnell aus dem Staub mache, bin ich gleich um eine Lebensgeschichte reicher. Ansonsten scheint sich alles in gutbürgerlichen Bahnen zu bewegen, die es aber auch in sich haben können. Sobald eine Extremsituation entsteht, brechen alte Konflikte, die über Jahrzehnte sorgfältig unter den Teppich gekehrt wurden, auf. Ein zwischenmenschliches Elend offenbart sich.
So etwas gibt es in Neukölln gar nicht oder sehr wenig. Hier geht es direkter zu. Tut manchmal im ersten Moment weh, hilft aber im weiteren Umgang miteinander. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Begegnungen auf dem Fußweg

Ich könnte das Tagebuch wie im letzten Monat beginnen: »Mein Fahrrad ist geklaut worden. Das ist eine Ungeheuerlichkeit« … Und so ist es passiert. Vor Karstadt am Hermannplatz suchte ich in meiner Handtasche nach meinem Fahrradschlüssel für mein neues, es war nicht unbedingt mein Traumrad.
Als ich aufschaute, weil mir einfiel, dass ich den Schlüssel in meinem Schloss stecken ließ, war das Fahrrad weg. Gut, es scheint so, dass ich mit Fahrrädern gerade Pech habe.
Auf jeden Fall musste wieder ein neues Fahrrad her. In Anbetracht des Kontostandes wurde es ein gebrauchtes Rad. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Sitzen machen!

Mein Fahrrad ist geklaut worden. Das ist eine Ungeheuerlichkeit und Unanständigkeit, die ihresgleichen sucht. Ungewöhnliche Umstände ziehen ungewöhliches Handeln nach sich. Ich meide die öffentlichen Verkehrsmittel aus unterschiedlichen Gründen. Sie sind mir zu dunkel oder zu voll oder zu unzuverlässig oder zu stinkend oder zu frustrierend oder zu agressiv oder zu langsam oder zu teuer. Gründe, das weltbeste funktionierende öffentliche Verkehrssystem zu meiden, fallen mir viele ein.
In diesem Fall jedoch bedeutete es, dass ich mit der S-Bahn fahren musste. Mein Ziel wäre fußläufig in knapp drei Stunden erreichbar, mein Ziel war nämlich Charlottenburg, inzwischen gefühlt Spandau. Es war dort mein erster Arbeitstag. Und so früh wollte ich nun doch nicht aus den Federn. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Erlebnisse mit einem Automatikwagen

Mit dem Autofahren habe ich es noch nie so richtig gehabt. Eigentlich ist es mir zu anstrengend, zu gefährlich, irgendwie sogar ein wenig unheimlich. Und trotzdem wollte ich mich der Herausforderung stellen. Als mein Arbeitgeber auf den Engpass verwies, dass er ein Problem hat, die Blumengestecke auszufahren, schwankte ich zwischen Hilfsbereitschaft und Feigheit. Die Hilfsbereitschaft siegte, und ich gestand, im Besitz eines gültigen Führerscheins zu sein. Das nahm die Arbeitgeberseite erleichtert zur Kenntnis. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Wenn Sterne explodieren

Manchmal stehen die Sterne, anders kann ich es mir nicht erklären, ganz besonders komisch. Da funktioniert einfach gar nichts mehr.
Vor Kurzem kam ich am Abend nach Hause. Beim Abstellen meines Fahrrades im Hof fiel mir ein schwarzes Kleidungsstück auf. Ich dachte mir, wieso können die Leute eigentlich ihre Sachen nicht in den Altmüll bringen? Bis ich näher an dieses schwarze Teil gegangen bin. Es war ein »Schweizer Fabrikat«, das üblicherweise in meinem Kleiderschrank zu finden ist. Nach genauer Betrachtung stellte ich fest, dass es mein Jackett war, das offensichtlich bei der einzigen Windböe, die es an diesem Tag gab, vom Balkon geflogen war. Ich hatte es am Vorabend zum Auslüften herausgehängt. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Das abgebrannte Auto

