Archiv der Kategorie: Theater

Ein Schuss mit Nachhall

»Neuköllner Oper« bringt Bildgewaltiges auf die Bühne

Der Schuss, der durch tausend Köpfe ging, fiel am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper und nahm einem frisch gebackenen Ehemann und werdenden Vater das Leben — es war der Student Benno Ohnesorg, der bei den Protesten gegen den persischen Schah von einem Berliner Polizisten erschossen wurde.

Szene aus »Der Schuss«.                                                                                                                          Foto: Matthias Heyde

Es ist die Figur seiner Frau Christa, die 50 Jahre später in einer anderen Berliner Spielstätte, der Neuköllner Oper, die Zuschauer an die Hand nimmt und durch die tosenden Szenen von damals führt. Es ist eine Geschichte von Kapitalismuskritik, politischen Utopien, radikalem Protest und dem inneren Seelenleben einer jungen Frau, die hofft, dass ihr Mann bald nach Hause kommt. Diesen Stoff in einer klassischen Oper zu bearbeiten, wäre so widersprüchlich wie unmöglich gewesen. So ist »Der Schuss« Musiktheater sondergleichen. Die szenischen Wechsel von Gesang, Video und Sprache schaffen gewaltige, schöne und verstörende Bilder, die sich in die Netzhaut einbrennen. Ihre volle Wirkung erlangen sie im Zusammenspiel mit der Musik des Ensembles »Adapter« unter der Leitung von Matthias Engler. Ein Schuss mit Nachhall weiterlesen

Der Diktator nächtigt im »Hotel Rixdorf«

Die Metamorphose eines Versagers

Während am 1. Mai in Kreuzberg der Bär steppt, und sich Tausende von jungen Leuten, aber auch gestandenes älteres Partyvolk durch die Straßenschluchten des ehemaligen SO36 bewegen, ist es im angrenzenden Nordneukölln, abgesehen von Kreuzkölln, eher ruhig. Vielleicht hat da schon der »Diktator von Rixdorf« seine Hände im Spiel.
An diesem denkwürdigen Abend – vor 30 Jahren wurde in Kreuzberg der Supermarkt Bolle geplündert und ging in Flammen auf – lud das »Hotel Rixdorf« am Böhmischen Platz zur Premiere des neuen Stücks »Der Diktator von Rixdorf« ein.

Diktatorschulung.                                                                                                                                              Foto:Ulrike Eickers

Die Premiere war gleichzeitig die Dernière, das heißt, dass das Stück zum letzten Mal gespielt wurde, aber nur im Theater. Dieses Kammerspiel von Artur Albrecht dient als Vorlage für den gleichnamigen Film, der im Herbst in die Kinos kommen wird. Der Diktator nächtigt im »Hotel Rixdorf« weiterlesen

Hello Kitty Harakiri

»Rette uns, Okichi!«

Opern von japanischen Komponisten sucht der Berliner Opernfreund in den Spielplänen der drei großen Berliner Opernhäuser in der Regel vergebens. Die Neuköllner Oper füllt mit ihrer neuesten Produktion diese Lücke.
Mit »Rette uns, Okichi!«, das am 18. Februar Premiere hatte, präsentiert sie die europäische Erstaufführung der japanischen Oper »Kurofune« (Schwarze Schiffe), frei nach der Komposition von Kosaku Yamada, dem ersten japanischen Opernkomponisten.

Showdown mit Shogun.                                                                                                                                                             Foto: pr

In der Bearbeitung des Originalwerks nahm sich Regisseur Tomo Sugao die Freiheit, das groß angelegte Opernwerk mit nur drei Gesangskünstlern, dem stimmgewaltigen Bassbariton Tobias Hagge, dem nicht minder gesanglich imposanten Tenor Edwin Cotton und der zierlichen, aber stimmlich ebenfalls beeindruckenden Mezzosopranistin Yuri Mizobuchi im intimen Rahmen der Studiobühne zu inszenieren. Auf das große Orchester musste in dem kleinen Saal verzichtet werden, und so bestand die Instrumentierung lediglich aus Klavier, Saxofon, Schlagwerk und der japanischen Mundorgel Shō. Hello Kitty Harakiri weiterlesen

Wir müssen – aber wie?