Neuerdings halte ich mich am Tage in der Jonasstraße auf und habe von meinem Platz aus gute Sicht auf die Straße. Letzte Woche war die Überraschung groß. Genau vor meinem Fenster befand sich ein vermutlicher VW-Bus, der ausgebrannt war. Es war kein schöner Anblick, und gestunken hat es auch. Mein Fahrrad vor diesem ausgebrannten Teil wirkte wie eine Verhöhnung des Morbiden.
Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich dieses stinkende verrußte ehemalige Auto in eine Attraktion. Ganze Menschengruppen versammelten sich vor der Ruine und orakelten über den Hinter- grund der Tat. War es ein persönlicher Rachefeldzug gegen den Autobesitzer oder eine Marketingmaßnahme der in der Jonasstraße ansässigen Geschäftsleute oder konnte ein Pyromane nicht mehr an sich halten? Das Argument, dass es ein Brandanschlag gegen Bonzenautos ist, kann locker von der Hand gewiesen werden. Das war kein Bonzenauto. Auf jeden Fall ist durch diesen Vorfall die Jonasstraße sehr belebt worden. Petras Tagebuch weiterlesen

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Es geht ein Paket auf Reisen

Es kommt eher selten vor, dass ich ein Paket versende. Diesmal musste es aber sein, da ich meine Tochter, die in Österreich lebt, mit diversen Kleinigkeiten beglücken wollte. Im Tabakladen im Schillerkiez gab ich das Paket treuen Glaubens ab und zahlte das Porto von 6,99 Euro. Drei Tage später war das Paket wieder in Berlin. Es war falsch frankiert. Das Porto reichte nur für Deutschland, aber nicht für den grenzüberschreitenden Postverkehr. Ein wenig allerdings wunderte mich, dass es sich im Schillerkiez noch nicht herumgesprochen hatte, dass Österreich seit 1945 kein deutsches Bundesland ist, sondern ein eigenständiger Staat. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Schuhe kaufen ist nicht schwer, ihre Pflege umso mehr

Über Schuhe lässt sich immer viel berichten. Worauf beim Kauf zu achten ist, etwa auf das Verhältnis von Absatz zu Schuhspitze. Da geht es um die perfekte Form. Die Farbe ist auch ein wichtiges Thema. Sie sollte der Form schmeicheln, nicht zu grell und nicht zu blass sein.
Die Laufbarkeit ist auch nicht zu unterschätzen. Natürlich nur, wenn sie zum Laufen eingesetzt werden sollen. Manchmal ist Laufkomfort überflüssig, wenn es um den Schick geht. Dann sind die Schuhe nur für den Barhocker gekauft. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Klobürste auf Abwegen

lichen Aktivitäten im Badezimmer vermisste ich an diesem Morgen meine Klobürste. Sie lag nicht hinter dem Klo, auch nicht in irgendeiner Badezimmerecke versteckt. Ich rieb mir die Augen: ich war wach, ein Traum war somit ausgeschlossen, und ich wunderte mich. Wie kann nur eine Klobürste verschwinden? Ein Pfennigartikel von Rossmann, der nicht zu übersehen ist – einfach verschwunden!
Meine Suche auf dem Balkon, im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, im Flur und in der Küche war von Erfolglosigkeit gekrönt.
Vielleicht hatte ich ja nicht alle Regeln zur Vertreibung der bösen Geister zwischen Weihnachten und dem 6. Januar eingehalten. So verblieb ich dann erst mal in meinen Gedanken, dass ich wohl einen Fehler gemacht hätte und die verbliebenen Geister einen Schabernack mit mir treiben. Petras Tagebuch weiterlesen