»Gebrannte Kinder« im Heimathafen stellen Fragen einer Generation

Zehn junge Menschen sind in einem geschlossenen Raum isoliert und wollen etwas in Gang bringen, das die Welt »da draußen« verändert. Zehn junge Menschen agieren gegen Kapitalismus und Fremdenhass, gegen Grenzen und grenzenlose Finanzsysteme.

Wenn die Fetzen fliegen.                                                                                                                                                          Foto: pr

Was die Zuschauer beim Stück »Gebrannte Kinder« im Februar im Heimathafen zu sehen bekamen, waren die Anfänge einer Organisation von jungen Leuten, die alle das mehr oder weniger bestimmte Gefühl haben, dass etwas gewaltig schief läuft, dass es brennt in der Welt. Ohne Hierarchie und Anführer, ähnlich wie bei »Nuit Debout« in Paris, versuchen sie bei ihren teilweise sehr unterschiedlichen Vorstellungen von dem, was getan werden muss, einen Konsens zu finden. Dabei kommt es zu Streit genauso wie zu ausgelassenem Spaß, Gruppen bilden sich in der Gruppe, Grenzen werden überschritten und gezogen, Strukturen und Regeln aufgestellt und wieder verworfen. Wir müssen – aber wie? weiterlesen

Vom Wedding in die Fußballstadien der Welt

»PENG! PENG! BOATENG!« in der Probebühne des Heimathafens

Die Eigenproduktionen des Heimathafens stehen ganz in der Tradition des Volkstheaters, das gerade in Neukölln eine lange Geschichte hat. Mit ihrem »Neu-Berliner Volkstheater« will die künstlerische Leitung lebensnahe Unterhaltung für die Kiezbewohner auf die Bühne bringen. Die Regisseurin Nicole Oder hat sich in den letzten Jahren in ihrer »Neuköllner Trilogie« besonders mit den Themen Familie, Herkunft und Selbstbestimmung beschäftigt und sich damit auch über die Grenzen Neuköllns hinaus einen Namen gemacht.

Ausbruch aus dem Käfig.                                                                                                                                Foto: Verena Eidel

Auch das aktuelle Stück »PENG! PENG! BOATENG!« kreist um diese Themen. Entstanden nach Motiven aus dem Buch »Die Brüder Boateng. Drei deutsche Leben zwischen Wedding und Weltfußball« des Journalisten Michael Horeni, geht Oder der Frage nach, »wie man wird, was man ist«. Vom Wedding in die Fußballstadien der Welt weiterlesen

Der mit seinem Biest tanzt

Musical »Affe« in der Neuköllner Oper

Die Uraufführung des Stücks »Affe« vermittelte einen ganz neuen Blick auf das Erfolgs­album »Stadtaffe« von Peter Fox. Die in der Musik- und Party-Szene als Kult gehandelten Songs dienten Regisseur Fabian Gerhardt und Autor John von Düffel als Handlungsgerüst für ihren tieferen Blick auf die Zerrissenheit eines typischen Vertreters der in Berlin so weit verbreiteten Feiergesellschaft.

affe
F. wird angebaggert.                                                                                                                                                                    Foto: pr

Indem er geschickt die einzelnen Songs mit Düffels Texten verknüpft, schickt Fabian Gerhardt seine Hauptfigur, die einfach nur F. heißt, auf einen Horror-Selbsterfahrungs-Trip durch seine Vergangenheit.
F. wacht eines Tages in einem Krankenhausbett auf. Er hat keine Ahnung, wie er dahin gekommen und was in der Nacht vorher passiert ist, ja, er weiß nicht einmal mehr, wer er überhaupt ist. Der mit seinem Biest tanzt weiterlesen

Die Schönheit des Schrecklichen

Die »Neuköllner Oper« zeigt Puccinis Tosca als Stück von politischer Aktualität

Ob nun die Wirklichkeit ins Theater oder das Theater in die Wirklichkeit gebracht werden sollte, Regisseur Michael Höppner hat sich bei seiner Tosca-Inszenierung einiges vorgenommen. Er verwebt Puccinis Werk mit den gewaltsamen Polizeieinsätzen um den G8-Gipfel 2001 in Genua zu einer politischen Oper, die vom Kampf zwischen willkürlicher Staatsgewalt und dem Widerstand einfacher Leute erzählt.

edaarnadottirtasca2
Willkür der Staatsgewalt: Die Realität von Genua inszeniert als Oper.                                               Foto: pr

Den Spagat schafft er, indem er die Generalprobe des Stücks zeigt und so die Figur der jungen, übermotivierten Regisseurin alle wichtigen Details und Grausamkeiten um den G8-Gipfel plakativ und empört vortragen kann. Dazwischen dann Ausschnitte aus der Oper, dramatische Folterszenen, die im Gegensatz zu den faktenreichen und verkopften Monologen der Regisseurin melodramatisch wirken und beim politisch interessierten Publikum mehr emotionale Rührung hervorrufen, als dieses sich eingestehen möchte. Die Schönheit des Schrecklichen weiterlesen

Caesar und Cleopatra in Hollywood, Shakespeare läßt grüßen

Neue Theaterproduktion im »Hotel Rixdorf«

Auch lange vor Angelina Jolie und Brad Pitt gab es berühmte Schauspielerpaare, deren Liebesleben die Boulevardpresse auf der ganzen Welt beschäftigte. Legendär waren Elizabeth Taylor und Richard Burton. Sie lernten sich bei den Dreharbeiten zu „Cleopatra“ kennen und führten eine heiße Liebesbeziehung, die vom Vatikan und konservativen amerikanischen Politikern heftig kritisiert wurde, da beide noch verheiratet waren. Burton und Taylor waren großartige Schauspieler, die in ihrem späteren Leben aber große Probleme mit dem Alkohohl hatten.

artur-albrecht-regina-neuwald-foto-ulrike-eickers
Cäsar und Cleopatra.                                                                                                                                      Foto: Ulrike Eickers

Deren Leben, aber auch Shakespeare und Beckett dienten dem Regisseur, Schauspieler und Leiter des Theaters »Hotel Rixdorf«, Artur Albrecht, als Inspiration für sein neues Theaterstück »Caesar & Cleopatra«, das am 29. Oktober Premiere hatte. Caesar und Cleopatra in Hollywood, Shakespeare läßt grüßen weiterlesen

Beziehungskiste

Reigen im Großstadtdschungel

Die vielfältigen Facetten von Beziehungen und die Konflikte, die daraus entstehen, sind das Thema des Theaterstücks »Beziehungskiste«, das am 23. September im Studio des Heimathafens Premiere hatte.
Da ist Daniela, die Therapeutin, die ihrer eigenen Ehehölle mit einem zu Gewaltausbrüchen neigenden Mann durch das Schlucken von Glückspillen zu entkommen versucht. Ihr Dealer Moritz, ein typischer Neuköllner Proll, hadert mit seiner Sexualität, ist schwul und homophob zugleich. Und Andrea, ihre Patientin, muss mit dem Verlust ihrer Mutter, die an Krebs stirbt, klarkommen und mit dem Hass auf ihren Erzeuger, der sie im Stich ließ.

beziehungskiste_presse_9014
Verstrickte Liebesdramen.                                                                                                                                                     Foto: pr

Jeder hat hier ein Geheimnis, und am Ende hängt Alles mit Allem zusammen, ein moderner »Reigen«. Beziehungskiste weiterlesen

Italien, Japan, Neukölln

»Iris Butterfly« in der »Neuköllner Oper

Die Oper »Iris« von Pietro Mascagni stellt das Schicksal der Tochter eines blinden Vaters dar, die in Japan entführt wird, um dann im Bordell zu arbeiten. Das Mädchen entschließt sich zum Selbstmord, die Gesellschaft tritt noch mal nach, das Mädchen sei doch selbst schuld. Die Neuköllner Oper greift dieses Thema auf. Auf dem Spielplan steht nun »Iris Butterfly«.
Mit einem koreanisch/japanischen Team wurde die Geschichte musikalisch neu erzählt.
Heraussragend sind die bunten, sehr schönen Kostüme, die angelehnt sind an Mangas. In gewohnter Weise war die musikalische Interpretation perfekt.
Das Publikum war verzaubert von dem Ausflug in ein Japan wie es heute sein könnte.

oj

Wie die Tussis laufen

Jugendliche entwickeln ein Schauspiel

Auf der Bühne steht eine Gruppe Jugendlicher, vom Bühnenrand schallen aus einer anderen Gruppe Anweisungen herüber, denen die Schauspieler folgen müssen. »Lauft wie Tussis« ist so eine Ansage. Sie bewegen sich entsprechend, lesen Texte vor, sprechen ihre Gedanken ins Mikrofon.