Petras Tagebuch

Frankierfrust

Die Portoerhöhung zum 1. Januar 2015 hat mich nicht großartig berührt.
Am ersten Tag des Jahres hatte ich bereits Post zu versenden. Natürlich hatte ich nur eine 60-Cent-Marke zur Hand und wollte mir im Kieztabakladen mit angegliedeter Poststelle eine Zwei-Cent-Ergänzungsmarke kaufen.
»Eine Zwei-Cent-Marke bitte«, formulierte ich meinen Wunsch. Die Verkäuferin nahm den frankierten Brief in Empfang und gab mir zwei 60-Cent-Marken. »Ich möchte bitte eine Zwei-Cent-Ergänzungsmarke«, wiederholte ich mein Anliegen.
Von den Dauergästen des Ladens wurde das kommentiert: »Stimmt, Porto ist teurer geworden, die BVG auch!«
Die Verkäuferin zeigte sich unbeeindruckt und gab mir zwei Zehn-Cent-Marken. Na, immerhin, es näherte sich schon meinem Ziel.
»Und wie sieht es mit einer Zwei-Cent-Marke aus?« fragte ich. »Die haben wir nicht«, antwortete mir die Postexpertin. Also kaufte ich zähneknirschend eine Zehn-Cent-Marke.
»Ich möchte die Briefmarke bitte auf den Brief kleben«, bat ich die freundliche Herrscherin des Kieztabakladens. »Den habe ich in die Post gelegt und der ist doch frankiert«, erklärte sie mir.
So langsam musste ich mich zusammenreißen. »Das Porto hat sich mit dem heutigen Datum um zwei Cent erhöht. Sie haben keine Ergänzungsmarke, also habe ich eine teurere gekauft und möchte nun damit den Brief, den ich Ihnen soeben gegeben habe, frankieren.«
Die Verkäuferin verstand mich immer weniger. Sie suchte unter den vielen Briefen meinen heraus, ich ergänzte die Frankierung und erntete einen verständnislosen Blick der Expertin in Postangelegenheiten.
Liebe Post: Ihr habt so viel gespart und ausgelagert, seht doch bitte zu, dass ihr eure Experten informiert.

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Wenn die Jacke näher als der Schlüssel ist

Die Tanzschule, die ich besuche, ist für mich der Ort, an dem ich über das Tanzen entspannen kann. Das ist dann Erholung pur. Die Entspannung bei der letzten Tanzstunde war allerdings in der Pause vorbei.
Wie immer nahm ich meine Jacke und ging nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Ich griff in meine Jackentasche, um das Feuerzeug herauszuholen. Es war nicht mehr da, aber es gab noch Mitstreiter in der Kälte, die mir großzügig von ihrer Flamme abgaben. Nach Befriedigung der schlimmsten Sucht setzte sich mein Gehirn wieder in Bewegung. Es war schon komisch, dass das Feuerzeug verschwunden war, das passiert ja gelegentlich. Da war aber doch noch mehr in den Taschen. Richtig: Der Büroschlüsselbund, der Wohnungsschlüssel und der Fahrradschlüssel, und die waren weg.
Ich war mir ganz sicher, sie in die Jackentasche gesteckt zu haben. Und was sollte jemand mit den Schlüsseln, die mit keiner Adresse versehen waren, anfangen? Ein Autoschlüssel, ja das hätte ich verstanden, damit kann ein Dieb etwas anfangen, aber doch nicht mit dem, was es in meiner Tasche zu erbeuten gab. Unanständig fand ich dieses Verhalten.
Die Pause habe ich dann verkürzt und bin zur Rezeption, um den Verlust zu melden. Mein Tanzlehrer war ganz in der Nähe und stöhnte schon, dass er sich heute Nacht die Videoüberwachung anschauen muss. Das tat mir leid, aber ich wollte schon wissen, wer so etwas Ungehöriges macht.
Der ganzen Empörung wurde ein Ende gesetzt, als mich eine Mittänzerin fragte, ob es denn meine Jacke sei, die ich trüge. Und tatsächlich, diese Jacke musste einer anderen Person gehören. Sie war zwar von gleicher Farbe und Material, aber sie gehörte mir nicht. Meine Jacke hingegen befand sich am Kleiderhaken mit allen Schlüsseln darin.