01_act_home_01_pageImg
Probe zu »How long is paradise?«.                                                                                                                                     Foto: pr

»Früher hab ich geglaubt, dass die Welt vor 1980 schwarzweiß war wegen der Videos«, sagt ein Junge. Ein anderer: »Ich bin Kolumbianer, aber ich konsumiere kein Kokain.« In dem Theaterstück »How long is paradise?«, das Maike Plath vom Verein »ACT e.V. – Führe Regie über dein Leben!« mit Jugendlichen im Heimathafen Neukölln probt, geht es um Glauben und um Vorurteile. Was glauben wir? Was wissen wir? Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es das Gute und das Böse? Und wozu brauchen wir die Religion? Wie die Tussis laufen weiterlesen

»Central Rixdorf« wird zum »Hotel Rixdorf«

Unterhaltsames Theater sehr frei nach »Pension Schöller«

Die gefräßigen Miethaie haben ihr Revier nun auf den beschaulichen Böhmischen Platz und dessen Umgebung ausgedehnt. Artur Albrecht, der jahrelang das »Central Rixdorf« mit Puppentheater, Kochshows und Konzerten betrieb, hatte nur die Wahl zwischen aufgeben oder tatkräftigen Aktionen mit Blick auf die Zukunft. Er entschied sich für letzteres.
Aus dem »Central Rixdorf« wurde »Hotel Rixdorf«. Wer dort aber luxuriös übernachten will, ist auf dem falschen Dampfer. Beim »Hotel Rixdorf« handelt es sich um ein unterhaltsames Theaterstück, sehr frei nach dem Lustspiel »Pension Schöller«.

Hotel Rixdorf
Philipp Klapproth(Steinle) in der Irrenanstalt.                                                                                                         Foto: pr

Da mußte sich Artur Albrecht schon etwas Besonderes einfallen lassen und das ist ihm gelungen. Mit Hilfe einer in der Künstlergarderobe plazierten Kamera können die Zuschauer sowohl das Geschehen auf als auch hinter der Bühne verfolgen. Was in der Künstlergarderobe passiert, sehen sie auf einem Bildschirm im Theaterraum. »Central Rixdorf« wird zum »Hotel Rixdorf« weiterlesen

Utopistische Parabel in der Reichstagskuppel

Der »Heimathafen Neukölln« überrascht mit einer ungewöhnlichen Produktion

Wer hat nicht schon mal Lust gehabt, unfähigen Politikern einen Denkzettel zu verpassen? Nicht zur Wahl zu gehen oder besser noch, einen leeren Stimmzettel abzugeben. Letzteres ist effektiver.
Diese Idee hat der portugiesische Nobelpreisträger für Literatur, José Saramago, in seinem 2004 erschienenen Roman »Die Stadt der Sehenden« aufgegriffen. Auf der Grundlage dieses Romans inszenierte der »Heimathafen Neukölln« eine ungewöhnliche Produktion, einen utopistischen Audiowalk in der Kuppel des Reichstags.

Reichstag Kuppel
Wahlverweigerung in der Kuppel.Foto: pschl

Mit einer Art Audioguide ausgerüstet begibt sich das Publikum zur Kuppel des Reichstags und taucht in diesem Hörspiel in eine ganz andere Welt ein. Utopistische Parabel in der Reichstagskuppel weiterlesen

1.500 Polizisten gegen 19 Punks

Wien
Pizza Wiener Art – mit Tränengas.                                                                                                      Foto: Syndikalismus