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Red Hot Chili Peppers

m vergangen Frühjahr entschloss ich mich, auf meinem halbschattigen Balkon verschiedene Sorten Chili anzubauen. Die Gärtnerei meines Vertrauens war skeptisch, ob dieses Projekt erfolgreich sein würde. Ich ließ mich nicht belehren und kaufte drei Sorten, eine gelbe und zwei rote.
Diese nun pflegte ich, wie es für mich üblich ist. Viel Wasser und ein bisschen gutes Zureden konnten da nicht schaden. Als die Früchte im Herbst Farbe annahmen, pflückte ich eine gelbe Chili, die die Form einer Minipaprika hatte.
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Bullen im Sixpack

Die Verkehrssituation in der Hermannstraße hat sich durch die Baustelle in der Karl-Marx-Straße zwar verdichtet, bietet nun aber eine Quelle größten Amüsements. Es nieselte, was ein sicheres Fahrradfahren für Brillenträger unmöglich macht, weil sie weder mit noch ohne Sehhilfe viel erkennen können.
In der Hermannstraße war ich auf dem Fahrrad unterwegs. Vor mir fuhr ein Pärchen in vernünftigem Tempo, die Ampelfarben missachtend. An einer völlig unkritischen Ampel hielt die Frau bei rot. Der Freund war etwas irritiert und rief: »Fahr doch weiter, es gibt keinen Grund zu halten!« Sie daraufhin: »Siehst du nicht das Sixpack Bullen?« Ich konnte es mir nicht verkneifen: »Die sind nicht für Ampeln zuständig, das sieht man doch.« Der Freund und ich fuhren über die rote Ampel, die Freundin blieb und wartete überflüssigerweise.
Wenige Meter weiter, inzwischen waren wir ein Dreierpack, ging eine Autotür zur Straßenseite mitten im Verkehr auf. Der Fahrer stieg aus und unterhielt sich lautstark, aber freundlich mit einem Bekannten. Der sowieso schon schleppende Autoverkehr kam zum Erliegen. Wir Fahrradfahrer mussten eine Vollbremsung machen, um einen Unfall zu verhindern.
Die Autofahrer hupten, wovon sich der Verursacher des Staus in keiner Weise beeindrucken ließ. Er überhörte auch das Schimpfen und unterhielt sich unbeirrt weiter. Offensichtlich wurde etwas ausgehandelt, mit einem Handschlag waren die Herren mit ihrem Gespräch fertig, der Fahrer stieg in sein Auto und reihte sich wieder in den Verkehr ein.
Bei diesem ganzen Chaos passierte niemandem etwas.
Vor Kurzem sind zwei Fahrradfahrer auf dem Tempelhofer Feld zusammengestoßen und haben sich schwer verletzt. Die Hermannstraße ist doch der sicherere Weg.

Petras Tagebuch

Wie es der Zufall will

Zufällig war ich neulich um 20 Uhr am Heinrichplatz und zufällig waren dort ganz viele Fahrradfahrer, die dann plötzlich losfuhren. Ich fuhr dann mal mit, ich hatte nichts Besseres zu tun.
Schätzungsweise 2.000 Radler bildeten die »Critical Mass«, die sich immer am letzten Freitag im Monat zusammenfindet, um die Stadt zu erobern. Offensichtlich war allen bekannt, dass ein Verbund von mehr als 15 Radlern eine Verkehrseinheit bildet.
Ich war erstaunt, wie gesittet sich die Einheit im Straßenverkehr verhielt. Die Spitze hielt an jeder roten Ampel und fuhr bei Grün, der Rest durfte dann durchfahren, auch wenn die Ampel auf Rot sprang. Für fast alle Teilnehmer war der Ausflug ein entspann­tes Rollern im verkehrsbefreiten Berlin.
Wo es hingehen sollte, wusste keiner, da hatte wieder der Zufall seine Finger im Spiel.
Kommentare jeglicher Art gab es von Unbeteiligten: »Hier hält man bei Rot, Ihr Wichser – anhalten!«, brüllte ein Fußgänger. Die halbstarken BMW-Fahrer konnten ausgiebig den Klang ihrer Hupen testen und ihre Stimmbänder trainieren: »Ich fick Deine Mutter, hast Du Macke, bist Du schwul?« Die Radler fanden das amüsant.
Interessant war das Spektrum an Fahrrädern und Radlern. Ein Fahrradfahrer, der bestimmt jenseits der 70 war, fuhr auf extrem dicken Reifen in flottem Tempo mit. Ich fragte ihn, ob es nicht sehr anstrengend sei, auf solchen Reifen zu fahren. Darauf er: »Kommt immer darauf an, wo man herkommt. Bis vor Kurzem bin ich mit meinem alten Klapprad gefahren und hatte immer eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 km/h, da ist dieses Modell leichter zu fahren.« Ich versank in Ehrfurcht.
Vier Stunden insgesamt radelte diese witzige Truppe durch Berlin. Ich liebe Zufälle.

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Vielen Dank, Maria

Mit dem Glück ist das immer so eine Sache. Es kommt unverhofft, verbleibt und ist plötzlich verschwunden. Wenn es dann aber mal ohne Unterbrechung da ist, gerate ich in Verwunderung.
Es begann bei der Fahrt nach Österreich, als wir in dem Wallfahrtsort Altötting Rast machten und in einem Rondell die Danksagungen an Maria entdeckten. Die Wände und die Decken waren voll mit beschrifteten Bildern, auf denen Maria gedankt wurde – für geheilte Krankheiten, für eine lang erwünschte Ehe, für den erfüllten Kinderwunsch, die Dank­sagungen nahmen kein Ende.
Als wir zum Auto zurückkehrten, setzte gerade im Moment des Türenschließens ein Wolkenbruch das Städtchen unter Wasser. Im Auto waren wir trocken. Das wiederholte sich während des Urlaubs. Als die Österreicher uns dann erzählten, dass das Wetter vorher ganz schlecht war, gelangte ich zu der Überzeugung, dass Maria ihre Finger da im Spiel hatte.
Untermauert wurde die Ansicht dadurch, dass ich weder beim Bergwandern noch bei den Radtouren verunglückt bin.
Als ich dann noch dem Versprechen nachkam, im Bikerpark von Leogang mit einem Fahrrad in halsbrecherischer Art einen Berg herunterzufahren, begann ich auf Maria zu hoffen.
Mit der Seilbahn ging es nach oben. Ausgestattet mit Schutzausrüstung ging es auf Fahrrädern, die für den normalen Stadtgebrauch untauglich wären los. Sie sind stark gefedert, der Sattel ist sehr tief, die Reifen sind ballonartig.
So steil wie es hoch ging, so ging es dann auch runter, nur schneller, nur kurviger, steiniger und viel rutschiger.
Ich habe es überlebt und werde das nie wieder tun, ich habe Maria genug strapaziert.