Wiener Häuserkampf an der »Neuköllner Oper«

Während in den Achtzigern in West-Berlin der Häuserkampf tobte, war es in Wien ziemlich ruhig. Vereinzelte Hausbesetzungen wurden sofort vereitelt. Niemand rechnete damit, dass im Jahr 2014 die beschauliche österreichische Hauptstadt Schauplatz eines Einsatzes von über 1.500 Polizisten gegen 19 Punks werden konnte.
Die absurde Geschichte könnte aus einem »Kottan«-Krimi stammen.
Ein Immobilienspekulant ging zu einem Treffen von Wiener Punks. Er bot ihnen an, dass sie in einem Wohnhaus im Wiener Bezirk Leopold- stadt für einen Euro pro Jahr wohnen könnten und alle Freiheiten hätten. Die Freude der Punks war groß, sie nahmen das Angebot an.
Natürlich verfolgte der Immobilienmakler eine Absicht. Die Punks sollten Chaos anrichten und das Haus verkommen lassen, um die Alt- mieter rauszuekeln. 1.500 Polizisten gegen 19 Punks weiterlesen

Paradiesvögel der Großstadtnacht

Bezaubernde »Damen« in der Tavestie-Show des TiK

In dem absolut kleinsten Theaterraum, den man sich nur vorstellen kann, wird dem Publikum des »Theaters im Keller« jede Woche der Kopf verdreht. Vor allem den Zuschauern der ersten Reihe, die definitiv keine Berührungsängste mit den Grazien auf der Bühne haben dürfen.

Theater im Keller Berlin travestieshow.info Travestie Schulmädchen
Schulmädchen im Kellertheater.                                                                                                                                        Foto: pr

Eine farbenprächtige Show, fliegende Kostümwechsel, eine Mischung aus kreativ performten Playbacks und beeindruckenden Live-Songs, moderiert und geleitet von Popo Chanel, einer in die Jahre gekommenen Diva die auf ihre alten Tage noch von Charlottenburg nach Neukölln gezogen ist. Paradiesvögel der Großstadtnacht weiterlesen

Théâtre au fil des Nuages

Mit dem Fahrrad von Neukölln nach Paris

Vor 15 Jahren lernten sich die beiden Schauspieler Christina Gumz und Clément Labail in einer Schauspielklasse in Paris kennen. Bereits damals hatten die beiden die Idee, mit einem eigenen Ensemble selbst Stücke zu entwickeln und auf die Bühne zu bringen. Sie gründeten die Theatergruppe mit dem poetischen Namen »Théâtre au fil des Nuages«, was auf Deutsch so viel bedeutet wie »Theatergruppe Den Wolken entlang«. Théâtre au fil des Nuages weiterlesen

Der Mensch hinter der Akte

»Ultima Ratio« zeigt verschiedene Blickwinkel einer Flucht

Die Live Graphic Novel »Ultima Ratio«, aufgeführt im Heimathafen Neukölln erzählt die Geschichte von Alyah und Rooble, einem Paar auf der Flucht von Somalia nach Berlin. Dank des zeitweiligen Schutzes im Kirchenasyl der Neuköllner Kirchengemeinde St. Christophorus konnten sie einer Abschiebnug bis zum heutigen Tag entgehen.

Ultima_Ratio
Stationen einer Flucht.                                                                                                                                                               Foto: pr

Der Mensch hinter der Akte weiterlesen

Der Wolf und das Rotkäppchen

Märchenhaftes Musical in der »Neuköllner Oper«

Wo gehören wir hin? Wer sind wir wirklich? Wie sehr ist unser Denken von Vorurteilen geprägt? Schwere Fragen, mit denen sich das Musical »GRIMM« auf leichte Art beschäftigt.

Grimm1
Wer ist hier böse?                                                                                                                                                                        Foto: mr

Das Premierenpublikum war am 20. März zu Recht begeistert, wusste das glänzend aufgelegte und tänzerisch, gesanglich wie schauspielerisch durchweg großartige Ensemble in der »Neuköllner Oper« doch bis zur letzten Minute mitzureißen. »Die wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf« lautet der Untertitel des Stücks von Autor und Regisseur Peter Lund, doch die Versatzstücke diverser Grimmscher Märchen bilden nur die Grundlage für ein geistreiches, rasant choreographiertes und extrem witziges Spiel um den ewigen Kampf zwischen Gut und (angeblich) Böse. Der Wolf und das Rotkäppchen weiterlesen