Petras Tagebuch

Gebügelt und gerädert

Ich gehöre zu den Menschen, man mag mich da für spießig halten, die vom Wäschebügeln absolut überzeugt sind. Es ist nicht nur so, dass Stoffe dadurch schöner aussehen, das Bügeln wirkt auch imprägnierend und ist damit ökologisch vertretbar, weil die Waschmaschine geschont wird.
Gebügelt wird bei mir mit Dampfbügeleisen, das mit destilliertem Wasser befüllt wird. Und das ging gerade aus.
Nach einer Nachtschicht, in der ich zweieinhalb Stunden Halbschlaf hatte, habe ich mich nach einem anstrengenden Arbeitstag auf den Weg gemacht, um eben dieses Wasser zu kaufen. Mit viel Gewicht in den Fahrradtaschen und völlig übermüdet fuhr ich mit dem festen Vorsatz, mich gleich ins Bett zu legen, in Richtung meiner Wohnung. Dann aber musste ich hier und da noch anhalten, um einen Klönschnack zu halten. Ein Konzert, das mich interessiert hätte, sagte ich ab. Es war dann 21:00 Uhr, als ich zu Hause ankam.
Da mich das Durcheinander in der Wohnung aufregte, fing ich an, noch ein wenig aufzuräumen. Und als ich endlich meine Taschen ausräumte, stieß ich auf das destillierte Wasser.
Sofort hatte ich das Bügeleisen in der Hand und probierte das Wasser aus. Ja, es war besser als das vorherige, so meinte ich. Und bügelte und bügelte. Alle meine Tischdecken, Hosen, Blusen und Röcke sahen wieder schick aus. Es war 3:30 Uhr, als ich fertig war. Ich war wach und sollte am Morgen um 7:00 Uhr wieder aufstehen.
Das klappte übrigens nicht. Als um 10:00 Uhr das Telefon klingelte, befand ich mich noch immer im Tiefschlaf

Petras Tagebuch

Kleidersuche bis zur Weißglut

Der Frühling mit seinen ersten Sonnenstrahlen ist für mich immer die Aufforderung, den Garderobenschrank auf jahreszeitliche Tauglichkeit zu überprüfen. Ganz besonders ist mir dann immer nach weiß. Die dunklen Kleider sind nicht mehr zu ertragen, es muss dann hell werden.
Nun gibt es Lieblingskleidungsstücke, die unerlässlich sind für den Frühling. Dazu gehört ein weißer Rock. Ich machte mich auf die Suche und war noch nicht beunruhigt, im ersten Anlauf erfolglos gewesen zu sein.
Am nächsten Tag ging die Suche weiter. Ich suchte zwischen den liegenden Röcken – ohne Erfolg. Ich suchte zwischen den hängenden Röcken, aber auch da war er nicht.
Selbst zwischen der Bügelwäsche war das gute Stück nicht zu finden. Ich berichtete voller Erstaunen im Freundeskreis über das Verschwinden meines Rocks und dessen Nichtauftauchens trotz meines Engagements.
Felix kennt mich ziemlich gut; um genau zu sein, er kennt mich manchmal besser als ich mich selbst. Sein Vorschlag zu diesem Thema kam prompt: »Schau doch mal zwischen deiner weißen Tischwäsche, da fällt der Rock am wenigsten auf.«
Das erschien mir im ersten Moment weit hergeholt, aber einen Versuch war es doch wert.
Der Rock befand sich tatsächlich zwischen der weißen, noch nicht gebügelten Tischwäsche, ganz hinten, eingequetscht zwischen zwei weißen Tischdecken.

Petras Tagebuch

Vorfreude auf das Fahrrad, das zum Lippenstift passt

Der Entschluss stand fest, nachdem mir mein Fahrradschrauber den Kostenvoranschlag für die Reparatur meines Fahrrades machte. Es musste ein neues her. Das alte hatte, wenn auch ein bisschen behäbig, gute Dienste geleistet und stand mir immer treu zur Seite.
Nun sollte es mein Traumfahrrad werden.
Diese Marke jedoch erhielt ich nur in einem Berliner Fahrradladen, den ich wegen des schlechten Services eigentlich nie wieder betreten wollte. In diesem Fall allerdings überwand ich meine Sturheit und machte nach mehr als zehn Jahren einen neuen Versuch.
Bewaffnet mit meinem Lieblingslippenstift traf ich im Laden ein und hatte bereits nach kurzer Zeit das Traumfahrrad entdeckt. Die Rahmenhöhe stimmte, die Wendigkeit war nach meinem Geschmack und die knupperkirschrote Lackierung passte hervorragend zu meinem Lippenstift.
Die Liste der Sonderwünsche war lang. Ein besonders stabiler Gepäckträger für das Austragen der Zeitungen, entsprechend auch ein Ständer, der das Gewicht aushält und eine Hydraulikbremse, die das Einfrieren der Bremsen im Winter vermeidet, um nur die wichtigsten Wünsche zu nennen. Natürlich konnte ich ein solches Rad nicht mitnehmen.
Seither befinde ich mich im Stadium der Vorfreude. Das ist nicht unbedingt leicht für meine Umwelt, muss sie sich  doch immer wieder aufs Neue Fahrradgeschichten von mir anhören. Die Lobpreisungen auf das noch nicht vorhandene Vehikel nehmen kein Ende und beschäftigen mich geradezu wie im Rausch. Ich schmiede Pläne. Am Liebsten würde ich mit dem Fahrrad um die Welt reisen. Es entgeht mir auch nicht, dass meine Freunde beim Wort Fahrrad die Augen verdrehen, aber nachsichtig zuhören. Bald ist das Fahrrad da.

Petras Tagebuch

Berlinale japanisch

Es war ein netter Versuch, die Berlinale zu besuchen. Eigentlich ist es mir eine große Freude, jedes Jahr Filme der besonderen Qualität zu sehen.
Dieses Mal jedoch erlaubte die knappe Zeit keinen dieser von mir so geliebten Vergnügungsbesuche. Aber es gibt ja die Kiez und Kneipe, die immerhin verpflichtet. Also plante ich den Besuch von »Berlinale goes Kiez«.
In Ermangelung einer Akkreditierung musste ich den Weg des normalen Bürgers einschlagen und mich an der Schlange im Kino »Passage« an der Kasse anstellen. So gedacht, nicht um die Problematik der Umsetzung ahnend.
Die Schlange vor dieser Kinokasse war nun wirklich ziemlich lang. Es machte mir gar nichts aus, denn das war für mich nur die Garantie, dass auch ich noch einen dieser begehrten Plätze erheische.
Vor und hinter mir stand eine Gruppe von, ich vermute, Japanern. Da sie fast alle einen Mundschutz trugen, müssen es Japaner gewesen sein, die sich vor Berliner Infektionen schützen wollten. Selbstverständlich beharrte ich nicht auf meinen Platz in der Schlange und war bemüht, Abstand zu der Gruppe zu halten, um sie nicht in Angst und Schrecken vor meinen Bakterien zu versetzen.
Es kam wie es kommen musste. Irgendwie muss ich mich vertan haben, denn immer, wenn ich den Abstand suchte, drängelte mich jemand weg, mit dem Ergebnis, dass ich immer weiter nach hinten geriet.
Nun gut, das ist dann manchmal so, dachte ich mir und übte mich weiterhin in Geduld. Langsam wurde mir vor vielen Menschen schwindelig. Es sollte einfach nicht mehr so lange dauern.
Endlich hatte ich mein Ziel erreicht. In der Hoffnung, dass sich die Warterei gelohnt hat, orderte ich Kinokarten für die beiden Berlinalefilme, die hier gespielt werden sollten. Es ist kein Wunder, dass die Karten ausverkauft waren, es war einfach kein guter Tag. Im nächsten Jahr muss ich das anders machen.