Spotlight fördert Talente

Morris Perry verbindet Kunst und Kulturen

der schöne Morris_1
Kreativer Kopfputz.                            Foto: pr

Es ist schon ein einzigartiges Projekt, das Morris Perry mit dem »Fujiama Nightclub« ins Leben rief. Viermal im Jahr präsentiert er junge Talente, die er in Neukölln gefunden hat, in seiner umwerfenden Show im Heimathafen.
Das Konzept ging auf. Im vergangenen Jahr gründete Perry den »Spotlight Talent e.V.«, um noch besser arbeiten zu können. Der Verein soll Kulturen über Kunst verbinden und jungen Menschen eine Perspektive bei der Berufswahl und bei Lebensentscheidungen bieten.
Spotlight fördert Talente weiterlesen

Gezi-Park hautnah

Fulminante Premiere in der »Neuköllner Oper«

Mit einem politisch brisanten Stück gelang der »Neuköllner Oper« eine beeindruckende Inszenierung.
Die Besetzung des Gezi-Parks in Istanbul im Juni 2013, bei dem die Aktivisten verhindern wollten, dass in dem Park ein Einkaufszentrum gebaut wird, entwickelte sich zu einer Manifestation von gigantischem Ausmaß. Zehntausende Menschen jeder Herkunft und aller Generationen feierten auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park friedlich ein Fest, wie es die Türkei noch nie gesehen hatte. Wenige Tage später wurde diese überwältigende Demonstration von der Polizei mit Gasgranaten und Wasserwerfern brutal zerstört.
Die Inszenierung, die diese Ereignisse mit den Mitteln des Musiktheaters umsetzte, riss die Zuschauer bei der Premiere am 21. Augustnicht nur emotional, sondern auch physisch mit. Die Rauchschwaden, die um die Bühne waberten, ließen sie in die Atmosphäre nach dem Tränengaseinsatz der Polizei im Gezi-Park eintauchen. Verstärkt wurde diese beklemmende Stimmung durch kurze schockierende Live-Sequenzen auf der Breitbildleinwand.

nk-operFreie Medien am Taksim-Platz.                    Foto: mr

Die junge Regisseurin Nicole Oder ging ein großes Wagnis ein, in dem sie fast vollständig auf türkische Folklore verzichtete, gleichzeitig aber die türkische Sprache zu großen Teilen beibehielt und die Protagonisten als moderne, weltoffene Jugendliche zeigte, die einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen den Staat führen.
Hauptdarstellerin Pinar Erincin, die selbst in der Gezi-Park-Bewegung aktiv war, beeindruckt in ihrer Rolle als Leyla, einer Aktivistin der Protestbewegung, sowohl mit ihrem gesanglichen als auch schauspielerischen Talent. Teils fragil, dann wieder als harte Kämpferin, nimmt sie das Publikum mit auf eine bange Reise zwischen Hoffnung auf eine neue Generation in der Türkei und Frust wegen des brutalen Vorgehens der Polizei.
Murat Dikenci gibt sich als Präsentator eines unabhängigen Piratensenders als Biene, die den Frieden will, tanzt wie ein Derwisch, zeigt aber auch exemplarisch die Rolle der unabhängigen Medien in diesem Konflikt.
Etwas farblos geriet die Rolle des deutschen Protagonisten Ben, der mittels neuer Technik in seinen sogenannten Soundscapes die Stimmen aus aller Welt einfängt. Er verliebt sich in Leyla, doch als die Tränengasangriffe der Polizei kommen, will er fliehen. Leyla, die starke Frau, trotzt dem Angriff und flieht dann, als alles aussichtslos scheint, in die Berge.
Ein Stück, das vieles offen lässt, aber vor allem durch eine geschickte Kombination von Schauspielkunst, stimmungsvoller Musik, gekonnten Videoeinspielungen und klug gestaltetem Bühnenbild emotional aufwühlt.

psch

Frauenversteher in Britz

Sommeroper mit »Don Giovanni«

Wenn ein Wurm gro­ßen Hunger verspürt und nichts weiter zu essen da ist als eine Partitur, dann ist wieder Sommeroper-Zeit in Britz. Die Ouvertüre von »Don Giovanni« hat der Wurm gefressen, also fängt der Maestro mit dem zweiten Stück an.
»Don Giovanni«, ein Weiberheld der Extraklasse, der sich hinter einer verspiegelten Sonnenbrille versteckt und in brenzligen Situationen gerne mal seinen Diener Pasquariello vorschickt, lässt nichts anbrennen.
Dummerweise macht der selbsternannte Frauenversteher nicht davor Halt, jeder Angebeteten einen Heiratsantrag zu machen. Während Pasquariello mal wieder alles ausbügeln muss, vergnügt sich Don Giovanni schon mit der nächsten. Donna Elvira, seiner Verlobten, gefällt das eher weniger. Von Pasquariello bekommt sie eine genaue Liste der Damen, die ihr Mann schon beglückt hat. Da Papier anscheinend schon damals teuer war, sind die Namen auf des Dieners Körpers geschrieben, und Donna Elvira bekommt einen Gratisstrip der individuellen Sorte.
Der Rest ist schnell erzählt: Der hochmütige Gigolo schleicht sich mit Pasquariello auf den Friedhof und lädt die Statue des Komturs ein, den er zuvor hinterhältig getötet hat, in seinem Haus mit ihm zu dinieren. Entgegen seinen Erwartungen stimmt die Steinskulptur zu und taucht tatsächlich auf. Don Giovanni gibt sich gelassen, auch als ihn die Statue im Gegenzug zum Essen einlädt. Doch plötzlich bleibt ihm das Lachen buchstäblich im Hals stecken.
Die Sommeroper war wieder ein Gaumenschmauß mit hervorragenden Sängern und Musikern. Das Bühnenbild war einfach gehalten und erfüllte genau seinen Zweck: die Sänger standen im Vordergrund und der Zuschauer konnte sich voll und ganz auf das Geschehen konzentrieren, ohne von Kleinigkeiten abgelenkt zu werden.

cr

Sultaninen

Improvisationen zur Gentrifizierung

Mit ihrem neuesten Stück zeigten die »Sultaninen«, das »Theater der Erfahrung«, ihre Improvisationen zur Gentrifizierung. Sie bedienten sich der Technik des Mitmachtheaters. Am 21. November zeigten sie ihre Schauspielkunst im Nachbarschaftsheim »Mittendrin«.

In dem Stück wird in wenigen Szenen der Verkauf von Wohneigentum dargestellt. Der Zuschauer erfährt dabei die grausame Wirklichkeit von Techniken der Entmietung. Dann wurde die Mitarbeit der Zuschauer gefordert. Die Schauspieler fragten das Publikum nach Ideen zur Lösung des Problems bei Entmietungen.

Daran nun fehlte es ganz und gar nicht. Von der Organisation im Mieterverein bis hin zum aktiven Widerstand gegen Hauseigentümer war so ziemlich alles dabei, wie sich Mieter gegen die Verdrängung wehren können. Die Ideengeber wurden in die improvisierten Szenen eingebunden, sie fanden sich auf der Bühne wieder und konnten dort eigene Erfahrungen und Lösungsvorschläge spielerisch mit einbringen.

Diese Form des »demokratischen Theaters« hat seine Wurzeln in den USA. Hierbei bedienen sich die Bürger ihrer demokratischen Grundrechte. Sie haben bei dieser Form von Theater die Möglichkeit, ihre Sichtweise der Dinge, integriert in improvisiertes Theater, darzustellen.            oj

Die Wucht in Tüten

Christoph Schmidtke, »der zerfallene Engel« erschien in der Aky-Lounge

»Ich selbst als Subjekt bin nicht existent«. Der »zerfallene Engel« sitzt am Schreibtisch und schreibt diesen ersten Grundsatz des Zen vor sich hin und zwar in jede einzelne Spalte seiner Steuererklärung.