Petras Tagebuch

Das Ende eines wundersamen Abonnements

Zum Ende eines Jahres habe ich immer wieder das Bedürfnis, Dinge abzuschließen. Diesmal hatte ich mir vorgenommen, meine Zeitschriftenabonnements zu überprüfen und zu entscheiden, ob ich sie kündige.
Eine der Zeitschriften beziehe ich seit über zehn Jahren und bezahle nicht dafür. Irgendwie muss ich durch die Debitorenbuchhaltung gerutscht sein. Auch erhielt ich nie eine Zahlungsaufforderung oder Mahnung.
Es war mir aber so lästig, sie immer wieder zu entsorgen, dass ich mich nun entschloss, sie zu kündigen. Außerdem wurde die Zeitschrift im Laufe der Jahre in meinen Augen immer schlechter.
Erleichtert stellte ich fest, dass in diesem Fall sogar eine telefonische Kündigung möglich war. Also rief ich, ein wenig ängstlich, dort an. Die Kündigung wurde von einer Mitarbeiterin registriert, es fand das übliche Verkaufsgespräch statt. »Gefällt Ihnen die Zeitung nicht mehr?«, so die Mitarbeiterin. »Ich finde die Zeitschrift richtig gut, aber ich kann sie mir nicht mehr leisten. Irgendwo musste ich beginnen einzusparen und das sind die Abonnements«, erklärte ich. Dann wurden mir diverse Schnupperangebote zu Superkonditionen angeboten, die ich aber alle ablehnte. Sie passten so gar nicht zu meinem mir auferlegten Sparprogramm.
Freundlich fragte die Mitarbeiterin, ob ich die Zeitschrift noch bis Februar beziehen möchte, denn so lange hätte ich ja bezahlt. Ich schluckte, denn ich hatte ja noch nie dafür bezahlt. »Ich meine, die letzte Abbuchung war im November, dann kommt das bis Februar hin«, fantasierte ich der Frau vor. Sie bestätigte mich.
Das begreife ich nicht. Wie kann es sein, dass Geld für eine Zeitung, die ich seit vielen Jahren beziehe und nie bezahlt habe, trotzdem von einem Konto abgebucht wurde? Meins war es jedenfalls  nicht. So etwas könnte mir aber ruhig häufiger passieren.

Petras Tagebuch

Waldfrevel

Seit vielen Jahren bereits pflege ich die Tradition des Waldfrevels. In der Woche vor dem ersten Advent fahre ich mit der Regionalbahn ins Umland, fahre ein Stück mit dem Fahrrad, um dann Kiefern, Tannen und Fichten aus dem Wald zu holen. Im Rahmen meiner sommerlichen Fahrradtouren suche ich immer die bes­ten Gegenden für den Grünklau aus.
Da ich prinzipiell nie für mich selbst Zweige hole,  sondern nur im Auftrag,  muss selbstverständlich Nachfrage und Angebot aufeinander abgestimmt werden.
In diesem Jahr fuhren wir also in gewohnter Zusammensetzung, nämlich Werner und ich, mit der Bahn nach Oranienburg. Ungefähr zehn Kilometer entfernt fanden wir unseren Adventsschmuck noch in freier Natur. Wir machten uns ans Werk und beluden die Fahrräder mit der Beute. Die Fahrräder waren so vollgepackt, dass die Rücklichter unter den Zweigen verschwanden.
Dann passierte das, worüber wir in den vergangenen Jahren immer scherzten: Der Förster stand vor uns und erkundigte sich nach unserer Fracht. Sie war nicht zu übersehen und es gab auch nichts zu beschönigen. Ja, wir haben in seinem Wald Tannen und Kiefern gestohlen. Er hielt die Hand auf: »30 Euro kostet Sie der Spaß« und belehrte uns über unseren Diebstahl.
Ich überlegte verzweifelt, wie ich den Mann besänftigen könnte und bot ihm einen Tee an. Das wertete er allerdings als Bestechungsversuch und ließ mich ins Leere laufen.
Mein nächster Versuch, mit ihm ein freundliches Gespräch zu führen, bezog sich auf die Jagd. Sie­he da, er wurde vertraulicher. Ich erfuhr, dass er vom Land Brandenburg angestellt sei und tatsächlich in seinem Revier jage. Auf die Frage, was er mit den erlegten Tieren mache, sagte er, er verkaufe sie. »Sie können von mir Rehfleisch kaufen mit Fell und Knochen.« Das wollte ich nicht, ich kann auch Fleisch und Fell nicht trennen.
Das Gespräch wurde immer angenehmer und lockerer. Als wir dann fragten, wie wir denn nun auseinandergehen sollten, gab er uns seine Visitenkarte mit der Bitte, im nächsten Jahr vorher anzurufen. Er fand  inzwischen witzig, dass zwei Berliner ins Grüne fahren, um seinen Wald zu plündern. Bezahlen brauchen wir jedenfalls  ab jetzt nichts mehr.