Das Publikum kann sich leicht vorstellen, wie das Finanzamt reagiert, es biegt sich vor Lachen. Christoph Schmidtke begeisterte am 10. November in der »Aky-Lounge« mit seinem neuen Soloprogramm. Ausgestattet mit Engelsflügeln führte er die Zuschauer durch eine Welt skurriler Gedankengänge: Er beneidet die Lesbenberatung, in der auch nachts noch das Li cht brennt. Die Lesbe wird beraten, er nicht. Trotz allem gibt es Hoffnung für ihn, denn wenn die Lesbe Trost findet, so gibt es bestimmt auch bald einen Platz der Zuversicht für ihn.

Der Engel und sein Pianist.Foto: mr
Der Engel und sein Pianist.                                Foto: mr

Vor Einsetzten der großen Traurigkeit gibt es das Rezept für ein schönes Leben. Es gibt so viele Busse in der Stadt, einfach einsteigen und in das schöne Leben fahren.

Der zerfallene Engel hat jedoch ein großes Problem. Während alle anderen unter Burn-Out, Depressionen und Lebenskrisen leiden, geht es ihm gut, einfach nur gut. Er ist ein »echt toller Typ, der versucht, so zu werden wie du«. Das macht ihn zum Außenseiter. Er ist aber ein soziales Wesen und sucht Anschluss  an alle Menschen, die nicht glücklich sind.

Intelligente Gedankengänge, das Leben auf die Schippe genommen, bleibt kein Auge in der »Aky-Lounge« trocken.
Die musikalische Begleitung von Paul Schwingenschlögl auf dem Keybord und Flügelhorn, manchmal sogar beide Instrumente zusammen, sorgen für ein rundes Arrangement.

Viel zu früh endet das Programm in der »Aky-Lounge«, die wie geschaffen ist für den »zerfallenen Engel«. Aky, Betreiber der Lounge   freut sich auf weitere Vorstellungen  des Engels.    oj

Wilhelm Busch in der Kneipe

Die »Obmollocs« im »Ma Thilda«

Wer den Namen Wilhelm Busch hört, denkt unweigerlich an Max und Moritz, Witwe Bolte oder Lehrer Lämpel. Aber dass der Dichter nicht nur in schnurrigen Reimen über die bösen Streiche der Lausbuben erzählt, beweisen die »Obmollocs« in ihrer lyrisch-musikalischen Szenenlesung.

Ein Paar, Manix und Yana, streitet und debattiert miteinander. Dabei verwenden sie ausschließlich Gedichte von Wilhelm Busch. So geht es etwa um die Vorzüge von Einsamkeit oder Zweisamkeit: »Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut.« Andererseits ist auch das Wirken der fleißigen Hausfrau nicht zu verachten: »Es wird mit Recht ein guter Braten gerechnet zu den guten Taten.« So geht es munter weiter, durch die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen, dass dem Zuhörer manches Mal das Lachen im Halse stecken bleibt.

Für die Premiere ihrer Lesung haben sich die »Obmollocs« das »Ma Thilda« ausgesucht, eine hübsch gemütliche Raucherbar und Kleinkunstbühne in der Wildenbruchstraße 68.

Manix und Yana.Foto: mr
Manix und Yana.                                                  Foto: mr

Volker Schöneweiß hat das Lokal im April übernommen und erst einmal die Inneneinrichtung, die zum Teil noch aus den Zwanziger-Jahren des letzten Jahrhunderts stammt, aufwendig und liebevoll restauriert. Den Fußboden hat er von mehreren Schichten Farben und Linoleum befreit und die schönen alten Dielen freigelegt. Die Bar mit ihren Ornamenten erstrahlt in neuem Glanz. Sogar an so hilfreiche Kleinigkeiten wie Haken an der Theke, an die die Damen ihre Handtaschen hängen können, hat er gedacht.

Die Getränkekarte ist übersichtlich  und von guter Qualität. Die besonderen Spezialitäten sind Absinth und Pisco, ein Weinbrand aus Chile. Der schmeckt pur, aber auch als Longdrink mit Rhabarbersaft sehr gut.

Der Auftritt der »Obmolllocs« wird nicht der letzte gewesen sein. Zukünftig sind regelmäßige Singer/SongwriterKonzerte geplant, dazu Kabarett, Slampoetry, Lesungen, Theater und Liveimprovisationen.      mr
Ma Thilda, Wildenbruchstraße 68, Dienstag bis Sonntag ab 19:00 Uhr geöffnet.